20.1 Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel – oder: Die Woche des Hasen mit deutschem Start

So, jetzt aber! Wie versprochen gibt es nun diese Woche den nur aufgeschobenen Hasen in einer Märchenweltreise. Denn wo es ja praktisch überall Hasen gibt, kommt der auch in den Märchen fast aller Völker vor. Aber ist es immer der gleiche Meister Lampe? Schauen wir mal.

Los geht es in heimatlichen Gefilden mit einem Märchenklassiker. Bevor ihr wie immer selbst lest – lasst euch nicht verwirren: Bei allem Hochdeutsch hat Herr Bechstein den Igel im Text selbst als Swinegel gelassen. Warum auch immer.

Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel

Diese Geschichte ist ganz lügenhaft zu erzählen, Jungens, aber wahr ist sie doch, denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte immer, wenn er sie erzählte, dabei zu sagen: „Wahr muss es doch sein, meine Söhne, denn sonst könnte man sie ja nicht erzählen.“ Die Geschichte aber hat sich so zugetragen:

Es war einmal an einem Sonntagsmorgen in der Herbstzeit, just als der Buchweizen blühte. Die Sonne war goldig am Himmel aufgegangen, der Morgenwind ging frisch über die Stoppeln, die Lerchen sangen in der Luft, die Bienen summten in dem Buchweizen und die Leute gingen in ihren Sonntagskleidern nach der Kirche, kurz, alle Kreatur war vergnügt und der Swinegel auch.

Der Swinegel aber stand vor seiner Tür, hatte die Arme übereinander geschlagen, kuckte dabei in den Morgenwind hinaus, trällerte ein Liedchen vor sich hin, so gut und so schlecht als es nun eben am lieben Sonntagmorgen ein Swinegel zu singen vermag. Indem er nun noch so halbleise vor sich hinsang, fiel ihm auf einmal ein, er könne wohl, während seine Frau die Kinder wüsche und anzöge, ein bisschen im Felde spazieren und dabei sich umsehen, wie seine Steckrüben stünden. Die Steckrüben waren das nächste bei seinem Hause und er pflegte mit seiner Familie davon zu essen und deshalb sah er sie denn auch als die seinigen an. Der Swinegel machte die Haustüre hinter sich zu und schlug den Weg nach dem Felde ein.

Er war noch nicht sehr weit vom Hause und wollte just um den Schlehenbusch, der da vor dem Felde liegt, hinauf schlendern, als ihm der Hase begegnete, der in ähnlichen Geschäften ausgegangen war, nämlich um seinen Kohl zu besehen. Als der Swinegel des Hasen ansichtig wurde, bot er ihm einen freundlichen guten Morgen. Der Hase aber, der nach seiner Weise ein gar vornehmer Herr war und grausam hochfahrig dazu, antwortete nichts auf des Swinegels Gruß, sondern sagte zu ihm, wobei er eine gewaltig höhnische Miene annahm: „Wie kommt es denn, dass du schon bei so frühem Morgen im Felde rumläufst?“ „Ich gehe spazieren,“ sagte der Swinegel. „Spazieren?“ lachte der Hase, „mir däucht, du könntest deine Beine auch wohl zu besseren Dingen gebrauchen.“ Diese Antwort verdross den Swinegel über alle Maßen, denn alles kann er vertragen, aber auf seine Beine lässt er nichts kommen, eben weil sie von Natur schief sind, „Du bildest dir wohl ein,“ sagte nun der Swinegel, „dass du mit deinen Beinen mehr ausrichten kannst?“ „Das denk’ ich,“ sagte der Hase. „Nun es käme auf einen Versuch an,“ meinte der Swinegel, „ich pariere, wenn wir wettlaufen, ich laufe dir vorbei.“ „Das ist zum Lachen, du mit deinen schiefen Beinen!“ sagte der Hase, „aber meinetwegen mag es sein, wenn du so übergroße Lust hast. Was gilt die Wette?“ „Einen goldnen Lujedor* und eine Buttelje Schnapps,“ sagte der Swinegel. „Angenommen,“ sprach der Hase, „schlag ein und dann kann’s gleich losgehen.“ „Nein, so große Eile hat es nicht,“ meinte der Swinegel, „ich bin noch ganz nüchtern; erst will ich zu Haust gehn und einen Bissen frühstücken. In einer halben Stunde bin ich auf dem Platze.“ Darauf ging der Swinegel, denn der Hase war es zufrieden.

Unterwegs dachte der Swinegel bei sich: „Der Hase verlässt sich auf seine langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er dünkt sich zwar ein vornehmer Herr zu sein, ist aber doch ein dummer Kerl und bezahlen muss er doch. Als nun der Swinegel zu Hause ankam, sagte er zu seiner Frau: „Frau, zieh dich eilig an, du musst mit ins Feld hinaus.“ „Was gibt es denn?“ fragte die Frau. „Ich habe mit dem Hasen um einen goldenen Lujedor und eine Buttelje Schnapps gewettet, ich will mit ihm um die Wette laufen und da sollst du dabei sein.“ „O mein Gott, mein Mann!“ schrie dem Swinegel seine Frau, „bist du nicht klug, hast du den Verstand verloren? Wie kannst du mit dem Hasen um die Wette laufen wollen?“ „Halt das Maul, Weib,“ sagte der Swinegel, „das ist meine Sache, Raisonniere nicht in Männergeschäfte. Marsch, zieh dich an und dann komm mit.“ Was sollte dem Swinegel seine Frau machen? Sie musste wohl folgen, sie mochte wollen oder nicht.

Als sie nun miteinander unterwegs waren, sprach der Swinegel zu seiner Frau also: „Nun pass auf, was ich dir sagen werde. Sieh, auf dem langen Acker, dort wollen wir unsern Wettlauf machen. Der Hase läuft nämlich in der einen Furche und ich in der andern, und von oben fangen wir an zu laufen. Nun hast du weiter nichts zu tun, als du stellst dich hier unten in die Furche und wenn der Hase auf der andern Seite ankommt, so rufst du ihm entgegen: ‚Ich bin schon da.‘“ Damit waren sie beim Acker angelangt, der Swinegel wies seiner Frau ihren Platz an und ging nun den Acker hinauf. Als er oben ankam war der Hase schon da. „Kann es losgehen?“ fragte der Hase.“ „Ja wohl,“ erwiderte der Swinegel. „ Dann man zu!“ Und damit stellte sich jeder in seine Furche. Der Hase zählte: „Eins, zwei, drei!“ Und los ging er wie ein Sturmwind den Acker hinunter. Der Swinegel aber lief nur ungefähr drei Schritte, dann duckte er sich in die Furche nieder und blieb ruhig sitzen.

Als nun der Hase im vollem Laufen unten ankam, rief ihm dem Swinegel seine Frau entgegen: „Ich bin schon da!“ Der Hase stutzte und verwunderte sich nicht wenig, Er meinte nicht anders, es wäre der Swinegel selbst, der ihm das zurufe, denn bekanntlich sieht dem Swinegel seine Frau gerade so aus wie ihr Mann.

Der Hase aber meinte: „Das gebt nicht mit rechten Dingen zu.“ Er rief: „Noch einmal gelaufen, wieder herum!“ Und fort ging es wieder wie der Sturmwind, so dass ihm die Ohren am Kopfe flogen. Dem Swinegel seine Frau aber blieb ruhig auf ihrem Platz. Als nun der Hase oben ankam, rief ihm der Swinegel entgegen: „Ich bin schon da!“ Der Hase aber ganz außer sich vor Eifer schrie: „Nochmal gelaufen, wieder herum!“ „Mir recht,“ antwortete der Swinegel, „meinetwegen so oft als du Lust hast.“ So lief der Hase drei und siebzig Mal und der Swinegel hielt es immer mit ihm aus. Jedesmal, wenn der Hase unten oder oben ankam, sagte der Swinegel oder seine Frau: „Ich bin schon da.“

Zum vier und siebzigsten Mal aber kam der Hase nicht mehr zu Ende. Mitten auf dem Acker stürzte er zur Erde, das Blut floss ihm aus dem Halse und er blieb tot auf dem Platze. Der Swinegel aber nahm seinen gewonnenen Louisdor und die Flasche Branntwein, rief seine Frau aus der Furche ab und beide gingen vergnügt nach Hause, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch.

So begab es sich, dass auf der Buxtehuder Haide der Swinegel den Hasen zu Tode gelaufen hat, und seit jener Zeit hat es sich kein Hase wieder einfallen lassen, mit dem Buxtehuder Swinegel um die Wette zu laufen.

Die Lehre aber aus dieser Geschichte ist erstens, dass keiner, und wenn er sich auch noch so vornehm dünkt, sich soll beikommen lassen, über den geringen Mann sich lustig zu machen, und wäre es auch nur ein Swinegel. Und zweitens, dass es geraten ist, wenn Einer freiet, dass er sich eine Frau aus seinem Stande nimmt, die just so aussieht, als er selbst. Wer also ein Swinegel ist, der muss darauf sehen, dass seine Frau auch ein Swinegel sei.

* Extrem großartig eingedeutscht, aber soll wohl ein Lous d’or, also die französische Goldmünze, die laut Wiki zwischen 1640 und 1793 geprägt wurde. Also verschiedenen Varianten, jetze.

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Ich muss ja sagen, am Ende tut mir der Hase ja furchtbar leid. Muss er denn gleich sterben? Aber gut, ich war auch das Kind, das sich das ganze kitschige

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