19.7 Märchen von der höchst wunderbaren und herrlichen selbstspielenden Harfe

Zum Abschluss der russischen Woche gibt es noch mal ein echtes Sahnestückchen. Mit Prinzen und Prinzessinen, also Zarewna, die aber eigentlich Sultantöchter sind. Nämlich hier geht es verflixt transnational zu. Neugierig? Dann lest selbst…

Märchen von der höchst wunderbaren und herrlichen selbstspielenden Harfe

In einem Lande lebte ein König namens Filon. Dieser König hatte eine Gemahlin namens Chaltura, mit welcher er einen einzigen Sohn namens Astrach erzeugte, und dieser ihr Sohn hatte in den Jugendjahren Neigung zu Rittertaten. Als er zu reifem Alter gelangte, fing er an darauf zu denken, sich zu verheiraten, und er fragte seinen Vater, den König Filon, in welchem Reiche die schönste von allen Zaren- oder Königstöchtern sei. Darauf sprach sein Vater, der König: „Mein liebster Sohn, mein holdes Kind, wenn du Lust hast, dich zu verheiraten, so will ich dir die Bilder der Zaren- und Königstöchter aller Reiche zeigen.“ Da begann Prinz Astrach ihn um diese Bilder zu bitten, und König Filon führte ihn in ein abgesondertes Gemach und zeigte ihm alle diese Bilder. Er betrachtete sie und wählte sich aus diesen Bildern eine Braut und verliebte sich leidenschaftlich in die Tochter des ägyptischen Zaren Afor, die Zarewna Osida, und Astrach entbrannte gegen sie in seiner Liebe und fing an nachzusinnen, wie er sie sich zur Gattin verschaffen könne. Da begann er, seinen Vater um den Segen zu bitten, damit er ihn zum ägyptischen Zaren entließe, um sich mit der Zarewna Osida mit Ringen zu verloben. König Filon freute sich sehr darüber, dass sein Sohn, Prinz Astrach, heiraten wollte, und deshalb entließ er ihn mit seinem Segen zum Zaren Afor.

Prinz Astrach ging fort, um sich ein gutes Ritterross auszusuchen, und durchschritt alle königlichen Ställe, doch konnte er kein Ross nach seinem Sinne finden. Deshalb nahm er Abschied von Vater und Mutter, empfing von ihnen noch ein Mal den Segen und ging zu Fuße ab nach Ägypten ganz allein; und er ging lange oder kurze Zeit, nah oder fern, und sah auf dem Felde einen weißsteinernen Palast stehen, welcher so vergoldet war, dass Strahlen von ihm glänzten, wie von der Sonne. Prinz Astrach ging auf diesen Palast zu, und als er ihn erreicht hatte, ging er um ihn herum und sah nach den Fenstern, ob er nicht Jemanden erblickte; allein er konnte Niemanden bemerken. Und so ging er auf den Hof und wandelte sehr lange auf dem Hofe herum; aber auch dort sah er keinen einzigen Menschen, und dann ging er in den weißsteinernen Palast, und als er hineingekommen war, durchschritt er alle Gemächer, allein auch da fand er keine Seele, und er ging durch diese Gemächern überaus lange und kam in ein Zimmer, worin ein Tisch für einen einzigen Menschen gedeckt war. Und da Prinz Astrach gerade hungrig war, so setzte er sich an diesen Tisch und aß und trank sich satt. Dann legte er sich auf ein Bette und schlief sehr fest ein. Sobald er erwacht war, ging er wieder durch die Zimmer und kam in ein Gemach, wo er durch’s Fenster einen so schönen Garten erblickte, als er in seinem Leben noch niemals gesehen hatte, und er bekam Lust, in diesem Garten spazieren zu gehen. Deshalb ging er auch dorthin und wandelte daselbst sehr lange, und gelangte dann an eine steinerne Mauer, in welcher eine eiserne Türe war, an der sich ein großes Schloss befand.

Als Prinz Astrach dieses Schloss berührte, hörte er hinter der Türe ein Ritterross wiehern, und Prinz Astrach wünschte dieses Schloss abzunehmen, und so ging er, um etwas zu suchen, womit er es abschlagen könnte, und er fand einen großen Stein von der Größe eines Klafter und einer halben Arschine*, und diesen Stein nahm er mit in den Armen und fing an, das Schloss abzuschlagen; allein nicht bloß das Schloss, sondern auch die Türe zerschlug er mit diesem Steine. Und als die Türe sich öffnete, sah er noch eine andere eiserne Türe mit einem Schlosse; er zerschlug auf gleiche Weise auch diese Türe, und hinter dieser Türe waren noch zehn Türen, und er erbrach sie alle mit diesem Steine und erblickte ein gutes Ritterross und eine vollständige Ritterrüstung. Er ging zu dem Rosse und fing an, es zu streicheln, und sobald das Ross einen Reiter für sich hörte, stand es wie angewurzelt. Und dann fing Prinz Astrach an, das Ross zu satteln, legte ihm den tscherkassischen Sattel auf, gab ihm die Trense von schemachanischer Seide, und führte es, nachdem er es angeschirrt hatte, aus diesem Stalle, saß auf und ritt in das freie Feld, um das Ross zu versuchen. Er schlug es auf die straffen starken Hüften; das Ross wurde hitzig, trennte sich von der Erde, erhob sich höher als der stehende Wald und niedriger als die ziehende Wolke, Berge und Täler ließ es zwischen den Hufen, kleine Flüsse bedeckte es mit dem Schweife und breite Flüsse übersprang es, und so ermüdete Prinz Astrach dieses gute Ross, dass der Schaum wie Seife von ihm floss.

Darauf sprach das gute Ross mit Menschenstimme zum Prinzen Astrach folgende Worte: „Nun, Prinz Astrach, du mein Reiter, ich habe gerade drei und dreißig Jahre dem verstorbenen Jeruslan Jeruslanowitsch gedient, dem starken, gewaltigen Ritter, und bin mit ihm in vielen Zweikämpfen und Schlachten gewesen, dennoch ermüdete ich noch nie so, wie heute, und nun bin ich bereit, dir bis an meinen Tod in Treue und Redlichkeit zu dienen.“

Da ging Prinz Astrach wieder ans jenen breiten Hof und ließ sein gutes Ross im Stalle, warf ihm weißen Weizen vor und goss ihm Quellwasser ein. Er selbst ging in den weißsteinernen Palast, aß und trank sich satt und legte sich schlafen. Den folgenden Morgen stand er früh auf, sattelte sein gutes Ritterross, setzte sich auf und reiste ab nach Ägypten zum Zaren Afor, um sich bei ihm um die Hand seiner Tochter, der schönen Zarewna Osida, zu bewerben. Nach einiger Zeit kam er dorthin und sagte von sich, er sei der Sohn des Königs Filon. Als Zar Afor dies vernahm, empfing er ihn überaus ehrenvoll und fragte ihn, in welcher Absicht er zu ihm gekommen sei. Darauf antwortete ihm Prinz Astrach folgendermaßen: „Großer Zar von allen ägyptischen Landen! Ich bin nicht zu dir gekommen, um zu gastieren und zu schmausen, sondern ich bin gekommen, dich um die Gnade zu bitten, dass du mir deine liebenswürdige Zarentochter zur Gemahlin gibst.“ „Tapferer Ritter, Prinz Astrach,“ antwortete ihm Zar Afor, „von Herzen gern will ich dir meine Tochter geben, aber leiste mir nur einen Dienst: der ungläubige Tatarzar nähert sich meinem Reiche und will mein Reich verheeren und plündern und meine Tochter schimpflich zum Weibe nehmen, mich aber und meine Gemahlin will er mit dem Tode bestrafen.“ Da sprach Prinz Astrach zum Zaren Afor: „Gnädiger Herr, Zar Afor, ich bin bereit, in den Kampf zu gehen für den christlichen Glauben mit dem ungläubigen Zaren und eure Stadt vor unzeitigem Verderben zu schützen.“

Darüber freute sich der ägyptische Zar Afor und befahl ein großes Gastmahl zuzubereiten für den tapferen und schönen Prinzen Astrach. Als das Mahl begann, da verlobte sich Astrach, der Königssohn, mit Osida, der schonen Zarentochter, durch Ringe, und darauf aßen und tranken sie und ergötzten sich und vertrieben sich die Zeit mit allerhand Lustbarkeiten; dann begaben sie sich in das nächtliche Gemach.

Den folgenden Tag rückte an diese Stadt ein Heer; die busurmanische Macht, an Zahl drei Mal hundert tausend Mann. Zar Afor, welcher sehr darüber erschrak, nahm seine Zuflucht zum Prinzen Astrach und bat ihn, dass er für den christlichen Glauben streiten möchte. Prinz Astrach stand auf, schüttelte sich, sattelte sein gutes Ritterross, ging in den Zarenpalast, betete zu Gott, verneigte sich nach allen vier Seiten, und fing an vom Zaren Afor, von seiner Gemahlin und der schönen Zarewna, seiner verlobten Braut, Abschied zu nehmen. Als er Abschied genommen hatte, ging er auf den breiten Hof und setzte sich auf sein gutes Ritterross.

Er verließ den breiten Hof, näherte sich der feindlichen Macht und schlug das Ross auf die straffen starken Hüften. Sein Ross wurde hitzig, trennte sich von der Erde, erhob sich höher als der stehende Wald, niedriger als die ziehende Wolke, Berge und Täler ließ es zwischen den Hufen, kleine Flüsse deckte es mit dem Schweife; große Flüsse übersprang es, und er traf auf jenes Heer, die feindliche Macht. Und er fing an die Busurmanen niederzumetzeln und in kleine Stücke zu zerhauen, und wo Prinz Astrach mit den Armen fegte, da entstand eine Gasse, und wo er mit dem Rosse sich drehte, da entstand ein freier Platz; und nicht so viel erschlug Prinz Astrach selbst, als er mit dem Rosse zertrat, und er erschlug und zertrat dieses Heer, die feindliche Macht, und den busurmanischen Zaren selbst machte er zum Gefangenen und brachte ihn zum Zaren Afor.

Da war Zar Afor überaus froh und befahl den busurmanischen Zaren in’s Gefängnis zu setzen. Und sie fingen an, sich mit dem Prinzen Astrach lustig zu machen, und diese Lustbarkeiten dauerten fünfzehn Tage. Nach Verlauf dieser Zeit erinnerte Prinz Astrach den Zaren Afor wieder an die Hochzeit mit der schönen Zarewna Osida, und Zar Afor befahl, für die Hochzeit ein großes Gastmahl zuzubereiten. Dann rief er seine holde Tochter, die schöne Zarewna Osida, zu sich und befahl ihr, sich zur Hochzeit fertig zu machen.

Als dies die Zarewna Osida hörte, rief sie den Prinzen Astrach zu sich und sprach: „O mein geliebtester Freund und verlobter Bräutigam, du willst dich so schnell ehelich mit mir verbinden, aber bedenke vorher, was für Ergötzlichkeit wir bei der Hochzeit ohne Musik haben werden, denn mein Vater hat keine Spieler, und darum, mein geliebter Freund, reite du durch sieben und zwanzig Länder in das dreißigste Reich, in das Zarenthum des unsterblichen Kaschtschei, und gewinne von ihm die selbstspielende Harfe. Sie spielt alle Stücke so gut, dass du aufmerksam zuhören wirst, und diese selbstspielende Harfe hat keinen Preis, und sie wird uns ergötzen auf unserer Hochzeit.“

Da ging Astrach, der Königssohn, aus dem weißsteinernen Palast, begab sich in den zarischen Stall, führte sein gutes Ritterross heraus, legte ihm den tscherkassischen Sattel auf, gab ihm die Trense von schemachanischer Seide, nahm Abschied vom ägyptischen Zaren, von der Zarin und seiner verlobten Braut, setzte sich auf sein gutes Ross, verließ den breiten Hof und reiste ab nach dem Reiche des unsterblichen Kaschtschei, nach der selbstspielenden Harfe.

Er ritt auf der Straße und erblickte eine alte Hütte, und diese Hütte stand vor einem Walde und an einem Garten. Prinz Astrach näherte sich und rief mit der Ritterstimme: „Hütte! Hütte! wende dich mit dem Hinterteil zum Wald und mit dem Vorderteil zu mir!“ Und die Hütte wendete sich mit dem Vorderteil ihm zu. Da stieg Prinz Astrach von seinem guten Ross und ging an diese Hütte; und in dieser Hütte saß eine Zauberin auf der Diele und spann Flachs. Den Kopf stemmte sie in die Ecke, die Füße an der Decke. Und die Zauberin schrie mit fürchterlicher Stimme: „Fu! Fu! Fu! Bis jetzt hat sich noch kein russischer Geist hören lassen, und heute erscheint ein russischer Geist vor den Augen.“ Daraus fragte sie den Prinzen Astrach: „Warum, guter Jüngling, Prinz Astrach, bist du hierher gekommen, freiwillig oder nicht freiwillig? Hierher fliegt kein Vogel und kein wildes Tier streicht, kein Ritter reitet bei meiner Hütte vorbei, und wie hat dich Gott hierher geführt?“ Darauf sprach Prinz Astrach zu ihr: „Ach du dummes altes Weib, zuvor ätze und sättige mich guten Jüngling, und dann erst frage.“

Die alte Zauberin gab dem Prinzen Astrach sogleich zu essen, peitschte ihn in der Badstube, kämmte ihm das Trotzköpfchen, machte ihm das Bette zurecht und fing wieder an zu fragen: „Sage mir, guter Jüngling, wohin dein Weg geht, in welche entfernte Gegend, und ob du freiwillig gehest oder nicht freiwillig?“ Und ihr antwortete Prinz Astrach darauf so: „Wie viel ich mit Willen gehe, noch ein Mal so viel gehe ich unfreiwillig, durch sieben und zwanzig Länder in das dreißigste Reich, in das Zarentum des unsterblichen Kaschtschei, um die selbstspielende Harfe zu holen.“ „Ho! Ho! Ho!“ sprach die alte Zauberin, „es wird dir schwer werden, diese Harfe zu bekommen; doch bete zu Gott und lege dich schlafen: der Morgen ist erfinderischer, als der Abend.“

Astrach, der Königssohn, legte sich schlafen. Am Morgen erwachte die alte Zauberin sehr früh, stand aus und weckte den Prinzen Astrach: „Erhebe dich, Prinz Astrach, es ist Zeit, dass du guter Jüngling dich auf den Weg machst.“ Da stand Prinz Astrach auf, kleidete sich an, legte Strümpfe und Stiefel an, wusch sich, betete zu Gott, verneigte sich nach allen vier Gegenden und fing an, von der alten Zauberin Abschied zu nehmen. Da sagte die alte Zauberin zum Prinzen Astrach: „Warum machst du, guter Jüngling, dich auf den Weg und fragst mich alte Frau nicht, wie du die selbstspielende Harfe bekommen sollst?“ Prinz Astrach fragte nun die Zauberin, und sie sprach zu ihm: „Ziehe deines Weges unter Gottes Beistand, und wenn du in das Reich des unsterblichen Kaschtschei kommst, so richte es so ein, dass du zu Mittage hingelangst: neben seinem vergoldeten Palast ist ein grüner Garten, und in diesem Garten wird eine schöne Jungfrau, eine Zarentochter, lustwandeln. Springe über die Mauer in den Garten, und gehe zu der schönen Jungfrau. Du wirst sie erfreuen, denn es sind schon sechs Jahre, dass sie vom unsterblichen Kaschtschei ihrem leiblichen Vater geraubt wurde, und der unsterbliche Kaschtschei lebt mit ihr so, wie mit einer Geliebten. Frage du diese Jungfrau, wie du die selbstspielende Harfe bekommen kannst, so wird sie dir es sagen.“

Da setzte sich Prinz Astrach auf sein gutes Ross und ritt lange oder kurz oder weit, und kam in das Reich des unsterblichen Kaschtschei. Er begab sich an den goldenen Palast und hörte, wie die selbstspielende Harfe tönte. Da stand Prinz Astrach still, und es fehlte nicht viel, dass er bloß mit der größten Aufmerksamkeit zugehört hätte, denn diese Harfe spielte so trefflich, dass sie jeder Mensch bis zum Tode hören könnte. Aber Prinz Astrach kam wieder zu sich, sprang über die Mauer in den grünen Garten und sah dort die Jungfrau, die Zarentochter, und die Jungfrau erschrak sehr vor ihm, aber Prinz Astrach ging sogleich auf sie zu und sagte, sie sollte sich nicht vor ihm fürchten; dann fragte er sie, wie er die selbstspielende Harfe sich verschaffen könne.

Darauf entgegnete ihm die Zarewna Darisa: „Wenn du mich mit dir nehmen willst, so werde ich dir sagen, wie du die selbstspielende Harfe bekommen kannst.“ Prinz Astrach gelobte, sie mit sich zu nehmen, wenn er durch sie die Harfe erlangte. Darauf sprach die Zarewna Darisa, er solle im Garten bleiben. Sie selbst ging zum unsterblichen Kaschtschei und fing an, ihn mit falschen Worten zu befragen, als ob sie ihn herzlich liebe, und sagte zu ihm diese Worte: „Mein innigst geliebter Freund und Vertrauter, unsterblicher Kaschtschei, sage mir, sei so gut, wirst du niemals sterben?“ „Gewiss, ich werde niemals sterben,“ antwortete ihr der unsterbliche Kaschtschei. „Doch,“ fuhr die Zarewna Darisa fort, „wo ist dein Tod? Ist er bei dir?“ „Gewiss,“ entgegnete ihr der unsterbliche Kaschtschei; „er ist unter der Schwelle im Besen.“ Die Zarewna Darisa ergriff sogleich diesen Besen und warf ihn in’s Fener; aber obgleich der Besen verbrannte, so blieb doch der unsterbliche Kaschtschei am Leben. Da fragte die Zarewna den unsterblichen Kaschtschei wieder und sprach zu ihm: „Mein geliebter Freund, du liebst mich nicht aufrichtig, dass du mir nicht die Wahrheit sagst, wo dein Tod ist; doch ich bin dir nicht böse, sondern liebe dich von ganzem Herzen.“

Und so schwatzend fing die Zarewna Darisa an, den unsterblichen Kaschtschei heuchlerisch zu umarmen und zu küssen, und bat ihn, dass er ihr sage, wo sein Tod sei. Da sprach der unsterbliche Kaschtschei zu ihr mit Lachen: „Hast du eine Ursache, zu wissen, wo mein Tod ist? Doch da ich dich liebe, will ich dir sagen, wo er ist. Im freien Felde stehen drei grüne Eichen, und unter der Wurzel der größten Eiche ist ein Wurm, und wenn dieser Wurm gefunden und erdrückt wird, dann sterbe ich auch.“

Als die Zarewna Darisa solche Rede gehört hatte, ging sie zum Prinzen Astrach und sagte es ihm, damit er sich ins freie Feld begebe, die drei Eichen suche, unter der größten Eiche den Wurm ausgrabe und zerdrücke. Prinz Astrach ging sogleich ins freie Feld, ritt vom Morgen bis zum Abend und kaum hatte er die drei grünen Eichen gefunden, als er den Wurm unter der größten ausgrub und zerdrückte. Dann ging er zur Zarewna Darisa und fragte sie: „Lebt der unsterbliche Kaschtschei noch? Ich habe den Wurm gesunden und zerdrückt.“ Sie antwortete ihm, Kaschtschei lebe noch. Da sprach Prinz Astrach: „So gehe zum unsterblichen Kaschtschei und frage ihn recht zärtlich, wo sein Tod ist: er betrügt dich in Allem.“

Da ging die Zarewna Darisa zu dem unsterblichen Kaschtschei und sprach zu ihm mit Tränen: „Du liebst mich nicht aufrichtig und sagst mir die Wahrheit nicht, wo dein Tod ist; du hast mich immer zum Besten, wie eine Närrin.“ Dann fing sie wieder an, ihn heuchlerisch zu umarmen und zu küssen; alsdann fragte sie ihn, wo sein Tod sei. Da sagte ihr der unsterbliche Kaschtschei die ganze Wahrheit; er sprach zu ihr: „Mein Tod ist fern von hier und schwer zu finden: er ist auf dem Weltmeer; auf diesem Meere ist eine Insel Bujan, und auf dieser Insel Bujan ist eine grüne Eiche, und unter dieser Eiche ist ein eisernes Kästchen, und in diesem Kästchen ein Körbchen, und in diesem Körbchen ein Hase, und in diesem Hasen eine Ente, und in dieser Ente ein Ei, und wer dieses Ei erhält und zerbricht, der bewirkt in derselben Minute meinen Tod.“

Als die Zarewna diese Worte gehört hatte, eilte sie zum Prinzen Astrach und sagte es ihm. Prinz Astrach setzte sich sogleich auf sein gutes Ross und begab sich an das Weltmeer. Da sah er einen Fischer in einem Kahn, und er sprach zu diesem Fischer: „Bringe mich auf die Insel Bujan.“ Der Fischer sagte darauf: „Herr, setze dich zu mir in den Kahn.“ Und Prinz Astrach setzte sich darauf zu dem Fischer in den Kahn, und der Fischer brachte ihn auf die Insel Bujan.

Prinz Astrach fand dort die grüne Eiche und grub unter der Eiche das eiserne Kästchen aus, und er zerbrach dieses Kästchen und öffnete das Körbchen und nahm aus dem Körbchen den Hasen; er riss diesen Hasen auseinander, und kaum hatte er ihn zerrissen, so flog aus ihm eine graue Ente hervor und schwang sich auf, und sobald sie über dem Meere hinflog, ließ sie das Ei in das Meer fallen. Als dies Prinz Astrach sah, war er sehr traurig und befahl dem Fischer, das Netz in’s Meer zu werfen. Der Fischer warf sogleich das Netz aus und zog einen großen Hecht empor. Prinz Astrach ließ diesen Hecht ausnehmen, und sie fanden das Ei, welches die Ente hatte fallen lassen. Prinz Astrach setzte sich in den Kahn und ließ sich vom Fischer an’s Gestade bringen. Als sie übergefahren waren, gab Prinz Astrach dem Fischer Geld für seine Bemühungen, er selbst setzte sich auf sein gutes Ross und begab sich zur Zarewna Darisa.

Sobald er zu ihr kam und ihr sagte, dass er das Ei bekommen habe, sprach die Zarewna Darisa zu ihm: „Nun fürchte nichts, gehe mit mir zugleich zu Kaschtschei.“ Und als er vor ihm erschien, sprang Kaschtschei auf und wollte den Prinzen Astrach umbringen; aber Prinz Astrach nahm sogleich das Ei in die Hand und fing allmälig an, es zu zerdrücken. Kaschtschei, anstatt den Prinzen Astrach zu töten, fing an zu schreien und zu brüllen aus voller Kehle und sagte dabei zu Zarewna Darisa: „Siehe, aus Liebe sagt’ ich dir, wo mein Tod sei, und was machst du jetzt aus mir?“ Darauf riss er das Schwert von der Wand und wollte die Zarewna Darisa in Stücke zerhauen; aber in derselben Zeit zerbrach Astrach, der Königssohn, das Ei, und Kaschtschei fiel tot zu Boden, wie eine Garbe.

Die Zarewna Darisa führte dann den Prinzen Astrach in den Palast, wo die selbstspielende Harfe war, und als sie dorthin kam, sagte sie zu ihm: „Nun ist diese Harfe dein! Nimm sie, aber bringe mich dafür in meine Heimat.“ Prinz Astrach nahm die Harfe an den Busen, und sie spielte so herrlich und stark, dass er darüber erstaunte, und zwar nicht bloß, weil die Harfe selbst spielte, sondern auch weil sie verziert und aus dem reinsten morgenländischen Kristall gebaut war, und goldne Saiten hatte. Prinz Astrach sah sie lange an und betrachtete sie mit Lust; dann ging er aus dem Palast fort, setzte sich auf sein gutes Ross, nahm zu sich die Zarewna Darisa, und sie machten sich auf den Weg.

Er brachte erst die Zarewna Darisa zu ihrem Vater und ihrer Mutter, dann ging er nach Ägypten zum Zaren Afor, seinem Schwiegervater, und gab die selbstspielende Harfe der geliebten Braut, der schönen Zarewna Osida. Und da setzten sie die selbstspielende Harfe auf den Tisch und sie fing an zu spielen sehr schön und lustig.

Den Tag darauf verband sich Prinz Astrach ehelich mit der schönen Zarewna Osida, und kurze Zeit hernach verließ er Ägypten und kehrte in sein Vaterland zurück. Als der König, sein Vater, und die Zarin, seine Mutter, ihren geliebten Sohn wiedersahen, freuten sie sich sehr in ihrem Herzen.

Bald darauf starb König Filou nach dem Willen Gottes, und Prinz Astrach setzte auf sein Haupt die väterliche Krone und lebte mit seiner geliebten holden Gemahlin, der schönen Zarewna Osida, in aller Innigkeit und wirkte wohltätig bis an sein Ende.

* Das ist die russische Elle, also so gute 70cm.

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Ich schwöre, mich hat nur wieder der wunderschöne Titel verführt. Und ich wollte euch am Ende nochmal ein prima langes Helden/Zaubermärchen bieten. Dann frohlockte ich schon, als sich der Prinz erstmal seinem Zauberpferdchen gegenüber beweisen musste. Das gibt es nämlich auch in der mongolischen Erzähltradition. Und dann soll Astrach für den ägyptischen ‚Zar‘ gegen den Tataren’zar‘ ziehen? Willkommen beim Benennungsgewirre, was irgendwie die Mongolen auf ihren Eroberungen angerichtet haben. Tataren, Busurmanen? Also meiner bescheidenen (und irgendwie ja schon studierten) Meinung nach, ist der Tatarenzar niemand anders als Timur bzw. Tamerlan, der vorderasiatische Herrscher, der tatsächlich um 1400 den damaligen ägyptischen Herrscher plattmachte und auch bei der Vernichtung Moskaus durch einen Herrscherkollegen seine Finger im Spiel hatte. Astrach ist ja leider nur ein Märchenprinz. ;D
‚Tatar‘ erklärt sich daraus, dass Timur tatsächlich mongolischer Abstammung war und die wurden mal grob als Tataren bezeichnet. Aber so richtig mongolisch war er natürlich nicht mehr. Zum Beispiel war er freilich Moslem und Busurmanen? Sind natürlich unsere Muselmanen, also Muslime.

Neben diesem historischen Rätselraten (juchuu!) finde ich es ja auch mal wieder super spannend, dass auch hier der alte ‚heidnische‘ Glauben in Russland mit Zauberinnen und Verneigen in vier Himmelsrichtungen mit dem ‚braveren‘ Christentum übertüncht wurde. Und hach ja, Anklänge an Babajaga, die mir irgendwie entwischt ist diese Woche… Nächstes Mal!

 

Textquelle: Russische Volksmärchen in den Urschriften gesammelt und ins Deutsche übersetzt von Anton Dietrich. Mit einem Vorwort von Jacob Grimm. Leipzig: Weidmann’sche Buchhandlung 1831, S. 15-29.
Bildquelle: Darstellung der Schlacht zwischen Timur und dem mamlukischen Sultan im Ägypten der Zeit

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