19.6 Das Urteil des Schemjaka

Von der Stadt geht es heute wieder aufs Land. Zu einem armen Bauern mit viel Dusel. Aber lest selbst…

Das Urteil des Schemjaka

Auf einigen Grundstücken lebten zwei Brüder; der eine war reich, der andere arm. Da kam der arme Bruder zu dem reichen, um ihn um ein Pferd zu bitten, damit er Holz aus dem Walde holen könnte. Der Reiche gab ihm das Pferd, und der Arme fing nun auch an, um ein Kummet zu bitten; der Reiche aber zürnte auf den Bruder und gab ihm kein Kummet*. Der arme Bruder aber kam auf den Gedanken, den Schlitten dem Pferde an den Schweif zu binden, und so fuhr er in den Wald nach Holz und lud ein so großes Fuder**, als das Pferd nur zu ziehen Kraft hatte. Als er an sein Haus kam, machte er den Torweg auf, und vergaß, das vorgelegte Brett*** wegzunehmen, und das Pferd stürzte über das Bret und riss sich den Schwanz aus. Der arme Bauer brachte zu dem Reichen das Pferd ohne Schweif, und als der reiche Bruder das Pferd ohne Schweif sah, nahm er es nicht an und ging zu dem Richter Schemjaka, um den Armen zu verklagen. Der Arme sah, dass er unglücklich werden sollte, und dass man nach ihm schicken würde, und der Arme merkte schon lange, dass er nichts zu geben habe, und folgte seinem Bruder auf dem Fuße nach.

Da kamen die beiden Brüder zu einem reichen Bauer zum Nachtlager, und der Bauer fing an, mit dem reichen Bruder zu essen, zu trinken und sich zu belustigen, und sie luden den armen nicht zu sich ein. Der arme lag auf der Ofenbank, blickte dann und wann auf sie, und fiel plötzlich von der Ofenbank und zerdrückte ein Kind in der Wiege. Und der Bauer ging zu dem Richter Schemjaka, den Armen zu verklagen.

Es traf sich, dass auf dem Wege zur Stadt der reiche Bruder mit dem Bauer und dem Armen, der ihnen folgte, über eine Brücke gehen musste, und der Arme, der mit ihnen ging, dachte, dass er von dem Richter Schemjaka nicht lebendig wegkommen würde, und stürzte sich von der Brücke, um sich zu töten; aber unter der Brücke fuhr ein Sohn seinen kranken Vater in die Badstube, und er fiel gerade auf ihn in den Schlitten und zerdrückte den alten Mann. Der Sohn ging klagen, dass er seinen Vater getötet habe.

Der reiche Bruder kam zu dem Richter Schemjaka, um gegen seinen Bruder zu klagen, dass er seinem Pferde den Schweif ausgerissen habe. Und der Arme nahm einen Stein und band ihn in ein Tuch, und ließ ihn sehen, hinter dem Bruder stehend, in der Absicht, den Richter zu erschlagen, wenn er nicht für ihn entscheiden würde. Der Richter bedachte, dass er hundert Rubel erhalten könne, und befahl dem Reichen, er solle dem Armen das Pferd zurückgeben, bis ihm der Schweif wieder gewachsen sei.

Dann kam der Bauer und klagte wegen Ermordung seines Kindes, und fing an, zu bitten. Der Arme aber nahm denselben Stein heraus und zeigte ihn dem Richter hinter dem Bauer stehend. Der Richter dachte, dass er ihm noch hundert Rubel für den zweiten Prozess geben würde, und befahl dem Bauer, dem Armen seine Frau zu geben, bis er ihm wieder ein Kind erzeugt hätte. „Und du wirst dann die Frau mit dem Kinde zurücknehmen.“

Da kam der Sohn und klagte, dass der Arme seinen Vater tot gedrückt habe, und überreichte eine Klageschrift gegen den Armen. Und der Arme nahm denselben Stein heraus und zeigte ihn dem Richter. Der Richter glaubte, dass er ihm für diesen Prozess noch hundert Rubel geben würde. Da befahl er dem Sohn, sich auf die Brücke zu stellen, und dem Armen unter dieselbe, und der Sohn sollte ebenso auf den Armen herunterspringen und ihn zerdrücken.

Da kam der arme Bruder zu dem Reichen, um von ihm nach dem Befehle des Richters das Pferd ohne Schweif zu holen, und so lange zu behalten, bis der Schweif wieder gewachsen sei. Der Reiche wollte nicht gern das Pferd abgeben, und deswegen schenkte er ihm fünf Rubel Geld, drei Tschetwert**** Getreide und eine milchende Ziege, und versöhnte sich mit ihm auf ewig.

Da kam der arme Bruder zu dem Bauer, und fing an, nach richterlichem Befehl seine Frau zu verlangen, um mit ihr ein solches Kind zu zeugen. Der Bauer aber fing an, sich mit ihm zu versöhnen und gab dem Armen fünfzig Rubel, eine Kuh mit einem Kalbe, eine Stute mit einem Füllen, vier Tschetwert Getreide, und versöhnte sich mit ihm auf ewig.

Da kam der Arme zu dem Sohn. „Du musst dich nach dem richterlichen Ausspruch auf die Brücke stellen, und ich mich unter die Brücke, und du musst dich auf mich stürzen und mich zerdrücken.“ Da dachte der Sohn bei sich: „Wie soll ich mich von der Brücke stürzen, ihn werde ich vielleicht nicht zerdrücken, aber mich zerschlagen.“ Und er suchte sich mit dem Armen zu versöhnen, und gab ihm zweihundert Rubel, ein Pferd und fünf Tschetwert Getreide.

Aber der Richter Schemjaka schickte seinen Diener zu dem Armen, um drei hundert Rubel zu verlangen. Der Arme aber zeigte ihm den Stein und sprach: „Wenn der Richter nicht für mich entschieden hätte, so würde ich ihn getötet haben.“ – Der Diener kam zu dem Richter und sagte von dem Armen, wenn er nicht für ihn entschieden hätte, so würde er ihn mit dem Steine getötet haben. Der Richter fing an, sich zu bekreuzen und sprach: „Gott sei Dank, dass ich zu seinem Besten entschieden habe.“

* Ein Kummet ist Teil der Kutschengeschirrs eines Pferdes, nämlich ein dicker lederner Ring, an den dann die Stangen zum ziehen befestigt werden.
** Ein Fuder ist ein Volumenmaß und entspricht. Ich zitiere mal nach Wiki: „1 Fuder Wein = 2 Fass Wein = 12 Eimer = 36 Hosen = 864 Kannen ≈ 808,3584 Liter“
*** Hier kann ich jetzt Herrn Dietrich zitieren: „Die Türflügel bei den Einfahrten in Russland reichen nicht bis auf den Boden, sondern lassen unterhalb einen leeren Raum von einer Viertel- bis halben Elle, damit sie sich im Winter, wenn viel Schnee gefallen ist, bequemer öffnen und schließen lassen. Diesen leeren Raum selbst versperrt man durch ein quer vorgelegtes Brett, welches an den Seitenpfosten des Torweges befestigt wird und nach dem Bedürfnis höher oder tiefer gestellt werden kann.“
**** Da schicke ich euch direkt zu Wiki, denn da blicke ich nicht so richtig durch. Viel Spaß also! Ähem.

*******

Dusel hier also in der Form eines Richters, der zum Glück nach Rubeln so gierig ist wie nach seinem Leben. Puh. Und das nach all dem Pech beim auf-Leute-rauffallen. ;D

 

Textquelle: Russische Volksmärchen in den Urschriften gesammelt und ins Deutsche übersetzt von Anton Dietrich. Mit einem Vorwort von Jacob Grimm. Leipzig: Weidmann’sche Buchhandlung 1831, S. 187-191.
Bildquelle: Bauernmarkt in Moskau als Ölgemälde von Vladimir Makovsky (1846–1920) & Die Gerichtsverhandlung des Anführers des Bauernaufstandes von 1773–75 Jemeljan Iwanowitsch Pugatschow in einem Gemälde von Vasily Perov (1833–1882)

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