19.4 Goldfischchen

Heute wird euch nicht nur ein Motiv, oder zwei bekannt vorkommen, denn es gibt die russische Version vom Fischer und seiner Frau. Lest selbst…

Goldfischchen

Am Meer, im Ozean, auf der Insel Bujan* stand ein verfallenes Hüttchen. Im Hüttchen wohnten zwei alte Leute. Sie lebten in großer Armut; mit dem Netz, das er selbst gemacht hatte, ging der Alte zum Meer, um Fische zu fangen: und damit verdiente er nur knapp das tägliche Brot. Einmal hatte er das Netz ausgeworfen, fing an zu ziehen, und es kam ihm so schwer vor, so schwer wie noch nie zuvor: er vermochte kaum es in die Höhe zu bringen. Und wie er nachsieht, ist das Netz leer: nur ein Fischchen hatte sich gefangen aber freilich kein einfaches – ein goldenes. Bat ihn das Fischchen mit menschlicher Stimme: „Nimm mich nicht, Alterchen! Lass mich wieder tauchen in’s blaue Meer; werde dir nützlich sein: was du nur wünschest, ich will es erfüllen.“ Der Alte dachte nach, dachte nach, endlich sagt er: „Brauche nichts von dir, geh’ du nur wieder in’s Meer.“ Warf darauf das Goldfischchen in’s Wasser und kehrte nach Haus zurück.

Als er heimkam, fragte ihn die Alte: „Hast viel gefangen, Alter?“ „Nur ein einziges Fischchen, ein Goldfischchen, und das habe ich wieder in’s Meer geworfen – hat mich gar zu sehr gebeten. ‚Lass mich wieder tauchen in’s blaue Meer,‘ sagte es; ‚werde dir nützlich sein: was du nur wünschest, ich will es erfüllen.‘ Ich erbarmte mich des Fischchens, nahm kein Lösegeld, gab ihm umsonst die Freiheit.“ „Ach, du alter Teufel! ein großes Glück kam dir in die Hände, und du verstandest nicht, es zu halten.“ Ganz erbost war die Alte, schimpfte den Alten vom Morgen bis zum Abend, keine Ruhe ließ sie ihm. „Hättest du doch nur Brot bei ihm gefragt! Wird ja bald keine trockene Rinde mehr im Hause sein.“ Der Alte konnt’s nicht mehr aushalten, ging zum Goldfischchen, es um Brot zu bitten. Kam zum Meer und rief mit lauter Stimme:

„Fischlein! Fischlein! Stell’ dich in’s Meer
Mit dem Schwanz, den Kopf zu mir her.“

Fischchen schwamm zum Ufer: „Was brauchst, Alter?“ „Die Alte ist ärgerlich geworden, schickt mich nach Brot.“ „Geh’ nur nach Haus, Brot sollt ihr reichlich haben.“

Der Alte kehrte zurück: „Nun, Alte, ist Brot da?“ „Brot haben wir reichlich; aber das ist ein Unglück: der Trog ist zerbrochen – wie soll da die Wäsche gewaschen werden? Geh’ zum Fischchen, bitte um einen neuen.“ Wieder ging der Alte zum Goldfischchen. Kam zum Meer und rief mit lauter Stimme:

„Fischlein! Fischlein! Stell’ dich in’s Meer
Mit dem Schwanz, den Kopf zu mir her.“

Fischchen schwamm zum Ufer: „Was brauchst, Alter?“ „Die Alte schickt mich und bittet um einen neuen Trog.“ „Gut. Werdet auch einen Trog haben.“

Kaum war der Alte zurückgekehrt, als auch die Alte schon rief: „Geh’ sogleich zum Goldfischchen und bitte es, dass es uns eine neue Hütte baue, in unserer lässt sich’s nicht mehr leben; kann uns jeden Augenblick über den Kopf zusammenbrechen.“ Wieder ging der Alte zum Goldfischchen. Kam zum Meer und rief mit lauter Stimme:

„Fischlein! Fischlein! Stell’ dich in’s Meer
Mit dem Schwanz, den Kopf zu mir her.“

Fischchen kam angeschwommen, stellte sich, den Kopf zu dem Alten gekehrt, mit dem Schwanz in’s Meer und fragte: „Was brauchst, Alter?“ „Baue uns eine neue Hütte. Die Alte schimpft, lässt mir keine Ruhe. Sie will nicht, sagt sie, länger im alten Hüttchen leben, jeden Augenblick kann’s einstürzen.“ „Gräme dich nicht, Alter, geh’ nach Haus, bete zu Gott, – was du wünschest, wird in Erfüllung gehen.“

Kehrte nun der Alte zurück. Auf seinem Hof steht eine neue Hütte, aus Eichenkloben säuberlich gezimmert, mit Schnitzwerk verziert. Die Alte läuft ihm gleich entgegen, noch ärger als früher schimpft sie: „Ach du alter Hund, verstehst nicht, dir das Glück zu nutz zu machen! Hast ein Bauernhaus ausgebeten und denkst, was Rechtes getan zu haben. Nein! Geh’ wieder zum Goldfischchen, sag’ ihm, ich will keine Bäuerin sein, Wojewodin will ich sein, damit die Leute mir gehorchen und mich tief grüßen.“ Wieder ging der Alte zum Goldfischchen.Kam zum Meer und rief mit lauter Stimme:

„Fischlein! Fischlein! Stell’ dich in’s Meer
Mit dem Schwanz, den Kopf zu mir her.“

„Was willst, Alter?“ Antwortete der Alte: „Die Alte lässt mir keine Ruhe, ganz närrisch ist sie geworden, will keine Bäuerin sein, Wojewodin will sie sein.“ „Gut. Gräme dich nicht, geh’ nach Haus, bete zu Gott – was du wünschest, wird in Erfüllung gehen.“

Wie der Alte zurückkehrt, sieht er statt des Bauernhauses dreistöckig ein steinernes Haus stehen. Geschäftig auf dem Hofe läuft die Dienerschaft, in der Küche klopfen die Köche. In schweren Stoffen, die mit Gold und Silber durchwirkt sind, auf hohem Sessel sitzt die Alte und erteilt ihre Befehle. „Guten Tag, Frau,“ sagt der Alte. „Ei, du Flegel! Wie unterstehst du dich, mich – mich, die Wojewodin, deine Frau zu nennen! Heh, Leute! In den Stall mit dem Bäuerlein! Gebt ihm die Peitsche, und ordentlich!“ Die Diener ergriffen den Alten und stießen ihn in den Stall; und nun begannen die Stallknechte, ihn mit Peitschenhieben zu traktieren, und traktierten ihn so, dass er sich kaum wieder auf die Beine stellen konnte. Danach stellte die Alte den Alten als Türhüter an, ließ ihm einen Besen reichen, damit er den Hof fege, und befahl, ihm in, der Küche zu essen zu geben.

Schlechtes Leben hatte der Alte. Musste tagsüber den Hof säubern, und war es irgendwo nicht ganz sauber: sofort in den Stall! „Ist das eine Hexe!“ denkt der Alte. „Mästet sich im Glück, so recht wie ein Schwein; hält mich schon nicht mehr für ihren Mann.“ Über lang, über kurz war’s der Alten langweilig geworden, Wojewodin zu sein, befiehlt dem Alten, zu ihr zu kommen: „Geh’, alter Teufel, zum Goldfischchen, sag’ ihm, ich will keine Wojewodin sein, Kaiserin will ich sein.“ Wieder ging der Alte zum Goldfischchen. Kam zum Meer und rief:

„Fischlein! Fischlein! Stell’ dich in’s Meer
Mit dem Schwanz, den Kopf zu mir her.“

Goldfischchen kam geschwommen: „Was willst, Alter?“ „Meine Alte ist noch närrischer geworden, will nicht mehr Wojewodin, Kaiserin will sie sein.“ „Gräme dich nicht, geh’ nach Haus, bete zu Gott – was du wünschest, wird in Erfüllung gehen.“

Kehrt der Alte zurück – an Stelle des Hauses sieht er ein hohes Schloss mit goldenem Dach ragen. Die Wache zieht auf und schultert das Gewehr. Hinter dem Schloss ist ein geräumiger Garten ausgebreitet, vor dem Schloss dehnt sich, saftig grün, eine Wiese. Regimenter stehen auf der Wiese in Reih’ und Glied. Die Alte, als Kaiserin ausgeputzt, lehnt auf dem Balkon, von Kriegsobersten und Bojaren umgeben, und mustert die Truppen. Die Soldaten schlagen die Trommeln, blasen die Trompeten und schreien: „Hurrah!“

Über kurz oder lang ward’s der Alten langweilig, Kaiserin zu sein; sie erließ den Befehl, den Alten aufzusuchen und vor ihre hellen Augen zu stellen. Was sich da für ein Gewühl erhob! wie die Kriegsobersten sich geschäftig tummelten und die Bojaren liefen: was ist das für ein Alter? Man fand ihn endlich auf dem hinteren Hof und führte ihn vor die Kaiserin. „Hör’, alter Teufel,“ sagte ihm die Alte, „geh’ jetzt zum Goldfischchen und sag ihm: will nicht länger Kaiserin sein, Meerbeherrscherin will ich sein, damit mir untertan seien alle Meere und alle Fische.“ Wohl versuchte der Alte, zu widersprechen, aber die Alte fuhr ihn scharf an: „Gehst du nicht gleich, dann: Kopf ab!“ Da fasste er sich denn ein Herz und ging zum Goldfischchen. Kam zum Meer und rief:

„Fischlein! Fischlein! Stell’ dich in’s Meer
Mit dem Schwanz, den Kopf zu mir her.“

Goldfischchen kam nicht, kam nicht. Ruft er zum zweitenmal. Goldfischchen kommt nicht, kommt nicht. Er ruft zum drittenmal. Da murmeln, da rauschen, da wallen die Wogen – das Meer war so schimmernd, das Meer war so licht; nun wird’s schwarz, schwarz. Schwimmt im wilden schwarzen Meer zum Ufer das Fischchen: „Was willst, Alter?“ „Meine Alte ist noch weit närrischer geworden, will nicht mehr Kaiserin sein, Meerbeherrscherin will sie sein, will herrschen über alle Meere und alle Fische.“ Nichts antwortet dem Alten das Goldfischchen, dreht sich um und geht in die Tiefe.

Als der Alte heimkam, traute er nicht seinen Augen. Wo ist das Schloss mit goldenem Dach? Und wo die saftige grüne Wiese davor? Wo marschieren in Reih’ und Glied die zarischen Regimenter? Wo weilen die Kriegsobersten und Bojaren? Und wo ist sie selbst, die Kaiserin in ihrem Gewand von schillerndem Brokat?

Ein scharfer Wind geht und verweht, was gestern ragend stand… wo das Schloß war, steht jetzt ein verfallenes Hüttchen; sitzt im Hüttchen die Alte im zerrissenen Sarafan. Leben wieder wie früher die alten Leute; wieder geht mit dem Netz, das er selbst gemacht hat, der Alte zum Meer: aber es will ihm nicht mehr gelingen, Goldfischchen zu fangen.

* eine beliebte, aber wohl mythische Insel in russischen Märchen

*******

Abgesehen davon, dass die Karriere natürlich nach russischen Etappen abläuft (und nee, ich habe nicht rausfinden können, was die Wojewodin ist – sorry), ist es verdammt nah an der mir besser bekannten, deutschen Variante. Spannend ist allerdings, dass das Fischlein dann immer noch mal das Beten nachreicht für die Wunscherfüllung. Ob das eine nachträgliche Ergänzung ist, damit auch alles seinen christlichen Gang geht und nicht etwa einen animistischen?

Oh, und das Bild passt zugegebenermaßen nur bedingt. ;D Aber die Illustrationen direkt zum Märchen, die ich gefunden habe, waren zu grausig kitisch-grottig. Also suchte ich nach Goldfischen in der bildenden Kunst und – wusstet ihr, dass Goldfische schon so früh als Haustiere schick waren?

P.S.: Offenbar ist nur die Verlinkung bei Wiki-Commons nicht so großartig. Hier also doch noch eine schöne Illustration des Märchens und zwar auf einer Briefmarke:

Textquelle: Russische Märchen von Wilhelm Goldschmidt. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich 1883, S. 117-123.
Bildquelle: The Goldfish Seller, ein Ölgemälde von Leslie George Dunlop (1835-1921) & P.S.: sowjetische Briefmarke von 1975

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