19.3 Von den Teufelchen auf dem Eichenbaum

Nach zu helfendem Prinz und glücklichem Hirten kommen wir heute zu zwei Bauern, die sich über ein … nun, Grundsatzproblem streiten. Aber lest selbst…

Von den Teufelchen auf dem Eichenbaum

Es wohnten im Dorf zwei Bauern, Nachbarsleute, beide arm, ohne Kind und Kegel – schlau war der Eine, den’s immer kitzelte, zu mausen und den lieben Nächsten um das Seine zu prellen; wie’s Gott gefällt, lebte der Andere und mühte sich, sein dürftiges Leben durch rechtliche Arbeit zu fristen.

Stritten sich eines Tages die Nachbarsleute, ob es besser sei: zu lügen und zu trügen, oder mühselig in der Gotteswelt ehrlich seine Tage zu verbringen. Der Eine sagte: „Ehrlichkeit ist ein Hungerleider, so ein schäbiger Gesell, der’s nicht lange macht.“ Sagte der Andere: „Lieber tot sein, als in der Lüge leben. Ich wollt’s nicht, Gevatter, wollt’s nicht, und säße ich auch, wie ich da bin, im Butterfass und brauchte nur zuzugreifen.“ Sie stritten, stritten, keiner gibt dem anderen nach, und als sie so viel gesprochen hatten, dass nichts mehr zu sprechen war, beschlossen sie, in die Welt zu wandern und an allen Ecken zu fragen, wie man leben müsse.

Wie sie nun so gehen, sehen sie einen Bauern, der pflügt. „Gott zum Gruß, guter Mann! Kannst du nicht unseren Streit entscheiden? Sage uns, ob es besser sei: zu lügen und zu trügen, oder mühselig in der Gotteswelt ehrlich seine Tage zu verbringen.“ „Ne, Brüderchen, kein Mensch ist im Stande, sein lebenlang ehrlich zu leben, mit der Lüge geht’s schon eher.“ „Siehst du, ich habe Recht,“ sagt der Lügenpeter.

Wie sie weiter gehen, begegnet ihnen ein Kaufmann in einer mit Waren vollgepropften Kibitka*, die ein Paar feiste Pferde ziehen. Unsere Bäuerlein nähern sich der Kibitka, grüßen und sagen: „Nichts für ungut, wir kommen zu deiner Wohlgeboren mit einer Bitte. Kannst du nicht unseren Streit entscheiden? Sage uns, ob es besser sei: zu lügen und zu trügen, oder mühselig in der Gotteswelt ehrlich seine Tage zu vollbringen.“ „Nein, Kinderchen, ehrlich zu leben ist ein schweres Stück Arbeit, mit ein bisschen Lug und Trug geht Kibitka s schon eher. Man täuscht uns ja – wie müssen wir denn da nicht auch täuschen?“ „Siehst du, ich habe Recht,“ sagt der Lügenpeter.

Wie sie weiter gehen, begegnet ihnen ein herrschaftlicher Amtmann. Unsere Bäuerlein nähern sich ihm, grüßen und sagen: „Mit Verlaub von deiner Gnaden, wir kommen zu dir mit einer Bitte. Kannst du nicht unseren Streit entscheiden? Sage uns, ob es besser sei: zu lügen und zu trügen, oder mühselig in der Gotteswelt ehrlich seine Tage zu vollbringen.“ Wie da der Amtmann zornig wurde! Was kommt ihr mir mit Geschwätz! Was gibt es jetzt für Recht auf der Welt, he? Für Rechttun kann man dahin geschubst werden, wohin nicht einmal der Rabe Knochen trägt! „Nicht du, ich behalte Recht,“ sagte der Lügenpeter.

Der Redliche meinte noch immer, man müsse leben, wie Gott es befiehlt. „Willst noch weiter versuchen? Nun, meinetwegen. Komm nur. Werden ja sehen wer von uns satter sein wird, du von deinem Rechtthun oder ich von meinem Lug.“ „Gott wird mich nicht verlassen,“ antwortete der Redliche.

Sie gehen weiter, und wohin sie auch kommen, überall ist es, als käme das Glück dem Lügenpeter entgegen: er weiß mit jedem zu verkehren, weiß sich in alles zu schicken, Essen und Trinken reicht man ihm, und Zehrung für den Weg. Mit dem Redlichen aber ist es anders bestellt: wo er Arbeit findet, da isst er sein Stückchen trockenes Brot, und Wasser trinkt er dazu; und er hungert wenn er keine Arbeit findet. Der Lügenpeter lacht ihn aus.

Eines Tages war der Redliche so ausgehungert, dass er es nicht mehr aushalten konnte und den Kameraden bat: „Gib mir ein Stückchen Brot!“ „Lass mich dir ein Auge ausstechen,“ antwortet der Falsche, „dann werde ich dir zu essen geben.“ „Was ist da zu machen? Stich aus, wenn du kein Gewissen hast.“ Da stach der Lügenpeter dem Redlichen ein Auge aus, und gab ihm doch nur so viel Brot, dass sein Hunger nur für kurze Zeit gestillt wurde.

Welche Qualen erduldete der Redliche! Aber dennoch ließ er nicht von seinem Sinn und vermochte es nicht über sich, dem Kameraden Recht zu geben.
Es verfloss nicht viel Zeit, und wieder hungerte den Armen. Wie er sich auch mühte, er konnte sich keine Arbeit, kein Brot verschaffen. Wieder kommt er zum Lügenpeter, grüßt und bittet, ihm in Christi Namen ein Stückchen Brot zu geben. Der Lügenpeter machte sich über ihn lustig. „Gut,“ sagte er, „werde dich füttern – lass mich dir das andere Auge ausstechen.“ „Habe Mitleid mit mir, Brüderchen! ich werde dann ja blind sein.“ „Was tut’s? Dafür bist du ja der Redliche.“ „Stich aus, wenn du die Sünde nicht fürchtest.“ Und der schlechte Kamerad stach dem Armen das Auge aus, gab ihm ein Häppchen Brot und stieß ihn auf den Weg.

Der Arme tappte weiter und aß sein kummervolles Brot; geht und geht, irrt, verirrt sich, weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Plötzlich hört er an seinem Ohr einer fremden Stimme freundlichen Klang. „Gehe rechts,“ hallt es zu ihm, „wirst an eine rieselnde Quelle kommen, trinke daraus; benetze auch mit dem Wasser deine Augen, dann wirst du wieder sehend werden. Darauf klettre auf den Eichenbaum, an dessen Fuß die Quelle sprudelt, und im Baum verbirg dich die lange Nacht. Was du sehen und hören wirst, merke es dir genau.“

Der Gerechte kam an die rieselnde Quelle, trank Wasser, benetzte seine Augen und wurde sehend. Und er sieht: an der Quelle steht ein alter, ganz alter, weitverzweigter riesenhafter Eichenbaum – darunter kein Hälmchen, kein Blättchen, rund herum die Erde ganz glatt gestampft. Auf den Eichenbaum klettert der Redliche und versteckt sich in den mächtigen Zweigen. Wie es schummrig wird, wie es dunkel wird, fliegen Teufelchen von allen Ecken und Enden der Erde unter den Eichenbaum, in unabsehbarer Menge fliegen sie heran und halten Versammlung wie im Winter um den Vogelherd die hungrigen Birkhühner. Sie klatschen wie alte Weiber, sie erzählen sich, wo ein jeder gewesen und was er vollführt hat. Der im Baume hört, wie ein Teufelchen erzählt: „Bei der Zarewna in der nächsten Stadt bin ich gewesen. Quäle sie schon seit zehn Jahren mit böser Krankheit. Blut zapfen sie ihr ab, elende Tränke brauen sie, bittre Pulver mischen sie, kneten Teig zu Pflastern – können sie doch nicht kurieren. Kurieren kann sie nur das Heiligenbild, das im Hause des reichen Kaufmanns in der Stadt über der Pforte im schwarzen Schrein hängt.“

Kaum dämmerte der Morgen, so stieg der Bauer vom Eichenbaum und ging in die benachbarte Stadt, streifte umher und fand das Haus, in welchem über der Pforte im schwarzen Schrein das Heiligenbild hängt. Er vermietet sich beim Kaufmann als Arbeiter und sagt ihm: „Ich will keine Bezahlung von dir, aber gib mir als Lohn jenes Heiligenbild, das über deiner Pforte im schwarzen Schrein hängt.“ Der Kaufmann willigte ein und nahm den Bauern als Arbeiter zu sich.

Ein rundes Jährchen arbeitete der Redliche, so viel er nur vermochte. Und als das runde Jährchen vergangen war, kommt er zum Kaufmann und bittet ihn, das Heiligenbild über der Pforte aus dem schwarzen Schrein zu nehmen. „Brüderchen,“ sagt der Kaufmann, mit deiner Arbeit bin ich wohl zufrieden, aber um das Heiligenbild ist es mir leid. Sei gescheit, Brüderchen, lass mir das Heiligenbild und nimm Geld.“ „Ich brauche nicht dein Geld. Gib mir das Heiligenbild, wie wir es abgemacht haben.“ „Nein, ich mag es jetzt nicht geben. Willst du es haben, so arbeite noch ein Jahr bei mir.“ Der Redliche arbeitete noch ein rundes Jährchen, so viel er nur vermochte. Und als das runde Jährchen vergangen war, kommt er zum Kaufmann und bittet ihn, das Heiligenlied über der Pforte aus dem schwarzen Schrein zu nehmen. Der Kaufmann ließ ihn jedoch noch ein drittes Jahr arbeiten. Arbeitete also der Redliche noch ein drittes Jährchen. Und als das dritte Jährchen vergangen war, nimmt – wohl oder übel – der Kaufmann das Heiligenbild aus dem Schrein, überreicht es dem treuen Arbeiter und gibt ihm noch obenein zu essen und zu trinken und Zehrung auf den Weg.

Als der Redliche das Heiligenbild bekommen hatte, ging er sogleich zur Zarewna, welche das Teufelchen mit böser Krankheit quält. Er unternahm es, sie ohne Belohnung zu heilen; und sobald er nur das heilige Bild in ihr Zimmer getragen hatte, stand die Zarewna vom Bett auf, als ob ihr nie etwas gefehlt hätte. So erfreut waren Zar und Zaritza, daß sie gar nicht wussten, wie sie den redlichen Mann belohnen sollten: boten ihm Land und Leute, und großen Reichthum. Nichts nahm er. Sprach darauf die Zarewna zum Vater und zur Mutter: „Dieser Mann ist mein Wohltäter. Ich will ihm dankbar sein und werde ihn zum Manne nehmen, wenn ihr es mir erlaubt.“ Zar und Zaritza willigten ein und der Wohltäter sagte auch nicht nein, und am selben Abend traute man ihn mit der Zarewna.

Fröhlich lebte er nun und war guter Dinge: zarische Kleider trägt er, in zarischen Gemächern wohnt er, mit zarischen Rossen fährt er, trinkt und isst vom zarischen Tisch alles, was am besten ist. Er vergaß aber nicht im fröhlichen Leben seiner weiten armen Heimat, und in der armen Heimat seines Mütterchens; zur Frau spricht er: „Fahren wir in meine arme Heimat, Mütterchen zu besuchen.“ „Gut,“ sagt die Frau. Sie setzten sich ein und fuhren.

Sie fahren und fahren, und wie sie nicht mehr weit von der Heimat sind, kommt ihnen auf dem Wege Lügenpeter entgegen. Lässt der zarische Schwiegersohn die Pferde halten und redet also: „Sei gegrüßt, Brüderchen!“ Der erkennt ihn gar nicht. „Bin doch dein Nachbar, Brüderchen, derselbe, mit dem du gestritten hast, ob es besser sei: zu lügen und zu trügen, oder mühselig in der Gotteswelt ehrlich seine Tage zu verbringen. Siehst: auch mir ist es geglückt; ich lebe als ein redlicher Kerl und bin fröhlich.“ Und dem Lügenpeter erzählte er, ohne auch nur das Geringste zu verheimlichen, alles nach der Reihe: wie er aus der Quelle getrunken, wie er mit dem Quellwasser die Augen benetzt, wie er im breiten Gezweig des Eichenbaums den Teufelchen zugehört – alles, alles erzählte er.

Alles merkte sich Lügenpeter, denn er hatte aufmerksam zugehört; und sobald die zarische Karosse weitergefahren war, machte er sich auf den Weg, jenen Eichenbaum aufzusuchen, in dessen breiten Gezweig der Kamerad sein Glück erhorcht hatte. Zu seinem Unglück fand er auch die Quelle und den Eichenbaum. Aus der Quelle trank er und benetzte sein Gesicht, und dann kletterte er auf den Eichenbaum und erwartete die lange Nacht. „Ja,“ denkt er, „in dem Teufelsammelsurium werde ich so eine Sache ablauschen, dass ich mich noch weit besser einrichte als der Nachbar.“

Aber ganz schlimm kam die Sache heraus.

Wie es schummrig wird, wie es dunkel wird, fliegen Teufelchen von allen Ecken und Enden der Erde unter den Eichenbaum, in unabsehbarer Menge fliegen sie heran und halten Versammlung wie im Winter um den Vogelherd die hungrigen Birkhühner. Und zu klatschen fangen sie an… aber die Rede stockt, denn sie riechen’s heraus, dass einer auf dem Eichenbaum sitzt und ihr Gerede belauscht. Sie ziehen, sie zerren den Lügenpeter herunter, in Krümelchen zerstäuben sie ihn, dass man auch gar nichts von ihm auffinden konnte.

Und der zarische Schwiegersohn nahm Altmütterchen zu sich, führte sie in die blinkenden Gemächer und verlebte mit ihr und der Frau fröhliche selige Tage,

* eine geschlossene Kutsche oder auch ein Schlitten (siehe Bild).

*******

Nicht nur das Thema ist natürlich bekannt (und beschäftigt uns ja heute noch, wenn auch vielleicht eher in Hinblick auf nicht-religiöse Tugenden/Ideale). Das Motiv mit dem Belauschen der Teufelchen hatten wir ja schon mit Kobolden – im japanischen Gewand. Und auch das Motiv mit den Augen… also ich schwöre, es gibt ein tibetisches Tiermärchen, wo der Wolf in ähnlicher Weise seine Augen los wird, aber das finde ich doch nicht mehr. Verflixt.

 

Textquelle: Russische Märchen von Wilhelm Goldschmidt. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich 1883, S. 61-68.
Bildquelle: Reisende in einer Kibitka (1819) von dem polnischen Künstler Aleksander Orlowski (1777-1832)

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