19.2 Das Märchen von dem listigen Hirten und dem wilden Eber

Nachdem gestern der Prinz ohne den Wolf ja eigentlich nix hingekriegt hätte, schauen wir heute mal, wie sich ein Hirte so schlägt. Lest selbst…

Das Märchen von dem listigen Hirten und dem wilden Eber

Hinter dreimal neun Ländern und dreimal zehn Zartümern lebte ein König, der in seinem Königreiche einen sehr großen und dichten Wald hatte, in welchem sich, ohne dass man wusste, woher er gekommen sei, ein wilder Eber einfand, der viele Reisende, welche durch den Wald zogen, anfiel und auffraß. Der König sendete oftmals eine große Anzahl Krieger in den Wald, um den Eber zu töten, aber das grausame Ungetüm gewann jedesmal den Sieg über seine Verfolger. Dieser wilde Eber aber wurde immer blutdurstiger, und wagte es sogar aus dem Wald herauszukommen, um Alles aufzufressen, was ihm nur zu Gesichte kam.

Der König, welcher vor dem Eber eine große Furcht hatte, dachte, dass er auch mit der Zeit seine Ausfälle bis auf die Stadt erstrecken, und unter den Bewohnern derselben großes Unglück anrichten könne, so, dass sich zuletzt Niemand mehr getrauen würde, auf die Straße hinauszugehen. Er befahl daher in seinem ganzen Reiche den Ukas* zu verkünden, in welchem er versprach, demjenigen, der im Stande sei, den wilden Eber zu töten, die schöne Zarewna Iljia zur Gemahlin zu geben, was immer für eines Standes oder Ranges der Held auch sein möchte. Aber Niemand wollte sich in die Gefahr begeben, und mit dem grimmen Tiere den Kampf bestehen, so gerne auch ein jeder Herrscher des Landes geworden wäre.

Endlich ergab es sich, dass ein junger Hirte seine Herde in der Nähe jenes Waldes hütete, in welchem sich der Eber aufhielt. Nicht lange, so erblickte er das Ungetüm, welches gerade auf ihn los kam, und sich anschickte, ihn aufzufressen. Der Hirte lief in den Wald, und kletterte auf einen hohen und dicken Birnbaum, auf welchem er sein ferneres Schicksal erwartete.

Es ist nötig zu wissen, dass der Hirte keine andere Waffe bei sich führte, als ein Beil, welches er in seinem Gürtel stecken hatte. Der Eber, welcher dem Hirten nachgelaufen war, sah, dass es ihm auf keine Art möglich wäre, seiner Beute habhaft zu werden, und fing nun an, den Baum bei den Wurzeln zu zernagen. Der Hirte erschrak darüber sehr und dachte, wenn der Eber den Baum zernagte, dieser endlich umfallen müsse, und er auf diese Art dennoch ein Opfer des Ungetüms werden würde. In diesem angstvollen Zustande riss er Weintraubenäste, welche sich um den Baum schlangen, herab, und warf damit auf den Eber.

Der Eber fraß eine große Anzahl von den Weintrauben, wurde davon betrunken, legte sich sodann neben den Birnbaum nieder, und schlief ein. Der Hirte, welcher nicht wusste, ob der Eber wirklich eingeschlafen sei, oder sich nur so anstellte, nahm wieder einige Weintraubenäste und warf sie auf ihn herab. Als er aber endlich bemerkte, dass der Eber wirklich schlafe, wagte er es, von dem Baum herabzusteigen. Er ließ sich auf die Erde nieder, hieb mit dem Beile dem Eber den Kopf ab, und benachrichtigte sogleich den König von seiner Heldentat.

Der König, welcher sein Versprechen nicht brechen wollte, gab hierauf dem Hirten die schöne Zarewna Ilija zur Gemahlin. Dieser vermählte sich mit der Königstochter, bestieg nach dem Tode des alten Königs den Thron, und so lebten Beide in Einigkeit und Frieden, nachdem sie der Himmel noch mit zahlreichen Kindern gesegnet hatte.

* Also den Erlass.

*******

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass der Hirte bei aller Panik absichtlich, die Traubenäste runtergeschmissen hat. Dass es also nicht nur glücklicher Zufall war, dass er den Eber ‚heldenhaft‘ bezwungen hat. ;D

 

Textquelle: Die ältesten Volksmärchen der Russen. Von Johann R. Vogl. Wien: Verlag von Pfantsch & Compagnie 1841, S. 139-141.
Bildquelle: Prinz auf Wildschweinjagd in – Form einer – fein, ja – persischen Miniatur

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