19.1 Das Märchen vom Vogel Schar, dem Pferd mit der goldenen Mähne und vom grauen Wolf – oder: Russische Märchen

Diese Woche ist nix mehr mit Inseln. Stattdessen gibt es russische Märchen, aus denen ich schon ewig mal wenigstens einige hier vorstellen wollte. Und damit die sieben dann auch richtig zählen, geht es heute mit einem laaaaaaangen Zaubermärchen los. Lest selbst (und seid tapfer!)…

Das Märchen vom Vogel Schar, dem Pferd mit der goldenen Mähne und vom grauen Wolf

In dem Königreiche eines gewissen Kaisertums lebte ein Zar namens Wislaw Andronowitsch, welcher drei Söhne hatte. Der Älteste hieß Dmitrii Zarewitsch, der Jüngere Wasilji Zarewitsch und der Jüngste Iwan Zarewitsch.

Dieser Zar besaß solch einen prachtvollen Garten, wie in keinem Königreiche einer zu sehen war, und in welchem sehr viele seltene Bäume mit und ohne Früchten wuchsen. Einer dieser Bäume, ein Apfelbaum, war der Liebling des Zars, denn es wuchsen auf ihm goldene Äpfel.

Diesen Garten wählte auch ein Vogel namens Schar* zu seinem Aufenthalte. Dieser Vogel aber hatte goldene Federn, und Augen, welche dem Kristall des Südens gleich kamen. Er flog jede Nacht in den Garten des Zars, setzte sich auf dessen Lieblingsbaum und pflückte die goldenen Äpfel ab und entfloh mit ihnen.

Der Zar wurde sehr ergrimmt über diesen Vogel, welcher ihm bereits so viele Äpfel geraubt hatte, rief seine drei Söhne zu sich und sprach zu ihnen: „Meine lieben Kinder, wer kann mir von euch den Vogel Schar in meinem Garten fangen und wer von euch ihn fängt, dem gebe ich noch bei meinen Lebzeiten mein halbes Königreich, nach meinem Tode aber das ganze.“ Die Söhne des Zars erfreuten sich darüber gar sehr und sagten: „Gnädigster Vater, wir werden Alles aufbieten, um den Vogel Schar lebendig zu bekommen.“

Die erste Nacht wachte in dem Garten Dmitrii Zarewitsch und legte sich unter den Baum, von welchem der Vogel die Äpfel zu rauben pflegte. Er schlief aber ein und hörte es nicht, wie der Vogel Schar sich auf dem Baume niederließ. noch wie er von diesem die Äpfel raubte. Am Morgen rief der Zar Wislaw Andronowitsch seinen Sohn Dmitrii Zarewitsch und fragte ihn: „Mein lieber Sohn, hast du diese Nacht den Vogel Schar gesehen oder nicht?“ Er antwortete: „Mein lieber Vater, diese Nacht ist der Vogel Schar nicht gekommen.“

In der zweiten Nacht bewachte den Garten Wasilji Zarewitsch. Er setzte sich unter denselben Baum und nachdem er mehrere Stunden dort gesessen hatte, schlief er fest ein, dass auch er es nicht hörte, wie der Vogel Schar kam und die Äpfel raubte. Am Morgen fragte ihn der Zar: „Mein lieber Sohn, hast du diese Nacht den Vogel Schar gesehen oder nicht?“ „Lieber Vater, diese Nacht ist der Vogel Schar nicht gekommen,“ antwortete der Sohn.

In der dritten Nacht bewachte den Garten Iwan Zarewitsch und setzte sich unter den Apfelbaum und saß eine Stunde und eine zweite und eine dritte. Mit einem Mal erhellte sich der ganze Garten, als ob er mit vielen Lichtern erleuchtet würde; das war der Vogel Schar, welcher kam, um die Äpfel zu rauben. Iwan Zarewitsch saß unter dem Baum, schlich listiger Weise hinzu und erfasste den Vogel am Schweife, jedoch vermochte er ihn nicht festzuhalten. Der Vogel entriss sich ihm und entfloh, so dass dem Iwan Zarewitsch sonst nichts als eine Feder aus seinem Schweife in der Hand blieb.

Am Morgen, als der Zar Wislaw aufwachte, ging Iwan Zarewitsch zu ihm und gab ihm die Feder des Vogels. Den Zar Wislaw erfreute es sehr, dass es seinem jüngsten Sohne gelang, auch nur eine einzige Feder des Vogels zu erhalten. Diese Feder war so wunderbar und hell, dass, wenn man sie in ein dunkles Gemach brachte, selbe solche Strahlen von sich gab, dass man meinte, es sei in dem Gemache eine große Anzahl Lichter angezündet. Der Zar Wislaw legte diese Feder in sein Kabinet als ein Kleinod, welches der Aufbewahrung verdiente; der Vogel Schar jedoch kam von dieser Zeit an nicht wieder in den Garten.

Da berief der Zar Wislaw abermals seine Söhne und sprach zu ihnen: „Meine lieben Kinder, es ist Zeit, dass ihr euch jetzt auf die Reise begebt, um den Vogel Schar zu suchen. Findet ihr ihn, so trachtet ihn mir lebendig zu bringen, und was ich versprochen habe, soll demjenigen gehalten werden, der mir den Vogel Schar bringt.“

Dmitrii und Wasilji Zarewitsch hegten einen sehr großen Hass gegen ihren jüngsten Bruder, da es ihm gelungen war, eine Feder dem Vogel Schar zu entreißen. Nachdem sie den väterlichen Segen empfangen hatten, reisten sie beide, den Vogel Schar aufzusuchen.

Iwan Zarewitsch ersuchte ebenfalls seinen Vater um seinen väterlichen Segen für dieses Unternehmen, aber Zar Wislaw sprach: „Mein vielgeliebter Sohn, du bist noch sehr jung und solch einer weiten und gefahrvollen Reife nicht gewohnt, warum willst du dich von mir entfernen, da deine Brüder bereits nach dem Vogel Schar ausgezogen sind? Wenn auch du mich verlässt und mich Gott während eures Fernseins von dem Leben abriefe, wer würde dann das Zartum statt mir beherrschen, und wie leicht könnte sodann unter meinem Volke Zwiespalt und Uneinigkeit entstehen, welche zu unterdrücken , sodann Niemand vorhanden wäre?“ Aber wie sehr sich auch der Zar Wislaw bemühte, seinen Sohn Iwan Zarewitsch von seinem Vorhaben abzubringen, gelang es ihm dennoch nicht, und er musste endlich in sein fortwährendes Flehen einwilligen.

Iwan Zarewitsch empfing von seinen Eltern den Segen und nachdem er sich ein Pferd ausgesucht hatte, zog er fort und ritt und ritt, und wusste nicht wohin er ritt. Also seinen Weg verfolgend, war es nahe, war es weit, war es tief, war es hoch, die Erzählung sagt es nicht, auch ging es in der Wirklichkeit nicht so schnelle, gelangte Iwan Zarewitsch in ein sehr breites und schönes Tal, voll grüner Fluren. In diesem Tale stand ein großer Holzpflock und auf diesem Pflocke standen die Worte: „Wer den Weg von diesem Pflocke geradeaus zieht, wird hungrig und kalt werden, wer zur Rechten zieht, wird lebendig und gesund, aber sein Pferd des Todes sein, wer zur Linken zieht, der wird ermordet werden, aber sein Pferd wird lebendig bleiben.“ Nachdem Iwan Zarewitsch diese Worte gelesen hatte, ritt er den Weg zur Rechten, bei sich denkend, dass, wenn auch sein Pferd geopfert werden müsste, doch er am Leben bleiben würde, und sich mit der Zeit ein anderes Pferd verschaffen könne.

Er ritt einen Tag, einen zweiten und einen dritten, mit einem Male kam ihm ein ungeheuergroßer grauer Wolf entgegen. Dieser sprach zu Iwan Zarewitsch: „O du, wer du auch seiest, junger Mensch, Iwan Zarewitsch, last du auf dem Pflock, dass dein Pferd sterben müsste? Warum rittest du also hierher?“ Nachdem der Wolf dieses gesagt hatte, riss er das Pferd in zwei Teile und verlor sich sodann auf einem Seitenweg.

Iwan Zarewitsch, dem um das Pferd sehr leid war, fing an bitterlich zu weinen und setzte seinen Weg zu Fuße weiter. Er ging den ganzen selben Tag und wurde unaussprechlich müde, und als er sich hinsetzen wollte, um auszuruhen, kam ihm mit einem Male der graue Wolf nachgerannt und sagte zu ihm: „Es tut mir leid, Iwan Zarewitsch, dass du dich so sehr zu Fuße abgemattet hast, so auch, dass ich dein gutes Pferd zerriss. Wie es sei, setze dich auf mich, grauen Wolf, und sag, wohin ich dich tragen soll.“ Iwan Zarewitsch sagte dem grauen Wolf, wohin er gesonnen sei, zu ziehen, und der graue Wolf trug ihn weit schneller und flinker als das Pferd.

Nach einiger Zeit brachte er den Iwan Zarewitsch des Nachts zu einer steinernen, nicht sehr hohen Mauer, und indem er vor derselben stehen blieb, sagte er: „Iwan Zarewitsch, steig jetzt von mir, grauen Wolf, herab, und klettere über diese steinerne Mauer. Hinter dieser Mauer ist ein Garten, in welchem der Vogel Schar in einem goldenen Käfig sitzt. Nimm den Vogel Schar, rühre aber den goldenen Käfig nicht an, denn wenn du ihn berührst, so wirft du nicht mehr aus dem Garten kommen und man wird dich fangen.“

Iwan Zarewitsch kletterte über die Mauer in den Garten und sah den Vogel Schar, welcher ihm über alle Maßen gesiel, in dem Käfig sitzen. Er nahm den Vogel aus dem Käfig heraus und wollte den Garten verlassen, bedachte sich aber, indem er zu sich selbst sprach: „Warum habe ich eigentlich den Vogel ohne Käfig genommen, wo werde ich ihn unterbringen?“ Hierauf kehrte er zurück, wie er aber den Käfig in die Hände nahm, so entstand ein Lärmen und ein Toben in dem ganzen Garten, da in dem goldenen Käfig Saiten angebracht waren. Die Wächter erwachten sogleich aus ihrem Schlafe,
liefen in den Garten und fingen Iwan Zarewitsch mit den Vogel Schar und führten ihn zu ihrem Zar, welcher Dalmat hieß.

Zar Dalmat wurde sehr aufgebracht über Iwan Zarewitsch und schrie auf ihn, mit lautem und bösen Ton: „Schämst du dich nicht, junger Held, zu stehlen? Und wer bist du denn, und wessen Landes und wessen Vaters Sohn bist du, und wie heißt du?“ Iwan Zarewitsch sprach beschämt zu ihm: „Ich bin aus dem Zartume Wislawa und der Sohn des Zars Wislaws Andronowitsch, und heiße Iwan Zarewitsch. Dein Vogel Schar hatte die Gewohnheit, jede Nacht in den Garten meines Vaters zu fliegen, um von seinem Lieblingsbaum die goldenen Äpfel abzupflücken und verdarb beinahe den ganzen Baum. Darum schickte mich mein Vater aus, den Vogel Schar zu suchen und ihm denselben zu bringen.“ „O du junger Iwan Zarewitsch,“ sagte Zar Dalmat, „geziemt es sich wohl zu tun, was du getan hast? Wärst du zu mir gekommen, so hätte ich dir den Vogel Schar in Güte überlassen. Wird es dir jetzt angenehm sein, wenn ich es in allen Reichen bekannt machen lasse, wie unedel du dich in meinem Königreiche benommen hast. Übrigens höre, Iwan Zarewitsch; wenn du mir den Dienst erweist und du dich entschließest, durch dreimal neun Länder und dreimal zehn Königreiche zu reisen, um mir vom Zar Afron ein Pferd zu bringen, welches goldene Mähnen besitzt, so will ich dir deine Schuld vergeben und dir überdies noch den Vogel Schar überlassen. So du aber dieses nicht tust, will ich es in allen Königreichen bekannt machen, dass du ein Held ohne Ehre bist.“

Iwan Zarewitsch ging von dem Zar Dalmat mit einer großen Betrübnis, nachdem er ihm versprochen hatte, ihm das Pferd mit der goldenen Mähne zu verschaffen. Er kam zum grauen Wolf zurück, und erzählte ihm alles Vorgefallene und was ihm Zar Dalmat aufgetragen habe. „O junger Mensch, Iwan Zarewitsch,“ sprach zu ihm der graue Wolf, „warum hast du meinen Rat nicht befolgt und nahmst den goldenen Käfig?“ „Ich habe gefehlt gegen dich,“ sagte Iwan Zarewitsch zu dem grauen Wolf. „So sei es denn,“ brummte der graue Wolf, „setze dich wieder auf mich, Grauen, ich bringe dich dorthin, wohin du willst.“

Iwan Zarewitsch setzte sich wieder auf den Rücken des grauen Wolfes, der so schnell wie ein Pfeil mit ihm davon eilte. Er lief, war es lange, war es kurz? Und kam endlich des Nachts in das Königreich des Zars Afron, und nachdem sie zu den marmornen Mauern der Stallungen des Zars gelangt waren, sprach der graue Wolf zu Iwan Zarewitsch: „Jetzt Iwan Zarewitsch, begib dich in diesen Stall, es werden alle die wachhabenden Pferdehüter darinnen schlafen. Nimm das Pferd mit der goldenen Mähne, aber an der Wand hängt ein goldener Zaum, diesen berühre nicht, sonft ergeht es dir schlimm.“

IwanZarewitsch trat in den weißen, marmornen Stall hinein, nahm das Pferd und sah an der Wand den goldenen Zaum hängen, welcher ihn so sehr anlockte, dass er auch ihn von dem Nagel herunternahm. Kaum aber war dieses geschehen, erhob sich ein Lärmen und Poltern durch alle Ställe, weil an diesem Zaum ebenfalls Saiten angebracht waren. Die Pferdehüter liefen herbei und fingen den Iwan Zarewitsch, welchen sie zum Zar Afron brachten.

Zar Afron aber fragte ihn: „O junger Mensch, aus welchem Königreiche und wessen Vaters Sohn bist du, und wie nennst du dich?“ Auf dieses antwortete Iwan Zarewitsch: „Ich bin aus dem Zartume Wislawa, der Sohn des Zars Wislaw Andronowitsch und heiße Iwan Zarewitsch.“ „O du junger Iwan Zarewitsch,“ sprach zu ihm der Zar Afron. Ist dieses eines ehrlichen Helden würdig, was du getan hast? Wärest du zu mir gekommen, so hätte ich dir das Pferd mit der goldenen Mähne in Güte gegeben. Wird es dir jetzt angenehm sein, wenn ich es in allen Königreichen bekannt machen werde, wie du dich in meinem Königreiche so unehrlich benommen hast? – Aber höre, Iwan Zarewitsch, wenn du gesonnen bist, mir einen Dienst zu erweisen, und durch dreimal neun Länder und dreimal zehn Königreiche zu ziehen, um mir die Königin Helene, die Schöne genannt, für welche ich schon längst mit Herz und Seele entbrenne, zu bringen, so verzeihe ich dir nicht nur dein Vergehen, sondern gebe dir noch überdies das Pferd mit der goldenen Mähne, sammt dem goldenen Zaum. Wenn du aber im entgegengesetzten Falle nicht gesonnen bist, mir diesen Dienst zu erweisen, werde ich es in allen Königreichen bekannt machen, dass du ein unehrlicher Held bist, und es genau beschreiben, wie du in meinem Königreiche dich so schlecht benommen hast.“ Iwan Zarewitsch versprach dem Zar Afron, die schöne Königin Helene zu bringen.

Er entfernte sich aus den Gemächern des Zars, bitterlich weinend; kam zu dem grauen Wolf und erzählte diesem Alles, was mit ihm vorgefallen war. „O junger Iwan Zarewitsch,“ brummte der graue Wolf, „warum hast du meinen Rat nicht befolgt und nahmst den goldenen Zaum.“ „Wohl habe ich gefehlt, dass ich dieses getan habe,“ sagte Iwan Zarewitsch zu dem Wolf. „Wohlan,“ fuhr der Wolf fort, „so setze dich auf mich, grauen Wolf, ich bringe dich dorthin, wo deine Bestimmung ist.“

Iwan Zarewitsch setzte sich auf den Rücken des Wolfes, welcher schneller mit ihm entfloh, als der schnellste Pfeil eines Bogens. Er lief, wie man so in einer Erzählung sagt, nicht sehr lange Zeit, und kam zuletzt in das Reich der Königin Helene, welche die Schöne genannt wurde. Als er zu einem goldenen Gitter kam, welches den prachtvollen Garten umgab, sagte der Wolf: „Iwan Zarewitsch, steigt jetzt von mir, grauen Wolf, herab und gehe denselben Weg zurück, den wir hierher gemacht, und warte auf mich in dem großen Tale, unter der grünen Eiche.“ Iwan Zarewitsch ging, wohin ihm befohlen war.

Der graue Wolf aber legte sich unter das goldene Gitter nieder und wartete die Zeit ab, bis die schöne Königin Helene lustwandeln würde. Am Abend, als die Sonne im Westen unterging, wovon auch die Luft weit kühler wurde, ging die schöne Königin Helene mit ihren Wärterinnen und Zofen in dem Garten spazieren. Wie sie aber zu der Stelle kam, an welcher der graue Wolf hinter dem Gitter lag, sprang dieser plötzlich in den Garten hinüber, ergriff die schöne Königin Helene, sprang sodann wieder über das Gitter zurück und entfloh mit der Königin, so schnell er konnte. Als er aber in das große Tal zu der grünen Eiche kam, wo ihn Iwan Zarewitsch erwartete, sprach er zu diesem: „Iwan Zarewitsch, setze dich geschwind auf mich, grauen Wolf.“ Iwan Zarewitsch setzte sich auf den grauen Wolf und dieser rannte mit Beiden in das Königreich des Zars Afron.

Die Wärterinnen aber und die Ammen und alle Zofen, welche mit der schönen Königin spazieren gegangen waren, liefen sogleich in den Palast und schickten Läufer fort, um den grauen Wolf einzuholen. Wie sehr diese aber auch liefen, so konnten sie ihn dennoch nicht einholen, und kamen unverrichteter Dinge wieder zurück.

Iwan Zarewitsch, welcher samt der Königin Helene auf dem grauen Wolf saß, verliebte sich über die Maßen in die schöne Königin und sie sich ebenfalls in den Iwan Zarewitsch, und wie der graue Wolf in dem Reiche des Zars Afron anlangte, und es nun an der Zeit war, dass Iwan Zarewitsch die schöne Königin Helene in den Palast des Zars Afron führen und sie selbem übergeben sollte, fing er darüber sehr zu trauern und bitterlich zu weinen an.

Der graue Wolf fragte ihn: „Warum weinst du, Iwan Zarewitsch?“ Auf dieses sagte Iwan Zarewitsch zu ihm: „Mein Freund, du grauer Wolf, wie soll ich Ärmster nicht weinen und mich nicht grämen? Ich liebe die schöne Königin Helene und soll sie jetzt dem Zar Afron für das Pferd mit der goldenen Mähne überlassen, denn wenn ich sie ihm nicht übergebe, so entehrt mich der Zar Afron in allen Ländern.“ „Ich habe dir viel gedient, Iwan Zarewitsch,“ sagte hierauf der graue Wolf, „und werde dir auch diesen Dienst erweisen können. Höre Iwan Zarewitsch, ich will mich in die schöne Königin Helene verwandeln, und du bringst mich zu dem Zar Afron und nimmst dafür das Pferd mit der goldenen Mähne. Und wann du auf dem Pferde mit der goldenen Mähne eine gute Strecke geritten bist, werde ich den Zar Afron bitten, mich ein wenig in den Feldern lustwandeln zu lassen. Wenn er mich nun mit den Wärterinnen, Ammen und Hofdamen lustwandeln lässt und ich mich mitten im Felde befinden werde, so denke nur fest an mich, und ich werde allsogleich zu dir kommen.“

Nachdem der graue Wolf diese Worte gesprochen, warf er sich auf die feuchte Erde und wurde zur schönen Königin Helene, so, dass man durchaus nicht erkennen konnte, dass er nicht jene sei. Iwan Zarewitsch nahm den in die schöne Helene verwandelten, grauen Wolf und ging mit ihm in den Palast des Zars Afron. Die Königin Helene aber ließ er außer den Mauern der Stadt, auf ihn zu warten. Wie Iwan Zarewitsch zum Zar Afron mit der vermeinten Helene trat, erfreute sich der Zar unendlich in seinem Herzen, dass er das Kleinod erhalten habe, welches er sich schon so lange gewünscht hatte. Er nahm die vermeinte Helene und gab dem Iwan Zarewitsch das Pferd mit der goldenen Mähne.

Iwan Zarewitsch setzte sich auf das Pferd und verließ die Stadt, setzte die schöne Helene ebenfalls zu sich auf das Pferd und verfolgte mit ihr den Weg nach dem Königreiche des Zars Dalmat. Der graue Wolf aber wohnte drei Tage bei dem Zar Afron, statt der schönen Königin Helene, am vierten Tage aber begab er sich zu dem Zar und bat diesen, ihm zu erlauben, dass er spazieren gehen und sich ein wenig zerstreuen dürfe. Der König Afron sagte: „Meine schöne Königin Helene, gerne erteile ich dir die Erlaubnis, in den Feldern spazieren zu gehen.“ Sogleich befahl er den Wärterinnen und Ammen und allen Hofzofen, mit der vermeinten Helene spazieren zu gehen.

Iwan Zarewitsch aber, welcher mit der schönen Königin Helene fortgeritten war und sich mit ihr unterhielt, vergaß ganz auf den grauen Wolf. Mit einem Male aber erinnerte er sich seiner und rief: „Ach, wo ist mein grauer Wolf!“ Und plötzlich, wie es immer geschehen mochte, stand der graue Wolf vor Iwan Ciarewitich und sprach: „Setze dich Iwan Zarewitsch, auf mich, grauen Wolf, und überlasse das Pferd mit der goldenen Mähne der schönen Königin.“ Iwan Zarewitsch setzte sich, wie ihm gesagt, auf den grauen Wolf, und so zogen sie nach dem Königreiche des Zars Dalmat.
Sie zogen, ob lange, ob kurz, und kamen in das benannte Königreich. Als sie drei Werste vor der Stadt anhielten, sprach Iwan Zarewitsch zu dem grauen Wolf: „Höre du mein lieber und bester Freund, grauer Wolf, du hast mir viele Dienste erwiesen, tu mir auch diesen letzten Dienst, der darin besteht, dass du dich auch jetzt in das Pferd mit der goldenen Mähne verwandelst, da ich mich nicht gerne von diesem Pferde trennen möchte.“

Mit einem Male warf sich der graue Wolf auf die Erde und wurde zum Pferde mit der goldenen Mähne.
Iwan Zarewitsch aber verließ die schöne Helene außerhalb der Stadt, setzte sich auf den in das Pferd mit der goldenen Mähne verwandelten Wolf, und kam mit ihm zum Palast des Zars Dalmat. Als er dort anlangte und der Zar Dalmat Iwan Zarewitsch auf dem Pferde mit der goldenen Mähne erblickte, kam er ihm sogleich aus seinen Gemächern entgegen und küsste ihn auf seine süßen Augen, und führte ihn an seiner rechten Hand in seine marmornen Gemächer. Zar Dalmat, außer sich vor Freude, befahl ein großes Gastmahl zu veranstalten und beide setzten sich an einen mit seidenen Tischtüchern bedeckten Tisch, tranken, aßen, unterhielten und belustigten sich ganzer zweier Tage. Am dritten Tage aber gab der Zar Dalmat dem Iwan Zarewitsch, den Vogel Schar samt dem goldenen Käfig unter großen Schmeicheleien.

Iwan Zarewitsch nahm den Vogel Schar, verließ die Stadt und setzte sich mit der schönen Königin Helene auf das Pferd mit der goldenen Mähne und zog mit ihr in sein Vaterland, das Königreich des Zars Wislaw Andronowitsch. Dem Zar Dalmat kam den andern Tag in den Sinn, sein Pferd mit der goldenen Mähne auszureiten, weshalb er es auch satteln ließ; und als dies geschehen, setzte er sich auf dasselbe und ritt in das freie Feld hinaus. Doch kaum hatte er es etwas in Hitze gebracht, so schleuderte das Pferd den Zar Dalmat herab, verwandelte sich wieder wie früher in den grauen Wolf, und jagte dem Iwan Zarewitsch nach, welchen es auch bald einholte.

„Iwan Zarewitsch,“ sprach der graue Wolf zu diesem, „setze dich auf mich, grauen Wolf, die schöne Königin Helene aber lass auf dem Pferde mit der goldenen Mähne reiten.“ Iwan Zarewitsch setzte sich auf den Wolf und sie begaben sich auf den Weg, und als sie an die Stelle gelangten, wo der graue Wolf das Pferd des Iwan Zarewitsch zerrissen hatte, sagte der graue Wolf, indem er stille stand, zu Iwan Zarewitsch: „Jetzt Iwan Zarewitsch, steig von mir, grauen Wolfe herab. Ich habe dir viel gedient mit Recht und Wahrheit, sieh auf dieser Stelle habe ich dein Pferd in zwei Teile gerissen, darum habe ich dich auch bis an diese Stelle zurückgebracht. Du hast jetzt das Pferd mit der goldenen Mähne, setze dich also darauf und ziehe hin, wohin dich deine Bestimmung ruft. Jetzt habe ich aufgehört dein Diener zu sein.“ Nachdem der graue Wolf dieses gesprochen hatte, lief er von Iwan Zarewitsch hinweg nach einem Seitenpfade.

Iwan Zarewitsch begann bitterlich über den grauen Wolf zu weinen, und setzte seinen Weg traurig weiter. Er ritt, ob kurz oder lange? und hatte nur noch zwanzig Werste bis zu dem Königreiche seines Vaters, als er Halt machte, mit der schönen Königin Helene von dem Pferde mit der goldenen Mähne abstieg, und sich mit ihr in das Gras unter einem Strauch hinstreckte, um den brennenden Sonnenstrahlen zu entweichen. Das Pferd aber ließ er auf den Feldern weiden, und den Käfig mit dem Vogel Schar stellte er neben sich. So lagen sie, in süßen Träumereien vertieft, und schliefen endlich ein.

In derselben Zeit waren die Brüder des Iwan Zarewitsch, Dmitrii und Wasilji, die in verschiedenen Königreichen den Vogel suchten und ihn doch nicht fanden, eben im Begriffe, in ihr Vaterland mit leeren Händen zurückzukehren, und trafen unverhoffter Weise ihren schlafenden Bruder Iwan Zarewitsch und die schöne Königin und erblickten auf der Wiese das Pferd mit der goldenen Mähne und den Vogel Schar im goldenen Käfig. Sie fühlten sich von beiden sehr angezogen und beschlossen ihren Bruder Iwan Zarewitsch zu ermorden. Dmitrji Zarewitsch zog sein Schwert aus der Scheide und zerhieb Iwan Zarewitsch in kleine Teile, weckte sodann die schöne Königin Helene und fragte sie: „Schönes Mädchen, von welchem Königreiche stammst du, wessen Vaters Tochter bist du, und wie nennst du dich?“ Die schöne Königin Helene, welche sah, dass Iwan Zarewitsch ermordet sei, brach in einen Strom von Tränen aus, als sie sich aber in den Händen jener Bösewichter sah, sprach sie mit Tränen in den Augen: „Ich bin die Königin Helene, welche man die Schöne nennt. Iwan Zarewitsch, den ihr boshafter Weise im Schlafe getötet habt, errang mein Herz. Ihr aber wäret wohl tapfere Helden, wenn ihr ihn erschlagen hättet, nachdem ihr zuvor mit ihm gekämpft, dafür aber, dass ihr einen Schlafenden getötet, wird euch Niemand loben, noch wird es euch zur Ehre gereichen, da ein Schlafender dasselbe ist was ein Toter.“ Da aber zuckte Dmitrji Zarewitsch sein Schwert nach dem Herzen der schönen Königin und sprach: „Höre, schöne Königin Helene, du bist in unsern Händen. Wir bringen dich zu unserm Vater, dem Zar Wislaw Andronowitsch, diesem musst du sagen, dass wir dich errungen haben, eben so auch den Vogel Schar und das Pferd mit der goldenen Mähne, willst du aber dieses nicht tun, so übergebe ich dich augenblicklich dem Tode.“ Die schöne Helene, welche über das Wort: Tod, auf das Heftigste erschrak, versprach ihnen und schwur so zu sprechen, wie Dmitrii ihr befohlen.

Dmitrii Zarewitsch und Wasilji Zarewitsch begannen nun zu loosen, wer von ihnen die schöne Königin oder das Pferd mit der goldenen Mähne erhalten sollte, und das Loos fiel so, dass die schöne Königin Helene dem Wasilii Zarewitsch, und das Pferd mit der goldenen Mähne dem Dmitrji Zarewitsch zu Teile wurde. So nahm Wasilji Zarewitsch die schöne Zarewna Helene und setzte sie auf sein gutes Pferd. Dmitrji Zarewitsch setzte sich auf das seinige, nahm das Pferd mit der goldenen Mähne und den Vogel Schar, um ihn seinem Vater, dem Zar Wislaw Andronowitsch zu überreichen, und alle drei setzten nun ihre Reife fort.

Die Leiche des Iwan Zarewitsch blieb auf jener Stelle volle dreißig Tage liegen, In dieser Zeit erblickte sie der graue Wolf und erkannte in ihr den Iwan durch seinen Geruch. Er wollte ihm helfen und ihn wieder lebendig machen, wusste es aber nicht, wie er es anfangen sollte. Mit einem Male gewahrte der graue Wolf einen Raben mit zweien seiner Jungen, welche über der Leiche des Iwan Zarewitsch schwebten, und sich eben auf die Erde niederlassen wollten, um sich mit dem Fleische des Iwan Zarewitsch zu sättigen. Der graue Wolf verbarg sich hinter einen Strauch und als die Raben sich auf die Erde niederließen, und das Fleisch des Iwan Zarewitsch zu fressen anfangen wollten, sprang er hervor, ergriff einen jungen Raben und wollte ihn in zwei Teile zerreißen. Da ließ sich der alte Rabe auf die Erde nieder, setzte sich in einiger Entfernung vom grauen Wolf und sagte zu diesem: „O du grauer Wolf, verletze mein junges Kindlein nicht, es hat dir ja nichts zu leide getan.“ Darauf antwortete der Wolf: „Höre, du alter Rabe, ich lasse dein Kind gesund und unverletzt, wenn du mir einen Dienst erweist und über dreimal neun Länder und über dreimal zehn Königreiche fliegst, und mir das Wasser des Lebens und das Wasser des Todes bringst.“ Darauf sprach der Rabe: „Ich will dir diesen Dienst erweisen, tue aber ja meinem Sohn nicht den geringsten Schaden.“ Als der Rabe dieses gesprochen hatte, entfloh er und verschwand sehr bald.

Am dritten Tag kam er wieder zurück und brachte zwei kleine Fläschchen mit sich, in welchen sich das Wasser des Lebens und das Wasser des Todes befand, und gab sie dem grauen Wolf. Der graue Wolf nahm die Fläschchen, riss den kleinen Raben in zwei Teile und bespritzte ihn mit dem Wasser des Todes und der junge Rabe wuchs sogleich zusammen. Nach diesem bespritzte er ihn mit dem Wasser des Lebens und der kleine Rabe richtete sich auf und flog wieder davon. -Hierauf bespritzte der graue Wolf den Iwan Zarewitsch mit dem Wasser des Todes, und sein Körper wuchs zusammen, und als er ihn mit dem Wasser des Lebens bespritzte, so stand Iwan Zarewitsch auf und sprach: „Ach, wie habe ich doch so lange geschlafen?“ Der graue Wolf sagte ihm nun: „Iwan Zarewitsch, du würdest ewig geschlafen haben, wenn ich nicht gewesen wäre, denn deine Brüder haben dich in Stücke zerhauen, und die schöne Zarewna Helene und das Pferd mit der goldenen Mähne und den Vogel Schar mit sich davon geführt. Jetzt Iwan Zarewitsch, eile so schnell als möglich nach deinem Vaterlande. Dein Bruder Wasilji Zarewitsch verbindet sich noch heute mit deiner Braut, der schönen Königin Helene. dass du aber schnelle hin gelangst, so setze dich lieber noch einmal auf mich, grauen Wolf, ich werde dich auch dahin noch bringen.“

Iwan Zarewitsch setzte sich auf den grauen Wolf, und dieser lief mit ihm in das Königreich des Zars Wislaw Andronowitsch, und der Wolf lief, ob kurz oder lange? und kam endlich zu der Stadt des Zars. Iwan Zarewitsch stieg von dem grauen Wolf, nahm von ihm Abschied, ging in die Stadt und als er den Palast erreichte, sah er seinen Bruder Wasilji mit der schönen Helene am Tische sitzen, da sie eben von der Trauung zurückgekommen waren.

Iwan Zarewitsch ging in die Gemächer und als er in das Gemach trat, wo sein Bruder Wasilji Zarewitsch mit der schönen Zarewna am Tische saß, und die schöne Zarewna Helene den Iwan Zarewitsch erblickte, sprang sie vom Tische auf, küsste seine süßen Augen und rief: „Da ist mein liebenswürdiger Bräutigam, Iwan Zarewitsch, nicht aber dieser Bösewicht, der hier mit mir am Tische sitzt.“ Der Zar Wislaw Andronowitsch, welcher in große Angst geriet, fragte die schöne Helene, was dieses zu bedeuten habe und wie sie das meinte? Da erzählte Helene ihm Alles, auf welche Art sie Iwan Zarewitsch errang, wie das Pferd mit der goldenen Mähne und den Vogel Schar, und wie die Brüder ihn im Schlafe ermordeten und wie sie von ihnen gezwungen wurde, zu sagen, dass sie dieses Alles bekommen hätten. Der Zar Wislaw Andronowitsch erzürnte, als er dieses hörte, über die Maßen über Dmitrij und Wasilii Zarewitsch und ließ sie sogleich in Ketten legen und in den Kerker werfen. Iwan Zarewitsch aber verheiratete sich mit der schönen Zarewna und lebte mir ihr liebreich und freundschaftlich, so dass Eines ohne dem Andern keine Minute zuzubringen vermochte.

* Schar ist eigentlich treffender ‚dschar‘ und heißt Feuer oder Glut. Es ist also der Feuervogel höchstselbst, der durch dieses Märchen flattert.

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Hach ja, die Russen können das mit den Märchen. Soooo schön.

 

Textquelle: Die ältesten Volksmärchen der Russen. Von Johann R. Vogl. Wien: Verlag von Pfantsch & Compagnie 1841, S. 21-44.
Bildquelle: Iwan und der Feuervogel als Ölgemälde von Ivan Yakovlevich Bilibin (1876–1942) Iwan und Helene auf dem Wolf von Viktor Mikhajlovitch Vasnezov

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