18.4 Der Affe, der ein Mädchen entführte

Auch bei maltesischen Märchen braucht es bei mir natürlich Tiermärchen. Oder wie heute zumindest mal eine Annäherung. Lest selbst…

Der Affe, der ein Mädchen entführte

Es war einmal ein Mädchen; das schnitt etwas Gras vom Felde. Ein Affe kam vorbei, packte sie und nahm sie mit, und zwar nach dem Meere. Er nahm einen großen Feigenbaumstamm her und beförderte das Mädchen auf den Stamm, während er auch selbst aufstieg. Dann begann er zu rudern und fuhr so auf dem Baumstamme dahin. Er gelangte nach einem Lande, an dem nicht allzuviel Dampfer vorüberzufahren pflegten, – ein einziger alle vier Jahre!

Das Mädchen ließ er dort im Walde, während er selber auszuziehen und ihr etwas zu essen zu bringen pflegte, – Hühner, Truthühner, Ziegen; er stahl alles, was er vorfand, und brachte es ihr, damit sie es koche. So lebte sie mit ihm dort zusammen, weinte aber beständig und hatte immer Furcht. Sie hatte drei Kinder von jenem Affen: halb sahen sie wie Affen aus, aber ihr Gesicht war das eines Menschen.

Eines Tages war der Affe fortgegangen, um ihr etwas Essbares zu stehlen, da sah sie einen Dampfer vorüberfahren. Sie gab ihm ein Zeichen, und der Dampfer fuhr auf sie zu; dann stieg sie rasch an Bord und fuhr mit dem Dampfer ab. Der Affe sah alles von Ferne; er rief aus: „Sie hat’s nun wirklich fertig bekommen! Da will ich hinlaufen!“ Und er begann zu laufen, erreichte sie aber nicht. Da begann er sein Haar auszuraufen und sein Gesicht mit den Händen zu bedecken. Dann nahm er die drei Kinder her und riss sie mitten auseinander und tötete sie so und rächte sich durch ihren Tod.

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Es kommt mir ja ein bisschen indisch vor dieses Märchen. Dazu würde auch durchaus das echt knallharte Ende passen. Weiachen.

P.S.: Ich muss ja gestehen, dass mich die arg modernen Dampfer immer wieder verwirren. Ich erwarte offenbar romantische Segelboote. Aber Märchen werden beim Erzählen natürlich auch aktualisiert.

 

Textquelle: Maltesische Märchen, Gedichte und Rätsel in deutscher Übersetzung von Dr. Hans Stumme. Leipzig 1904, S. 56f.
Bildquelle: Kupfergravur von Albrecht Dürer (1471-1528): Die heilige Familie mit der Meerkatze

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