18.2 Der Vogel, der durch seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjüngt

Gestern war ja doch deutlich der mitteleuropäische Einfluss spürbar. Heute gibt es dagegen Anklänge an Tausendundeine Nacht. Aber lest selbst…

Der Vogel, der durch seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjüngt

Es war einmal ein König; der besaß drei jugendliche Söhne. Der älteste hieß Tillu, der zweite Guttu und der jüngste Giuseppe.

Der älteste sprach einst zu seinem Vater: „Vater, die Leute haben mir gesagt, dass es in einem Lande, weit drinnen im Innern, einen Vogel gebe, der durch seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjünge.“ „Nein, mein Sohn!“ versetzte der König; „bitte! Warum willst du fortgehen um nie wieder zurückzukehren?“ „Nein!“ sagte der Prinz; „ich werde hingehen und den Vogel herholen!“ Hiermit zog er ein fürstliches Gewand an, stieg zu Ross, nahm eine Anzahl Wechsel mit und sprach noch: „Vater, ich reise ab!“

Darauf ritt er davon – immer weiter – und erblickte schließlich einen Lichtschein in der Ferne; der Lichtschein kam von einem Palaste her, der – geradezu mit Gewalt – die Leute zum Wohnen in ihm einlud: jedermann musste dorthin gehen. So gelangte der älteste Prinz denn in die Nähe dieses Lichtscheins und begab sich in jenen Palast. Dann nahm er dem Pferde das Sattelzeug ab und stellte es im Stalle ein, während er in die oberen Gemächer stieg und sein Prachtzimmer aufsuchte; und kaum hatte er sich in einen Polsterstuhl geworfen, – da trat ein überaus schönes junges Mädchen ein. Sie war eine Zauberin.

„Ach!“ begann sie; „schöner Jüngling! Willst du, dass wir eine Partie Karten spielen, um uns die Zeit etwas zu vertreiben?“ Der Prinz versetzte: „Ja!“ Und nun begannen die beiden zu spielen, und sie gewann ihm sein fürstliches Gewand ab, und die Wechsel insgesamt, sowie das Pferd, sodass ihm nichts mehr blieb. Darauf erklärte der Prinz den Leuten im Palast: „Behaltet mich als Diener bei euch! Ich kann schon einen Teller waschen; und was von den Speisen übrigbleibt, das gebt mir zu essen!“

Guttu (der zweite Sohn) begann: „Vater, ich werde meinem Bruder nachreisen!“ Der König versetzte: „Nein, mein Sohn! Denn es wird dir ebenso wie ihm gehen; er ist fortgereist und nicht wiedergekommen!“ „Hab’ keine Angst, Vater!“ sprach hierauf der Sohn und ging hin und bekleidete sich mit einem fürstlichen Gewande, der Vater gab ihm eine Menge Wechsel mit, und er (der Sohn) stieg auf und reiste ab – immer, immer weiter.

Er hatte alsbald jenen Lichtschein vor sich und ritt nun auf ihn los. Als er hingelangt war, stieg er ab und begab sich ins Innere des Palastes. Er nahm seinem Pferde das Sattelzeug ab und begab sich hinauf in sein Zimmer, wohin man ihm das Essen brachte. Sein Bruder brachte das Essen hinauf; er erkannte ihn aber nicht, denn jener sah schmutzig aus und hatte zerrissene Kleider an. Kaum war er wieder in die unteren Gemächer hinabgestiegen, – da trat dieses schöne Mädchen, die Zauberin, ein und begann: „Schöner Jüngling, lass uns eine Partie Karten spielen, damit wir uns ein wenig die Zeit vertreiben!“ „Gern!“ versetzte er, und nun begannen sie zu spielen, und sie gewann ihm alles ab. Darauf sprach er zu den Leuten im Palaste: „Behaltet mich als Diener!“ Als er dann hinunter in die Küche stieg, sprach zu ihm jener Bursche: „Weißt du, was mir geschehen ist? Ich war einst Prinz, – jetzt bin ich Diener hier!“ „Nun, da ist dir dasselbe geschehen, was mir jetzt geschehen ist! Und jetzt erkenne ich dich: du bist ja mein Bruder!“

Alsbald entschloss sich auch Giuseppe zur Reise und sprach zu seinem Vater: „Vater! Die Brüder haben den Vogel nicht gebracht; ich werde ihn bringen!“ Der Vater antwortete: „Nein, mein Sohn! Du wirst hinziehen und nicht wiederkommen, gerade wie deine Brüder nicht wiedergekommen sind!“ „Nein! Ich werde hinreisen und ihn sicherlich herbeischaffen!“ Da sprach der Vater: „Hier! Zieh‘ dieses fürstliche Gewand an und nimm reichlich Wechsel mit!“ Und damit bestieg der Prinz sein Pferd und ritt hinaus. Immer weiter ritt er.

Als er in ein gewisses Land gelangte, durch das auch seine Brüder gekommen waren, stieg er von seinem Pferde ab und rief aus: „Was ist das hier für ein Gestank? Der Gestank macht ja die Menschen tot? Da will ich doch nachsehen, was das für ein Gestank ist!“ Jetzt erblickte er den Leichnam eines, der schon acht Monate tot war. Er rief die Leute heran und sprach zu ihnen: „Warum – bitte! – habt ihr diesen Leichnam an der Luft liegen lassen? Warum habt ihr ihn nicht begraben?“

Die beiden älteren Brüder hatten übrigens auch den Leichnam bemerkt, hatten ihn sich angesehen und waren, ohne ein Wort zu verlieren, weitergereist. Als der jüngste Prinz die Leute fragte, warum sie den Leichnam nicht begraben hätten, (da lautete die Antwort:) „Warum, königliche Hoheit? Wir haben eben kein Geld, um einen Friedhof und eine Kapelle schaffen zu können, dass wir darin die Christen begraben, die hier sterben sollten!“ „Wieviel Geld brauchtet ihr etwa dazu?“ „Da brauchten wir gegen 3000 Pfund Sterling, wenn wir einen Friedhof und eine Kapelle schaffen wollten.“ „So nehmt denn hier 4000 Pfund! Und wenn ich wieder durch dieses Land komme, werde ich mich überzeugen, ob alles in Ordnung ist. Und wenn der Friedhof fertig ist, – und sobald ihr das Grab fertig habt, – dann nehmt den Leichnam von hier weg und beerdigt ihn; denn wenn er der eines Christen ist, dürft ihr ihn nicht unbeerdigt lassen wie einen Tierkadaver!“

Hierauf bestieg der Prinz sein Pferd und ritt wieder fort. Als sich jener Lichtschein zeigte, hörte er, wie ihm jemand zurief: „Giuseppe! Giuseppe! Giuseppe!“ – dreimal also. Er wandte sich um und erblickte jenen Toten, und dieser sprach zu ihm: „Giuseppe, du bist im Begriffe dort einzukehren, wo du jetzt den Lichtschein erblickst! Dort wirst du nun eine junge Betrügerin vorfinden, welche die Menschen durch Zauber betört; wer dort hineingeht, der kommt nicht wieder heraus! Wenn du nun hineinkommst und man dir dann dein Zimmer gibt, so wird das junge Mädchen kommen und zu dir sprechen: ‚Schöner Jüngling, lass uns eine Partie Karten spielen, damit wir uns ein wenig die Zeit vertreiben!‘ Darauf musst du ihr erwidern: ‚Schön! Spielen wir! Aber mit meinen Karten!‘ Dann hast du in der Macht, ihr alles abzugewinnen! Pass also hübsch auf, Giuseppe; sieh zu, dass du so tust, wie ich dir gesagt habe!“

Darauf gelangte Giuseppe in den Palast. Er betrat sein Zimmer, und es kam jenes junge Mädchen herbei, das zu ihm sprach: „Schöner Jüngling, wünscht du, dass wir eine Partie Karten spielen, damit wir uns etwas die Zeit vertreiben?“ Der Prinz versetzte: „Gut! Aber nicht mit deinen Karten! Mit meinen Karten!“ Und nun gewann er ihr allen den Reichtum ab, den sie besaß, und das Geld, das sie den anderen Leuten abgenommen hatte, sowie das Geld, das sie seinen Brüdern abgenommen hatte. Alles gewann er ihr ab! Dann nahm er sie her und warf sie hinaus mit den Worten: „Jetzt gehört alles hier drinnen mir; du hast an nichts mehr hier Anteil!“

Zu seinen Brüdern aber sprach er: „Zieht euch die fürstlichen Gewänder da an! Jetzt gehört euch das Gasthaus und der Palast ganz zu eigen! Ich aber will ausziehen und den Vogel holen, der durch seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjüngt. Entfernt euch nicht von hier; erwartet mich hier!“ Und er brach auf.

Er traf mit einer alten Frau zusammen; die sprach zu ihm: „Schöner Jüngling, wohin ziehst du?“ „Ich ziehe aus, den Vogel zu holen, der durch seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjüngt!“ „Den wirst du nicht holen!“ „Hab’ keine Angst! Ich werde ihn holen!“ Hiermit wanderte er weiter; da hörte er, dass ihn jemand mit seinem Namen anrief. Er wandte sich um und erblickte jenen Toten, der zu ihm sprach: „Giuseppe, ich bin jene Seele, deren Leichnam du jenen Leuten zu beerdigen auftrugst: nun sollst du mich dankbar für das, was du an mir getan hast, erblicken! Geh’ also weiter, wie du jetzt gehst, Giuseppe! Alsbald wirst du ein gar schönes Landhaus erblicken, – alle seine Bausteine sind aus Gold und Diamanten. Daselbst befinden sich auch zahlreiche Käfige mit Vögeln, Käfige aus Gold und aus Silber. Der Vogel aber, den du holen willst, sitzt in einem schmutzigen und übelriechenden Holzkäfig. Es sind dort aber zwei Löwen am Tore, Giuseppe! Sobald du siehst, dass ihre Augen geöffnet sind, betritt das Landhaus und hol’ dir den Käfig!“

Giuseppe gelangte denn zu jenem Landhause, und da er die Löwen mit geöffneten Augen dastehen sah, ging er hinein und holte sich den Käfig; dann stieg er auf sein Pferd und gelangte wieder zu seinen Brüdern. Zu ihnen sprach er: „Brüder, ich bin wieder da und habe den Vogel geholt, der durch seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjüngt!“ „Bravo, Bruder!“ entgegneten sie. Er sagte dann: „Jetzt werden wir zum Vater reisen; der soll sich über uns freuen!“ Nun beluden sie ihre Pferde und brachen auf. Dann reisten sie per Dampfer weiter.

Mitten auf dem Meere verabredeten die beiden älteren Brüder Giuseppes – Tillu und Guttu – ihn zu packen und im Meere zu ertränken. Sie nahmen ihn also fest und warfen ihn ins Meer. Da erschien ihm jener Leichnam; der verwandelte sich in eine große Felsplatte, damit Giuseppe nicht versänke. Und auf der Platte ließ der Leichnam einen großen Baum erstehen, damit, wenn irgend ein Dampfer vorüberführe, er den Baum sähe. Alsbald kam ein Dampfer in die Nähe; der fuhr direkt auf diesen Ort zu. Der Kapitän des Dampfers sprach zu seinen Leuten: „Dreht bei! Ich will einmal mit dem Fernrohre sehen, was das für ein Baum ist!“ Der Dampfer gelangte in die Nähe des Baumes, und daselbst befand sich ja unser Giuseppe in seinem prinzlichen Gewande. „Nimm mich an Bord!“ rief Giuseppe dem Kapitän zu. Da machte jeder dem Prinzen Platz, damit er bequem an Bord käme; jeder zog den Hut und grüßte den Prinzen. Und alsbald gelangte er an den Palast seines Vaters. Zu den Schiffsleuten sprach er noch: „Eine Gefälligkeit wünsche ich von euch! Leihet mir auf kurze Zeit einen Anzug, der von Kohlenstaub geschwärzt ist!“ Solch einen Anzug zog er an und verließ in ihm das Schiff.

Jetzt wollen wir die Rede auf die Dinge im Palaste des Vaters bringen! In freudiger Stimmung waren die beiden älteren Brüder Giuseppes heimgekehrt: „Vater! Vater! Wir haben den Vogel geholt, der durch seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjüngt! Wo der Giuseppe geblieben ist, das wissen wir nicht!“ Als die beiden nun den Käfig mit dem Vogel in den Saal ihres Vaters brachten, blieb der Vogel stumm. Jetzt ließ der König die Flagge hissen (und zugleich melden): wer Lust hätte, solle kommen und bewirken, dass der Vogel sänge. – Da kamen die Leute in Scharen herbei, aber der Vogel blieb stumm.

Endlich kam der Giuseppe herbei, schmutzig und ganz voll Kohlenstaub, in einem zerrissenen Anzuge, so kam er und klopfte an die Tür des Palastes. Man öffnete die Tür und erblickte den jungen Menschen, der ganz schmutzig aussah. „Was willst du?“ „Ich bin gekommen; denn vielleicht lässt mir gegenüber der Vogel seine Stimme hören!“ „Mach’, dass du hinauskommst!“ Giuseppe aber blieb und wartete. Der Diener schloss die Tür zu, ging in den Palast hinein und begab sich hinauf zum Könige (zu dem er sprach): „Ein schmutzig aussehender Mensch ist eben gekommen; ganz rußig sieht er aus und hat zerrissene Kleider an; der will gekommen sein, um dem Vogel zur Sprache zu verhelfen.“ „Oho!“ erwiderte der König dem Diener; „wieviele feine Herren, alle aus den höchsten Kreisen, sind nicht gekommen, von denen der Vogel keinen anredete! Aber, gut! Sag’ ihm, er solle heraufkommen!“

Der Diener öffnete Giuseppe die Türe, und jener stieg hinauf. Sobald der Vogel Giuseppe erblickte, erkannte er ihn, obwohl jener von Kohlenstaub geschwärzt war, und begann zu singen. Der Herr König wurde ganz verwirrt, ganz entzückt. Giuseppe aber sprach: „Herr, wenn es dir gefällig ist, so weise mir für einen ganz kleinen Augenblick ein Zimmer an, in das ich mich für eine Viertelstunde zurückziehen kann!“ „Bitte! Sehr gern!“ versetzte der König; „geh’ ins Zimmer meines Giuseppe!“ Nun ging der Kohlengeschwärzte in jenes Zimmer und begann sich zu waschen; und bald sah er weiß wie Papier aus. Dann zog er sein königliches Gewand an, öffnete die Tür und verließ das Zimmer. „Mein Sohn! Bist du denn nicht mein Giuseppe? Seele meiner Seele! Komm, ich muss dich küssen! Und, mein Sohn, erzähle mir, wie die Geschichte zuging!“ Da erzählte Giuseppe dem Vater, was ihm geschehen war, und letzterer begann hierauf: „Was willst du, dass mit deinen Brüdern geschehe? Wünscht du, dass ich sie töte?“ „Nein, Vater!“ antwortete Giuseppe; „schicke sie bloß in die Verbannung, damit sie nicht wieder hierher kommen können!“ Der Vater sprach „Gut, mein Sohn!“

Als der Sohn dann sprach: „Vater, jetzt mache ich dich zu einem Zwanzigjährigen, und mit der Mutter mache ich’s ebenso!“ – da versetzte der König: „Nein, mein Sohn, mache uns zu Dreißigjährigen!“

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Spannend natürlich das Motiv des Christentums. Leider kenne ich das arabische Vorbild für dieses Märchen nicht. Wäre spannend, ob das schon da vorkommt (Kreuzzüge lassen grüßen?) oder ob das doch eine maltesische Zugabe ist… Kennt sich da einer besser aus von euch?

 

Textquelle: Maltesische Märchen, Gedichte und Rätsel in deutscher Übersetzung von Dr. Hans Stumme. Leipzig 1904, S. 39-45.
Bildquelle: Ich habe einfach mal beschlossen, dass der Vogel eine Nachtigall ist und also gibt es eine Illustration aus der Gartenlaube (1874)

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