17.6 Die Riesin in dem Steinboot

Ein weiteres Märchen, bei dem mich vor allem der Titel neugierig gemacht hat. Lest selbst…

Die Riesin in dem Steinboot

Es waren einmal ein König und eine Königin in ihrem Reiche. Sie hatten einen Sohn, der Sigurd hieß. Derselbe zeichnete sich frühzeitig aus durch seine Körperstärke, seine Geschicklichkeit in allen Leibesübungen und Spielen sowie durch seine Schönheit.

Als der Vater wegen des Alters anfing schwerfällig zu werden, sagte er zu dem Sohne, dass es nun wohl an der Zeit ein dürfte, sich um eine passende Partie umzusehen; denn es sei nicht gewiss, ob er ihm noch lange seinen Beistand gewähren könne; es scheine ihm, dass sein Ansehen erst dann in voller Blüte stünde, wenn er eine seiner würdige Heirat eingehe.

Sigurd war einem solchen Plane nicht abgeneigt und fragte seinen Vater, wo er am Besten seine Braut suchen sollte. Der König sagte ihm, dass im Auslande – er bezeichnete das Land näher – ein König herrsche, der eine schöne und anmutige Tochter besitze; wenn Sigurd diese zum Weibe bekommen könne, würde ihm dies als die erwünschteste Partie erscheinen.

Sigurd rüstete sich zur Reise und begab sich nach dem Lande, welches sein Vater ihm genannt hatte. Er trat hier vor den König und freite um dessen Tochter. Der König versprach ihm dieselbe auch, jedoch unter der Bedingung, dass Sigurd so lange, als er könne, in seinem Reiche verbleibe; denn der König war sehr kränklich und kaum im Stande sein Reich zu regieren.

Sigurd ging darauf ein, stellte jedoch auch seinerseits die Bedingung, dass es ihm erlaubt sein sollte, in sein Reich zu reisen, wenn er die Kunde von dem Tode seines Vaters erhalte, der, wie er sagte, am Rande des Grabes stehe.

Hierauf feierte Sigurd seine Hochzeit mit der Königstochter und teilte sich mit seinem Schwiegervater in die Regierung des Reiches.

Sigurd und seine Gemahlin liebten einander auf das herzlichste und ihr Zusammenleben wurde noch inniger, als ihnen nach Verlauf eines Jahres ein schönes, anmutiges Knäblein geboren wurde.

Hierauf verging die Zeit, bis der Knabe zwei Jahre alt geworden war; da erhielt Sigurd die Kunde, dass sein Vater gestorben sei. Er rüstete sich zur Abreise samt seinem Weibe und Kinde und segelte auf einem Schiffe davon.

Als sie nur mehr eine Tagfahrt weit von der Heimat entfernt waren, trat plötzlich Windstille ein und das Schiff lag nun ruhig im Meer. Sigurd und seine Gemahlin befanden sich allein auf dem Verdeck, denn die meisten Anderen hatten sich im Unterteile des Schiffes schlafen gelegt. Sie saßen und sprachen zusammen eine gute Weile lang und hatten ihr Söhnlein bei sich. Nach einiger Zeit aber wurde Sigurd von so starkem Schlafe befallen, dass er sich nicht wach erhalten konnte. Er stieg deshalb ebenfalls in den unteren Teil des Schiffes hinab und legte sich schlafen.

Die Königin war nun mit ihrem Sohne allein auf dem Verdecke und spielte mit ihm. Als Sigurd schon eine Weile schlief, bemerkte die Königin einen schwarzen Gegenstand im Meere und sah, dass derselbe sich heran bewegte. Als er dem Schiffe näher kam, konnte sie wahrnehmen, dass es ein Boot sei und von Jemand gerudert werde; denn sie bemerkte auch eine menschliche Gestalt in dem Boote. Dasselbe legte endlich bei dem Schiffe an und die Königin sah nun, dass es ein Steinboot war; alsbald kam aber auch ein abscheuliches, schlimmes Riesenweib auf das Schiff. Die Königin war darüber so erschreckt, dass sie kein Wort hervorbringen und sich nicht von der Stelle bewegen konnte, um den König oder die Schiffsmannschaft zu wecken.

Die Riesin ging auf die Königin zu, nahm ihr den Knaben weg und legte denselben auf den Boden des Verdeck nieder. Hierauf zog sie der Königin alle ihre kostbaren Kleider bis auf ein leinenes Unterkleid aus und legte dieselben selbst an, wobei sie auch menschliches Aussehen annahm. Endlich nahm sie die Königin, setzte sie in das steinerne Boot und sagte: „Ich bestimme und wirke den Zauber: mäßige weder Fahrt noch Flug, bevor Du zu meinem Bruder in der Unterwelt kommst!“

Die Königin saß wie teilnahmslos und ohnmächtig in dem Boote; dieses aber ward sogleich vom Schiffe abgestoßen und verschwand bald aus dem Gesichtskreise des Schiffes.

Als das Boot nicht mehr zu sehen war, fing der Knabe, der Sohn des Königs, laut zu weinen an. Die Riesin gab sich wohl Mühe ihn zu beruhigen, aber es half nichts. Da stieg sie mit dem Kinde am Arme zu dem König hinab und weckte ihn mit groben Worten, indem sie ihm vorwarf, dass er sich gar nicht darum kümmere, was sie mache, und sie mit dem Kinde allein auf dem Verdecke lasse, während er schlafe und schnarche und die ganze Schiffsmannschaft mit ihm. Sie nannte es eine große Unvorsichtigkeit und Rücksichtslosigkeit von ihm, wenn er schon selbst schlafe, niemand Anderen bei ihr auf dem Schiffe wachen zu lassen; denn was Einem derweil geschehe, wisse dann Niemand*. So sei es auch gekommen, dass sie den Knaben auf keine Weise beruhigen konnte, und es vorgezogen habe mit demselben dahin zu kommen, wohin er gehöre; auch wäre es jetzt gut, wenn etwas Rührigkeit und Tätigkeit entfaltet würde, da günstiger Fahrwind eingetreten sei.

König Sigurd war auf’s Höchste verwundert, dass die Königin ihn plötzlich mit so harten Worten anschrie, nachdem sie doch früher nie in solcher Weise zu ihm gesprochen hatte. Er nahm jedoch ihre harte Rede mit Sanftmut hin und versuchte mit ihr, den Knaben zu beruhigen; allein auch er brachte es nicht zu Stande. Er weckte nun die Schiffsmannschaft und hieß sie die Segel aufspannen, da sich hinreichender Fahrwind eingestellt habe, um an’s Land zu kommen.

Hierauf segelten sie dahin, so schnell es möglich war, und es wird von ihrer Fahrt früher nichts erzählt, als bis sie in dem Lande ankamen, wo Sigurd zu herrschen hatte. Derselbe begab sich nun zu den Hofleuten. Diese waren noch alle voll Trauer über den Tod seines Vaters und freuten sich jetzt, dass Sigurd wohlbehalten zurückkam; es wurde ihm der Königsname gegeben und er trat auch sogleich die Regierung des Landes an.

Das Knäblein des Königs aber hörte seit jenem Vorfall auf dem Schiffe fast nie auf zu schreien, wenn es sich bei der vermeintlichen Mutter befand, obgleich es früher das ruhigste Kind war; der König nahm daher für dasselbe eine Pflegerin aus dem Hofgesinde und sowie der Knabe ihr übergeben war, hörte er auf zu schreien und nahm wieder seine frühere ruhige Art an.

Der König fand, dass die Königin seit der Seefahrt sich in vielen Beziehungen verändert habe und zwar nicht zum Besseren. Besonders kam sie ihm so trotzig, aufgebracht und zänkisch vor, wie er sie früher nie gefunden hatte. Es währte nicht lange, so bemerkten bald auch Andere den schlimmen Charakter der Königin.

Im Hofgesinde befanden sich auch zwei junge Männer, von achtzehn und neunzehn Jahren, welche mit Leidenschaft dem Brettspiel ergeben waren und deshalb oft lange Zeit bei demselben saßen. Ihr Zimmer grenzte an das der Königin und sie horchten zu verschiedenen Zeiten des Tages hinüber, um zu erfahren, was die Königin treibe. Eines Tages lauschten sie noch aufmerksamer als gewöhnlich; sie legten das Ohr an eine Ritze, welche sich in der Wand befand und hörten deutlich, wie die Königin sagte: „Wenn ich nur ganz wenig gähne, bin ich klein und wie eine zierliche Jungfrau; wenn ich halb gähne, bin ich wie eine Halbriesin; wenn ich aber stark gähne, bin ich wie eine ganze Riesin.“

Indem sie dieses sagte, gähnte sie fürchterlich und wurde plötzlich zur grässlichen Riesin. Hierauf kam in dem Zimmer der Königin ein dreiköpfiger Riese aus dem Boden hervor, der einen Trog voll Fleisch in den Händen hielt; derselbe begrüßte die Königin, welche seine Schwester war und setzte ihr den Trog vor. Sie begann nun das Fleisch, welches sich in demselben befand, zu verschlingen und hörte nicht früher auf, als bis sie den ganzen Trog geleert hatte.

Die beiden jungen Leute beobachteten durch die Ritze diesen ganzen Vorgang; sie hörten jedoch nicht, dass die beiden Geschwister etwas zu einander sagten. Sie waren ganz verblüfft darüber, wie gierig die Königin das Fleisch verschlang und wie viel sie davon in sich aufnehmen konnte, während sie doch so wenig aß, wenn sie mit dem Könige bei Tische saß.

Als die Königin den Trog geleert hatte, verschwand der dreiköpfige Riese wieder auf demselben Wege, auf dem er gekommen war; die Königin aber nahm wieder ihre menschliche Gestalt an.

Wir müssen jetzt wieder zurück zu dem Söhnlein des Königs, welches eine Wärterin erhalten hatte. Als diese eines Abends Licht angezündet hatte und das Knäblein in den Armen hielt, sprangen einige Bretter im Boden des Zimmer auf und es entstieg demselben eine wunderschöne Frau in einem Leinenkleide, wie die Weiber ein solches am bloßen Leibe tragen, und mit einem eisernen Ring um die Mitte, von dem eine Kette niederhing, deren Ende man nicht sehen konnte. Diese Frau trat auf die Wärterin zu, nahm ihr das Kind von dem Arme, drückte dasselbe zärtlich an die Brust und gab es dann wieder zurück. Hierauf verschwand sie auf demselben Wege, auf dem sie gekommen war, und der Boden schloss sich wieder über ihr. Dabei kam nicht ein einziges Wort über die Lippen dieser Frau. Die Wärterin war über Alles, was sie da sah, sehr erschreckt, erzählte jedoch nichts davon.

Am nächsten Tage ereignete sich genau dasselbe, wie am Tage vorher: Die weißgekleidete Frau kam aus dem Boden hervor, nahm das Kind, liebkoste es auf das Zärtlichste und gab es dann wieder der Wärterin zurück. Als sie sich anschickte, das Zimmer wieder zu verlassen, sagte sie mit kummervollen Mienen: „Zweimal ist’s vorüber, nur noch ein Mal!“ Hierauf verschwand sie in dem Fußboden.

Die Wärterin wurde nun von noch größerem Schrecken erfüllt als früher, da sie die Frau diese Worte hatte sprechen hören. Sie dachte, dass dem Kinde irgendeine Gefahr drohe, obschon ihr die unbekannte Frau in jeder Hinsicht gefiel und dieselbe sich dem Kinde gegenüber benahm, als ob es ihr eigenes wäre. Am bedenklichsten schien es ihr, dass die Frau sagte: „Nur noch ein Mal!“ Sie glaubte nämlich, dass dieselbe damit sagen wollte, es sei jetzt nur mehr einer von drei Tagen übrig, da sie an zwei Tagen gekommen sei. Sie hielt es daher für das Beste zum König zu gehen, ihm Alles zu erzählen und ihn zu bitten, er möchte am nächsten Tage zur Zeit, wo die weiße Frau zu erscheinen pflege, selbst in ihrem Zimmer anwesend sein. Dies tat sie denn auch und der König versprach ihr zu kommen.

Am nächsten Abend fand sich der König etwas vor der verabredeten Zeit im Zimmer der Wärterin ein und setzte sich mit gezogenem Schwerte auf einen Stuhl. Es währte nicht lange, so öffneten sich die Bretter des Bodens und die weißgekleidete Frau erschien mit Ring und Kette wie früher. Der König erkannte in dem Weibe sogleich seine Frau und hatte zunächst nichts Eiligeres zu tun als die Kette, welche vom Ringe niederhing, zu durchhauen. In diesem Augenblicke erdröhnte es unter der Erde so gewaltig, dass die ganze Königsburg erschüttert wurde, und Jedermann glaubte, dass alle Häuser einstürzen und in einen Schutthaufen verwandelt werden müssten. Endlich hörte der unterirdische Donner auf, so dass die Menschen wieder zu sich kamen.

Nun fielen sich der König und die Königin in die Arme, und die letztere erzählte alle ihre Erlebnisse, wie die Riesin in einem steinernen Boote zum Schiff gekommen sei, als alle schliefen; wie sie ihr die Kleider ausgezogen und dieselben selbst angelegt habe und welchen Zauberspruch sie ausgesprochen. „Nachdem ich in dem Boot, das von selbst dahin fuhr, so weit gekommen war, dass ich das Schiff nicht mehr sehen konnte, bemerkte ich,“ so erzählte sie, „dass das steinerne Fahrzeug die Richtung gegen etwas Finsteres nahm, bis es bei einem dreiköpfigen Riesen landete. Dieser wollte sogleich bei mir schlafen; ich aber wehrte mich dagegen aus allen Kräften. Da sperrte mich der Riese auf einige Zeit in ein allein stehendes Haus und drohte mir, dass ich niemals wieder aus demselben befreit werden sollte, wenn ich ihm nicht meine Gunst schenkte. Er kam jeden zweiten Tag zu mir und wiederholte jedes Mal sein Verlangen und seine Drohung. Im Verlaufe der Zeit dachte ich ununterbrochen darüber nach, was ich beginnen sollte, um den Händen des Riesen zu entrinnen. Ich versprach ihm, dass ich bei ihm schlafen wollte, wenn er mir erlaube, an drei aufeinanderfolgenden Tagen meinen oberirdischen Sohn zu sehen; er willigte ein, ließ aber doch diesen eisernen Ring um meinen Leib und band das andere Ende der Kette, die sich daran befand, um seine Mitte; das gewaltige Gedröhn aber, welches entstand, als Du die Kette entzwei hiebst, kam sicherlich daher, dass der Riese der Länge nach hinfiel, als die Kette plötzlich nachgab; denn er wohnt gerade unterhalb der Burg; er wird sich wahrscheinlich den Kopf zerschlagen haben, als er niederfiel, und als die ganze Burg erbebte, wird er im Todeskampfe gelegen haben. Ich wollte aber meinen Sohn aus dem Grunde drei Tage nacheinander sehen, um dadurch Gelegenheit zu meiner Befreiung zu geben, die ja nun auch wirklich erfolgt ist.“

Jetzt erschien es dem König ganz erklärlich, warum das Weib, mit welchem er eine Zeit lang gelebt hatte, so unfreundlich und störrig war. Er ließ demselben einen Sack über den Kopf ziehen und es steinigen, der Leichnam wurde sodann zwischen zwei ungezähmte Pferde gebunden und von diesen in Stücke zerrissen.
Jetzt erzählten auch die beiden jungen Leute, von denen früher gesagt wurde, dass sie die Königin belauscht und ihr Treiben beobachtet hatten, Alles, was sich vor ihren Augen ereignete; denn früher wagten sie dies nicht, wegen der Macht der Königin.

Nunmehr wurde die wirkliche Königin in ihre Würden eingesetzt und es fanden Alle großen Gefallen an ihr. Von der Wärterin des Kindes aber haben wir zu erzählen, dass der König und die Königin sie an einen Großhäuptling verheirateten und ihr eine reichliche und prächtige Ausstattung gaben.

* Herr Poestion erklärt, dass die entsprechende isländische Phrase wörtlich zu übersetzen sei als „Wenig berichtet von Einem.“

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Man merkt doch langsam die isländischen Märchenvorlieben: Riesen und Riesinnen, Könige, deren Frauen sterben, die dann neu heiraten und prompt selbst hopps gehen und mehr oder weniger unfähige Nachkommen. Hurra für Zauberkräfte, die anscheinend jeder hat, und hilfreiche Helfer.

 

Textquelle: Isländische Märchen. Aus den Originalquellen übertragen von Josef Calasanz Poestion. Wien 1884, S. 289-297.
Bildquelle: gesucht habe ich nach Riesin und gefunden eine wirkliche große Frau groß genug, dass sie scheinbar im Zirkus auftrat – großes Kino, im wahrsten Sinne 🙂

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