17.4 Der graue Mann

Heute gibt es ein Märchen, in dem… also ich sage euch, fast sozialistische Ideen auf klassische Märchenmotive treffen. Aber lest selbst…

Der graue Mann

Es waren einmal ein König und eine Königin in ihrem Reiche und ein alter Mann mit seinem alten Weibe in ihrer schlechten Hütte. Der König war sehr reich an allen Gattungen von Vieh, hatte jedoch nur ein einziges Kind und dies war eine Tochter. Dieselbe wohnte mit ihren Mägden in einem prächtigen Frauenhause.

Der alte Mann war sehr arm; er hatte keine Kinder und lebte mit seinem Weibe nur von einer einzigen Kuh, welche sie besaßen.

Einmal ging der alte Mann, wie öfter, in die Kirche; da predigte der Priester gerade von der Freigebigkeit und ihren Verheißungen. Als der Mann aus der Kirche zurückkam, fragte ihn sein Weib, was er diesmal Gutes aus der Predigt mitgebracht habe. Der Alte war sehr guter Laune und sagte, dass es heute ein wahres Vergnügen gewesen sei, dem Priester zuzuhören; denn er habe gesagt, dass es denjenigen, welcher etwas gebe, tausendfach wieder vergolten werde. Das Weib dachte sich, dass dies wohl nicht so genau zu nehmen sein würde, und meinte, ihr Mann habe die Worte des Priesters nicht richtig verstanden. Aber der Alte blieb fest dabei, und so stritten sie darüber wohl eine Stunde, ohne dass der eine Teil dem anderen nachgeben wollte.

Am nächsten Tage machte der Alte sich auf, berief eine Menge Arbeitsleute und ließ einen Stall mit Plätzen für tausend Kühe bauen. Das Weib war ganz erbost über seine Dummheit, wie sie es nannte; allein sie konnte ihn doch von seinem Unternehmen nicht abbringen. Als der Stall fertig war, dachte der Alte nach, wem er seine Kuh geben könne; er kannte jedoch Niemand, der so reich war, dass er ihm hätte tausend Kühe für eine geben können, nur den König selbst ausgenommen, und zu diesem konnte er doch nicht so ohne Weiteres gehen, das sah er wohl ein.

So beschloss er denn endlich zum Priester zu gehen; er wusste, dass derselbe am Boden der Kiste Geld hatte, und dann musste er doch der Letzte sein, der seine eigenen Worte zu Schanden machte. So machte sich denn der arme Häusler mit seiner Kuh auf den Weg, so sehr auch sein Weib dagegen protestierte und schrie.

Er kam zu dem Geistlichen und bat ihn, dass er doch so gut sein möge, das kleine Geschenk, das er da mitgebracht habe, anzunehmen. Der Geistliche machte große Augen und ersuchte den Mann, dass er sich doch etwas genauer erklären möchte. Da erfuhr er nun den ganzen Zusammenhang der Sache, und was der Andere für sein Geschenk von ihm erwartet hatte; nun machte der Geistliche freilich ganz andere Augen und er schalt den Alten tüchtig aus, dass er nicht besser auf die Predigt Acht gegeben habe und jetzt mit solchen Wortklaubereien daher komme. „Und sei jetzt so gut und schau, dass Du mit Deiner Kuh wieder weiter kommst, lieber Mann, und zwar recht bald,“ sagte der Geistliche in strengem Tone.

So machte sich denn der Häusler mit seiner Kuh wieder auf den Heimweg, und war gar unzufrieden mit seinem Gange. Wie er so ganz verdrossen dahin ging, erhob sich plötzlich ein pechschwarzes Unwetter mit Nordsturm, Frost und Schnee. Er konnte nicht einen Schritt weit vor sich sehen und verirrte sich. Da dachte er sich, dass er wohl bald die Kuh fahren lassen und noch froh sein müsse, wenn er selbst mit heiler Haut davon komme. Während er in seinem Jammer umherirrte und schon an den Tod und andere schlimme Dinge dachte, begegnete er einem Manne, der einen großen Sack auf dem Rücken hatte.

„Was machst Du denn mit Deiner Kuh draußen bei einem solchen Wetter?“ fragte der Mann. Der Alte erzählte ihm Alles, wie es sich verhielt. „Da kannst Du sicher sein, dass Du wenigstens Deine Kuh verlierst, wenn Du nicht auch noch Dein Leben einbüßest,“ sagte der Mann; „es ist deshalb besser, lieber Alter, Du gibst mir die Kuh für diesen Sack, den ich da auf dem Rücken trage; den kannst Du jedenfalls noch nach Hause schleppen und darin befindet sich Fleisch und Bein.“

Es geschah auch so, wie der Mann es vorschlug, obwohl der Alte nur schwer dazu zu bringen war. Jener erhielt die Kuh und verschwand alsbald mit derselben; der Häusler aber ging mit dem Sacke auf dem Rücken heim nach seiner Hütte, keuchend und stöhnend unter der Last, die ihm gar schwer vorkam. Als der Alte heimkam, erzählte er seinem Weibe, wie es ihm ergangen war, und tat gar wichtig mit dem Sacke. Das Weib aber schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und zankte ihn aus; der Mann bat sie aber, lieber einen Topf mit Wasser an’s Feuer zu stellen. Da nahm sie denn den größten Topf, den sie fand und füllte ihn mit Wasser. Als dasselbe kochte, machte sich der Mann daran, den Sack aufzubinden; aber da war auf einmal Leben in denselben gekommen; es rührte und bewegte sich drinnen und als er den Sack geöffnet hatte, sprang ein lebendiger Mann aus demselben, der vom Scheitel bis zur Zehe grau gekleidet war. Dieser sagte, wenn sie kochen wollten, sollen sie etwas Anderes dazu nehmen als ihn.

Da stand freilich der Alte ganz verdutzt da; sein Weib aber schimpfte und schmälte und sagte, daran sei nur seine Dummheit schuld. „Zuerst bringst Du uns um das Einzige, wovon wir unseren Unterhalt hatten, so dass wir nicht wissen, wie wir weiter unser Leben fristen werden, und nun schaffst Du uns noch überdies einen Menschen an den Hals, den wir füttern sollen. Du bist mir wirklich ein lieber Mann, Du!“

So zankten Mann und Weib eine gute Weile, bis der Graue endlich sagte: „Dieses Gezanke führt zu nichts. Ich will lieber hinausschauen und sehen, ob ich nicht etwas Essbares für Euch und für mich auftreiben kann; denn von Euren Zänkereien werdet Ihr kaum fett werden.“

Und draußen war er in der Finsternis; bevor aber die beiden Alten sich über all dies fassen konnten, war er auch schon wieder zurück, und zwar mit einem alten fetten Schafe.

„Nehmt dies nun und schlachtet es und bereitet uns ein Essen davon,“ sagte der graue Mann.

Der Alte kratzte sich hinter dem Ohr und sah sein Weib an; dieses wieder sah auf ihn und sie wussten beide nicht, was sie tun sollten, denn sie konnten sich ja denken, dass das Schaf gestohlen sei. Endlich aber ließen sie sich doch herbei, das Verlangen des Grauen zu erfüllen und sie lebten nun in Freude und Lust, so lange noch etwas vom Schafe übrig war, und als dasselbe verzehrt war, holte der Graue noch eins, und dann ein drittes, viertes und fünftes. Nun war freilich der graue Mann ein lieber Gast, da er so flink und fleißig war, und so lebten jetzt der Alte und sein Weib in Überfluss von Schaffleisch.

Nun müssen wir wieder zurück in den Königspalast.

Der Schafhirt des Königs bemerkte, dass ihm ab und zu ein Schaf aus der Herde abhanden kam. Er konnte sich nicht denken, wie dies zugehe, und als ihm schon das fünfte Schaf abgängig war, begab er sich zum König und erzählte ihm die Sache. Es müsse sich ein Dieb in der Nachbarschaft aufhalten, so meinte er, sonst könnte er es sich nicht erklären, wie die Schafe abhanden kämen.

Der König begann nun selbst Nachforschungen darüber anzustellen, ob nicht neue Leute in seine Nachbarschaft gekommen seien, und so erfuhr er endlich, dass ein Mann gesehen worden sei, den Niemand kenne, und der sich in der Hütte der beiden alten Leute aufhalte.

Er schickte einen Boten in die Hütte mit dem Auftrage, der fremde Mann solle sich sogleich in der Halle des Königs einfinden. Die beiden alten Leute erschraken darüber gar heftig und waren voll Angst und Sorgen, dass sie nun denjenigen verlieren würden, der sie erhalten habe; denn es war ja kein Zweifel mehr, dass er als Dieb gehängt werden sollte. Der Graue aber war sogleich bereit vor dem Könige zu erscheinen.

Als er in die Halle kam, fragte ihn der König, ob er es sei, der ihm die fünf Schafe gestohlen habe. „Ja, Herr, das habe ich getan,“ entgegnete der Graue. „Und warum hast Du das getan?“ fragte der König weiter.

„Die beiden alten Leute da unten in der Hütte sind nicht im Stande, sich selbst zu ernähren,“ antwortete der Graue; „sie haben nichts zu essen, Du hingegen hast Überfluss an Allem, König; Du hast mehr als Du brauchst, und mehr zu essen als Du selbst aufzehren kannst. Es schien mir deshalb viel billiger, dass die beiden Leute dasjenige, was sie brauchen, von dem bekämen, was Du nicht brauchst, wenn Du auch in solchem Überfluss lebst.“

Diese Rede kam dem König ganz sonderbar vor und er fragte den Grauen, ob er denn keine andere Kunst gelernt habe, als die zu stehlen. Der Andere wusste hierauf keine Antwort. Der König aber sagte: „Morgen schicke ich meine Leute in den Wald hinaus mit meinem fünfjährigen Ochsen; gelingt es Dir, ihnen diesen zu stehlen, so soll Dir Alles verziehen sein; gelingt es Dir aber nicht, so lasse ich Dich hängen.“ Das sei ja schier unmöglich, meinte der Graue, da der König den Ochsen gewiss gut werde bewachen lassen. Ja, das sei seine Sache, wie er es anzustellen habe, entgegnete der König.

Hierauf begab sich der Graue wieder heim in die Hütte, wo er mit Freude empfangen wurde. Er bat die Leute um einen Strick, da er für den nächsten Morgen einen solchen benötige; der Alte suchte denn auch einen alten Strick hervor und hierauf schliefen sie alle drei die Nacht hindurch. Beim Morgengrauen stand der Graue auf, kleidete sich an, nahm den Strick zu sich und verließ die Hütte.

Er ging in den Wald hinaus, wo er wusste, dass die Leute des Königs mit dem Ochsen vorüber kommen müssten. Hier kletterte er auf eine große Eiche, dicht am Wege, schlang sich den Strick um und hängte sich auf einen Ast. Bald darauf kamen des Königs Leute mit dem Ochsen. Als sie den Grauen auf dem Baume hängen sahen, sagten sie: „Er hat wohl auch noch Anderen einen Schaden zugefügt, nicht unserem König allein, der Graue; darum haben sie ihn da aufgehängt; jetzt wird er es wohl bleiben lassen, uns den Ochsen wegzuhaschen, der Teufelskerl.“ Hierauf gingen sie ruhig weiter und dachten an nichts.

Als die Leute wieder verschwunden waren, stieg der Graue von der Eiche herab, schlug einen verborgenen und kürzeren Waldsteig in derselben Richtung ein, kam so den Leuten des Königs zuvor, kletterte neuerdings auf eine Eiche dicht am Wege, schlang den Strick um sich und hängte sich sodann wieder auf einen Ast. Als die Leute dahin kamen, waren sie ganz verblüfft und wussten nicht, ob dies mit rechten Dingen zugehe oder ob Zauberei dabei im Spiele sei.

„Sollte es denn zwei so verfluchte Graue gegeben haben?“ fragten sie einander. „Hört, gehen wir zurück zu dem Andern; es muss recht lustig sein, dahinter zu kommen, ob es zwei verschiedene sind, oder ob es ein und dieselbe Person ist, die auf beiden Bäumen hängt!“ Sie banden den Ochsen an einen Baum und kehrten um. Aber sie waren kaum verschwunden, als der Graue eiligst vom Baum herabstieg, den Ochsen losband und schleunigst mit sich nach der Hütte führte.

Nun mögen die beiden Alten da zusehen, dass der Ochs geschlachtet werde, meinte er, und die Haut sollen sie ihm ganz abziehen und aus dem Talg Lichter gießen.

Man kann sich denken, was für eine Lust und Freude da in der Hütte herrschte!

Von den Leuten des Königs aber ist zu erzählen, dass, als sie zu der ersten Eiche kamen, natürlich der Graue nicht mehr dort hing, und als sie zur zweiten kamen, auch diese leer fanden, da ja der Dieb inzwischen verschwunden war; ja, fort war er und auch der Ochs war vom Baume verschwunden, an den sie ihn angebunden hatten. Nun erst merkten sie, dass der Graue sie zum Besten gehalten habe, und es blieb ihnen nichts übrig, als heim zu gehen und dem König zu erzählen, wie die Dinge nun stünden.

Da schickte der König wieder einen Boten zum grauen Manne, mit dem Auftrage, dass er kommen solle, und zwar sogleich. Der Häusler und sein Weib zitterten vor Angst und Schrecken; jetzt war ja keine Gnade mehr zu erwarten für ihren lieben Grauen; es war sicher, dass er ohne Schonung werde gehängt werden. Er selbst aber war guten Mutes und trat ohne Furcht vor den König hin.

„Hast Du meinen Ochsen gestohlen, grauer Mann?“ fragte der König.

„Ich musste es ja tun, um mein Leben zu retten, o König!“ antwortete der Graue. Hierauf sagte der König: „Ich will Dir auch dies verzeihen, wenn es Dir gelingt, heute Nachts mir und meiner Königin die Betttücher unter dem Leibe weg zu stehlen.“ „Das geht über die Kräfte eines Menschen,“ sagte darauf der Graue; „wie soll ich in den Palast kommen und dies tun können?“ „Ja, das ist Deine Sache und Dein Leben gilt es,“ entgegnete der König und entließ ihn.

Der Graue kehrte wieder zu den Häuslersleuten in die Hütte zurück und wurde hier mit solcher Freude aufgenommen, als ob er von den Toten auferstanden wäre.

Als es gegen Abend ging, nahm der Graue einige Töpfe voll Mehl und bat das Weib, dass es einen Brei kochen und denselben recht dick werden lassen solle. Sie tat nach seinem Willen und als der Brei fertig war, gab ihn der Graue in ein Gefäß und bedeckte dasselbe, damit er nicht zu schnell kalt werde.

Hierauf schlich er sich mit dem Gefäß zu dem Königspalaste; es gelang ihm, in denselben hineinzukommen, ohne dass er bemerkt wurde, und er verbarg sich in einem finsteren Winkel. Bald darauf wurde auch der Palast fest zugeschlossen, damit es dem Diebe ja nicht gelingen sollte, sich in denselben einzuschleichen.

Als aber der Graue vermutete, dass im Palaste Alles zur Ruhe gegangen sei und auch der König und die Königin im festen Schlafe lägen, ging er ganz leise in deren Schlafgemach, deckte den König und die Königin an den Füßen bis zur Mitte des Körpers ab und ließ recht vorsichtig den Brei zwischen König und Königin tröpfeln; hierauf entfernte er sich rasch aus dem Gemache und begab sich wieder in sein Versteck.

Die Königin erwachte gar bald, als sie den warmen Brei fühlte, weckte den König und sagte zu ihm: „Was ist denn das? Du hast ja ins Bett gemacht, mein Liebster!“ Der König wollte dies nicht zugeben, sondern beschuldigte die Königin, dass sie es getan habe, und so stritten sie eine Weile mit einander. Schließlich nahmen sie die Betttücher und warfen dieselben samt ihrem Inhalte weit von sich auf den Boden.

Hierauf schliefen sie wieder ein; der Graue aber schlich herbei, nahm die Tücher, legte sie zusammen, und entfloh damit zu den alten Leuten in die Hütte. Er übergab ihnen die Tücher und hieß sie, dieselben von den Breiklümpchen reinigen und sie für ihre Betten benutzen.

Als am nächsten Morgen der König und die Königin erwachten, sahen sie, dass die Betttücher verschwunden waren. Da dachte der König, dass sie wohl sicher der Graue gestohlen habe, und schickte sogleich einen Boten zu demselben. Nun glaubten die alten Leute, dass der Graue diesmal ganz gewiss gehängt werden würde, und nahmen von ihm schmerzlichen Abschied. Er aber ging wieder ganz mutig in den Palast hinauf.

Da fragte ihn der König: „Hast Du in der Nacht mir und meiner Königin die Betttücher unter dem Leibe weggestohlen?“ „Ja, Herr,“ sagte der Graue, „ich habe es getan; denn ich musste ja mein Leben retten.“ Da sagte der König: „Ich will Dir Alles, was Du bisher getan hast verzeihen, wenn Du in der heutigen Nacht uns beide, mich und meine Königin, aus unserem Bette stiehlst. Wenn es Dir aber nicht gelingt, sollst Du ohne Gnade gehängt werden!“ „Das kann Niemand,“ sagte der Graue. „Das ist Deine Sache,“ entgegnete der König.

Der Graue begab sich wieder heim in die Hütte. Die beiden Alten empfingen ihn mit unbeschreiblicher Freude, als ob er wirklich von den Toten auferstanden wäre.

Als es des Abends finster geworden war, nahm der Graue einen großen, hohen und breitkrämpigen Hut, welcher dem Alten gehörte. Er durchbohrte denselben in dichten Reihen und steckte in die Löcher die Lichter, welche sie aus dem Talg des Ochsen bereitet hatten; auch an seinem Körper befestigte er unzählige Lichter, von oben bis unten. Sodann setzte er den Hut auf, nahm den Ochsenbalg in die Hand und ging in den königlichen Palast, und zwar in die Kirche.

Hier legte er den Ochsenbalg vor dem Altare nieder, zündete alle Lichter an und ging zu den Glocken und läutete. Durch das Geläute erwachten der König und die Königin; sie blickten zum Fenster hinaus, um zu sehen, was es denn gebe. Da sahen sie an der Kirchentür eine leuchtende Gestalt stehen, welche nach allen Seiten Strahlen aussandte. Der König und die Königin waren über diesen Anblick ganz verblüfft und meinten, dass es ein Engel vom Himmel sei, welcher der Erde eine wichtige Botschaft zu verkünden habe. Einen solchen Gast müsse man gebührend empfangen, ihm geziemende Ehrfurcht erweisen und um Barmherzigkeit anrufen, sagten sie.
Sie zogen eiligst ihre prächtigsten Kleider an und gingen hinaus zu dem vermeintlichen Engel. Dann warfen sie sich vor ihm auf die Knie und baten ihn um Gnade und Vergebung der Sünden. Der Engel aber sagte, er werde sie nur drinnen in der Kirche vor dem Altar erhören. Sie folgten ihm denn auch dahin und der Engel sagte nun, daß er ihnen die Sünden vergeben werde, jedoch nur unter einer Bedingung. Sie fragten ihn, welche Bedingung dies sei. Keine andere als die, dass sie beide in den Balg kröchen, der beim Altare liege, sagte der Engel. „Nichts Anderes als das!“ rief der König; „das ist ja bald getan.“ Und er kroch auch sogleich samt der Königin in den Ochsenbalg.

Aber sie waren kaum in dem Balge, als der Engel denselben an der Öffnung zusammenfasste und zuband. Der König schrie nun freilich, was denn dies zu bedeuten habe; der Engel aber schüttelte alle Lichter ab, schleifte den Balg mit rasender Schnelligkeit durch die Kirche, und sagte: „Ich bin kein Engel, guter König, sondern Dein guter Bekannter, der Graue, von der Hütte da unten. Siehst Du, ich habe Dich samt Deiner Königin, wie Du es mir befohlen hast, aus dem Bette gestohlen und nun sollst Du auch Vergebung der Sünden erhalten, das kannst Du mir glauben; ich bringe Euch beide um’s Leben, wenn Du mir nicht versprichst, die Bitte zu erfüllen, die ich an Dich richten werde, und mir dies beschwörst, bevor ich Euch aus dem Balge herauslasse.“

Was konnte der König tun? Er musste Alles versprechen und beschwören, was der Graue wollte. Dieser ließ sie hierauf los und verlangte nichts Anderes, als des Königs Tochter und die Hälfte des Reiches, sowie außerdem die Erlaubnis, den alten armen Häusler samt seinem Weibe zu sich nehmen zu dürfen. Der König musste seine Einwilligung geben, denn er hatte es ja beschworen.

Der Graue ging sodann hinab zu den alten Leuten in der Hütte und man kann sich denken, dass er sich jetzt etwas mehr in die Brust warf als sonst. Nun müssten die Alten sich ein wenig herausputzen und die Festtagskleider anlegen, sagte er; denn jetzt müssten sie eine andere Wohnung beziehen. Der Alte und sein Weib machten große Augen bei dieser Rede und man kann sich vorstellen, wie ihre Verwunderung wuchs, als der Graue Alles erzählte, wie es sich verhielt. Und hierauf nahm er sie mit in den Königspalast, wo es einen prächtigen Empfang gab.

Er heiratete die Prinzessin und bekam das halbe Reich als Mitgift. Beim Hochzeitsmahle aber erzählte er ihnen zur Unterhaltung, dass er ein Sohn des benachbarten Königs sei. Er habe gehört, was der arme Häusler vor hatte, und sodann mit dem Priester des Königs vereinbart, die Worte desselben, auf welche der Alte Alles gebaut hatte, in Erfüllung gehen zu lassen. Jetzt könne der Alte wohl auch zufrieden sein, meinte er, da er ja nun seine Kuh tausendfach bezahlt bekommen habe.

Der Graue lebte lange und glücklich mit seiner Königin. Nach dem Tode des Schwiegervaters erbte er das ganze Reich und regierte es mit Klugheit und Verstand bis an sein hohes Alter. Der Häusler aber und sein Weib blieben bei ihm ihr Leben lang und lebten in Freude und Herrlichkeit. Und hier ist das Märchen zu Ende.

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Super Prüfungen hier. Und der graue Mann ist ein sehr beeindruckender Kämpfer für eine gerechte Verteilung von Besitztum. Ich bin dafür. Dass der dann am Ende Prinz ist… Hilft wohl nix im Märchen. 😀

Falls es euch übrigens geht wie mir und ihr euch fragt, wann denn jetzt nochmal das Christentum nach Island kam, dann hier die Antwort mit Wiki: Um 1000 wurde es sozusagen zur Staatsreligion, nachdem vorher natürlich schon Kontakte bestanden. Entscheidend war dann wohl der Druck vom norwegischen König, der wichtiger Handelspartner und eben seinerseits schon Christ war. Sind wir wieder schlauer.

 

Textquelle: Isländische Märchen. Aus den Originalquellen übertragen von Josef Calasanz Poestion. Wien 1884, S. 125-134.
Bildquelle: Stafkirkjan, eine alte Kirche von Heimaey und ein Geschenk Norwegens im Jahr 2000 an Island eben zur Feier des 1000-jährigen Christentumjubiläums

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