17.2 Kohlensteiß auf dem Steckenpferd

Heute ein isländisches Märchen mit einem wundervoll schrägen Titel, das einem dann doch recht bekannt vorkommt. Aber lest selbst…

Kohlensteiß auf dem Steckenpferd

Es lebte einmal ein alter Mann mit seinem alten Weibe in einer schlechten Hütte. Sie hatten drei Töchter; die älteste hieß Signy, die zweite Asa und die dritte Helga. Die beiden ältesten Schwestern, Signy und Asa, hatten glückliche Tage im Vergleich zu Helga; denn die Eltern liebten sie sehr und erfüllten ihnen alle ihre Wünsche. Helga hingegen hatte sich nur geringer Liebe von ihren Eltern zu erfreuen und musste alle die Geschäfte verrichten, welche am unangenehmsten und beschwerlichsten waren, und die auch die alte Mutter nicht verrichten wollte. Sie musste alle grobe Arbeit tun, in der Küche sein, mit der Mutter das Essen bereiten und Alles putzen und reinigen, was in der Hütte der Reinigung bedurfte. Die älteren Schwestern hielten sich von all dem ferne; im Winter saßen sie wie zwei Prinzessinnen im Zimmer auf einer Bank; im Sommer aber sonnten sie sich im Freien, gingen in schönen Kleidern spazieren und dachten an nichts Anderes als an ihren Putz.

Gleichwohl beneideten sie Helga; denn obschon sie nur in Lumpen gehüllt war, die gröbsten Arbeiten verrichten musste und keine andere Ruhestätte hatte als den Aschenhaufen draußen in der Küche, so erschien sie doch Allen als die schönste der Schwestern und dies ärgerte die beiden anderen sehr.

Da kam einmal ein wohlgekleideter und hübscher Mann und freite um Signy. Sowohl den Eltern wie auch Signy selbst gefiel der Mann, und da sie fanden, dass dies eine ansehnliche Partie sei, gaben sie ihr Jawort dazu. Der Mann zog hierauf sogleich mit Signy fort; sie waren aber noch nicht weit von der Hütte entfernt, als er seine Gestalt wechselte und zu einem Riesen mit drei Köpfen wurde. Er fragte nun Signy: „Wünschest Du, dass ich Dich trage oder dass ich Dich ziehe?“ Signy wählte, was das Angenehmere war, und sagte, sie wünsche, dass er sie trage. Er ließ sie sich nun auf einen seiner Köpfe setzen und trug sie so hinein in seine Höhle. Hier führte er sie in einen Keller, band ihr die Hände auf den Rücken, schlang ihre Haare um eine Stuhllehne und ging hierauf fort und sperrte den Keller zu.

Kurze Zeit nachher kam wieder ein Mann zu dem Alten und seinem Weibe und freite um Asa; er war vornehm gekleidet und hatte, nach der Meinung der Eltern, das Aussehen eines wohlhabenden Mannes; außerdem gefiel er auch Asa. Es wurde daher beschlossen, dassß der Mann sie zum Weibe bekommen solle und derselbe zog mit ihr fort vom väterlichen Hause.

Sie waren noch nicht weit von der Hütte entfernt, als dieser Mann zu einem schrecklich großen Riesen mit drei Köpfen wurde; er stellte dieselbe Frage an Asa, welche er auch an ihre Schwester Signy gerichtet hatte, und es geschah genau dasselbe, was schon früher von ihrer Schwester und ihm erzählt worden ist.

Es kam nun zum dritten Male ein Mann in die Hütte der alten Leute und hielt um die Hand ihrer Tochter an. Es war dies ein stolzer und ansehnlicher Mann. Die alten Leute aber baten ihn, er möge doch mit solchen Reden aufhören, „denn wir haben nun keine Tochter mehr zu vergeben, wir haben schon alle verheiratet, die wir hatten.“ Der Mann bestand jedoch nur noch eifriger auf seiner Werbung; sie hätten gleichwohl noch eine Tochter, die nicht verheiratet sei, meinte er.

Die alten Leute gaben endlich zu, dass sie allerdings noch eine Tochter besäßen; aber es falle ihnen nicht ein, zu glauben, dass irgend ein Mensch Liebe zu derselben fassen könne, denn sie sei ein hässliches Ding und dabei das nichtswürdigste Geschöpf der Welt. Der Mann aber bestand nur um so mehr auf seiner Werbung und bat, dass er das Mädchen sehen dürfe.

Helga wurde aus der Küche herbeigerufen und dem Fremden gezeigt; dieser drang in die alten Leute, ihm ihre Tochter nicht länger zu verweigern. Wenn er sie schon durchaus haben wolle, so hätten schließlich auch sie nichts dagegen, meinte endlich der Vater; um Helgas eigene Meinung aber wurde nicht gefragt.

So zog denn der Mann mit Helga fort und als sie ein kurzes Stück Weges zurückgelegt hatten, verwandelte er sich, wie früher, zu einem Riesen und ließ Helga dieselbe Wahl wie ihren Schwestern; sie entschied sich dafür, gezogen zu werden, und es wird nichts Weiteres von ihnen gemeldet, bis sie in der Höhle des Riesen ankamen.

Da sagte der Riese zu Helga: „Nun sollst Du alle häuslichen Arbeiten hier verrichten, die Höhle fegen und reinigen, mein Essen bereiten, mir in Allem an die Hand gehen und mein Bett machen.“

So verging einige Zeit. Während des Tages besorgte Helga alle häuslichen Arbeiten in der Höhle, des Abends und Morgens aber bediente sie den Riesen. Dieser brachte regelmäßig den Tag mit Jagen und Fischen zu; des Abends trug er seinen Fang heim, der entweder aus Fischen oder Vögeln bestand, und ging sodann an seine Mahlzeit, bei der er nicht gerade die feinsten Manieren an den Tag legte.

Bevor er des Morgens vom Hause fortging, gab er Helga jedesmal, was sie brauchte. Sie bemerkte jedoch, dass der Riese immer selbst zu seinen Behältern und Verschlügen ging und sie nie dabei zusehen ließ; auch nahm er jedesmal, wenn er die Höhle verließ, seine Schlüssel mit sich. Das einzige lebende Geschöpf, von dem Helga wusste, dass es sich außer ihr noch in der Höhle aufhalte, war ein winzig kleiner Hund, welcher ihr gehörte und an dem sie viel Vergnügen hatte. Sie bemerkte aber, dass er immer, wenn sie mit ihrer Arbeit beschäftigt war, oder sich nicht mit ihm abgab, davon lief, jedoch wieder zurückkam wenn sie ihn rief, wenngleich nicht augenblicklich. Sie schloss daraus, dass er sehr weit von der Höhle fortlaufe.

Eines Tages begann Helga die Höhle zu untersuchen und stieß dabei auf eine versperrte Türe, vor welcher der Hund lag. Sie schaute durch das Schlüsselloch, und es schien ihr, dass sie zwei Mädchen sehe, welche je auf einem Stuhle saßen, und es kam ihr der Gedanke, ob dies nicht ihre beiden Schwestern sein könnten. Da wurde sie sehr betrübt über das harte Loos, welches dieselben hier erleiden mussten, obschon ja die Schwestern selbst sie in früherer Zeit nicht besser behandelt hatten.

Als der Riese des Abends heimkam, war Helga sehr munter und gesprächig und trieb allerlei Scherze mit ihm, während er bei seiner Mahlzeit saß. Sie fragte ihn unter Anderem auch, wie er mit ihrer Arbeit und Wirtschaft in der Höhle zufrieden sei. Er sei damit ganz zufrieden, sagte er, und sie sprachen lange zusammen, bis sie ihn endlich fragte, wie sie selbst ihm gefalle. Der Riese sagte, sie gefalle ihm sehr gut; er habe sie ja auch deshalb geholt, weil er wusste, was für ein hübsches Weib sie sei. Da sagte Helga: „Wenn Du etwas Besseres mit mir beabsichtigt hättest, als dass ich Deine Magd sei, würdest Du nicht so misstrauisch gegen mich gewesen sein und mir gewiss erlaubt haben, in Deiner Höhle überall und zu allen Verschlügen und Behältnissen herumzugehen, und dann hätte ich mich auch an Deinem Reichtum erfreuen können; aber Du hältst Alles vor mir verschlossen, hast mir selbst Alles vorgegeben, was ich brauchte, und mir niemals erlaubt von Deinem Eigentum freien Gebrauch zu machen.“

Es sei richtig, was sie da sage, meinte der Riese; er hätte ihr niemals seine Schlüssel gegeben. „Aber dies tat ich, weil ich Dich auf die Probe stellen wollte. Nun will ich Dir nicht länger verbergen, dass ich bald unsere Hochzeit zu feiern gedenke, und deshalb sollst Du nun auch die Schlüssel zu allen meinen Behältern und Verschlügen in Empfang nehmen, und über Alles verfügen können, was mir gehört. Nur einen Verschlag sollst Du nicht aufsperren, wenn auch einer von den Schlüsseln im Bunde zum Schlosse passt, und ich rate Dir, dass Du Dich wohl in Acht nehmest, dies zu tun.“

Helga nahm den Schlüsselbund in Empfang und sagte: „Nun hast Du brav gehandelt; nicht nur weil Du mich nicht betrügen willst, sondern auch weil Du mir erlaubst mit Deinem Eigentum frei zu schalten und zu walten Aber nun naht ja auch die Zeit, wo es sich für mich geziemt, mit der Einrichtung in Deinem Hause etwas näher bekannt zu werden, als dies bis jetzt der Fall war. Da Du, wie Du sagst, im Sinne hast, recht bald die Hochzeit mit mir zu halten, glaube ich, dass es nicht schaden wird, die Höhle gründlich zu reinigen und das Eine oder Andere an einen passenderen Platz zu geben; und ich will gleich morgen an diese Arbeit gehen.“

Sie begaben sich hierauf zur Ruhe und schliefen die Nacht hindurch.

Am nächsten Tage ging der Riese wieder wie gewöhnlich fort; Helga aber begann nun in seinen Verschlägen und Behältern nachzusehen. Nachdem sie dies sonst überall getan, ging sie auch zu der Türe, vor welcher der Hund oft lag, und versuchte den einzigen Schlüssel, den sie noch nicht gebraucht hatte, und den zu benützen der Riese ihr verboten hatte. Die Tür öffnete sich sogleich und als Helga in diesen Raum eintrat, fand sie ihre beiden Schwestern, welche halb verhungert, ausgezehrt und verkommen waren. Sie löste dieselben von ihren Banden los und erfrischte sie, so gut es ihr möglich war.

Nun erzählten sie Helga ihr Leben bei dem Riesen; er habe sie, sagten sie, zur Ehe zwingen wollen; da sie sich aber dazu nicht willig zeigten, habe er sie in diese abgelegene Höhle gesperrt und ihnen nur so viel Nahrung vergönnt, als sie brauchten, um kümmerlich ihr Leben fristen zu können. Als Helga dies gehört hatte, sagte sie: „Da gilt es unversäumt Rat zu schaffen und ich habe im Sinne Euch von hier fort zu bringen, wie es auch mir selbst später ergehen möge. Ich habe mir ausgedacht, Euch durch den Riesen zu Vater und Mutter nach Hause tragen zu lassen und zwar in einem Sacke, den ich mit alten Fischhäuten und den Mahlzeitüberresten des Riesen ausfüllen will.“

Hierauf nahm sie einen großen Sack, ließ die Schwestern in denselben hineinsteigen und füllte ihn dann rings herum mit den Speiseüberresten des Riesen aus. Nachdem sie damit fertig war, stellte sie den Sack hinten an die Wand der Höhle.

Als der Riese des Abends nach Hause kam, stellte sich Helga, als ob sie sehr traurig und betrübt wäre, und er drang daher in sie, um zu erfahren, was ihr fehle. Sie aber sagte, ihre Traurigkeit komme daher, dass sie von ihrem Tagewerke ermüdet sei, sowie auch daher, dass sie wisse, wie ihre Eltern kaum einen Bissen Nahrung im Hause hätten, während sie hier im Überflusse lebe. Dem Riesen gingen diese Klagen zu Herzen und er sagte, dass er da leicht Hilfe schaffen könne. Darauf entgegnete Helga: „Ich habe heute schon darüber nachgedacht, wie Du mit dem geringsten Schaden für Dich selbst der Not meiner Eltern abhelfen könntest, und ich glaube nämlich, dass Du wohl kaum die Überreste vermissen wirst, welche immer von Deinem Frühstück und Deinem Nachtmahl zurückbleiben, und die bisher unter dem übrigen Kram in der Höhle herumgelegen sind; ich habe sie zusammengesucht und Einiges davon in diesen Sack da gegeben, der, wenn er auf eine leichte Art zu meinen Eltern gebracht werden könnte, für dieselben eine leichte Versorgung sein würde. Aber nun ist der Sack so schwer geworden, dass ich ihn nicht heben kann; und dennoch enthält er nicht die Hälfte von diesen Überresten. Da hoffe ich, dass Du mir den Gefallen erweisen und diesen Sack morgen zu meinen Eltern bringen wirst; auf diese Weise hilfst Du nicht nur ihnen in ihrer Not, sondern befreist mich auch von der Mühe und Arbeit, welche Deine Speiseüberreste mir tagtäglich verursachen. Aber ich verbiete Dir auf das Strengste, dass Du etwas im Sacke berührst oder darin umwühlst; und Du sollst ja nicht glauben, dass ich es nicht sehen oder wissen würde; denn ich sehe durch Wälder Höhen und meine Höhle. Auch kannst Du sicher sein, dass es aus der Heirat mit mir nichts werden wird, wenn Du meinem Befehle nicht gehorchst.“

Der Riese versprach, ihr in Allem zu gehorchen und jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, und sagte hierauf: „Nun sollst Du Alles fertig machen für unsere Hochzeit, welche morgen stattfinden wird.“

Sodann bezeichnete er ihr all die Dinge, welche für das Hochzeitsmahl notwendig seien, und sie fand, dass es nicht wenige waren. Er kam auch mit einem Bündel herbei, das er aufband und aus dem er dann ein Brautkleid hervorzog; er bat Helga, dasselbe anzuziehen, sobald sie mit den Vorbereitungen zu dem Mahle fertig sei; denn es müsse schon Alles bereit sein, wenn die Hochzeitsgäste ankämen, sagte er. Wenn er ihren Eltern den Sack bringe, werde er auch gleich die Gäste einladen. Helga antwortete ihm, er könne ganz ruhig sein, es werde schon Alles bereit sein, wenn die Gäste kämen, und sie tat, als ob ihr sehr daran gelegen sei, dass die Hochzeit so bald als möglich stattfinde. Hierauf sprachen sie nicht weiter zusammen und legten sich schlafen.

Am nächsten Morgen stand der Riese zeitlich auf, nahm den Sack auf den Rücken und trabte damit fort zu der Hütte der Eltern seiner Braut. Als er ein gut Stück Weges von der Höhle weg zurückgelegt hatte, ward ihm der Sack so schwer, dass er denselben von der Schulter nahm, um sich auszuruhen. Er hatte kaum seine Bürde abgelegt, als die eine der Schwestern sagte: „Ich sehe durch Wälder, Höhen und meine Höhle!“

Da meinte der Riese, dass Helga ihn sehe, und er sagte:

„Nein, nicht will in den Sack ich sehen
Und sollt’ auch brechen mir der Rücken;
Ein scharfes Auge hat meine Helga,
Sie kann durch Wälder, Höhen und ihre Höhle blicken.“

Aber er wurde bald zum zweiten Male müde und fand den Sack ungewöhnlich schwer; er setzte ihn deshalb wieder auf die Erde nieder; als er nun abermals sprechen hörte: „Ich sehe durch Wälder, Höhen und meine Höhle“, wiederholte er seine früheren Worte und setzte die Wanderung fort. Dasselbe geschah, als er zum dritten Male ausruhte; er hörte und entgegnete dasselbe, wie das erste Mal. Hierauf kam er ohne weiteren Zwischenfall zu der Hütte und überlieferte den alten Leuten den Sack.

Nun müssen wir erzählen, dass Helga daran ging die Höhle zu reinigen und die Vorbereitungen für das Hochzeitsmahl zu treffen, wie der Riese ihr anbefohlen hatte. Sie beeilte sich, so sehr sie konnte, und deckte den Tisch. Als sie mit Allem fertig war, was sie zu tun hatte, nahm sie einen Knüttel, den sie in der Höhle fand, legte demselben ihren Brautanzug an, und stellte ihn dahin, wo sie glaubte, dass ihr eigener Platz beim Mahle sein würde. Hierauf schwärzte sie ihr Gesicht mit Ruß, wälzte sich mit ihren Kleidern in Kohle und Asche, nahm den Schürhaken, setzte sich rittlings auf denselben und verließ sodann in der Richtung, welcher derjenigen, in der die Hütte ihrer Eltern lag, entgegengesetzt war, die Höhle. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie auch schon dem Riesen begegnete, der mit einer großen Menge von Hochzeitsgästen daher kam. Es waren sowohl Riesen wie Berggeister in seinem Gefolge und er selbst ging Allen voraus. Er sprach Helga an und fragte sie, wie sie heiße. Sie antwortete, dass sie ‚Kohlensteiß auf dem Steckenpferde‘ heiße. Da sprach er zu ihr:

„Kamst Du zum Mehlberg,
Kohlschwarze Hexe?“

Sie antwortete:

„Ich komme von dort;
Bedeckt sind die Bänke,
Die Braut sitzt bei Tische,
Voll sind die Krüge,
Sie fließen über.“

Da sagte der Riese: „Oho! reiten wir schnell, die Braut wartet!“

Und alle Gäste wiederholten seine Worte und riefen: „Oho! reiten wir schnell, Bursche!“

Nachdem Helga sie verlassen hatte, begegnete ihr eine andere Schar von Gästen, welche nur aus Riesinnen und Hexen bestand. Die fragten sie ebenso wie der Riese: „Kamst Du zum Mehlberg, Kohlschwarze Hexe?“ Sie antwortete:

„Ich komme von dort:
Bedeckt sind die Bänke,
Die Braut sitzt bei Tische,
Voll sind die Krüge,
Sie fließen über.“

Da riefen die Weiber: „Oho! reiten wir schnell, Dirnen!“

Hierauf ritten die Hexen weiter zur Höhle am Mehlberge. Als aber Helga von jenen durch einen Hügel getrennt war, kehrte sie um und eilte heim nach der Hütte, wo sie ihren Eltern und Geschwistern erzählte, welchen Verlauf die Dinge nun genommen hätten. Sie blieb aber nur kurze Zeit zu Hause; dann ging sie wieder fort, um zu sehen, was sich nun auf dem Mehlberg zutrage.

Wir kommen wieder zurück zu dem Riesen und seinen Gästen.

Als sie zur Höhle kamen, sahen sie den Tisch gedeckt und die Bänke aufgestellt, kurz: Alles zu Lust und Vergnügen vorbereitet. Hierauf erblickten sie die Braut, welche bereits auf ihrem Platze saß; sie traten näher an sie heran und grüßten sie; aber sie würdigte sie nicht einmal eines Blickes, was Allen ein ganz lächerliches Benehmen erschien und nicht zum Wenigsten dem Bräutigam. Als sie sich aber dieselbe etwas genauer ansahen, entdeckten sie, wie diese Braut beschaffen war. Der Riese fand nun, dass er in schlimmer Weise zum Besten gehalten worden war, und einige von den Gästen, welche dies einsahen, beklagten ihn wegen dieser Verhöhnung, die anderen Gäste jedoch glaubten, dass sie selbst vom Riesen zum Besten gehalten worden seien, da er sie zur Hochzeit eingeladen habe, nun aber durch einen Knüttel täuschen wollte. Es entstand alsbald eine Schlägerei zwischen dem Riesen und seinen Freunden einerseits und Denjenigen, die sich von ihm zum Besten gehalten glaubten, andererseits, und sie schlugen einander schließlich alle tot. Kurz und gut, es blieb keine lebende Seele zurück; Helga aber stand dabei und sah zu, auf welch’ hässliche Weise sie um’s Leben kamen. Als alle Unholde gefallen waren, lief Helga eiligst heim in die Hütte und holte ihre ganze Familie. Hierauf zogen sie die toten Leiber aus der Höhle, trugen Holz zusammen, zündeten einen großen Scheiterhaufen an und verbrannten die ganze hässliche Brut zu schwarzer Kohle. Sodann nahmen sie Alles, was sie in der Höhle an Geldeswerth fanden und schafften es heim in die Hütte.

Helga ließ eine Menge Zimmerleute kommen, kaufte Bauholz und ließ ein großes, schönes Haus erbauen, in welchem sie dann wohnte. Ihre Schwestern heirateten niemals; denn sie hatten nicht viel Verstand im Kopf, waren an nichts gewöhnt und konnten nichts, was nützlich war. Helga aber heiratete einen braven Mann und sie lebten lange und glücklich zusammen,

Hatten Kinder und Kindeskinder,
Gruben Wurzeln und Kräuter;
Es schwamm der Fisch
Im Fett am Tisch;
Dies sei beschieden Jedermann,
Der hören kann;
Doch brenn’ im Kopfe eine Lohn’,
Dem, der nicht zahlt Erzählerlohn,
Lieber heute als morgen.
Die Katze draußen im Moor
Streckte den Schwanz empor,
Und — aus ist das Märchen!

*******

Am Anfang hört man ja sehr das Aschenbrödel trappsen, bevor es zum Riesenmärchen wird. Super spannend zudem die Einsprengsel des Erzählers, der am Ende selbstbewusst seinen Lohn fordert. Offensichtlich hat Herr Poestion sich also echt an die Originalquellen gehalten, aus einer Zeit professioneller Erzähler.

Textquelle: Isländische Märchen. Aus den Originalquellen übertragen von Josef Calasanz Poestion. Wien 1884, S. 11-21.
Bildquelle: Illustration in Athansius Kirchers Mundus Subterraneus (1665) – extrapoliert von vermeintlichen Fossilienfunden!

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