16.6 Das verzauberte Holzbild

Genug mit dem Nordosten und auf nach Neuseeland zu einem Märchen der Maori. Lest selbst…

Das verzauberte Holzbild
(Maori)

as Bild verzauberte alle Menschen, die über den Hügel gingen, auf dem das befestigte Dorf lag, in dem es aufbewahrt wurde. Kein Mensch wagte die Stelle zu besuchen, und man nannte daher den Hügel den „Heiligen Berg“ Auf diesem Hügel wohnten Puarata und Tautohito, und sie besaßen das geschnitzte Bild. Sein Ruf ging weit über alle Lande, zum Tamaki- und Kaipara-Fluß, zu den Stämmen von Ngapuhi- nach Akau, Waikoto, Kawhia, Mokau, Hauraki und Tauranga; der Ruhm von der unüberwindlichen Zauberkraft des Holzbildes hatte sich über ganz Aotea-roa ausgebreitet, der Nordinsel von Neu-Seeland; überall konnte man hören, dass seine Zaubermacht so groß war, dass niemand ihm lebendig zu entrinnen vermochte; und schon viele tapfere Krieger und ganze Heere waren gegen den Heiligen Berg gezogen, um die Zauberer zu vernichten, denen das Holzbild gehörte; sie wollten es als Schutzgeist in das eigene Land mitnehmen, damit die Zauberkräfte ihnen Untertan wären; aber sie waren alle, alle bei dem Versuch umgekommen. Kurz, niemand konnte sich lebend der Festung nähern; sogar einzelne Scharen, die durch den Wald zogen, der sich nach Norden gen Muri-whenua erstreckt, waren alle infolge der Zauberkräfte des Holzbildes gestorben; ob sie nun als bewaffnete Heerhaufen oder als einzelne harmlose Wanderer ihre Straße zogen, ihr Schicksal war stets dasselbe – sie gingen alle zugrunde. Dort, wo die Straße über Waimatuku führt, begann der Bereich der Zauberwirkung.

Der Tod von so vielen Menschen rief eine nicht geringe Aufregung im Lande hervor, und schließlich gelangte das Gerücht von diesen eigenartigen Zuständen auch zu einem sehr mächtigen Zauberer, namens Hakawau. Der vertraute auf seine Künste und beschloss, das hölzerne Bild und die Zauberer zu besuchen. Er rief sofort alle ihm dienenden Geister herbei, ließ sich in einen Zauberschlaf versenken und wollte nun sehen, welchen Ausgang sein Unternehmen finden würde; im Schlafe sah er, dass sein Geist siegen würde, denn er war ein so mächtiger und gewaltiger Zauberer, dass ihm der Kopf im Traum bis in den Himmel reichte, während die Füße an der Erde haften blieben.

Als er dies durch seine Zaubersprüche festgestellt hatte, begab er sich sofort auf die Reise und zog durch das Land Akau; da er auf seine eigenen Kräfte baute, marschierte er ohne Furcht weiter und wollte versuchen, ob seine Zauberkünste nicht über das hölzerne Bild siegen würden und es ihm ermöglichten, den alten Zauberer Puarata zu vernichten. Er nahm einen Freund mit. Sie zogen zum heiligen Berg an der Meeresküste entlang; sie kamen durch Whanga-roa und folgten der Küste nach Rangikahu und Kuhawera; bei Karoroumanui kamen sie wieder an die Küste und gelangten nach Mareatai; das war ein befestigtes Dorf; und die Leute versuchten Hakawau samt seinem Freunde dazubehalten, damit sie sich ausruhten und ein wenig äßen; doch er antwortete: „Wir haben schon vor einiger Zeit etwas auf dem Wege genossen, wir sind weder hungrig noch müde.“ Sie wollten also nicht in Maraetai bleiben, sondern gingen stracks ihres Weges, bis sie Putataka erreichten; dort gingen sie über den Fluss und am Ufer entlang nach Rukuwai; auch dort hielten sie sich nicht auf, sondern zogen weiter, bis sie schließlich nach Waitara kamen.

Als sie in Waitara anlangten, wurde der Begleiter Hakawaus unruhig und sagte: „Ich fürchte, nun müssen wir hier umkommen.“ Doch sie zogen unbehelligt weiter und erreichten Te Weta; da bekam Hakawaus Freund wieder Herzklopfen und sagte: „Ich fühle, wir werden hier bestimmt sterben.“ Aber auch hier kamen sie ungefährdet vorbei, sie zogen weiter, und gelangten endlich an den am meisten verrufenen Ort – nach Waimatuku. Hier spürten sie den Gestank der zahllosen Leichname, der kürzlich verendeten Opfer; sie erstickten beinahe in dem Geruch, und beide sprachen jetzt: „Das ist ja ein fürchterlicher Ort; wir müssen befürchten, hier umzukommen.“ Hakawau arbeitete jedoch unaufhörlich mit seinen Zauberkünsten und murmelte Beschwörungen, welche die Angriffe der bösen Geister abwehren und die guten Geister um sie sammeln sollten, um sie gegen die tückischen Geister des Puarata zu schützen, wenn diese sie belästigen würden; so gelangten sie über Waimatuku hinaus und sahen voll Schrecken auf die vielen Leichname, die am Ufer, im dichten Farngestrüpp und in den Büschen verstreut umherlagen; und als sie ihres Weges weiter zogen, erwarteten sie jeden Augenblick den Tod.

Aber sie starben nicht auf dem fürchterlichen Pfade, sondern gelangten geradeswegs an die Stelle, wo er über einige niedrige Hügel führt, von wo aus sie die Festung erblicken konnten, die auf dem heiligen Berg stand. Hier setzten sie sich hin und ruhten sich zum erstenmal seit Beginn ihrer Reife aus. Die Posten auf der Festung hatten sie noch nicht bemerkt. Da sandte Hakawau mittels seiner Beschwörungen viele Geister aus, um die Geister anzugreifen, welche die Festung und das hölzerne Bild des Puarata bewachten. Hakawau schickte einige gute Geister voraus und befahl den andern, in einem bestimmten Abstande zu folgen. Die Beschwörungen, durch deren Kraft die Geister entboten wurden, hießen Whangai. Die vorausgesandten Geister sollten sofort den Angriff beginnen. Sobald die Schutzgeister von Puarata die andern bemerkten, stürmten sie alle heraus, um sie anzugreifen; die guten Geister taten so, als ob sie sich zurückzögen, die bösen folgten ihnen, und während sie so von der Verfolgung in Anspruch genommen wurden, stürzten sich einige tausend gute Geister, die Hakawau zuletzt geschickt hatte, auf die von ihren Verteidigern entblößte Feste; als nun die bösen Geister, welche sich bei der Verfolgung weil entfernt hatten, umkehrten, um die Festung zu schützen, da sahen sie, dass Hakawaus Geister schon ganz nahe heran waren; die guten Geister fingen mühelos einen nach dem andern ab, und so wurden alle Geister des alten Zauberers Puarata völlig vernichtet.

Als nun alle die bösen Geister, die dem alten Zauberer gedient hatten, umgekommen waren, begab sich Hakawau mit seinem Freunde zur Festung. Der alte Kerl war mit Geistern vollgestopft gewesen wie ein mit Menschen schwer beladenes Boot. Als die Wachtposten zu ihrer größten Verwunderung die Fremden kommen sahen, eilte Puarata zu dem hölzernen Bilde und rief es an. Seine Beschwörung lautete: „Fremde kommen hierher! Fremde kommen hierher! Zwei Fremde kommen! Zwei Fremde kommen!“ Doch es gab nur einen klagenden Ton von sich; denn seitdem die guten Geister des Hakawau die dienenden Geister des Puarata vernichtet hatten, richtete der alte Zauberer seine Beschwörungen vergeblich an das hölzerne Bild; es vermochte nicht mehr wie in früheren Zeiten mit machtvoller Stimme loszubrüllen, sondern stöhnte und klagte nur leise. Wenn es mit lauter Stimme losgeschrien hätte, wäre Hakawau mit seinem Freunde sofort umgekommen; so war es geschehen, wenn früher Heere oder Wanderer an der Feste vorübergekommen waren; dann hatte Puarata sein hölzernes Bild beschworen, und wenn es mit seiner mächtigen Spracht losdonnerte, dann waren alle Fremdlinge, die es hörten, gestorben.

Hakawau hatte inzwischen seinen Weg zur Feste fortgesetzt. Als sie in der Nähe waren, sagte Hakawau zu seinem Freunde: „Geh du geradeaus und folge dem Wege, der zum Festungstor führt; ich will dem alten Zauberer meine Macht beweisen und klettere über den Wall und die Umzäunung.“ Und als sie an die Befestigungen kamen, kletterte Hakawau über das Tor hinweg. Als die Bewohner das sahen, gerieten sie vor Wut außer sich und bedeuteten ihm, er solle gefälligst durch das Tor hereinkommen und nicht wagen, über das Tor von Puarata und Tauhito hinwegzusteigen; doch Hakawau kletterte ruhig weiter und kümmerte sich nicht im geringsten um die zornigen Worte, die man ihm zurief; er fühlte sich ganz sicher und wusste, dass die beiden alten Zauberer in Hexenkünsten nicht so erfahren waren wie er; Hakawau besuchte auch ohne weiteres alle die heiligen Stätten der Feste, die ein Nichtgeweihter nie hatte betreten dürfen.

Als Hakawau und sein Freund sich einige Zeit in der Festung aufgehalten und ein wenig ausgeruht hatten, bereiteten die Bewohner für sie einige Speisen. Und als sie lange Zeit dagewesen waren, sagte Hakawau schließlich zu seinem Freunde: „Nun wollen wir abreisen.“ Kaum hatte der die Worte vernommen, da sprang er sofort auf und war mehr denn bereit aufzubrechen. Doch die Leute forderten sie auf, nicht sofort loszuziehen, erst möchten sie doch noch einige Speisen genießen; aber Hakawau antwortete: „O, wir haben schon vor einer Weile gegessen.“ Hakawau wollte nicht länger bleiben und zog ab; und beim Aufbruch berührte er mit den Händen die Schwelle des Hauses, in dem sie sich ausgeruht hatten; und kaum waren sie aus der Feste heraus, da wirkte sein Zauber; sie starben alle, und niemand blieb von den Bewohnern übrig.

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Irgendwie schön, aber esoterisch schräg in dem Sinne, dass ich, glaube ich, nicht alles kapiere. So ist das Märchen für mich wie in Blick in eine faszinierende, aber mysteriöse Welt. Passend erklärt Herr Hambruch in seiner Einleitung ein bißchen den Glauben an eine Traumspiegelwelt, aber eben recht knapp.

Die Abbildung stammt heute mal aus Hambruchs Buch selbst. Sie zeigt ein heiliges Holzbild des Tiki Ohinemutu und mit dem – wie Hambruch erläutert – der Boden geweiht und damit für Unbefugte unbetretbar wird. Also selbes Prinzip wie im Märchen.

 

Textquelle: Südseemärchen aus Australien, Neu-Guinea, Fidji, Karolinen, Samoa, Tonga, Hawaii, Neu-Seeland u.a. Herausgegeben von Paul Hambruch. 7.-16. Tausend. Jena: Eugen Diederichs 1921, S. 328-333.
Bildquelle: Heiliges Holzbildnis der Maori, das dem Text als Abbildung beigegeben ist

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