16.3 Wie die Fidji-Leute den Bootsbau erlernten

Wir bleiben in Melanesien und zwar auf Fidji und schauen beim Bootebauen zu. Aber lest selbst…

Wie die Fidji-Leute den Bootsbau erlernten
(Melanesien)

uf dem Berge Kau-wandra steht der Tempel von Dengei, der Großen Schlange. In alten Zeiten fürchteten die Fidji-Leute den Ort und zollten ihm Verehrung, denn dort wohnte die Große Schlange, die von ihnen angebetet wurde.

Damals war Bau noch nicht das größte Königreich auf Fidji. Es gab unter uns noch keine Bootbauer; unsere Väter bauten keine Boote, sie wussten nicht, wie sie es machen sollten. Sie lebten sehr einfach und bedürfnislos; jeder Stamm wohnte gesondert in seinem Gebiet; es gab noch keine Boote, mit denen man von einer Insel zur nächsten fahren konnte. Da bekam die Große Schlange Mitleid mit ihnen; sie erwählte sich einen Stamm, dem sie den Namen „der Bootbauer“ gab, und lehrte ihn die Bootbaukunst; sie schenkte ihm auch die Oberherrschaft über ganz Fidji; das war ein mächtiges, großes Volk, und Bau kam daneben gar nicht in Betracht. Es war ja auch eine Kleinigkeit für sie, so groß zu werden, denn sie verstanden von allen Leuten auf Fidji allein den Bootsbau; die Leute kamen von weither und baten um Annahme als Diener, damit sie auch lernten, wie man die wunderbaren Fahrzeuge machte, welche die Menschen sicher über das Wasser trugen. So wurden sie im Laufe der Zeit stolz und hochmütig und gehorchten der Großen Schlange nicht; doch sie war nachsichtig, denn sie hatte sie lieb. Die Große Schlange wohnte also auf dem Berge Kauwandra; und alles Land ringsherum schenkte sie dem auserwählten Stamm; sie bauten sich eine Stadt, die lag hoch oben auf einem Berge; da lebten sie in Sicherheit, denn kein Feind konnte dort hingelangen; häufig erschien auch der Gott und unterhielt sich mit ihnen; er lehrte sie viele Dinge, so dass sie klüger wurden als die übrigen. Das war eine schöne Zeit; sie lebten in Frieden und Überfluss.

Gegen Abend begab sich die Große Schlange stets in eine Höhle auf dem Kau-wandra-Berge und legte sich dort zum Schlafen hin. Sobald sie die Augen schloss, wurde es dunkel; dann sagten die Menschen: „Die Nacht ist hereingebrochen“ Wenn sie sich im Schlafe umdrehte, erbebte die Erde, und die Menschen sagten: „Erdbeben“ Und wenn sie gegen Morgen die Augen aufschlug, dann entfloh die Finsternis, und die Menschen sagten: „Es ist Morgen.“ Nun besaß die Schlange eine wunderschöne schwarze Taube, die musste, sobald es Tag werden wollte, sie wecken. Sie schlief auf einem „Baka“, einem Feigenbaum, der stand unmittelbar vor dem Eingang zur Höhle der Großen Schlange. Hier ließ sie ihren Ruf erschallen: „Kru, kru, kru, kru“ und weckte damit die Schlange, wenn die Nacht verschwinden und der Tag seinen Einzug halten wollte. Dann stand sie auf und rief über das Tal zu den Bootbauern hinüber: „Kinder, erhebt euch und arbeitet, der Morgen ist da.“

Deshalb hassten der Häuptling der Bootbauer Rokala und sein Bruder Kausam-baria die Taube, sie waren stolz und faul geworden und sagten: „Was sollen wir denn immer, immer und immerfort arbeiten? Sklaven arbeiten, aber wir sind große, mächtige Häuptlinge. Unsere Sklaven mögen arbeiten; wir haben ja genug davon; aber wir wollen uns ausruhen. Komm, wir wollen die Taube töten; und wenn die Große Schlange dann böse wird, schön, dann wird sie eben böse. Wir werden sie bekriegen; wir sind viele und stark, und sie ist allein, wenn sie auch ein Gott ist.“ Und so holten sie Bogen und Pfeil und krochen unter den Feigenbaum, wo die Taube schlief. Rokola sagte zu seinem Bruder: „Ich will zuerst schießen. Wenn ich fehle, dann schieße du.“ Sein Bruder antwortete: „Schön, schieß! Ich bin bereit.“ Rokola schoß; der Pfeil fuhr der Taube in die Brust; sie fiel tot zu Boden, und die beiden Brüder flohen in die Stadt.

Als die Große Schlange aus dem Schlaf erwachte, wunderte sie sich, nicht die Stimme der Taube vernommen zu haben. Sie kam aus der Höhle heraus, sah am Feigenbaum in die Höhe und sagte: „Du Faulpelz, muss ich dich heute wecken? Wo bist du denn?“ Denn sie bemerkte sie nicht im Baum, wo sie sonst stets zu sitzen pflegte. Da blickte sie auf den Boden und sah die Taube mit dem Pfeil in der Brust. Sie trug innige Trauer um die Taube und ihr Zorn war nicht gering; sie erkannte Rokolas Pfeil, und mit fürchterlicher Stimme rief sie über das Tal hinüber: „Wehe dir, Rokola! Weh euch allen! O, ihr undankbaren Bootsbauer, ihr habt mir meine Taube getötet. Jetzt werde ich euch das Reich nehmen und es den Leuten von Bau schenken. Und ihr sollt unter die Bewohner von Fidji verstreut werden und fortan Sklaven sein.“ Doch die Bootsbauer riefen über das Tal zurück: „Große Schlange, wir fürchten dich nicht! Wir sind viele, und du bist allein, wenn du auch ein Gott bist. Komm, wir wollen miteinander kämpfen. So wie es deiner Taube ergangen ist, so wird es auch dir ergehen; wir sind nicht bange. Große Schlange, wenn du auch ein Gott bist.“ Sie bauten einen großen, hohen, breiten, starken Kriegswall. Unterdessen saß die Große Schlange auf dem Berge Kau-wandra; sie machte sich über die Leute lustig und rief: „Baut euren Wall nur recht stark. Führt ihn bis zum Himmel auf, ein Gott ist euer Feind.“ Sie verhöhnten sie weiter, denn sie vertrauten auf ihren Wall und ihre Zahl. Als sie den Bau beendet hatten, rief Rokola über das Tal hinweg: „Wir sind fertig. Lass uns kämpfen, damit unsere Kinder später erzählen können: unsere Väter haben die Große Schlange verzehrt, das war ein Gott, der oben auf Kau-wandra lebte.“

Jetzt kannte die Wut des Gottes keine Grenzen; er schleuderte seine Keule hoch in den Himmel hinein; die Wolken barsten, und eine unheimliche Regenflut ergoss sich über die Erde. Der Regen hielt viele, viele Tage an – es war kein Regen, wie er heute auf die Erde herabkommt, es goss in wahren Strömen –, auch das Meer stieg und überflutete das Land; o, es war ein schreckliches Schauspiel. Höher und höher stiegen die Fluten – und endlich wurde auch der Kriegswall der Bootbauer samt der Stadt und allen Menschen fortgespült. Rokola und viele andere ertranken; doch eine große Menge – es sollen gegen zweitausend Menschen gewesen sein – trieb auf Bäumen, Flößen und Booten fort; sie schwammen auf den Wassern hier hin und dort hin; schließlich landeten sie, die einen hier und andere da, auf den Bergspitzen, die aus den Fluten herausragten; und bei den Menschen, die vor dem Wasser dorthin geflohen waren, bettelten sie um ihr Leben. Als das Meer wieder zurücktrat, nahm man sie mit in die Täler der verschiedenen Königreiche hinab; dort wurden sie die Sklaven der Häuptlinge und bauen ihnen bis zum heutigen Tage die Boote. Der Banianenbaum, auf dem die Taube zu sitzen pflegte, wurde von der großen Flut nach Batu-lele fortgeschwemmt. Batu-lele war damals nur ein Riff wie Nowatu; es besaß keine Erde; doch an den Wurzeln des Feigenbaumes hing so viel Erde, dass ein Land daraus wurde; Menschen kamen und siedelten sich dort an. Und so lernten die Fidji-Leute den Bootsbau.

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Hybris? Nie eine prima Idee. Götter verstehen da wenig Spaß, zumal die Taube ja echt für nix konnte.

 

Textquelle: Südseemärchen aus Australien, Neu-Guinea, Fidji, Karolinen, Samoa, Tonga, Hawaii, Neu-Seeland u.a. Herausgegeben von Paul Hambruch. 7.-16. Tausend. Jena: Eugen Diederichs 1921, S. 98-101.
Bildquelle: Boote aus Fidji & Initialzeichnung zum Märchen aus meiner Textgrundlage

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