16.1 Die Entstehung der Sonne, oder: Märchen der Südsee

Wo das Wetter im Moment mehr April als Sommer ist, habe ich beschlossen, es geht in die Südsee. Zumindest per Märchenreise.

Meine Textgrundlage ist eine Sammlung von Märchen, die der Hamburger Ethnologe Paul Hambruch (1882-1933) in der wundervollen Reihe Märchen der Weltliteratur bei Eugen Diederichs veröffentlicht hat. Hambruch war selbst wiederholt auf Forschungsreise in der Südsee und dann Leiter der entsprechenden Abteilung im Hamburger Völkerkundemuseum. Professor war er auch noch. Aber vor allem ist er der seltene Fall eines Forschers, der zugleich wunderschön schreiben kann. Oder Diederichs hatte da klasse Lektoren. In jedem Fall könnt ihr euch auf zauberhaft erzählte Märchen freuen.

Los geht es heute mit einem ätiologischen Märchen aus Australien, aus dem wir nicht nur lernen, wessen Zank wir die Sonne zu verdanken haben, sondern auch, dass man keinen Hahn nachahmen sollte. Aber lest selbst…

Die Entstehung der Sonne
(Australien)

n alten Zeiten gab es noch keine Sonne; nur Mond und Sterne leuchteten am Himmel. Damals lebten auf der Erde auch keine Menschen, sondern nur Vögel und Tiere, die viel größer waren als heute.

Eines Tages gingen der Emu Dinewan und der Kranich Brälgah auf der großen Ebene am Murrumbidjee spazieren. Sie fingen an sich zu zanken und kriegten miteinander das Prügeln. Brälgah lief in ihrer Wut auf das Nest von Dinewan zu, nahm dort eins der großen Eier weg und warf es mit aller Kraft zum Himmel hinauf. Dort fiel es auf einen Haufen Feuerholz nieder und zerbrach. Der gelbe Dotter lief über das Holz hinweg und setzte es in helle Flammen, so dass die ganze Welt zu jedermanns Verwunderung hell beleuchtet wurde. Denn bis dahin war man nur an eine sanfte Dämmerung gewöhnt gewesen; nun wurde man von der großen Helligkeit fast geblendet.

Im Himmel wohnte ein guter Geist; der sah, wie herrlich und wunderschön doch die Welt war, als sie durch die strahlende Helle beleuchtet wurde. Er dachte, es wäre doch schön, jeden Tag ein solches Feuer anzuzünden. Und seitdem hat er es immer getan. Jede Nacht trägt er mit seinen dienenden Geistern Feuerholz zusammen und häuft es auf. Und wenn der Haufen beinahe fertig ist, schickt er den Morgenstern aus, um den Leuten auf der Erde anzuzeigen, dass das Feuer bald angezündet werden wird.

Er merkte jedoch bald, dass dies Zeichen nicht genügte, denn die Leute, welche schliefen, sahen es nicht. Und er meinte, man müsste irgendein Geräusch haben, was das Kommen der Sonne ankündigte und die Schläfer aufweckte. Aber er konnte sich nicht so recht entschließen, wem er dies schwierige Amt übertragen sollte. Eines Abends hörte er das Gelächter des Gurgurgaga, des Hahns erschallen. „Aha,“ sagte er, „das will ich ja gerade haben!“ Und er sagte zum Gurgurgaga, er solle fortan jeden Morgen, wenn der Morgenstern verblasse und der neue Tag heraufdämmere, so laut wie möglich lachen, damit die Schläfer noch vor Sonnenaufgang durch sein Gelächter geweckt würden. Wenn er es nicht täte, dann zünde er auch kein Feuer mehr an, und die Erde würde wieder in Dämmerung eingehüllt sein.

Gurgurgaga bewahrte der Welt jedoch das Licht und willigte ein, jeden Morgen in der Dämmerung sein lautestes Lachen erschallen zu lassen. Und seither ertönt jeden Morgen sein lautes Gekakel: „Gurgurgaga, gurgurgaga, gurgurgaga!“

Wenn die Geister morgens das Feuer anzünden, strahlt es noch nicht viel Hitze aus. Aber um Mittag, wenn der ganze Haufen in heller Glut steht, ist es am heißesten. Dann geht es langsam aus, bis bei Sonnenuntergang nur noch rotglühende Asche vorhanden ist, die rasch erlischt. Nur einige Stücke werden von den Geistern mit Wolken zugedeckt, um noch Feuer zu haben, damit am andern Tag der neue Holzhaufen wieder angezündet werden kann. Kinder dürfen das Lachen des Gurgurgaga nicht nachmachen. Wenn er es hört, stellt er den Morgenruf ein. Tun die Kinder es trotzdem, so wächst ihnen zur Strafe über dem Augenzahn noch ein Zahn. Denn die guten Geister wissen sehr wohl, dass dann, wenn der Gurgurgaga aufhört, mit seinem Lachen die Sonne zu verkünden, die Zeit da ist, wo es keine Schwarzen mehr gibt, und auf Erden wieder Dunkelheit herrscht.

*******

Ich habe nicht zuviel versprochen, oder? Wobei unsere Hähne ja zum Glück Kiekerikien und so wohl keine Gefahr besteht… 😀

P.S.: Ich habe versucht rauszufinden, welcher Vogel sich hinter dem Gurgurgaga verbirgt, aber naja. Nachdem mir die Suche von ‚australian cocks‘ bei Wiki nix außer leicht rote Wange eingebracht hat… Falls einer von euch eine Idee hat, bitte Bescheid sagen!
 

Textquelle: Südseemärchen aus Australien, Neu-Guinea, Fidji, Karolinen, Samoa, Tonga, Hawaii, Neu-Seeland u.a. Herausgegeben von Paul Hambruch. 7.-16. Tausend. Jena: Eugen Diederichs 1921, S. 15f.
Bildquelle: Illustration eines Emus aus dem Reisebericht Erste Schiffart in die orientalische Indien von ca. 1600! & Initial zum Märchen aus meiner Textgrundlage

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