15.6 Der Todeswürfel

Und wieder eine Lokalsage in Versen, die diesmal weniger grsuelig als vielmehr Sex and Crime ist. Aber lest selbst…

Der Todeswürfel

1.
Was duckt sich dort im Dunkeln mit also scheuem Sinn
still an die Ständerröhre des Wassertroges hin? –
’s ist ein Trabant des Fürsten, sein Hut und Feuerrohr
ragt ob der kurzen Röhre verrätherisch hervor.

Was mag der an dem Troge so spät noch Schildwach steh’n?
Hieß ihn das Wort des Hauptmanns an diesen Posten gehn? –
O nein, er hält den Wachdienst der süßen Minne hier,
und harret auf sein Liebchen mit züchtiger Begier.

Und aus der Thür des Hauses ihm gegenüber tritt
des Hufschmied Ehrlichs Röschen mit liebeflinkem Schritt,
und eilt mit leeren Kannen zum Wassertroge hin:
„Ei, guten Abend, Heinrich! Sieh, wie ich pünktlich bin!“

Sie setzt die Kannen nieder und blickt besorgt umher,
ob auch die Lieb’ am Troge vor Lauschern sicher wär’,
und schmiegt sich dann gewillig in Heinrichs starken Arm,
und ob auch kühl der Abend, den Beiden dünkt er warm.

Wie hat die junge Liebe sie Brust an Brust gepreßt!
Man sieht nicht, wer da küsset und wer sich küssen läßt.
Sie herzen sich und sehen das lauernde Gesicht
des Lauschers in dem Dunkel des nahen Gäßchens nicht.

Wer ist der böse Lauscher? Er trägt Gewehr und Hut
wie Heinrich; aus dem Auge blitzt ihm des Zornes Gluth. –
Auch ein Trabant ist’s, Rudolf, den Röschen von sich wies,
und der mit bitterm Grolle im Herzen sie verließ.

Er sieht so klar und deutlich des Nebenbuhlers Glück,
zerbeißt vor Wuth die Lippen, und gräßlich stiert sein Blick.
Er steht, den Oden haltend, gestemmt aufs Feuerrohr,
vernehmlich dringt das Flüstern der Beiden in sein Ohr.

„Gott weiß es, – sagte Röschen – daß ich dir herzlich gut,
gern ließ’ ich auch mit Freuden für dich mein junges Blut;
doch, Heinrich, wenn’s mein Vater von ungefähr erfährt,
wie dann? ¬– Meinst du, daß dieser mir meinen Wunsch gewährt?“

Drauf, Heinrich: „Sag’ es offen, ist mir dein Vater gram?
Er that doch mit mir freundlich, so oft ich zu euch kam.
Doch ja, du erbst dereinstens sein Haus und Hof und Feld,
und ach! ich Armer habe nichts auf der weiten Welt.

Doch dient’ ich meinem Churfürst so viele Jahre treu,
und will ich einst mich setzen, gewiß er steht mir bei.
Mir wär’ es zehnmal lieber, du wärst so arm wie ich,
denn nicht des Goldes wegen, mein Röschen, lieb’ ich dich.“

„Ich glaub’ dir’s, – sprach das Mädchen darauf mit sanftem Ton –
doch nie wohl überzeuget mein Vater sich davon.
O Gott, wenn er’s erführe, daß wir mit ’nander geh’n,
ich dürft’ in meinem Leben dich niemals wiederseh’n.

Doch lass’ ich, Herzens-Heinrich, ich lasse nicht von dir,
Gott macht’s gewiß am Ende noch gut mit dir und mir.
Nur sage keinem Menschen das kleinste Wort davon!
Was? ¬– Eins! zwei! drei – o Jesu! Drei Viertel zehn Uhr schon!

Mein Vater wird mich fragen, was ich so lang’ gemacht;
ich kann nicht länger weilen – Leb’ wohl und gute Nacht!“
Sie drückt ihm auf die Lippen den langen Scheidekuß:
„Nun, morgen Abend wieder, wenn ich nach Wasser muß!“

Ihr Heinrich nickt gar freundlich und scheidet rasch von ihr,
und eilt, im Herzen glücklich, behend in sein Quartier.
Das Mädchen spült die Kannen am Troge eilends aus,
und schöpft sie voll und hastet sich zu des Vaters Haus.

Und wie sie auf die Schwelle kaum setzt den ersten Fuß,
da fällt im nahen Gäßchen ein mörderischer Schuß.
Sie greift an’s Herz – o Jesu! das Blei sitzt tief darin,
sie stürzt, zu Tod getroffen, auf ihre Kannen hin.

2.
Am andern Morgen früh schon stehen die zwei Trabanten vor Gericht.
Man hatte Beide sie gesehen
nicht fern vom Wassertroge gehen, und dieß auch leugnen Beide nicht;
doch Jeder schwört zugleich dabei,
daß er am Morde schuldlos sei.

Sie trugen vor’gen Abend Beide ihr scharfgelad’nes Schießgewehr,
und kamen nach dem Schusse Beide,
wiewohl von ganz verschiedner Seite, doch von dem Wassertroge her.
Ein Jeder eilte sonder Ruh
und ängstlich dem Quartiere zu.

Die Richter sinnen lang, und finden zuletzt doch keine Spur von Licht,
und lassen es dem Churfürst künden,
der Mörder sei nicht zu ergründen, weil Gleiches für und wider spricht.
Er möge deshalb gnädigst nun
darob sein hohes Urtheil thnn.

Der Chursürst spricht dazu bescheiden: „O nein, das bleibe fern von mir!
Nicht ich, Gott selbst mag zwischen Beiden
durch zweier Würfel Zahl entscheiden, auf seine Allmacht bauen wir.
Wer dann das Meiste wirft, ist frei,
des Andern Herz zerreißt das Blei!“

3.
Die Stunde der Entscheidung rückt heran,
In langer, todtenstiller Front umstanden
erwartungsvoll die fürstlichen Trabanten den grünen Plan.

Inmitten drin auf einer Trommel stand
ein Becher mit den Würfeln, zwischen Beiden
itzt über Tod und Leben zu entscheiden durch Gottes Hand.

Ein Priester, der mit Müh’ die Thränen barg,
stand nebenan im langen Amtstalare,
und ferne nicht davon auf schwarzer Bahre ein offner Sarg.

Die Glocke schellt. Der Churfürst kommt zum Plan;
geleitet von der Schergenwache schreiten
zu gleicher Seit die angeklagten Beiden durch’s Volk heran.

Der Churfürst winkt. Mit ungebeugtem Muth
wirft Rudolf keck die Würfel aus dem Becher:
„Ja Gott, du zeigst dich meiner Unschuld Rächer! Die Zwölf ist gut!“

Zwölf! hallt es durch der Krieger langen Kreis,
mit ernstem Auge winkt der Churfürst wieder;
bewegt kniet Heinrich bei der Trommel nieder und betet heiß:

„Herr meines Lebens, Gott, du kennest mich!
Gerechter Richter Himmels und der Erden,
laß meine Unschuld nicht zu Schanden werden! Erbarme dich!“

Drauf schüttet er voll freud’ger Zuversicht
den Becher aus. Die Todeswürfel fallen –
Was bangt es doch den bärt’gen Kriegern allen? – Gott hält Gericht!

Ein Würfel springt inmitten glatt entzwei,
und dreizehn! – dreizehn! fliegt’s von Mund zu Munde,
und tausendstimmig schallt die frohe Kunde: Er warf sich frei!

Da tritt der Churfürst streng den Mörder an:
„Strafst du wohl noch das Zeugniß Gottes Lügen?
Und Rudolf spricht mit wildverstörten Zügen. Ich hab’s gethan!

Drauf, tiefbewegt im innersten Gemüth,
beugt sich zu Heinrichen der Churfürst nieder
und spricht: „Steh’ auf und tritt entschuldet wieder in Reih’ und Glied!“

„Dem Reinen weigert Gott sein Zeugniß nicht,
und ob auch schon der Wurf des Todes fiele,
Gott waltet, daß im fürchterlichen Spiele der Würfel bricht.“

Rudolf, dem die Gnade des großen Churfürsten das Leben schenkte, erdrosselte sich in einer finstern Stunde seines Tiefsinns im Gefängnisse. Heinrich, dem das Leben seit Röschens Tode gehaltlos geworden war, suchte und fand den Tod in der Schlacht beim Dorfe Splitter, wo die Brandenburger einen glänzenden Sieg über die Schweden unter Horn erfochten.

Der zersprungene Todeswürfel, dessen eine Seite eine Eins, die andere aber eine Sechs zeigt, wird noch jetzt in der Kunstkammer des Königlichen Schlosses zu Berlin aufbewahrt.

*******

Den Todeswürfel habe ich nicht gefunden, aber dafür hier ein bißchen Info zum historischen Kontext dieser Sage, auf den der Nachschlag in Prosa anspielt: Im sogenannten Nordischen Krieg (1674-79) kam es im Winter 1778/79 zu einer entscheidenden Schlacht, als der schwedische Feldmarschall Henrik Horn die preußische Grenze überschritt. Zu Beginn des Folgejahres zog Kurfürst Friedrich Wilhelm den Schweden per Schlitten entgegen. Daher auch der klingende Name der ‚Großen Schlittenfahrt‘ für diesen Feldzug. Beim Splitter kam es zur Entscheidungsschlacht, in der die Schweden unterlagen.

 

Textquelle: Preußens Volkssagen, Märchen und Legenden, als Balladen, Romanzen und Erzählungen, bearbeitet von Widar Ziehnert. Bd. 1. Leipzig: Verlag von C. B. Polet 1839, S. 81-89.
Bildquelle: Radierung von Bernhard Rode (1725-97), die Friedrich Wilhelm den Großen im Schlitten über das Frische Haff ziehend zeigt

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s