15.5 Die drei Linden auf dem Heiligen-Geist-Kirchhofe

Heute gibt es eine Lokalsage bzw. ein Lokalmärchen, die jedoch deutlich wurde und dabei eine nicht unbedeutende Länge bekam. Lest selbst…

Die drei Linden auf dem
Heiligen-Geist-Kirchhofe

„Brüder, ich war bei ihr! Ich redete mit ihr!“ – rief Bruno, voll freudiger Begeisterung in’s Zimmer tretend und die Geige rasch bei Seite legend – „Ich war bei ihr! Ich habe ihr die Hand gereicht, und – Michael, Gotthold, ihr guten Brüder, so freut euch doch! – als ihre Hand in der meinen ruhte, da – der sanfte Druck, wie ging der mir heiß zu Herzen, und der Blick — Ihr hättet es sehen sollen! Aber nein – ihr würdet mich beneiden, gute Brüder, ihr würdet meine Nebenbuhler werden.“

So schwatzte der entzückte Bruno, und lächelnd sahen ihn seine Brüder an. „Sieh doch, du bist ja ganz Feuer und Flamme“ – rief Michael – „aber sprich, von wem redest du?“

„Du kannst noch fragen, von wem? Von der schönsten der Schönen in ganz Berlin, von Laura Rapposi, deren Liebreiz würdig zu schildern, die Harfner alle ihre schönsten Worte und die Maler ihre Farben vergeuden.“

„Von der Tochter des kurfürstlichen Kapellmeisters aus Welschland*?“ fragte Gotthold verwundert, und legte Pinsel und Palette weg.

„Von derselben!“ antwortete Bruno wieder. „Ihr werdet nicht begreifen, wie ich zu ihr kam; wohl, so hört! Vor einigen Tagen besuchte ich meinen Freund Ludwig. Wir unterhielten uns mit Musik; ich geigte und er spielte die Harfe dazu. Da schaute in dem Hause gegenüber ein Mädchen aus dem Fenster, ein Mädchen, so schön, wie ich noch keines sah. Wer ist der Engel dort? fragte ich. Laura Rapposi, erwiderte Ludwig. Wir spielten weiter, aber meine Augen und meine Gedanken hingen an dem Engelsbilde drüben, meine Finger glitten unachtsam auf den Saiten hin und her. Ludwig bemerkte es und meinte, wenn mein Herz sich der reizenden Aussicht erfreute, so sollte ich ihn öfter besuchen. Diese Einladung benutzte ich des Tages wohl zwier, und das Glück war mir günstig. Nie kehrte ich von da, ohne ihres Anblicks mich erfreut zu haben. Bald reifte in mir der Entschluss, mich ihr zu nähern, und weil ich hörte, dass in diesem Monate noch ein großes Konzert am Hofe sollte statt: finden, so fasste ich mir ein Herz, und ging heure zu Signor Rapposi, und bat ihn um die Erlaubnis, dass ich in dem bevorstehenden Konzerte meine geringe Fertigkeit auf der Geige zeigen dürfe. Der Signor ist ein stolzer, finstrer Mann. Gleich als ich in das Zimmer trat, winkte er seiner Tochter, und mit einer flüchtigen Verbeugung gegen mich entfernte sie sich. Mit wohlbedachten kurzen Worten brachte ich mein Gesuch vor, und der Kapellmeister genehmigte es, aber mit einem so vornehmen und stolzen Tone, der fast beleidigen konnte. Unwillig über so gleichgültigen Empfang ging ich von ihm. Auf der Stiege begegnete mir Laura, welche mit einem Strauße der schönsten Blumen aus dem Garten zurückkam. Als ich das himmlische Geschöpf mir so nahe sah, weiß Gott, wie mir’s da um’s Herz ward. Anzureden wagte ich sie nicht, und gewiss, ich muss recht ungeschickt vor ihr dagestanden haben! Aber doch wohl nicht! denn ich schien ihr zu gefallen, und sie sah mich gar holdselig an und lispelte freundlich: Werdet ihr uns bald wieder heimsuchen? und als ich mir ein Herz fasste und ihr antwortete, wie ich dies für mein größtes Glück halte, da lächelte sie freundlich, und wir reichten uns die Hände. Wer zuerst? – ich oder sie? – das weiß ich nicht. Es war, als ob wir schon Jahre lang einander kennten und als ob dies so sein müsste. Nun, Brüder, so freut euch doch!“ –

Michael und Gotthold wünschten lächelnd dem entzückten Bruder Glück, und luden sich im Voraus als Gäste zur Hochzeit ein, welche wohl bald erfolgen würde, wenn er erst im Konzert seine Kunstfertigkeit bewiesen und den Beifall seines zukünftigen Schwahers, des Signor Rapposi, sich würde erworben haben.

Bruno besuchte seinen Freund Ludwig fortan recht fleißig, und sahe aus dessen Fenster hinüber nach seiner Laura, welche ihm, so oft ihr Vater es nicht gewahrte, so freundlich zunickte, dass Ludwig in seines Freundes Glück nicht den geringsten Zweifel mehr zu setzen wagte.

Endlich war der langersehnte Abend gekommen. Der Kurfürst Johann Georg und alle Vornehmen seines Hofes waren im hellerleuchteten Konzertsaale versammelt. Signor Rapposi eröffnete das Konzert mit einem schwierigen, aber wohldurchgeführten Satze für die Geige, und erntete allgemeinen Beifall. Nach ihm trat Bruno auf, ängstlich und schüchtern, denn alle Augen sahen erwartungsvoll auf ihn; und ob er auch seiner Kunst gewiss war, vor so hoher Versammlung hatte er doch noch nie gespielt. Der stolze Kapellmeister lächelte spöttisch über ihn.

Das Vorspiel war vorüber; Bruno trocknete sich die Stirn, und begann den Bogen zu regen, bald rauschend wie Wettersturm, bald klagend wie Liebesseufzer, bald girrend und lispelnd wie Vogelgesang. Alles war Ohr; die Melodien schienen überzuströmen aus dem vollen Herzen des Geigers, und drangen in die Tiefen der Herzen. Als er geendet hatte, war des lauten tausendstimmigen Beifalls kein Ende. Der Kurfürst schritt zu ihm hin, klopfte ihm auf die Achsel und sprach: „Ihr sollt mein zweiter Kapellmeister sein!“ – Alle, die um ihn standen, wünschten ihm Glück; nur Rapposi wandte ihm mürrisch den Rücken und sah ihn scheel an.

Der harmlose Jüngling, vom Übermaß der Freude überrascht, bemerkte den scheelen Blick des ehrneidischen Kapellmeisters nicht, und als das Konzert geschlossen war, eilte er nach Hause mit dem festen Entschluss, um Laura’s Hand zu werben, und voll fröhlicher Zuversicht, dass ihr Vater dieselbe ihm, als seinem nunmehrigen Amtsgenossen, gewiss gewähren würde. Dieselbe Hoffnung äußerten auch seine Brüder, nachdem er ihnen sein Glück erzählt hatte; auch sie riechen ihm, nun ohne Säumen bei dem Signor um Laura’s Hand zu werben.

Am andern Morgen legte Bruno sein samtenes Festtagskleid an, strählte seine blonden Locken, drückte das schwarze Barett darauf und schritt, also stattlich geschmückt, nach Rapposi’s Hause. Hoffnung und Furcht stritten in seinem Gemüte, doch was er sann, immer zuletzt siegte die Hoffnung. Als er die Stiege hinaufging, wo er das erste Mal mit ihr gesprochen, wo die Herzen sich im Händedruck verlobt hatten, da blieb er stehen und dachte: Wann du wieder herunterkommst, wirst du da weinen oder wirst du freudig hinabeilen, den Brüdern die fröhliche Kunde zu bringen, dass auf Erden Niemand mehr so glücklich ist als du? – Rasch dann, als ob er seines Glückes gewiss sei, klopfte er an die Thür und trat ehrerbietig ein.

Rapposi saß beim Morgenimbiss und sah den Eintretenden so finster und verächtlich an, dass demselben fast aller Muth sank.

„Was sucht ihr bei mir?“ fragte der stolze Signor, ohne sich von seinem Sessel zu erheben. „Wollt ihr euch etwa Rat erholen, wie ihr euren neuen Beruf würdig ausfüllen möchtet?“

„Nein, das nicht!“ – entgegnete Bruno ruhig und bescheiden – „aber meine Bitte an euch, edler Signor, ist leider so bedeutend, dass ich kaum wage, sie euch kund zu geben, weil ich sehe, dass ihr nicht guter Laune seid. Vergönnt also, dass ich –“

„Wozu die Umstände? Redet, was wollt ihr? Ich bin, fürwahr, bei recht guter Laune!“ – unterbrach ihn Rapposi barsch, und stieß unwillig den Becher auf dem Tische von sich, so dass Bruno nur zu deutlich sah, wie der Beifall und die Ehre, die er gestern durch sein Spiel sich errungen hatte, den Ehrgeiz des stolzen Welschen schwer gekränkt habe. Dennoch, er war einmal da, und gab also mit kurzen bündigen Worten seine Bitte um Laura’s Hand kund.

Lange musste er der Antwort harren. Rapposi erhob sich und blickte zum Fenster hinaus, höhnisch in sich lächelnd, als freute er sich der Rache, den deutschen Jüngling, welcher ihm gestern den Ruhm geschmälert hatte, jetzt demütigen zu können.

Endlich, als ob er sich erst wieder besänne, dass er einem Gaste Antwort zu geben habe, wandte er sich verächtlich zu Bruno: „Ja so denn, ihr wünscht meinen Bescheid? Der ist kurz: Mit mittelmäßigem Spiele kann man wohl den vorübergehenden Beifall einer Menge von Nichtkennern gewinnen, nimmermehr aber eine Laura Rapposi! – Ich hoffe, ihr werdet mich verstehen.“

Schweigend da mit zerknirschtem Herzen eilte Bruno von der Schwelle des bösen Welschen, die unter seinen Füßen brannte, und stürzte nach Hause. Alle seine Hoffnungen waren vernichtet. Seine Brüder erschraken über ihn, als er heim kam, und hörten mit innigem Mitleid die Erzählung seines Unsterns. Sie suchten ihn mit der Hoffnung zu trösten, dass er gewiss bald die Huld des Kurfürsten gewinnen und durch dessen Fürsprache vielleicht auch das Jawort Rapposi’s erringen werde.

Der guten Brüder Zusprache richtete den Muth des unglücklichen Bruno auf. Er tat Alles, um in der Gunst des Kurfürsten zu steigen, was ihm auch so gelang, dass derselbe sich durch seine Bitten bewegen ließ und den Kapellmeister bat, die Hand seiner Tochter dem braven Jünglinge nicht zu verweigern. Aber je höher Bruno in der Gunst des Kurfürsten stieg, desto heftiger ward auch der Hass des ehrsüchtigen Rapposi gegen ihn, so dass derselbe die Fürsprache des Kurfürsten ohne Bedenken, wie sehr er denselben dadurch beleidigen könnte, unbeachtet ließ.

So sah Bruno keine Hoffnung mehr, jemals zum Ziele seiner Wünsche zu gelangen. Doch oft noch besuchte er seinen Freund Ludwig, sah seine Laura, und – süßer Trost ihm! – jeder Blick von ihr, der ihm hinter den Blumen am Fenster entgegenleuchtete, sagte ihm, dass ihre Liebe den Haß ihres Vaters um ein Großes übermesse.

Zwei Jahr schon waren vergangen seit jenem Konzert, wo Bruno sein Glück erhascht zu haben glaubte; da führte ein Unstern die drei wackern Brüder in große Gefahr und Angst.

Es war im Frühlingsmond 1585, als bei der Langenbrücke eine Kindesmörderin gesackt werden sollte. Kopf an Kopf drängte sich das Volk, das traurige Schauspiel zu sehen. Die Unglückliche ward herbeigeführt, und die letzten Gebräuche an ihr vollzogen. Totenstille banger Erwartung herrschte unter dem Volke.

Da rief plötzlich eine ängstliche Stimme: Mord! Mord! – Die Scharwächter sprangen hinzu; der Volkshaufen, aus dem der Ruf erscholl, teilte sich. Rapposi lag blutend am Boden; ein Dolch saß bis an’s Heft in seiner linken Seite. „Ich bin erstochen!“ stöhnte er und zeigte auf Bruno, welcher mit seinen Brüdern nicht fern von ihm stand.

Wohl war Keiner unter den Anwesenden, der da behaupten konnte, die Tat gesehen zu haben, und, Bruno hatte dem Ermordeten zur rechten Seite gestanden; dennoch aber glaubten die Scharwächter dem Winke des Sterbenden, und ergriffen Bruno als den Mörder, und nahmen ihn in engen Verhaft.

Der arme Jüngling wusste nicht, wie ihm geschah. Totbleich vor Schreck und niedergedrückt von dem Gewichte der grässlichen Schuld, die der Ermordete auf ihn wälzte, schritt er, von den Scharwächtern geführt, durch die Menge. Seine Brüder, von seiner Unschuld überzeugt, blickten ihm verzweifelnd nach; das Volk selbst bedauerte den jungen Mörder, dem der Tod durch das Henkersschwert bevorstand, mehr als den Erstochenen, der als ein stolzer und ehrsüchtiger Ausländer verhasst war. Gern hätte Jeder an die Unschuld Bruno’s geglaubt, aber – er hatte um Laura’s Hand geworben und war von Rapposi schimpflich zurückgewiesen worden, – er liebte das Mädchen über Alles und war auch ihrer Liebe sich gewiss, – nur Rapposi stand seinen Wünschen im Wege; – dies Alles war offenkundig, und nur allzu nahe lag der Schluss, dass er, um zum Ziele zu gelangen, den Widersacher seines Glücks ermordet habe.

Leider schien dieser Schluss auch den Richtern Bruno’s hinreichend, ihn seines Verbrechens zu überführen, und in der festen Zuversicht, dass derselbe bald gestehen würde, ließen sie manche Nebenumstände, welche zu seiner Entschuldigung hatten führen können, ganz unberücksichtigt. Wie sehr sie darin gefehlt hatten, sahen sie wohl ein, als Bruno durch standhafte Beteuerung seiner Unschuld in mehrmaligem Verhöre ihre Gewissheit schwanken machte. Aber um die Mängel ihres Verfahrens, welche eine längere Untersuchung nur noch mehr an den Tag gestellt haben würde, zu verdecken, so erklärten sie den Angeklagten für überwiesen und sprachen das Todesurteil über ihn aus.

Schon war der Tag zur Hinrichtung bestimmt, als sich eines Morgens Gotthold, des Verurteilten Bruder, vor Gericht drängte und dort offen und laut bekannte, dass er der Mörder Rapposi’s sei.

Die Richter staunten und ließen ihn in Verhaft bringen. Noch größer aber war ihre Verwunderung, als wenige Tage darauf auch Michael, der dritte der Brüder, sich desselben Mordes ausgleiche Weise anklagte. Bruno sollte nun freigelassen werden, doch sobald er hörte, dass er diese Begünstigung der Selbstanklage seiner Brüder zu danken habe, und einsah, dass dieselben ihn mit ihrem eigenen Leben retten wollten, da, hochherzig das Opfer verschmähend, bekannte er sich als Mörder und drang auf die Gültigkeit des einmal gefällten Urteils.

Jetzt waren die Richter keines Rates mehr mächtig und übertrugen die Entscheidung dem Kurfürsten.

Der fromme Johann Georg, wohl einsehend, dass Menschenklugheit zu keinem Endurteil hierin ausreiche, stellte die Sache Gott anheim und gebot:

„Man sollte das Gericht Gottes walten lassen. Jetzt, ehe der Ostermond zu Ende ginge, sollte Jeder der drei Brüder ein kerngesundes Lindenbäumchen auf dem Heiligen-Geistkirchhofe verkehrt pflanzen. Wenn die Zweige in der Erde wurzeln und die Wurzeln oben grüne Sprossen treiben würden, so sollte man dies als ein Zeugnis Gottes für die Unschuld der drei Brüder anerkennen. Nur wessen Bäumchen verdorren würde, der sollte auf seine Selbstanklage zum Tode verurteilt werden.

Dieser Befehl des Kurfürsten fand bei dem wundergläubigen Volke großen Beifall. Die Richter bestimmten den Skt. Markustag, als den 25. des Ostermondes, zur Pflanzung, und den Skt. Jakobustag, als den 25. des Heumondes, zur Besichtigung und Entscheidung. Die Brüder wurden indes ihrer Hast entlassen. –

Trübe Wolken verspäteten das Anbrechen des Pflanzungstages. Noch um die neunte Stunde des Morgens lag dichter Nebel in der Georgen- und Heiligen Geiststraße, welche sich mit schaulustigem Volke füllten. Alles drängte sich, den Zug zu sehen, der vom alten Rathause her durch diese Straßen kommen sollte. Die Türen und Fenster waren mit Neugierigen reich besetzt. Immer dichter und dichter ward das Gedränge in den Straßen.

Als die zehnte Stunde schlug, ertönten die Glocken von den Türmen der Nikolai- und Marienkirche, und der Aug setzte sich in Bewegung. Voran schritten die Scharwächter, bemüht, durch das von beiden Seiten andrängende Volk eine Gasse zu öffnen. Diesen folgten singend die Chorknaben der Heiligen-Geistkirche. Hinter ihnen gingen in ihrem Amtsornate die sämtlichen Geistlichen der Stadt nebst den Gerichtspersonen. Diesen folgte der greise Kanzler Distelmeier, im stattlichen Schmucke und von mehreren Vornehmen des Hofes umgeben, denn er vertrat die Person des Kurfürsten, den eine Unpässlichkeit von dem Zuge zurückhielt. Hinter dem Kanzler schritten sechs schwarzgekleidete junge Bürger, deren je zwei einen der Brüder geleiteten. Dann folgten drei Knaben in weißer Kleidung, welche die drei jungen Linden trugen. Eine starke Reiterschar beschloss den Zug.

Das trübe Wetter machte Alle missmutig; bange Besorgnis, ein Zeichen herzlicher Teilnahme, lagerte aus allen Gesichtern. Ernst, aber voll Gottvertrauens, schritten die drei Brüder einher.

Als die Vordersten des Zuges durch das Tor des Kirchhofes einzogen, da mit einem Male hob sich der Nebel, und durch die grauen Wolken brach die Sonne mit freudigem Strahle. Wunderbar erhob dies alle Herzen. „Gott ist nahe!“ rief der greise Kanzler mit frommer Freude und gebot, die Pflanzung der Bäumchen zu vollziehen.

Nun beteten die geistlichen Herren inbrünstig zu Gott, dass er die Unschuld behüten und rechtfertigen, den Schuldigen aber überführen möchte. Indessen pflanzte ein Jeder von den Brüdern seine Linde, wie es befohlen war. Dann knieten sie alle drei zusammen nieder und beteten recht andächtig, und befahlen ihre Bäumchen in die Obhut Gottes. Der Gesang der Chorknaben beschloss die ernste Handlung, und der Zug trat seinen Rückweg an. –

Die drei Linden waren nunmehr das Ziel ungezählter Spaziergänger. Fast täglich gingen die Freunde der drei Brüder auf den Kirchhof zu den Bäumchen, um zu sehen, ob sich oben an den Wurzeln etwa ein Keimchen entdecken ließe, und – welche Freude! – nach wenigen Wochen fingen die Bäumchen an Keime zu treiben, und ehe der Skt. Jakobustag gekommen war, prangten sie alle drei mit frischem grünen Laube.

Durch göttliches Zeugnis, dem das Volk willig glaubte, war nunmehr die Unschuld der treuen Brüder gerechtfertigt. Rapposi’s Ermordung erklärte man als einen Selbstmord, durch den der ehrneidische und heimtückische Welsche den arglosen Bruno habe um Ehre und Leben bringen wollen. Bestimmtes ließ sich darüber nicht ermitteln.

Der Skt. Jakobustag schien für ganz Berlin ein wahrer Freudentag zu sein. Um die zehnte Stunde morgens wallte derselbe Zug, der die drei Brüder zur Pflanzung ihrer Bäumchen geführt hatte, wieder durch die Georgen- und Heiligen-Geiststraße hinaus auf den Kirchhof. Der Kurfürst war diesmal selbst gegenwärtig und nahm die drei Linden in Augenschein. „Gott hat Wunder getan an euch!“ – rief er mit bewegter Stimme und reichte den drei Brüdern die Hand – „ihr seid frei von aller Schuld!“, und zum Volke wandte er sich und sprach: „Seht da, sie hielten treu zusammen, bereit für einander zu sterben, darum ist Gott ihnen auch treu gewesen. Gelobt sei Gott!“

Die Brüder sanken auf ihre Knie. Die Geistlichen aber und alles Volk dankten Gott und lobten ihn, und Allen gingen die Augen über vor Freuden. –

Ein Jahr darauf, als die Linden schon breite Zweige getrieben hatten, hielt Bruno unter ihnen seine Verlobung mit Laura. Sie hatte wie eine gute Tochter ihren Vater beweint, nie aber dem Verdachte Raum gegeben, dass ihr Geliebter sein Mörder sei. Ihre Liebe war nicht verkühlt, und jetzt, da Bruno vor aller Welt gerechtfertigt dastand, und sie den Leumund nicht mehr zu scheuen hatte, reichte sie ihm gern die Hand.

Der Kurfürst selbst wohnte ihrer Vermählungsfeier bei und ehrte den Bräutigam nicht nur dadurch, dass er ihn zu seinem ersten Kapellmeister ernannte, sondern auch, indem er ihn und seine beiden Brüder in den Adelstand erhob, so dass sie sich fortan „von der Linden“ nannten.

Noch vor wenigen Jahren war das Familienwappen und die Namen derer von der Linden in der Heiligen-Geistkirche zu sehen. Die drei Linden aber, obgleich sie so wohl gediehen, dass ihre Zweige den ganzen Kirchhof überdeckten und im Jahre 1623 gestützt werden mussten, haben das siebenzehnte Jahrhundert nicht überdauert.

* Welschland war die Bezeichnung für Italien. Und als irrelevante, aber lustige Info: Eben dieses ‚welsch‘ findet sich dann in Begriffen wie ‚Kauderwelsch‘, steht also für absolut Unverständliches.

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Vielsagend für die Zeit ist die zunächst nur latent mitschwingende und dann deutlich werdendere Verknüpfung, dass der Signor nicht nur deswegen so unausstehlich ist, weil er ein ehrgeiziger Egomane ist, sondern vor allem weil er ein ausländischer Egomane ist. Für seine Kunst anerkannt, aber das war es wohl schon.

Abgesehen davon beschließe ich jetzt einfach mal, die Heilig-Geistkirche in dieser Legende ist die 1300 errichtete Heilig-Geist-Kapelle in Berlin-Mitte, die zu einem Spital gehörte. Um 1700 wurde sie zur provisorischen Garnisonskirche und sodann als katholische Kirche benutzt, bis sie 1906 zunächst von einer Handelsschule und dann von der Humboldt-Universität benutzt wurde. Heute ist sie ein Festsaal für besondere Anlässe.

 

Textquelle: Preußens Volkssagen, Märchen und Legenden, als Balladen, Romanzen und Erzählungen, bearbeitet von Widar Ziehnert. Bd. 1. Leipzig: Verlag von C. B. Polet 1839, S. 173-186.
Bildquelle: Innenraum der Heiliggeist-Kapelle in Berlin-Mitte um 1892

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