15.4 Der Türträger

Heute eine weitere Berliner Sage in Versform und diesmal sind zumindest die Konsequenzen historisch verbürgt. Lest selbst…

Der Türträger

Es war einmal vor Zeiten ein Schuster in Berlin,
der mußt’ oft Hunger leiden, und Weib und Kind mit ihm.
Denn theuer war der Kleister, Hanf, Leder, Span und Pech;
kaum brachte noch der Meister das liebe Leben weg.

Oft wenn er saß und flickte, ward’s um das Herz ihm schwer,
er kratzt’ im Kopf und rückte sein Mützchen hin und her,
und rief: „Die Zuthat theuer und nichts verdient dabei –
da hol’ doch gleich der Geier die ganze Schusterei!“

So warf er oft verzweifelt das Handwerkszeug beiseit,
und schimpfte ganz verteufelt stets auf die schlechte Zeit,
und sann und spintisirte, wie er das Glück, das ihn
so gänzlich ignorirte, möchte’ in sein Stübchen zieh’n.

Sein Weib auch sann darüber sich bald den Kopf entzwei,
denn freilich aß sie lieber Biskuit als Wasserbrei,
und wäre gern gegangen in Seide, Sammt und Tafft,
hätt’ gern auch Ring’ und Spangen und Schmuck sich angeschafft.

Drum mehr, als ihre Hände, strengt’ sie ihr Köpfchen an,
bis daß sie doch am Ende den klügsten Weg ersann.
„Mann, weißt du was? Wir setzen auch in die Lotterie,
das bringt uns rasch zu Schätzen, wir wissen gar nicht, wie?“

„Ja, das ließ’ sich hören,“ sprach drauf zu ihr der Mann,
„wenn nicht auch Nieten wären, die man erwischen kann.
Ach, in dem ganzen Spiele ist nur Ein großes Loos! –
Wenn das auf uns just fiele? Potz Blitz! das Glück wär’ groß!“

„Wie würden da die Leute so neidisch auf uns seh’n,
wenn wir in Sammt und Seide, und Gold uns würden bläh’n!
Wenn wir spazieren führen mit Zofe und Lakai,
und ließen uns tractiren mit Wein und Leckerei.“

„Wenn Kiste, Sack und Truhe voll alter Thaler wär’,
dann macht’ ich keine Schuhe und keine Stiefeln mehr!
Wie wollt’ ich mich ergötzen! Ja, Frau, du hast Genie!
Komm, schmatze mich! Wir setzen gleich in die Lotterie!“

Er küßt sie im Entzücken, und zieht den Beutel ’raus,
und kramt mit freud’gen Blicken , die karge Baarschaft aus;
und ob auch Silber wenig und Gold kein Stäubchen drin,
er freut sich wie ein König, denn ’s langt zum Loose hin.

Er eilt hinaus zur Thüre und kehret bald zurück:
„Sieh, Frau, an dem Papiere hängt unser ganzes Glück.
Schau her, da steht’s geschrieben, ’s fällt ein Gewinn darauf,
denn, siehst du? Schatz, die Sieben geht richtig drinnen auf!“

Das Glückspapier besehen die Kinder nach der Reih’,
und ihre Mäulchen stehen weit auf mit Ach! und Ei!
Der Vater träumt in Freude, die Arbeit schmeckt nicht mehr,
er wünscht, daß lieber heute als morgen Ziehung wär’.

Und als der Tag gekommen, da läßt’s ihm keine Ruh,
da eilt er bang’ beklommen flugs früh dem Rathhaus zu,
und forscht nach seinem Loose, ob’s wohl ein Treffer ist,
und hört: Das ist das große! und ruft: „O heil’ger Christ!“

„O lieber Gott im Himmel, das hätt’ ich nicht gedacht!“
Er drängt sich durch’s Getümmel, und eilet heim mit Macht,
und außer sich vor Freude ruft er fortwährend blos:
„Frau, wir sind reiche Leute! Geschwind, geschwind das Loos!“

Doch wie erschrak der Meister, als er dasselbe da
vorn an der Thür, mit Kleister fest angeklebt, ersah.
Ergrimmt frug er die Kinder: „Wer hat mir das gethan?“
Die sah’n wie arme Sünder ihn ängstlich zitternd an.

Das Glücksloos von der Thüre zu lösen wagt’ er nicht,
weil diese Art Papiere so leicht wie Amblatt bricht;
und doch galt’s ihm so theuer, denn zeigt’ er das nicht hin,
so kriegt’ er keinen Dreier vom ganzen Hauptgewinn.

Er stand in Kümmernissen und sah die Thüre an,
er stampfte mit den Füßen und kratzt’ im Kopf und sann,
und stand und sann, und dachte sich dies und jenes aus,
und siehe, endlich brachte er doch was Klug’s heraus.

Aushob er rasch die Thüre, und buckelte sie auf,
und trug statt dem Papiere zum Rathhaus sie hinauf,
indem er auf den Stiegen stets schrie wie ein Profoß:
„Platz da und ausgewichen! Ich bring‘ das große Loos!“

Drob haben wie die Kinder sich Alle satt gelacht,
dem Schuster selbst nicht minder hat’s großen Spaß gemacht,
zumal mocht’ er sich freuen, als er das viele Geld
in langen Doppelreihen flugs kriegte aufgezählt.

„Ade auf ew’ge Zeiten, armsel’ge Schusterei!
Ade, du Haus der Leiden, ade dir, Wasserbrei!“
So rief der Schuster lachend, des vielen Geldes froh,
und lebt’, es klüglich machend, fortan in Florio.

Er ließ ein Haus erbauen, und ob der Thür, als Schild,
ließ er in Sandstein, hauen sein eignes Ebenbild.
Dort steht er noch den Blicken der neid’schen Nachwelt blos,
auf krummgebeugtem Rücken das schwere große Loos.

*******

Eine Alternativvariante zu dem Sprichwort von den Bergen und dem Prophepten. Witzig und zugleich vielsagend für die Härte der damaligen Zeit.

Herr Ziehnert erklärt, dass – also Stand Ende des 19. Jahrhunderts natürlich – die Haustür von Wallstraße 25 tatsächlich ein Relief zeigen würde, auf dem ein Mann eine Tür auf dem Rücken trägt. Herr Ziehnert vermutet allerdings einen Ursprung anders als in der Sage. Ich zitiere: „Da nun bis zum Jahre 1735 das Köpenicker Thor dort stand, und auch die eisernen Haspen dieses alten Thores noch in dem Hause bewahrt werden, so ist es wahrscheinlich, daß auch das Basrelief uber der Thüre nichts anders sei, als ein Gedenkbild des dortigen ehemaligen Thores.“ Das erklärt aber noch nicht das Motiv des Türträgers und überhaupt – die Sage ist netter. Oder was meint ihr?

 

Textquelle: Preußens Volkssagen, Märchen und Legenden, als Balladen, Romanzen und Erzählungen, bearbeitet von Widar Ziehnert. Bd. 2. Leipzig: Verlag von C. B. Polet 1840, S. 1-7.

Bildquelle: Foto von 1969, das die alten Häuser des Fischerkiez – passend zur Wallstraße – im Schatten der neuen Plattenbauten zeigt

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