15.2 Die drei Blutstropfen

Herr Ziehnert, der Sammler meiner Textausgabe, datiert diese Sage auf die erste Hälfte des 17. Jahrhundert und erklärt gleich darauf, dass jedoch unklar sei, „ob sie auf geschichtliche Thatsache sich gründet“. Da es um sozusagen magische Blutstropfen geht vielleicht eher nicht, aber lest selbst…

Die drei Blutstropfen

Gar rühmlich war das Gasthaus des Brauers Wolf bekannt,
das auf der Lindenstraße zunächst dem Brauhaus stand.
Wohl viele Gäste lockte das gute Bier dahin,
doch mehr noch Margarethe, die schöne Kellnerin.

Ihr Blick war hell wie Sonne, ihr Haar kastanienbraun,
ihr Hals wie Schnee, ihr Antlitz wie Milch und Blut zu schau’n,
und schenken ihre Händchen das braune Kraftbier ein,
so schien es allen Gästen ein Liebestrank zu sein.

Gern hätte mancher Jüngling ihr seinen Schmerz geklagt,
und gern von ihren Lippen den süßen Raub gewagt,
doch Wolf, ihr Herr, war selber ihr längst im Stillen gut,
und hielt sie unablässig in eifersücht’ger Huth.

Wohl küßt’ er als Gemahlin ein liebes junges Weib,
doch sein Gelüsten brannte auf Margarethens Leib.
Er ließ der schönen Dirne auf keinem Schritte Ruh’,
versprach ihr gold’ne Berge und setzt’ ihr stürmisch zu.

Doch züchtig war das Mägdchen, und wies mit ernstem Blick
die ungestümen Bitten des bösen Herrn zurück,
bis ihn zuletzt der Starrsinn der Kellnerin verdroß,
und er das letzte Mittel zu wagen sich entschloß.

Einst als der Feuerwächter die zwölfte Stunde rief,
und in des Brauherrn Hause schon Alles ruhig schlief,
da schlich sich Wolf zur Kammer der Kellnerin hinauf,
und schob mit einem Haken den Riegel leise auf.

Er trat hinein und sah sich an seiner Beute satt,
der Mondenschein erhellte das Kämmerlein nur matt.
Wie reizend war das Mägdchen im losen Schlafgewand,
auf ihrem Busen wiegte sich ihre Schwanenhand.

Der Anblick frommer Unschuld rührt den Verführer nicht,
er drückt den Kuß der Wollust ihr heiß aufs Angesicht.
Er beugt sich gier’gen Blickes auf ihren Busen hin,
da weckt ein Engel Gottes die schöne Schläferin.

Sie rafft sich auf und ringt sich, mit ängstlichem Geschrei
nach Hülfe, von den Händen des Ehebrechers frei,
und stößt ihn fort, und springet aus ihrem Bett heraus,
und rafft das Hemd’ am Busen, und will zur Thür hinaus.

Jedoch der Bube hatte das Schloß still abgedrückt,
und hascht sie noch am Arme und hält sie fest umstrickt.
„Was schreist du, Herzensmädel? Was schreist du doch so sehr?
Ergieb dich, du entgehst mir doch nun nicht länger mehr!“

„Ich will dir Alles geben, was dir gelüsten kann!
Es thut dir nichts, und war es, der Kellner wird dein Mann.
Ich kauf euch in der Vorstadt ein schuldenfreies Haus,
und statte obendrein dich mit hundert Gulden aus!“

In feinen Armen wand sich die schöne Kellnerin,
da fuhr ihr ein Gedanke urplötzlich in den Sinn,
und sprach sie: „Wird der Kellner und hundert Gulden mein,
wohlan denn, Herr, so will ich euch gern zu Willen sein.“

Voll Freuden da noch einmal versprach ihr den Gewinn
der böse Wolf, und zog sie zum weichen Bettchen hin.
Durchs off’ne Kammerfenster schien just mit hellem Schein,
als wollt’ er sie belauschen, der volle Mond herein.

„Ha, laßt mich einmal ledig, rief Margarethe schnell,
ich will den Vorhang zuzieh’n, der Mond scheint gar zu hell.
Müßt mir’s zu Gute halten, wenn’s auch nur Laune ist;
Seh’ mich nun einmal lieber im Dunkeln nur geküßt.“

Gern läßt er ihr den Willen, sie rafft sich schäkernd auf,
und springt vom nahen Sessel aufs Fensterbret hinauf.
„Herr Gott, sei du mir gnädig, gieb mir ein ehrlich Grab!“
so ruft sie laut, und springet tief in den Hof hinab.

Wolf sah’s, und in den Adern erstarrte ihm das Blut,
er ballte seine Fäuste in fürchterlicher Wuth.
„Verflucht! Ich Narr! Betrogen schon mitten im Genuß! –
Wie, wenn ich ob der Leiche noch Rede stehen muß?“

Er sinnt, wie er am besten abwende den Verdacht,
und schleicht sich in den Hofraum hinunter still und sacht;
doch sieht er auf den Fliesen drei blut’ge Tropfen nur,
sonst weiter von Margrethen auch nicht die kleinste Spur.

Wie wird es dem Verruchten nur so allmählig klar,
daß hier ein Engel Gottes der Unschuld Retter war,
doch, statt dadurch erschüttert, den Frevel zu bereu’n,
saugt seine schwarze Seele den Rath der Rache ein.

Er schleicht zurück zur Kammer, und legt in ihre Truh
dort seinen leeren Beutel und geht darauf zur Ruh’,
und morgens früh erhebt er ein klägliches Geschrei,
daß er um hundert Gulden bestohlen worden sei.

Und alles sein Gesinde fährt er nun zornig an,
doch allesammt betheuern, daß sie das nicht gethan;
und als von ihnen allen die Kellnerin nur fehlt,
da ruft er scheinbar grimmig: „Sie ist’s! sie stahl das Geld!“

Rasch eilt er mit dem Kellner in’s Kämmerlein hinauf,
und reißt dort, hastig suchend, Margrethens Truhe aus.
„Sieh da, da liegt mein Beutel! Nun freilich ist er leer.
So sprich, was meinst du, Kellner?“ Da ist kein Zweifel mehr!

Er meldet nun den Diebstahl beim hohen Stadtgericht,
und bittet sehr um Eile, und dieses säumet nicht,
und sendet seine Boten nach allen Enden aus,
die finden Margarethen in ihrer Muhme Haus.

Sie wird zu dreien Malen vom Stadtgericht verhört,
und ob sie ihre Unschuld betheuert und beschwört,
der Brauherr hat die Richter bestochen allesammt,
und so wird Margarethe zum Henkerschwert verdammt.

Nach sieben Wochen Kerkers betrat sie das Schaffot,
befahl den Leib dem Henker und ihren Geist zu Gott,
und rief: „So wahr ich schuldlos, so sollen am Gestein
die Tropfen meines Blutes stets unvertilgbar sein.“

Drauf, als ihr Haupt gefallen, da weinte Jedermann,
und sah mit scheelen Augen den bösen Brauherrn an.
Von mancher Lippe traf ihn des Mitleids frommer Fluch,
und wenig fehlte, daß man ihn in sein Antlitz schlug.

Wolf stierte vor sich nieder, und ward, vor Angst halbtodt,
bald bleich wie eine Kalkwand, bald wie ein Scharlach roth.
Ihm war durchs Mark gegangen, Margrethens letztes Wort,
scheu schlich er sich und zitternd vom Hochgerichte fort.

Und als er heim gekommen, da wich im ganzen Haus,
als wär’ sein Oden giftig, ihm das Gesinde aus.
Er hatte keine Ruhe und keinen Frieden mehr,
und seine Tische blieben von allen Gasten leer.

Und Abends ,spät, da wirft sich voll Angst der Bösewicht
im Hofe auf die Fliesen beim Diebslaternenlicht,
und kratzt mit seinen Nägeln und scheuert hin und her,
doch die drei blut’gen Tropfen verschwinden nimmermehr.

Da hackt er mit der Hacke die blut’gen Fliesen aus,
und trägt sie vor die Stadt weit in einen Teich hinaus,
und legt sich dann zu Bette so ruhig, als er kann,
doch im Gewirr der Träume weht ihn Entsetzen an.

Und wie er Morgens aufsteht, und schaut zur Thür heraus,
da steht viel Volk und gaffet wild lärmend auf sein Haus,
und Alles weist mit Fingern aufs ob’re Stockwerk hin
und ruft: Seht da, dort klebet das Blut der Kellnerin!

Wolf hört es voller Grausen, und tritt hinaus,
und sieht die blut’gen Flecken oben am Erker, und entflieht
zurück in’s Haus. Ein Hagel von Steinen und von Koth
verfolgt den argen Mörder, und dräut ihm Schmach und Tod.

Er wirft in’s Schloß die Hausthür, und stürzt, an jedem Sinn
vor Angst und Schreck vernichtet, auf das Getäfel hin.
Wohl ringt er sich in’s Leben zurück nach kurzer Zeit,
doch glotzt aus seinem Auge des Wahnsinns Gräßlichkeit.

Er schreit: „Schafft mir Margrethen, schafft ihre Leiche her!
Wer will, wer kann es sagen, daß ich der Mörder wär’?
Die blut’gen Tropfen meint ihr? Was kümmern diese mich?
Nun freilich ja, der Teufel, auf Blut beruft er sich!“

So schreit und rast er gräßlich von früh bis in die Nacht,
und tobt und will’s nicht dulden, daß Jemand ihn bewacht,
und als einmal der Schlummer den Wächter übermannt,
da würgt er ihn zu Tode mit krampfigstarker Hand.

Drauf steigt er durch das Fenster, und schmiegt im irren Sinn
auf schmalem Gurtgesimse sich bis zum Erker hin,
und an den blut’gen Tropfen dort kratzt und reibt er sich
die Nägel von den Fingern, und winselt fürchterlich.

Ein Wächter kommt der Straße, der sieht ihn oben steh’n,
und ruft ihn laut bei Namen; da war’s um ihn geschehn.
Er blickte um, und stürzte herab mit lautem Schrei,
und schlug sich auf den Steinen den Schädel morsch entzwei.

Im Armensünderwinkel des Kirchhofs war sein Grab,
dort ließ man ihn frühmorgens ohn’ Sang und Klang hinab.
Margarethens Leiche aber am Galgen grub man aus,
und trug sie mit Gepränge in’s bessre Grab hinaus.

Am Wolfschen Hause wurde die Tünche oft erneut,
doch die drei blut’gen Tropfen, sie blieben allezeit,
bis daß vor hundert Jahren das Haus ward neu erbaut,
so fest und schön und stattlich, wie man’s noch heute schaut.

*******

Spannend auf den ersten Blick ist natürlich die Versform. Eine Sage in Balladenform.

Und inhaltlich eigentlich ja auch schon harter Tobak mit versuchter Vergewaltigung, Totschlag und Mord und Wahnsinn. Aber trotzdem. Mich erinnert die Sage in jedem Fall an die Horrorgeschichten, die man sich so mit 12 Jahren weitererzählt hat. Im abgedunkelten Zimmer, am besten noch unter der Bettdecke und im Flüsterton. Bis es so gruselig wurde, dass man kreischend aus dem Bett gesprungen ist. Hihi.

 

Textquelle: Preußens Volkssagen, Märchen und Legenden, als Balladen, Romanzen und Erzählungen, bearbeitet von Widar Ziehnert. Bd. 1. Leipzig: Verlag von C. B. Polet 1839, S. 1-12.

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