15.1 Der Neidkopf – oder: Berliner Sagen und Märchen

Nachdem es letzte Woche Märchen aus Portugal ob meiner Fußballleidenschaft gab, gibt es diese Woche Märchen und Legenden aus Berlin, der allerbesten und tollsten Stadt der Welt. Zufällig – räusper, hüstel – auch meine Heimat. 😀

Wir beginnen mit einer lokalen Legende aus Berlin-Mitte zur Zeit König Friedrich Wilhelm I. (1688-1740), der Preußen ab 1713 regierte. Aber lest selbst…

Der Neidkopf

Ein freundlicher, nach des Tages Hitze wahrhaft erquickender Sommerabend wehte seine kühlenden Lüftchen durch die Straßen Berlins und veranlasste die Handwerker, ihre Arbeitswerkstätte zu schließen und sich durch einen Spaziergang vor den Toren oder unter den Linden zu erholen. Nur der Goldschmied Bergner hatte in seinem kleinen baufälligen Häuschen auf der Heiligengeiststraße noch seine Werkstatt zu ebener Erde offen und arbeitete so munter, als andere Meister kaum am Morgen beginnen, wozu ihn aber weder Ordnungslosigkeit noch Geiz, sondern Armut nötigte; denn wenn er Arbeit bekam, musste er sie auch schnell beenden, um den Kunden zu gefallen und bald Lohn für seine Arbeit zu erhalten.

So saß er auch eines Abends emsig beschäftigt, als ein Fremder in schlichtem Anzuge bei ihm eintrat. Bergner, den guten Abend des Fremden freundlich erwidernd, blickt auf und erkennt in ihm seinen – König Friedrich Wilhelm l., der ein besonderes Vergnügen daran fand, in einem einfachen Anzuge Abends auf den Straßen zu lustwandeln und das Tun und Treiben seiner Bürger zu beobachten. Der König fragte, warum er noch so spät arbeite, da alle Meister und Gesellen langst Feierabend gemacht hatten und seine Arbeit sich doch weniger gut bei dem Lampen- als bei dem Tageslichte verrichten lasse.

Bergner kannte den edlen Charakter, aber auch die sonderbaren Launen seines Königs, der ihn mit Freundlichkeit anblickte, und schilderte ihm fast beredt die drückende Armut, in der er lebe, und wie er nicht selten Bestellungen von Arbeit zurückweisen müsse, weil er die dazu nötigen Auslagen an Gold und Silber nicht aufzubringen vermöge und so nichts Erhebliches erwerben könne!

Dem Könige, der den Goldschmied schon öfter beobachtet und sich nach seiner Kunstfertigkeit erkundigt hatte, gefiel die anspruchslose Offenherzigkeit des Mannes und er bestellte bei ihm ein goldnes Service, wozu ihm das nötige Metall aus der Schatzkammer geliefert werden sollte.

Nachdem der König die Werkstatt verlassen hatte, dankte der wackre Goldschmied Gott für die Hilfe, die ihm zu Teil geworden war, schloss seinen Laden und erzählte den Seinen, welch einen Besuch er gehabt habe. Schon des nächsten Tages erhielt er das Gold und Bergner war nun noch fleißiger, als er es je gewesen war. Der König wiederholte oft seinen Besuch, sah lange und aufmerksam der Arbeit des geschickten Künstlers zu, die ihm wohlgefiel, und freute sich sehr auf die Vollendung des Services.

Bei einem dieser Besuche bemerkte der König in den Fenstern des gegenüber liegenden Hauses zwei weibliche Personen, welche dem Goldschmied, wenn er einmal von seiner Arbeit aufblickte, abscheulich verzerrte Gesichter machten. Er fragte den Goldschmied, warum sie das täten, und dieser berichtete ihm, dass es die Frau und Tochter eines Zunftgenossen wären, die ihren Ärger und Neid über die hohe Ehre, die ihm selbst durch Se. Majestät zu Teil werde, dadurch zu erkennen gäben; auch gestand er dem Könige, dass er diese Weiber, die ihn schon gar oft in seiner Arbeit gestört hätten, mit ihren Fratzengesichtern unter den Verzierungen einiger Silbergeschirre abgebildet habe.

Der König, obwohl ärgerlich über so kleinlichen Brotneid, konnte sich doch eines flüchtigen Lächelns über das Geständnis des Goldschmieds nicht enthalten und beschloss, etwas Ähnliches zu tun. Das Goldservice wurde fertig und vom Könige mit großem Beifall aufgenommen. (Es soll bis zum Jahre 1807 noch im Gebrauch des königlichen Hauses gewesen sein.) Bald nach dessen Ablieferung erhielt der Goldschmied vom König Befehl, sein Haus zu verlassen und in eine andere für ihn bestimmte Wohnung zu ziehen. Bergner gehorchte gern; ob er gleich nicht wusste, was der König mit ihm vorhabe, so durfte er doch vermuten, dass er einen neuen Beweis von dessen Güte erhalten werde, und er hatte sich nicht geirrt: denn auf königlichen Befehl wurde sein altes, ganz baufälliges Haus niedergerissen und dafür ein neues, schöneres errichtet, was noch jetzt in der Heiligengeiststraße Nr. 38 zu sehen ist. Dieser Bau gab dem Könige Gelegenheit, seinen Vorsatz auszuführen und die neidische Frau und Tochter des gegenüber wohnenden Goldschmieds auf eine empfindliche Weise zu strafen. Er ließ nämlich in der Mitte des Hauses nach seiner Länge, zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk, in einer Vertiefung ein weibliches Brustbild fast in Lebensgröße anbringen, dessen Gesicht abscheulich verzerrt und dessen Kopf statt der Haare mit Schlangen bedeckt ist. Die Zunge blökt es aus dem Munde nach dem gegenüber liegenden Hause. In diesem Zerrbilde sollten die neidische Frau und Tochter des andern Goldschmieds sich erkennen und schämen. Von der Zeit an wurde das Haus der Neidkopf genannt, und das Bild ist bis jetzt erhalten worden.

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Nett, oder? So ein Hauch Berliner Witz und Frechheit noch beim König.

 

Textquelle: Preußens Volkssagen, Märchen und Legenden, als Balladen, Romanzen und Erzählungen, bearbeitet von Widar Ziehnert. Bd. 2. Leipzig: Verlag von C. B. Polet 1840, S. 223-226.
Bildquelle: Postkarte von ca. 1910, die eben jenen Neidkopf zeigt

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