14.6 Der Ochse Cardil

Heute gibt es ein Märchen über die Treue, aber einmal nicht die Treue zwischen Liebenden, sondern die Treue zu einem Herren. Lest selbst…

Der Ochse Cardil

Ein König hatte einen Diener, dem er das größte Vertrauen schenkte, denn jener war ein Mann, der noch nie in seinem Leben gelogen hatte. Da erhielt der König einen wunderschönen Ochsen zum Geschenk, den er Cardil nannte. Der König schätzte den Ochsen so sehr, dass er ihn in Begleitung seines treuen Dieners, der für ihn sorgen sollte, auf die Weide schickte.

Bei einer Gelegenheit plauderte er mit einem Edelmann und erwähnte das große Vertrauen, das er in die Treue seines Dieners setzte. Der Edelmann lachte. „Warum lacht Ihr?“ fragte der König. „Weil er wie alle anderen ist, die ihre Herren betrügen.“ „Dieser nicht!“ „Nun, ich wette meinen Kopf, dass er fähig ist, sogar den König zu belügen.“ Die Wette galt. Der Edelmann ging nach Haus, da er jedoch nicht wusste, wie er den Diener in die Falle locken sollte, war er sehr betrübt. Als seine Tochter, die jung und schön war, den Grund für den Kummer ihres Vaters erfuhr, sagte sie: „Seid unbesorgt, Vater, ich will es schon einrichten, dass er den König notgedrungen belügen wird.“ Der Vater willigte ein.

Sie kleidete sich in karminroten Samt, mit einem tiefen Ausschnitt und kurzen Ärmeln und einem kurzen Rock, trug ihre Haare auf den Schultern und ging auf der Weide spazieren, bis sie schließlich den Jungen traf, der den Ochsen Cardil hütete. „Schon lange Zeit brenne ich vor Leidenschaft und nie habe ich es dir bisher sagen können,“ sagte sie. Der Junge wusste nicht, wie ihm geschah, und wollte seinen Augen nicht glauben, aber sie sagte derartige Dinge und vollführte solche Bewegungen, dass er ihr ganz verfiel. Und da verlangte sie von ihm, dass er den Ochsen Cardil zum Lohn für ihre Liebe schlachtete. Er tat dies und hielt sich den ganzen, lieben Tag lang für gut bezahlt.

Die Tochter des Edelmannes ging davon und berichtete ihrem Vater, wie der Junge den Ochsen Cardil geschlachtet hatte. Der Edelmann erzählte es wieder dem König, und vertraute darauf, dass der Junge den Tod des Ochsen mit irgendeiner Lüge erklären würde. Als der König erfuhr, dass der Diener den Ochsen Cardil, den er so sehr schätzte, geschlachtet hatte, war er wütend und ließ den Diener rufen. Der kam herbei und der König tat so, als ob er nichts wüsste. Er fragte ihn: „Nun, wie geht es dem Ochsen?“ Der Diener glaubte, sein letztes Stündlein sei gekommen, und sagte:

Herr! Weiße Beine
und ein schöner Leib
haben mich unseren
Ochsen Cardil töten lassen.

Der König befahl ihm, sich genauer zu erklären, da erzählte der Jüngling alles. Der König freute sich, dass er seine Wette gewonnen hatte, und sagte zu dem Edelmann: „Ich werde Euch nicht den Kopf abschlagen lassen, den Ihr verwettet habt, denn Euch genügt die Schande Eurer Tochter. Und jenen bestrafe ich nicht, da seine Treue größer ist als mein Verdruss.“

*******

Ich muss ja mal wieder feststellen, dass ich es mir – zum Glück! – nicht wirklich vorstellen kann, wie es war, als das eigene Leben echt vom Gutdünken eines andern abhing. Igitte, um mit der Tochter einer Freundin zu sprechen.

 

Textquelle: Braga, T.: Contos tradicionaes do povo portuguez. [I:] Contos de fadas – Cassos e facecia – Notas comparativas. 2. Auflage, Lisboa 1914, S. 140-141. (deutsche Übersetzung nach Zeno)

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