14.5 Die Lügenkette

Heute mal wieder eine Lektion fürs Leben. Sozusagen. Aber lest selbst…

Die Lügenkette

Es war einmal ein Mann, der dem Edelmann, dessen Pächter er war, die Pacht nicht zahlen konnte, und er ging, ihn um Zahlungsaufschub zu bitten. Der Edelmann dachte jedoch, dass er ihm etwas vorlog, und sagte ihm: „Ich erlasse dir die Pacht nur dann, wenn du mir eine Lüge erzählst, die so groß ist wie Heute und Morgen.“ Der Bauer ging nach Hause und erzählte dies seiner Frau, und sie wussten nicht, wie sie sich mit dem Edelmann einigen sollten.

Sie hatten aber einen einfältigen Sohn, der sagte: „Vater, lass mich zu dem Edelmann gehen, ich will die Angelegenheit so regeln, dass ihm keine andere Wahl bleibt, als dir den Pachtzins zu erlassen.“ „Aber du gibst doch nur Ungereimtheiten von dir.“ „Eben drum!“ Der Einfältige zog los und verlangte den Edelmann zu sprechen, indem er sagte, er käme, um die Pacht zu bezahlen. Der Edelmann ließ ihn eintreten, und da sagte er ihm:

„Herr, Ihr werdet wissen, dass das Jahr schlecht war, doch das tut nichts zur Sache. Mein Vater hatte so viele Bienenkörbe, dass er sie nicht zählen konnte. Da machte er sich daran, die Bienen zu zählen und stellte fest, dass ihm eine fehlte. Er nahm seine Axt auf die Schulter und machte sich auf die Suche nach der Biene. Er fand sie auf einer Erle sitzen, und er fällte die Erle, um die Biene zu fangen. Die hatte fleißig Honig gesammelt, den er einsammeln wollte. Da er nichts hatte, worin er den Honig aufbewahren konnte, griff er sich an die Brust und las zwei Läuse auf, aus deren Haut er zwei Schläuche machte, in die er den Honig füllte. Als er aber nach Hause kam, hatte ihm ein Huhn die Biene aufgefressen. Er warf das Beil nach dem Huhn, um es zu töten, aber das Beil blieb in den Federn stecken. Da legte er Feuer an die Federn und als sie in Flammen standen, fand er das Stielloch der Axt. Darauf ging er zum Schmied, damit der ihm die Axt wieder herrichtete, und der Schmied machte ihm einen Angelhaken, mit dem er zum Fluss ging, um Fische zu fangen. Er fischte einen Packsattel, warf den Angelhaken wieder hinein und fing einen seit drei Tagen toten Esel, der mit den Augen blinzelte. Er bestieg ihn und ritt zum Hufschmied, damit er ihm einen Einlauf machte, und jener gab ihm als Medizin einen Saft aus trockenen Bohnen. Da fielen ihm aber ein paar Tropfen ins Ohr, wo ihm ein so großer Bohnenstrauch wuchs, der so große Bohnen hervorbrachte, dass ich noch fünfzehn Wagen voll damit herbringe, um Eure Pacht zu bezahlen.“

Der Edelmann, der über eine derartige Lügengeschichte erbost war, sagte: „Junge, du erzählst so viele Lügen, wie du Zähne im Mund hast.“ „Nun Herr, dann ist unsere Pacht bezahlt.“

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Auch dieses Märchen kommt einem natürlich bekannt vor. Gerade vor kurzem hatte ich euch ja ein mongolisches Schelmenmärchen zum Thema Lügen-bis-die-Balken-brechen erzählt. Allerdings gerät der Junge hier tatsächlich leicht ins Versponnene und nicht ins nur Clevere. Aber clever genug ist er, um genau das als seine Stärke zu erkennen.

 

Textquelle: Braga, T.: Contos tradicionaes do povo portuguez. [I:] Contos de fadas – Cassos e facecia – Notas comparativas. 2. Auflage, Lisboa 1914, S. 193-194,196-197. (deutsche Übersetzung nach Zeno)

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