14.3 Der Sergeant, der in die Hölle hinabstieg

Und auch heute gibt es ein Zaubermärchen, das einem durchaus bekannt vorkommt. Lest selbst…

Der Sergeant, der in die Hölle hinabstieg

Es gab an einem Ort einmal einen Sergeanten, der sehr tüchtig war. Ein reicher Kaufmann fand Gefallen an ihm, sorgte für seine Entlassung aus dem Heer und nahm ihn in seine Dienste. Da der Kaufmann drei Töchter hatte, verliebte sich der Sergeant in eine von ihnen. Nun war der Kaufmann aber sehr misstrauisch und ließ seine Töchter nie aus dem Haus. Da er jedoch große Stücke auf den Jüngling hielt, sprach er ihn von sich aus auf die Heirat an. Alles ging seinen Gang, da geschah es, dass im Theater ein sehr hübsches Stück aufgeführt wurde, das die Mädchen sich ansehen wollten, und sie baten den Sergeanten, mit ihrem Vater zu sprechen, da nur er in der Lage war, dessen Erlaubnis für den Theaterbesuch zu erhalten. Der Kaufmann war recht brummig, doch gab er die Erlaubnis mit den Worten: „Ich lasse euch mit dem Herrn gehen, jedoch nur unter der Bedingung, dass ihr um Mitternacht mit dem letzten Schlag der Uhr hier bei der Tür seid.“ Alle versprachen das und gingen los. Als es kurz vor Mitternacht war sagte der Jüngling zu seiner Braut, dass es Zeit wäre, nach Haus zu gehen. Da hieß es: Noch ein Weilchen, noch ein Weilchen, und man bettelte hier, und man bettelte da, und so waren sie noch weit von zu Haus, als es längst schon Mitternacht geschlagen hatte.

Sowie der Junge an die Tür klopfte, riss sie der Kaufmann und rief ungehalten: „So also kommt Ihr den Befehlen nach, die ich Euch erteilte! Dann sucht nur schnell Eure Sachen zusammen, denn schon diese Nacht verbringt Ihr nicht mehr in meinem Haus.“ „Ach Herr, wegen so einer Nichtigkeit! Und wo ich doch schon kurz vor der Hochzeit mit Eurer Tochter stehe!“ Der Alte antwortete ihm: „Es gibt nur einen Weg, dass Ihr noch meine Tochter heiraten und ins Haus zurückkehren könnt.“ „Welchen?“ „Geht in die Hölle und bringt mir drei Ringe, die der Teufel am Körper trägt, zwei hat er unter den Armen und einen am Auge.“ Der Junge hielt dies für unmöglich, aber was blieb ihm schon anderes übrig, als sich auf den Weg zu machen?

Im ersten Ort, den er erreichte, ließ er öffentlich bekanntgeben: „Wer irgendetwas in der Hölle zu bestellen hat: Morgen reist ein Bote ab.“ Dies verursachte großes Aufsehen und kam schließlich auch dem König zu Ohren. Er ließ den Jungen rufen und fragte ihn: „Wie willst du in die Hölle kommen?“ „Königlicher Herr, den Weg kenne ich noch nicht, ich bin noch auf der Suche danach, aber ich werde hinkommen, was immer auch geschehen mag.“ „Nun gut,“ sagte der König, „wenn du den Teufel triffst, so frage ihn, ob er von einem sehr wertvollen Ring weiß, den ich verloren habe. Dieser Verlust schmerzt mich noch immer.“ Der Junge kam an einen anderen Ort und ließ dieselbe Mitteilung ausrufen. Auch jener König ließ ihn rufen und sagte ihm: „Ich habe eine Tochter, die an einer schweren Krankheit leidet, und niemand kann die Ursache herausfinden. Wenn du schon in die Hölle gehst, so möchte ich, dass du dort herausbringst, wie meine Tochter geheilt werden kann.“

Immer auf der Suche nach der Hölle reiste der Junge weiter und kam an eine Wegekreuzung, von der zwei Wege abgingen, auf einem sah man Fußspuren von Menschen, auf dem anderen die Fährte von Schafen. Er überlegte und entschied sich letztlich für den Weg mit den menschlichen Fußspuren. Nach halbem Wege begegnete er einem Einsiedler, der einen weißen Bart trug und einen großen Rosenkranz betete, und der sprach zu ihm: „Gut, dass du diesen Weg genommen hast, denn der andere führt in die Hölle.“ „Ach, Herr, und gerade den suche ich schon seit so langer Zeit!“ Der Junge erzählte ihm, was vorgefallen war, und der Einsiedler hatte Mitleid mit ihm und sagte: „Wenn du denn in die Hölle gehen musst, so geh’, aber trage immer diese Rosenkranzperlen bei dir, denn bevor du dahin gelangst, musst du einen finsteren Fluss überqueren, und ein Vogel wird dich auf die andere Seite bringen müssen. Und wenn dieser Vogel dich in den Fluss stürzen will, dann wirf ihm die Rosenkranzperlen in den Rachen. Was dir dann weiter hin geschehen wird, das weiß ich nicht.“

So geschah es. Als er in der Hölle angelangt war, hatte der Junge große Angst und er verbarg sich in einem leeren Backofen, den er dort sah. Als er sich ganz darin verkrochen hatte, kam eine uralte Frau vorbei und erblickte ihn. „Ein Junge hier? Ach, du Ärmster, du bist doch so hübsch, und wenn mein Sohn dich sieht, dann wird er dich mit Gewissheit töten. Wozu bist du hergekommen?“ Der Junge erzählte der Mutter des Teufels alles, und die Alte hatte Mitleid mit ihm und sagte: „Höre, du bleibst hier versteckt, denn ich weiß nicht, wann mein Sohn heimkommt. Er sitzt am Totenbett des Heiligen Vaters, der im Sterben liegt, und er möchte seine Seele haben.“ Der Junge bat die Alte, ob sie nicht vom Teufel die Antwort auf die Fragen, die man ihm aufgetragen hatte, herausbekommen könnte. Sie waren hier in ihrer Unterhaltung angelangt, als der Teufel schnaubend zurückkam.

Schnell versteckte die Alte den Jungen und sagte: „Komm her, mein Sohn, und ruhe dich aus. Leg dich hier in meinen Schoß.“ Der Teufel legte sich hin und schlief sogleich ein. Da streckte die Alte ganz sachte ihre Krallen aus und nahm ihm den Ring, den er unter dem Arm trug, fort. Der Teufel schreckte hoch und schrie: „Was ist das?“ „Ach, mein Sohn, ich bin eingeschlafen und habe dir im Schlaf einen Schlag versetzt. Ich träumte von jenem König, der seinen Ring verloren hat und ihn niemals mehr wiederfinden konnte.“ „Nun, dieser Traum ist wahr,“ antwortete der Teufel, „Der Ring liegt bei der Fontäne im Garten unter einem Steh.“ Der Teufel schlief wieder ein und die Alte nahm ihm ganz heimlich den zweiten Ring ab. Wieder fuhr der Teufel aus dem Schlaf, und seine Mutter sagte: „Rege dich nicht auf, mein Sohn! Ich bin wieder eingenickt und habe von jener Königstochter geträumt, die kein Arzt heilen kann.“ „Auch das ist wahr; ihre Krankheit rührt von der Kröte her, die in ihrem Strohsack steckt.“ Der Teufel schlief wieder ein, aber diesmal war es ein mühsames Stück Arbeit, den Ring von seinem Auge zu lösen. Die Alte zog ihn mit einem Bratspieß fort, und vor Schmerz und Ärger über die Schläge, die er dabei abbekam, sprang der Teufel zur Tür hinaus.

Der Junge erhielt von der Alten die Ringe und die Antworten des Teufels, sie rief auch den Vogel für ihn herbei, und er kehrte in die Welt zurück. Er ging, dem Einsiedler die Rosenkranzperlen auszuhändigen, und kam dann in das Reich des Königs, der seinen Ring verloren hatte, und der ihm viel Geld schenkte, als er den Ring unter dem Stein wiederfand. Danach ging er an den Hof des Königs, der eine kranke Tochter hatte, und berichtete, wo sich die Kröte befand. Sogleich genas die Prinzessin, und der König fragte, was er sich für eine Belohnung wünschte. „Ich möchte, dass Eure Majestät für acht Tage Eure Macht verleihen.“ Der König ließ ausrufen, dass der Junge für acht Tage regieren würde.

Gleich darauf begab sich der Junge zu dem Ort an dem sein Schwiegervater wohnte, und sowie er dort eintraf, befahl er, dass der Kaufmann innerhalb einer halben Stunde vor ihm zu erscheinen hätte, um mit ihm zu reden. Der Kaufmann brach auf, doch als er ankam, war schon mehr als eine Stunde vergangen. Der Junge sagte: „Ich könnte Euch töten lassen, weil Ihr mir ungehorsam wart und nicht nach einer halben Stunde erschienen seid.“ „Ach, Herr, ich habe mich nicht absichtlich verspätet.“ „Nun gut. Aber warum habt Ihr dann damals nicht jenem armen Sergeanten verziehen, den Ihr aus dem Haus geworfen habt?“ Da erkannte der Kaufmann den ehemaligen Bräutigam seiner Tochter, die seither ständig geweint hatte, gestand seinen Irrtum ein und bat auf Knien vielmals um Vergebung. Der Junge übergab ihm die Ringe des Teufels und noch am selben Tag heiratete er seinen Schatz, für den er Fuß in die Hölle gesetzt hatte.

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Es ist also offenbar die portugiesische Variante vom Teufel mit den drei goldenen Haaren. Und eine sehr schöne Variante dazu. Oder was meint ihr?

 

Textquelle: Braga, T.: Contos tradicionaes do povo portuguez. [I:] Contos de fadas – Cassos e facecia – Notas comparativas. 2. Auflage, Lisboa 1914, S. 131-135. (deutsche Übersetzung nach Zeno, mit ein paar stilistischen Ausbüglern meinerseits)

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