14.2 Der alte Querecas

Heute gibt es ein protugiesisches… sagen wir mal Zaubermärchen. In dem sich Geistererscheinungen mit Freud’schen Dingen mixen. Aber lest selbst…

Der alte Querecas

Es waren einmal drei sehr arme Schwestern, die von ihrer mühseligen Arbeit lebten. In jener Gegend gab es ein Haus, in dem niemand wohnen wollte, weil man darin nachts lautes Geschrei und schreckliche Dinge hörte. Um Pacht zu sparen, baten die Mädchen darum, dass man sie in jenem Haus wohnen ließ. Da sie die Beherzteste war, richtete sich die Jüngste im obersten Stockwerk ein.

Eines Nachts, als sie sich gerade hingelegt hatte, hörte sie eine Stimme schreien: „Ich falle!“ „Dann fall’ nur,“ antwortete ihr das Mädchen und aus einem Loch in der Zimmerdecke fiel ein Bein. Darauf ertönte von neuem derselbe Schrei: „Ich falle!“ »Dann fall’ nur,“ wiederholte das Mädchen. Und auf diese Weise fielen die Arme, der Rumpf, bis sich schließlich vor ihr ein schon alter und kahlköpfiger Mann befand. Der Alte ging langsam auf das Mädchen zu und fragte es: „Hast du keine Angst vor mir?“ „Nein.“ „Recht so! Du bist die erste und einzige Person, die der Furcht mich zu sehen widersteht. Zur Belohnung für deinen Mut nimm diese Geldbörse, und wenn du dich in irgendeiner Bedrängnis siehst, sage immer: ‚Der alte Querecas steh’ mir bei!‘“

Das Geld der Börse ging nie zu Ende und die drei Schwestern begannen im Wohlstand zu leben. Unterdes hatte die Jüngste allmählich das Gefühl, dass so oft sie sich in ihr Zimmer einschloss, irgendjemand sich neben sie auf das Bett zu legen schien. Sie dachte daran, dass es wohl der alte Querecas wäre und sie empfand dabei einen gewissen Abscheu. Um sich jedoch Gewissheit zu verschaffen, zündete sie eines Nachts plötzlich das Licht an, und da sah sie neben sich einen schönem Jüngling liegen, der eingeschlafen war. Sie war so in seinen Anblick versunken, dass ihm ein Tropfen Wachs von der Kerze ins Gesicht fiel. Der Jüngling schreckte auf und sagte: „Oh, Unglückselige, was hast du getan! Du hast den Zauber erneuert, der beinahe zu Ende ging! Nun wirst du mich nie wiedersehen.“

Das Mädchen weinte sehr und die Tränen rannen noch heftiger, als sie erkannte, in welcher Lage sie sich befand. Da entsann sie sich der zweiten Gabe und sprach: „Der alte Querecas steh’ mir bei.“ „Da bin ich, und ich weiß wohl, warum du mich rufst. Es gibt nur eine Möglichkeit das Unglück, das du dir selbst zugefügt hast, zu beheben. Nimm diese drei Knäuel und geh’ immer, immer weiter, bis sie ganz abgewickelt sind. Wo immer das auch sein mag, bitte darum, dass man dir dort eine Nachtherberge gibt.“

Das Mädchen weinte, weil es seine Schwestern verlassen musste, aber es wollte unbedingt den Zauber jenes Jünglings brechen. Sie ging und wanderte bis sie schließlich nach langer Zeit auf einen Palast stieß, der von einem prächtigen Garten umgeben war. Sie spähte durch das Schlüsselloch und sah drinnen einen Saal, in dem viele Frauen an hübschen Brautkleidern nähten und Kinderkleidchen schneiderten. Sie fürchtete sich, an jene Tür zu klopfen, und ging um den Palast herum, bis sie einen Gärtner traf, den sie um Herberge bat. Der Gärtner antwortete ihr: „Weißt du, in wessen Haus du dich befindest, dass du auf diese Weise um Herberge bittest?“ „Was ich weiß ist, dass ich mich vor Müdigkeit nicht mehr auf den Beinen halten kann; und es ist für ein Almosen.“ Der Gärtner hatte Mitleid mit dem Mädchen und wies ihm einen Winkel im Strohschober. Mehr tot als lebendig legte sie sich nieder und brachte daselbst einen Knaben zur Welt. Alles verwandelte sich in ein sehr sauberes und reiches Zimmer. Als der Gärtner am nächsten Tage kam, war er voller Erstaunen über das, was er sah. Sogleich ging er der Königin Bericht zu erstatten, welche sich ebenfalls von dem Wunder überzeugen wollte. Als sie zu der Stelle kam, an der sich das Mädchen aufhielt, rief sie beim Anblick des Kindes: „Oh, Frau, wer ist der Vater dieses Knaben?“

Das Mädchen schämte sich sehr, weil es dies nicht sagen konnte. In seiner Verwirrung erzählte es den Vorfall mit dem alten Querecas. Da erinnerte sich die Königin: „Dieser Knabe ist das Ebenbild meines Sohnes, der verschwand, ohne dass ich je ein gutes noch ein schlechtes Lebenszeichen von ihm erhalten hätte.“

Die Königin nahm das Mädchen mit in den Palast und trug Sorge dafür, den Knaben zu baden. Als sie ihn auszog, entdeckte sie auf seinem Rücken ein großes Mal. Sie schaute genau hin und sah, dass es ein kleines Schloss mit einem Schlüsselchen war. Sie wollte zusehen, ob sie es wohl öffnen könnte, fürchtete sich aber und sagte der Mutter, sie solle probieren, ob sie das Schlüsselchen umdrehen könne. Sogleich wie die Mutter den Schlüssel in die Hand nahm, öffnete sie das Schloss, und auf der Stelle brach der Zauber des Prinzen, der seine Freiheit dem Mut jenes Mädchens verdankte, mit dem er sich alsbald verheiratete.

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Ja. Also eins ist mal klar. Freud hätte seine wahre Freude an diesem Märchen, was? Von Geistergeschichte zum Motiv der unbefleckten Empfängnis zu – den Liebhaber als Sohn zur Welt bringen. Weia, weia, weia. Das wäre den Brüdern Grimm sicher nicht durchgegangen. Hihi.

 

Textquelle: Braga, T.: Contos tradicionaes do povo portuguez. [I:] Contos de fadas – Cassos e facecia – Notas comparativas. 2. Auflage, Lisboa 1914, S. 4-7. (deutsche Übersetzung nach Zeno)
Bildquelle: Radierung Spuk um Mitternacht (1912) von Albert Welti (1862-1912)

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