14.1 Das siebenfarbige Pferd, oder: Märchen aus Portugal

Diese Woche gibt es mal wieder Märchen aus einem Land, nämlich aus Portugal. Inspiriert meinerseits von der Fußball-WM, denn verflixt nochmal schon wieder so nah dran… Und somit auch indirekt inspiriert durch meine Neugier auf ein Land, dessen Nationalmannschaft mich nun seit acht Jahren lachen und motzen lässt. In letzter Zeit mehr motzen, aber einmal lachen und freuen und staunen und ich bin wieder versöhnt. Jetzt aber zu den Märchen und nicht meiner Rückratslosigkeit als Fan. 🙂

Textgrundlage ist eine der ersten Sammlungen portugiesischer Märchen, die Ende des 19. Jahrhunderts von Teófilo Braga zusammengetragen wurde. Braga (1843-1924) war studierter Jurist und Professor für Literaturwissenschaft. Er veröffentlicht aber nicht nur Fachbücher und Märchensammlungen, sondern schreibt auch selbst Literatur, vor allem Lyrik. Am erfolgreichsten war er aber in noch einer anderen Karriere, nämlich als Politiker. Braga war erster Staatspräsident Portugals und zwar gleich zweimal – von 1910-11 und 1915. Eine schillernde Figur also!

Passend zu seiner Person spielt auch im heutigen Eröffnungsmärchen durchaus Politik in die Märchenwelt. Aber lest selbst…

Das siebenfarbige Pferd

Ein Graf war im Maurenkrieg in Gefangenschaft geraten. Man brachte ihn zum König, damit dieser mit ihm tat, was ihm beliebte. Der König hatte drei Töchter, die alle sehr schön waren, und die baten den Vater, er möge den Gefangenen im Schloss lassen, bis man ihn freikaufen würde.

Das älteste Mädchen suchte den Grafen auf und sagte ihm, dass sie ihn heiraten würde, wenn er sie irgendetwas lehrte, was sie nicht wüsste. Der Gefangene entgegnete: „Dann lehre ich dich meine Religion, und du kommst mit mir in mein Reich und wir heiraten.“ Das wollte sie aber nicht. Das gleiche geschah auch mit der zweiten Tochter. Schließlich kam das jüngste Mädchen. Sie wollte die Religion erlernen, und sie vereinbarten, aus dem Schloss zu fliehen, ohne dass der König etwas erführe.

Da sagte sie: „Geh in den Pferdestall, da wirst du ein prächtiges siebenfarbiges Pferd finden, das so schnell läuft wie der Wind. Warte auf mich nachts im Hof, und dann gehen wir beide fort.“ So geschah es. Die Prinzessin erschien in ihren Maurenkleidern mit vielen Juwelen, und beim ersten Wort, das sie sagte, lief das siebenfarbige Pferd auf die Stadt zu, in der der gefangene Graf beheimatet war. Vor der Stadt gab es ein großes, sandiges Gelände. Der Graf stieg vom Pferd und sagte der Maurenprinzessin, sie solle dort auf ihn warten, während er in seinem Palast geeignete Kleider holte, um bei Hofe zu erscheinen, denn er trug immer noch die Gefangenen- und sie die Maurenkleider. Sobald die Prinzessin das vernahm, brach sie in heftige Tränen aus: „Um alles in der Welt, lass mich nicht hier zurück, denn du wirst mich vergessen!“ „Wie sollte das geschehen?“ „Sobald du dich von mir trennst, und irgend jemand dich umarmt, wirst du mich auf der Stelle gänzlich vergessen.“ Der Graf versprach, dass er sich von niemandem umarmen lassen würde, und ging fort. Sobald er jedoch in den Palast kam, erkannte ihn seine Amme, und voller Freude ging sie auf ihn zu und umarmte ihn von hinten. Mehr war nicht vonnöten; niemals mehr konnte er sich an die Prinzessin erinnern.

Sie war auf dem Sandgelände geblieben und ging auf eine Hütte zu, wo eine arme Frau lebte, die sie aufnahm und gut behandelte. Dort hörte sie, dass der Graf im Begriff war, eine schöne Prinzessin zu heiraten, und am Vorabend der Hochzeit bat die Maurin den Sohn der Alten, er möge das siebenfarbige Pferd auf dem Platz vor der Kirche spazierenführen, in der sie heiraten sollten. So geschah es. Als der Bräutigam mit dem Gefolge kam, staunte er, ein so schönes Pferd zu sehen und wollte es von nahem sehen. Der Junge, der es spazierenführte, sagte dabei:

Geh, Pferdchen, geh!
Und vergiss nicht zu gehen,
so wie der Graf die Maurin
im Sande vergaß.

Sogleich erinnerte sich da der Graf des Schicksals, das über ihn verhängt worden war, er löste die Vermählung mit der Prinzessin und suchte die Maurin, mit der er sich verheiratete, und sie waren sehr glücklich miteinander.

*******

Eines der seltenen Märchen, das sich selbst wenigstens grob datiert – nämlich im frühmittelalterlichen Kampf um die Herrschaft in Portugal zwischen den seit ca. 700 herrschenden Mauren und den von Norden her Ansprüche anmeldenden Christen. Und damit wird ja auch die ‚klassische‘ Liebesgeschichte des Märchens hier politisiert, wenn es um Religion geht.

Textquelle: Braga, T.: Contos tradicionaes do povo portuguez. [I:] Contos de fadas – Cassos e facecia – Notas comparativas. 2. Auflage, Lisboa 1914, S. 42-44. (deutsche Übersetzung nach Zeno)
Bildquelle: Porträtfoto von Teófilo Braga, der hier ja wohl absolut dem Klischee des Literaturprofessors entspricht – so aus meiner Erfahrung

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