13.7 Je gelehrter, desto verkehrter, oder „die Löwenmacher“

Zum Abschluss der Pantschatantra-Woche sind wir im fünften Buch angekommen, wo es herzzerreißend um das Handeln ohne sorgfältige Prüfung geht. In der Rahmenhandlung begegnet ein durchaus international bekannter Plot in der indischen Version: Ein Brahmane vertraut sein Kind seinem Freund, der Manguste an. Als er zurückkehrt, hat die Manguste mit einem blutigem Maul. Prompt tötet er seinen tierischen Freund, der ja wohl sein Kind ermordet hat. Zu spät erkennt er, dass sein Kind noch lebt und zwar, weil ihn die Manguste vor einer Schlange verteidigt hat.

Wie die Binnenerzählungen zeigen, geht es um jede Form von Voreiligkeit. Aber lest selbst…

Je gelehrter, desto verkehrter, oder „die Löwenmacher“
(5. Buch, 4. Erzählung)

An einem gewissen Orte wohnten vier Brahmanensöhne, welche die größte Freundschaft zueinander gefasst hatten. Von diesen hatten drei sämtliche Wissenschaften durchaus erlernt, ermangelten aber aller Einsicht. Einer dagegen hatte nichts gelernt, sondern besaß nichts weiter als Einsicht. Einstmals nun kamen sie zusammen und beratschlagten miteinander: „Welchen Wert hat das Wissen, wenn man sich nicht dadurch, dass man in die Fremde geht und die Gunst von Fürsten gewinnt, Vermögen erwirbt? Drum lasst uns alle auf jeden Fall in die Fremde gehen!“

Nachdem so geschehen und sie eine Strecke Weges gegangen waren, sagte der älteste von ihnen: „Ah! Einer unter uns, der vierte, hat nichts gelernt und ist nur verständig. Die Könige aber geben keine Geschenke für bloßen Verstand ohne Wissenschaft. Deswegen werden wir ihm keinen Antheil an dem geben, was wir erwerben. Darum möge er umkehren und nach Hause gehn!“ Da sagte der zweite: „He! Du sehr Einsichtiger! Du hast nichts gelernt, drum geh‘ nach Haus!“ Darauf sprach der dritte: „Ah! So zu handeln geziemt sich nicht. Wir haben von Kindheit auf miteinander gespielt, drum lasst ihn mitgehn! Er ist sehr würdig und möge deshalb an dem von uns erworbenen Reichtum Antheil haben!“

Nachdem so geschehen und sie ihren Weg fortsetzten, erblickten sie in einem Walde die Gebeine eines toten Löwen. Da sagte der eine: „Lasst uns eine Probe der von uns früher gelernten Wissenschaft machen! Da liegt ein totes Tier! Das wollen wir durch die Macht unsrer eifrig erlernten Wissenschaft wieder beleben!“ Darauf sagte der eine: „Ich verstehe die Knochen zusammenzufügen!“ Der zweite sagte: „Ich liefre Fell, Fleisch und Blut!“ Der dritte sagte: „Ich belebe es!“ Darauf fügte der eine die Gebeine zusammen, der zweite verband sie durch Fell und Fleisch und Blut; als der dritte eben daran war sie mit Leben zu versehen, da verwies es ihm der Einsichtige und sprach: „Es ist ein Löwe! Wenn du ihn lebendig machst, dann wird er uns alle zusammen umbringen.“ Da antwortete jener: „Pfui! Unwissender! In meiner Hand soll die Wissenschaft nicht unfruchtbar sein!“ Darauf sprach dieser: „Dann warte einen Augenblick, bis ich auf diesen Baum in unsrer Nähe geklettert bin!“

Nachdem dies so geschehen und der Löwe lebendig gemacht war, sprang dieser auf und brachte alle drei um. Der Einsichtige aber stieg, sobald der Löwe nach einem andern Ort gegangen war, von dem Baume herab und ging nach Haus. Daher sage ich:

Besser Einsicht als solch’ Wissen! Einsicht ist mehr als Wissenschaft; wenn Einsicht fehlt, der geht unter, wie’s jenen Löwenmachern ging.

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Räusper. Hüstel. Ähem. Also eine Parabel über den Wert des gesunden Menschenverstands – Löwe = nicht gut! – gegenüber der Arroganz moderner Wissenschaft. Frei nach dem Motto: Nur weil es möglich ist, muss es nicht schlau sein. Dank gen-manipuliertem Gemüse etc. immer noch genauso wenn nicht noch viel brisanter als im antiken Indien. Verflixt. Haben wir Menschen wieder nix gelernt.

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 332-34.
Bildquelle: Illustration in einer indischen Handschrift des 17. Jahrhunderts – inklusive der Manguste gegen die Schlange, wobei es jedoch eigentlich um Gewaltdarstellung geht

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