13.6 Wie der Schakal sich gegen Löwe, Tiger, Leopard und einen andern Schakal im Besitz eines toten Elefanten erhält

Heute gibt es also die eine weitere Fabel aus dem vierten Buch, deren Titel einfach schon genial ist. Und die eindrucksvoll beweist, dass Tierfabeln eben nicht nur Metaphern menschlichen Handelns sind, sondern auch auf genauer Beobachtung beruhen können.

Wie der Schakal sich gegen Löwe, Tiger, Leopard und einen andern Schakal im Besitz eines toten Elefanten erhält
(4. Buch, 10. Erzählung)

In einer gewissen Waldgegend wohnte einst ein Schakal, Namens Mahatschaturaka*. Dieser fand im Walde einst einen von selbst gestorbenen Elefanten; er ging von allen Seiten um ihn herum, konnte aber das harte Fell desselben nicht zerbeißen. Während dies vorging, kam ein hier und dort umherschweifender Löwe in dieselbe Gegend. Als jener nun diesen kommen sah, legte er den Reif seiner Krone auf den Boden, faltete seine beiden Hände zusammen und sprach demütig: „O Herr! Ich stehe hier als dein Keulenträger und bewache diesen Elefanten für dich. Drum möge der Herr ihn verzehren!“ Der Löwe aber, da er ihn sich demütig bücken sah, sprach: „Ah! Ich esse nie und nimmer ein Tier, das von einem andern getötet ist. Man sagt auch:

Der Löwe, der sich von des Wildes Fleisch nährt, greift, hungernd selbst, nimmer im Wald zum Grase; so lassen auch nimmer die Hochgebornen im Unglück selbst ab von dem Pfad der Tugend.

Drum begnadige ich dich selbst mit diesem Elefanten.“ Nachdem er dies gehört, sprach der Schakal voll Freude: „So geziemt es sich für einen Herrn gegen seine ergebnen Diener. Denn man sagt auch:

Ein Edler weicht voll hohen Sinns nie von des Gebieters Pflicht, selbst in äußerster Not: nimmer verliert ihre Weiße die Perle und käme sie auch aus des Feuers Mund.“

Als aber der Löwe sich entfernt hatte, kam ein Tiger heran. Als er nun diesen sah, dachte er: „Ah! Ein Bösewicht ist doch durch einen Fußfall weggebracht. Wie werde ich aber nun diesen fortschaffen? Der ist unzweifelhaft ein Held; dessen werde ich sicher nicht Meister werden, ohne Zwietracht zu säen. Denn man sagt auch:

Wo gute Wort’ und auch Gaben nicht zu helfen vermögend sind, da soll man Zwietracht aussäen; denn diese auch verhilft zum Sieg.

Ja sogar ein mit allen Tugenden Ausgerüsteter wird durch Spaltung vernichtet. Es heißt auch:

Wohlgeschützet und in Einschluss, von großer Härte und überschön, wird doch die Perle anbindbar, sobald sie einen Spalt empfängt.

oder: Selbst der innerhalb dem höchsten Wesen Stehende, sich von den äußerlichen Dingen entfernt Habende, guten Lebenswandel Führende, sehr Brave, nach Befreiung Strebende, verfällt in die Bande des Irdischen, wenn er in sich gespalten ist (d. i. wenn die Zweiheit, statt der Einheit, in ihm Herr wird).


Nachdem er so erwogen hatte, trat er ihm stolz mit erhobenem Nacken entgegen und sprach mit Eifer: „Lieber! Wie kommst du hierher, dem Tod in den Rachen zu laufen? Denn dieser Elefant ist vom Löwen getötet und der hat mich zum Wächter desselben bestellt und ist in den Fluss gegangen, um sich zu baden; und beim Weggehn hat er mir den Befehl gegeben: „Wenn ein Tiger hierher kommt, so musst du es mir sorglich zu wissen tun; denn ich will die Tiger aus diesem Walde ausrotten, weil einst ein Elefant, welchen ich getötet hatte, von einem Tiger heimlich angefressen und zu einem Überbleibsel gemacht worden ist; von diesem Tage an habe ich den höchsten Zorn gegen Tiger.“ Nachdem er dies gehört, sagte der Tiger voll Schrecken zu ihm: „O Schwestersohn! Schenke mir mein Leben! Wenn er auch noch so spät erst hierher kommt, so gib ihm doch nicht die geringste Kunde von mir!“ Nachdem er so gesprochen, begab er sich eilig auf die Flucht.

Nachdem nun der Tiger weg war, so kam ein Leopard einher. Als er auch diesen gesehen, dachte er: „Dieser Leopard hat starke Zähne. Drum will ich es dahin bringen, dass er mir in des Elefanten Fell ein Loch beißt.“ Nachdem er diesen Entschluss gefasst, sprach er auch zu diesem: „O Schwestersohn! Warum hast du dich so lange nicht sehen lassen? Und wie ausgehungert siehst du aus? Drum sei mein Gast! Hier liegt ein Elefant, den der Löwe getötet hat, und ich bin angewiesen, ihn zu bewachen. Trotzdem aber kannst du unterdes, dass der Löwe nicht da ist, Fleisch von diesem Elefanten essen und, wenn du satt bist, so rasch als möglich davongehn.“ Dieser antwortete: „Lieber! Wenn dem so ist, so will ich mit dem Fleischfressen nichts zu tun haben. Denn wer sein Leben bewahrt, kann hundert Freuden zu sehn bekommen. Es heißt auch:

Welches Futter man verschlingen und, verschlungen, verdauen kann und verdaut einem heilsam ist, das esse, wem sein Wohlsein lieb.

Drum isst man unter jeder Bedingung nur das, was man verdauen kann. Deshalb werde ich mich aus dem Staube machen!“ Der Schakal sagte: „O du Feigling! Fasse nur Mut und iss! Ich will dir schon sagen, sobald er kommt, wenn er auch noch ganz fern ist.“ Nachdem dies geschehn und der Schakal sah, dass der Leopard das Fell zerbissen hatte, rief er: „O Schwestersohn! Geh, geh! Da kommt der Löwe her!“ Nachdem er dies gehört, machte sich der Leopard weit weg.

Als nun der Schakal durch die vom Leoparden gemachte Öffnung etwas Fleisch gegessen hatte, da kam ein andrer, sehr wilder Schakal herbei. Als er diesen sah, der von gleicher Gattung und Kraft mit ihm war, rezitierte er folgende Strophe:

Vor dem Mächtigsten fall’ nieder, gegen Helden sä’ Zwietracht aus, dem Schwachen gib kleines Geschenk, doch den Gleichen bekämpf mit Macht.“

Dann schritt er ihm zum Kampf entgegen, zerfleischte ihn mit seinen Zähnen, schlug ihn in die Flucht und fraß dann selbst lange Zeit vergnügt des Elefanten Fleisch.

* Herr Benfey übersetzt mit „sehr schlau“

*******

Ein treffender Name für den Schakal, wobei es eher ungewöhnlich scheint, dass er neben dem Witz des körperlich Schwächeren auch noch Mut und Kampfkraft beweisen kann. Rundum ein Held, also. 😀

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 316-19.

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