13.5 Der Esel im Tigerfell

Und schwupps sind wir schon im vierten Buch angekommen. Es geht um den Verlust von schon Besessenem, d.h. den Verlust von Freunden. Affe und Krokodil sind die engsten Freunde, bis das Krokodil durch eine List das Herz des Affens als vermeintliches Heilmittel für seine Krokodilfrau ergattern will. Der Affe entkommt dem unerfreulichen Tod, aber die Freundschaft ist hin.

Als erste von zwei Tierfabeln aus diesem Buch gibt es heute einen absoluten Klassiker, der direkt seinen Weg auch in die europäische Erzähltradition – zum Beispiel bei Herrn Lessing – gefunden hat. Aber lest selbst…

Der Esel im Tigerfell
(4. Buch, 7. Erzählung)

In einem gewissen Orte wohnte einst ein Walker, namens Suddhapata. Dieser hatte einen Esel, welcher aus Mangel an Futter überaus schwach geworden war. Der Walker nun, als er im Walde umherschweifte, sah einen toten Tiger. Da dachte er: „Ah! Das trifft sich gut! Mit diesem Tigerfell will ich den Esel bedecken und ihn in der Nacht in die Gerstenfelder loslassen, damit die in der Nähe befindlichen Feldhüter ihn für einen Tiger halten und nicht wegjagen.“

Nachdem dies geschehen war, fraß der Esel Gerste nach Lüsten. Auf diese Weise wurde er im Verlauf der Zeit fett und es kostete Mühe, ihn in den Stall zu bringen, wo er angebunden zu werden pflegte. Einst aber, vor Brunst übermütig, hörte er aus weiter Ferne das Geschrei einer Eselin. Auf dieses bloße Geschrei hin fing er auch an zu brüllen. Da erkannten die Feldhüter, dass es ein in ein Tigerfell gekleideter Esel sei, und schlugen ihn mit Knüttel-, Pfeil- und Steinwürfen tot.

Daher sage ich:

Obgleich sich wohlgeschützt wähnend, mit einem Tigerfell bedeckt und furchtbare Gestalt zeigend, starb der Esel durch sein Gebrüll.

*******

Spannend scheint mir hier die Moral. Denn die Fabel ist zugleich ihre eigene Sentenz! Offenbar war der arme Esel, der ja eigentlich nix kann fürs Feld-leer-fressen, also schon im antiken Indien absolut bekannt.

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 308.

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