13.4 Der Zimmermann und sein treuloses Weib

Heute gibt es eine Fabel aus dem dritten Buch des Pantschatantra, in dem es in der Rahmenerzählung um den Krieg der Krähen und Eulen geht. Schon immer waren die Krähen und Eulen Feinde, als sich eine Krähe bei den Eulen einschleicht und sie ausspioniert.

Gewappnet mit diesem Wissen kehrt sie zurück zu den ihren und die Krähen entfachen Feuer an den Eingängen der Höhlen der Eulen, die so elendig sterben.

Passend geht es in den Binnenerzählungen des Buches immer wieder um Treue und zwar auch zwischen Eheleuten. Aber lest selbst ein Beispiel…

Der Zimmermann und sein treuloses Weib
(3. Buch, 11. Erzählung)

In einem Orte wohnte einmal ein Zimmermann, namens Biradhara; der hatte eine Frau, Kamadamini. Die war wollüstig und hatte einen schlechten Ruf bei den Leuten. Er aber, da er sie auf die Probe stellen wollte, dachte bei sich: „Wie kann ich sie wohl auf die Probe stellen? Denn es heißt auch:

Wenn einst des Feuers Glut kalt ist und sehr glühend des Mondes Strahl, dann mögen auch die Frau’n keusch sein, sowie die Bösewichter gut.

Ich weiß, dass sie, der Leute Gerede zufolge, unkeusch ist. Man sagt ja:

Was weder in den profanen noch heil’gen Schriften gesehn, gehört, das freilich weiß die Welt: alles, was nur in Brahma’s Ei geschieht.“

Nachdem er so erwogen hatte, sagte er zu seiner Frau: „Liebe! Morgen früh werde ich nach einem andern Dorf wandern; darauf werden einige Tage hingehn. Du musst deshalb einige angemessene Reisezehrung besorgen!“ Sie aber, nachdem sie dies gehört, ließ voller Freude und Sehnsucht alles, was sie zu tun hatte, stehn und liegen und machte mit vieler Butter und vielem Zucker eine gekochte Speise zurecht. Sagt man ja doch mit Recht:

Am regnigten Tage, in wolkiger Nacht, wenn der Regen im Wald und sonsten strömt, wenn der Mann in der Fremde, da freut sich das geile unzüchtige Weib.

Darauf stand er in der Frühe auf und verließ sein Haus. Sie aber, nachdem sie ihn hatte abreisen sehn, besorgte mit freudestrahlendem Gesicht Putz und Schmuck ihres Leibes und konnte kaum das Ende des Tages erwarten. Dann ging sie in das Haus ihres schon lange mit ihr bekannten Liebhabers und sagte zu ihm: „Mein schlechter Mann ist in ein andres Dorf gegangen. Du kannst also, sobald die Leute schlafen, in unser Haus kommen.“ Nachdem dies so geschehen war, kehrte der Zimmermann, welcher den Tag über im Walde zugebracht hatte, am Abend durch eine andre Tür in sein Haus zurück, legte sich unter das Bett und blieb da versteckt. Mittlerweile kam dieser Devadatta* und ließ sich auf das Bett nieder. Als der Zimmermann ihn sah, wurde sein Herz von Zorn ergriffen und er dachte: „Soll ich aufspringen und ihn tot schlagen? Ober alle beide, wenn sie vor Wollust eingeschlafen sind, ermorden? Doch ich will erst sehen, was sie tut, und hören, was sie mit ihm spricht!“

Mittlerweile hatte sie die Haustür verschlossen und bestieg das Bett. Indem sie aber darauf stieg, stieß ihr Fuß an den Körper des Zimmermanns. Darauf dachte sie: „Das muss sicher der böse Zimmermann sein, der mich auf die Probe stellen will. Ich will ihm aber einen Frauenstreich spielen.“ Während sie so dachte, wurde Devadatta begierig, sie zu berühren. Sie aber legte bittend die Hände zusammen und sagte: „O du Hochsinniger! Du darfst meinen Leib nicht berühren! Denn ich bin meinem Gatten treu und ein sehr keusches Weib. Wo nicht, so fluche ich dir, dass du in Asche zerfällst.“ Jener sagte: „Wenn das ist, warum hast du mich denn gerufen?“ Sie antwortete: „Oh! Höre mich aufmerksam an! Heute in der Frühe ging ich zur Kapelle der Tschandika, um die Göttin zu sehen. Da erhob sich plötzlich eine Stimme in der Luft: „Tochter! Was kann ich tun? Du bist meine treue Verehrerin! Dennoch wirst du binnen sechs Monaten durch des Schicksals Willen Witwe sein.“ Darauf entgegnete ich: „Erhab’ne! Wie du das Missgeschick kennst, so kennst du auch eine Hülfe dagegen. Gibt es also ein Mittel, wodurch mein Gatte ein Leben von hundert Jahren erreichen kann?“ Darauf sagte sie: „Ja! Es gibt eins, und dieses Mittel hängt von dir ab.“ Da ich dies gehört, so sagte ich: „O Göttin! Und wenn es um mein Leben ginge, tue es mir kund, damit ich es anwende!“ Darauf sagte die Göttin: „Wenn du heute mit einem fremden Mann dasselbe Lager besteigst und diesen umarmst, dann trifft der Tod, der deinem Gatten bevorsteht, ihn, dein Gatte dagegen wird hundert Jahre alt werden.“ Aus diesem Grunde habe ich dich gerufen. Jetzt tue, was dir zu tun gut dünkt! Denn das Wort der Göttin wird sich bewahrheiten, davon bin ich fest überzeugt.“ Mit vor innerer Freude strahlendem Gesicht verfuhr jener nun diesem gemäß.

Der törichte Zimmermann aber, als er diese ihre Rede gehört, kroch mit vor Freude in die Höhe starrendem Haar unter dem Bett hervor und sagte zu ihr: „Brav! du treue Gattin! Brav! du Zierde des Hauses! Ich hatte, da mein Herz durch schlechter Leute Reden in Angst geraten war, unter dem Vorwand, nach einem andern Dorf zu gehn, mich unter dem Bett versteckt, um dich auf die Probe zu stellen. So komm denn! Umarme mich! Du bist die beste von allen ihren Gatten ergebenen Frauen; denn du hast selbst in den Armen eines fremden Mannes deine Keuschheit bewahrt. Du hast so gehandelt, um mein Leben zu verlängern und einen plötzlichen Tod von mir abzuwenden.“ Nachdem er so zu ihr gesprochen, umarmte er sie voller Liebe, nahm sie auf seine Schulter, und sagte auch zu Devadatta: „O du Hochsinniger! Meine guten Werke sind es, die dich hierher geführt haben. Durch deine Gnade habe ich ein Leben erlangt, welches hundert Jahr dauern wird. Drum umarme auch du mich und komm auf meine Schulter!“ Bei diesen Worten umarmte er den Devadatta, so sehr er sich auch sträubte, und hob ihn mit Gewalt auf seine Schulter. Alsdann tanzte er, schrie: „O du stärkster aller Keuschheitshelden! Auch du hast mir eine Wohltat erwiesen!“ und Ähnliches, ließ ihn dann von der Schulter herabsteigen, lief allenthalben an den Türen seiner Verwandten und so weiter herum und machte allerorten eine Schilderung von dieser Tugend jener beiden. Daher sage ich:

Den Thor beschwichtigen gute Worte, wird auch die Sünd’ vor seinem Aug’ vollzogen: sieh! der Zimmermann trägt auf dem Kopf Weib und Galan.

* Herr Benfey erklärt in einer Fußnote: „‘von Gott gegeben‘ oder ‚den Gott gegeben‘, dieser Name dient aber statt jedes andern Unbekannten, wie bei den Römern Cajus.“ – oder bei den Amerikanern Jane/John Doe, wie ich dank diverser Krimiserien weiß. Gibt es da eigentlich ein deutsches Äquivalent?

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Interessante Pointe, oder? Denn die Moral von der Geschicht‘ ist ja wohl, dass der depperte Ehemann es nicht wirklich besser verdient hat. Naja, zumindest für dieses Leben. Im nächsten wird es wohl die Ehefrau und ihren Liebhaber einholen.

 

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, 258-62.
Bildquelle: Bild eines arabischen Malers um 1200, das den hofhaltenden Krähenkönig zeigt &

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