13.1 Der übergeschäftige Affe, oder: indische Fabeln aus dem Pantschatantra

Diese Woche gibt es im Märchensammler einen Ritt durch das orientalisch-asiatische Äquivalent zu den Aesop’schen Fabeln, nämlich der indischen Fabelsammlung Pantschatantra, deren Einzelteile vermutlich im 3.-2- Jahrhundert v. Chr. zusammengetragen wurden. Die heutige Form ist bekannt seit 3.-6. Jahrhundert n.Chr. Dabei bedient sich die Sammlung selbst bereits unterschiedlicher Traditionen, wie die Fabeln dann wiederum unzählige Traditionen beeinflusst haben. Für den deutschsprachigen Raum war und ist die Übersetzung des Indologen Theodor Benfey (1809-1881) bahnbrechend.

Laut dem sozusagen Rahmen-Rahmen der Sammlung ist sie als Art Lehrbuch für drei renitente Prinzen gedacht. Der eigentliche Text ist sodann in fünf Bücher unterteilt, in denen jeweils die einzelnen Fabeln durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten werden.

Fangen wir also heute mit dem ersten Buch an, das von der Verfeindung von Freunden handelt. Als sich eine Freundschaft zwischen dem König des Waldes, dem Löwen Pingalaka, und dem Stier Sanjivaka entwickelt, zerstört ein Gefolgsmann des Königs, der Schakal Damanaka, diese Freundschaft wieder, obwohl sein Kollege und Kumpel, der Schakal Karataka, ihn davon abzubringen versucht. Und eben hier ist dann auch die heutige Fabel, die erste (Binnen-)Erzählung im ersten Buch, einzuordnen. Lest selbst…

Der übergeschäftige Affe
(1. Buch, 1. Erzählung)

Karatata antwortele: „Wozu sich um Dinge bekümmern, die uns nichts angehen? Denn man sagt auch:

Der Mann, der sich in Ding’ einlässt, welche nicht seines Amtes sind, der geht zu Grund, gleichwie der Affe, der den Keil aus dem Balken zog.“

Damanaka sprach: „Wie war das?“ Jener erzählte:

An einem Orte in der Nähe einer Stadt hatte ein Kaufmannssohn in der Mitte einer Baumgruppe den Bau eines Göttertempels begonnen. Da gingen nun die Werkleute, der Baumeister sowohl als die übrigen, wenn es Mittag wurde, in die Stadt um zu essen. Einstmals aber kam eine Affenherde, welche in der Nähe hauste, und sich hier und da herumtrieb. Es befand sich da ein von einem Handwerksmann halb gespaltener Balken von Andschanaholz mit einem Keil von Khadiraholz mitten darin. Da fingen nun die Affen an nach Herzenslust auf den Wipfeln der Bäume, den Spitzen des Tempels und den Flächen der Balken herum zu spielen, und einer von ihnen, welchem ein naher Tod beschieden war, setzte sich, seiner beweglichen Natur folgend, auf diesen halbgespaltenen Balken, warf den Balkenbindestrick weg und sprach: „Ah! da hat einer einen Keil an einer unrechten Stelle eingetrieben!“ Dann ergriff er diesen mit beiden Händen und fing an, ihn herauszuziehen. Es waren aber seine Hoden in die Öffnung des Balkens geraten und, sobald er den Keil aus seiner Stelle herausgebracht hatte, geschah ihm, was ich dir schon vorher gesagt habe. Darum sage ich:

Der Mann, der sich in Ding’ einlässt… und so weiter.

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Und schon zeigt sich wieder, dass supermoralisch – und es gibt im Pantschatantra Fabeln, deren vor- und nachgestellte Lehren um ein Vielfaches den eigentlichen Fabeltext übertreffen – nicht zugleich asexuell sein muss. Es sei denn wir befinden uns in der deutschen Aufklärung. ;D

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 9f.
Bildquelle: Porträtfoto des Indologen Theodor Benfey

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