12.3 Christoph Martin Wielands Timander und Melissa, Teil 2

Heute gibt es also den zweiten Teil von Wielands Timander und Melissa, in dem dann auch endlich Melissa auftritt. Lest selbst weiter…

Timander und Melissa
Von Christoph Martin Wieland

Die verlobte Gräfin versichert, Timander hätte auf diese Weise sechs ganzer Monate bei der schönen Pasithea zugebracht, ohne dass ihm zur Vollständigkeit seines Glückes etwas anderes als ihr Besitz gemangelt habe. Die gute Dame hat sich entweder verschrieben und Monate anstatt Tage aus der Feder schlüpfen lassen, oder sie dachte nicht, was sie sagte. Unsere Nachrichten geben, dass er es in dem halb wahnsinnigen Zustande, wozu ihn die Fee brachte, indem sie seinem Herzen mit allen ihren Reizen und Talenten auf einmal so heftig zusetzte, nicht länger als sechs bis acht Tage habe aushalten können; und wir glauben, dass alle Leute, welche wissen, was möglich ist, sich für unsere Lesart erklären werden.

Der Prinz, dem man übrigens seine wenige Geduld auf Rechnung seiner großen Jugend schreiben muss, wurde binnen dieser kurzen Zeit, die ihm sehr lang vorkam, so dringend, dass die schöne Fee sich nicht länger weigern konnte, seine Probezeit abzukürzen und in einem Tempel des Hymen, den sie auf dem anmutigsten Platze ihrer Gärten aufführen ließ, mit ihm zusammenzukommen. Da ihr die schönsten Gebäude und die herrlichsten Feste nur ein Wort kosteten, so kann man sich diesen Tempel und das Fest, womit sie den schönsten Tag ihres Lebens feierte, so schön und herrlich einbilden, als man nur immer will. Timandern würde eine alte schwarzgeräucherte Kapelle bei dieser Gelegenheit so schön vorgekommen sein als ein Tempel von Porphyr, mit azurnen Säulen und einer goldnen Kuppel; und von allen Szenen der Freude, die einander an diesem Tage drängten und die er sehr langweilig fand, war die Prozession, welche die verschleierte Braut unter Anstimmung des hochzeitlichen Gesanges in den Hymenstempel führte, die einzige, die nach seinem Geschmacke war. Dieser Tempel verwandelte sich, sobald die Fee seine Schwelle betrat, in das herrlichste Brautgemach; aber kaum war sie von ihren Nymphen zu Bette gebracht worden, so befahl sie, die Karfunkeln wegzunehmen, die zu beiden Seiten desselben von zwei goldnen Liebesgöttern emporgehalten wurden und einen Schein von sich warfen, der das ganze Zimmer erleuchtete. Wie unangenehm auch dieser Befehl dem Prinzen war, so wagte er es doch nicht, sich ihm zu widersetzen. Er glaubte der zarten jungfräulichen Empfindung dieses letzte Opfer schuldig zu sein; überdies kam ihm die Nacht, nach der Versicherung der Dame d’Aulnoy, so erstaunlich kurz vor, dass er den Tag um so leichter erwarten konnte, der ihm das so sehnlich verlangte Glück endlich gewähren würde. Da ihn seine Ungeduld keinen Augenblick schlafen ließ, so benutzte er den ersten Morgenstrahl dazu, sich diese Wonne zu verschaffen. Er zog ganz leise den Vorhang und blickte mit gierigen Augen nach der Fee, die indessen fest eingeschlafen war. Himmel! wie groß war seine Bestürzung: diese Abgöttin seines Herzens, die er so inbrünstig liebte, die, seinem Wahne nach, alles, was schön und vollkommen ist, in ihrer Person vereinigte, hatte ein kleines Affengesicht, das wirklich ziemlich drolligte Grimassen im Schlafe machte, aber dem betrogenen Prinzen in diesem Augenblick so abscheulich vorkam, dass er zusammenfuhr und sich nicht halten konnte, sein Entsetzen durch einen lauten Schrei und einige sehr starke Redensarten kund werden zu lassen. Die Fee, die davon erwachte, war vor Erstaunen außer sich, in ihrem zärtlich geliebten und kaum noch so entzückten Gemahle auf einmal einen Undankbaren zu finden, der sie mit den bittersten Vorwürfen überschüttete und ihr sogar zum Verbrechen machte, was ihn auf ewig hätte an sie fesseln sollen. Sie konnte sich in eine so unnatürliche Veränderung seiner Gesinnungen gar nicht finden; denn die gute Dame war so weit entfernt, sich über ihr kleines Affengesicht, an das sie längst gewöhnt war, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, dass sie sich vielmehr, dessen ungeachtet, mit allen ihren übrigen Reizungen und Gaben für die liebenswürdigste Person in der Welt hielt. Es ist wahr, der Schleier, hinter den sie sich verbarg, bewies einiges Misstrauen in die Wirkung des ersten Anblicks: aber nachdem der Prinz von den Reizen ihrer Person und ihres Geistes so bezaubert geschienen, nachdem er ihr unbegrenzte Liebe und Treue geschworen und nachdem sie ihn so glücklich gemacht hatte, als es ein Sterblicher sein kann, konnte sie doch wohl erwarten, dass er ein Gesicht, das zwar nicht das regelmäßigste war, dem es aber bei allem dem (wie sie glaubte) nicht an einer gewissen Grazie fehlte, mit Augen der Liebe betrachten würde. Überhaupt (sagt die mehrbelobte französische Gräfin) wollen alle Damen, dass man ihnen schmeichle, und die Wahrheit gefällt ihnen nur insofern, als sie der guten Meinung, die sie von ihrer Schönheit haben, keinen Abbruch tut. In der Tat hatte Pasithea von ihren Höflingen immer nichts als Komplimente über die ihrige gehört; und sogar die Spiegel in ihrem Schlosse waren so gefällig gewesen, ihr nie was anders zu sagen. Stolz und Liebe waren also bei ihr in gleichem Grade durch das unartige Betragen des Prinzen beleidiget; und da er, anstatt sich zu besinnen und zu ihren Füßen Gnade zu suchen, es vielmehr immer ärger machte, so geriet sie endlich in eine Wut, wodurch ihr Gesicht in der Tat nicht liebenswürdiger wurde. Aber zu stolz, in Gegenvorwürfe auszubrechen, die vielleicht durch ihre Tränen würden erstickt worden sein, berührte sie ihren Ungetreuen bloß mit ihrem Stäbchen und verwandelte ihn, weil sie im höchsten Zorne nicht grausam sein konnte, in einen Schmetterling.

Der arme Timander sank, von Schrecken betäubt, zu Boden; aber die Sonnenstrahlen, die auf ihn fielen, und der Morgenduft, der ihm durch ein offnes Fenster entgegenkam, riefen ihn bald wieder ins Leben: er entfaltete seine Flügel und flatterte so geschickt, als ob er den besten Schmetterling zum Lehrmeister gehabt hätte, zum Fenster hinaus.

Wie ihm zumute war, da ihm die Fee das Bewusstsein seines vorigen Wesens und Standes gelassen hatte (als ohne welches seine Verwandlung keine Strafe gewesen wäre), kann man sich leicht vorstellen. Timander als Schmetterling gefiel sich in seinem neuen Stande ganz gut; aber der Schmetterling als Timander war der unglücklichste Prinz von der Welt. Indessen, wie sich der Mensch endlich in alles schicken lernt, so fügte sich Timander endlich auch in seinen Schmetterlingsstand; und wenn die leidige Furcht vor den Elstern, Staren und ihresgleichens nicht gewesen wäre, wovon ein gemeiner Schmetterling nichts weiß, so würde ihm das freie, sorglose, vagabunde Leben seiner neuen Kameraden ganz wohl gefallen haben.

Sein Abscheu vor der Fee hatte ihn so weit von der Roseninsel weggeführt, dass er nach einigen Tagen wieder in dem Lande anlangte, woraus ihn die jugendliche Begierde nach Abenteuern zu seinem Unglück entfernt hatte. Er erkannte es und stellte traurige Betrachtungen über das an, was er hier sein sollte und was er war oder zu sein schien. Welche Möglichkeit, sich für den Prinzen Timander zu erkennen zu geben? Und wenn er es auch könnte, wozu würde es ihm helfen? Welches Volk in der Welt würde einen Schmetterling zum Fürsten haben wollen? Unter diesen Gedanken geriet er von ungefähr in ein Gebüsche, wo ein junges Mädchen sich ins Gras hingestreckt hatte, um nach einem Bade in einem vorüberrieselnden Bache auszuruhen. Ein weißes leinenes Gewand und einige blaue Kornblumen in ihrem braunen Haare machten ihren ganzen Putz aus. Weil der Tag sehr warm war und sie hier ganz allein zu sein glaubte, war sie beinahe entkleidet, ihr Busen offen, ihre Arme und Füße bloß, ihr Haar halb aufgelöst und ihr Gewand nur nachlässig um den Leib geworfen. Das holde unbesorgte Mädchen war eingeschlummert, und es möchte gefährlich für sie gewesen sein, von einem andern als einem Schmetterling in diesem Zustande überrascht zu werden. Bei dem Schmetterling hatte es nichts zu bedeuten; er mochte sie für einen Haufen Lilien und Rosen ansehen und würde sich vermutlich begnügt haben, etliche Mal um sie her zu flattern, sie mit feinen Fühlhörnern hie und da zu beschnüffeln und dann wieder davonzufliegen, wenn Timander aus dem, was ihm seine Schmetterlingssinnen entdeckten, vermittelst des feinern Menschensinnes, der ihm geblieben war, nicht durch Verbindung alles dessen, was er bei öfterm Umflattern und leiser Berührung dieses anziehenden Gegenstandes bemerkte, herausgebracht hätte, dass es ein artiges junges Mädchen von sechzehn Jahren sein müsste. Mehr brauchte es nicht, seine Einbildungskraft und sein Herz mit ins Spiel zu ziehen. Jene bildete sie ihm als eine zweite Pasithea vor; aber eine Pasithea mit dem schönsten Kopfe von der Welt, mit den Augen der Venus, den Wangen der Hebe, den Lippen der Suada und dem Lächeln der Grazien; dieses verliebte sich auf der Stelle in das zauberische Traumbild – und fühlte, anstatt seine Schmetterlingsfigur zu verwünschen, ein unbeschreibliches Vergnügen in dem Gedanken, die holde Schöne ohne alle eigennützige Begierden bloß um ihrer selbst willen zu lieben und sich an dem reinen Anschauen ihrer Vollkommenheiten zu weiden, ohne sie, wie ein gemeiner Liebhaber, durch seine eigennützige Liebe zu zerstören. Unter allen Wesen ist vielleicht keines, das sich besser zu einem würdigen Schüler der berühmten Platonischen Diotima schickt, als ein denkender und empfindsamer Schmetterling. Timander flatterte in dieser Eigenschaft so lange und so unvorsichtig bald um die Lippen, bald um den Busen, bald um das runde wächserne Knie der jungen Schläferin herum, bis sie erwachte und bei Eröffnung ihrer schönen Augen einen neuen himmlischen Tag, wie ihn däuchte, aufgehen ließ. Der Schmetterling konnte dem Mädchen nicht lange unbemerkt bleiben. Seine Größe und die seltne Schönheit seiner Farben würden ihre Augen auf ihn gezogen haben, wenn er auch nicht so ungewöhnlich zahm gewesen wäre und ein so sonderbares Belieben, um sie zu sein, gezeigt hätte. Sie bemerkte dies mit Verwunderung; und ungeachtet ihr nichts weniger in den Sinn kam, als dass ein Jüngling und ein Königssohn unter diesem Tierchen verborgen sein könnte, so war doch das erste, was sie tat, dass sie ihr allzu loses Gewand zusammenzog und in gehörige Ordnung brachte. Sie bemühte sich hierauf, den schönen Sommervogel zu haschen; aber anstatt sich fangen zu lassen, setzte er sich von freien Stücken bald auf ihren Kopf, bald auf ihre Schultern und flatterte nicht eher fort, bis sie die Finger nach ihm spitzte, entfloh aber jedesmal bloß, um von selbst wiederzukommen. Sie wurde endlich des Spiels müde, pflückte einen großen Strauß frischer Rosen im Gebüsche und ging einer nicht weit entlegenen Hütte zu. Timander setzte sich sogleich auf den Strauß, den sie in der Hand trug, und wich und wankte nicht, auch wenn sie tat, als ob sie ihn abschütteln wollte. Sie wunderte sich dessen immer mehr, weil sie sich nicht begreiflich machen konnte, wie ein so wildes und flatterichtes kleines Ding so zahm und standhaft sein könne.

Das junge Mädchen trat in eine ländliche Wohnung, worin alles sehr hübsch und reinlich aussah. Sie war von einem großen Obst- und Küchengarten umgeben, durch den man in eine Wiese hinaussah, wo einige Kühe im Grase gingen; ein Bach, der an beiden Ufern mit Weiden besetzt war, schlängelte sich in verschiedenen Krümmungen durch sie hin; und das alles zusammengenommen machte ein angenehmes kleines Gütchen aus, das einer guten alten Frau namens Sofronia zugehörte, welche die Mutter des jungen Mädchens war oder zu sein schien. „Meine liebe Melissa,“ sagte die Alte, an ihrem Spinnrocken sitzend, zu dem Mädchen, als sie mit ihrem Strauß in der Hand in die Stube trat, „Wie froh bin ich, dich wiederzusehen! Dein langes Außenbleiben hat mir große Unruhe gemacht. Tu es mir zulieb, mein Kind, und entferne dich künftig nicht mehr so lange von mir. Mädchen von deinem Alter und Aussehen laufen gar zu leicht Gefahr, dass ihnen was Widriges zustoßen kann, wenn sie nicht unter den Augen der Mutter sind.“ Das junge Mädchen nahm diese Erinnerung des alten Mütterchens sehr wohl auf und versprach, künftig ihrem Rate zu folgen. „Indessen,“ sagte sie, „ist mir nichts bei meinem Spaziergang aufgestoßen als dieser schöne Schmetterling“; und sie erzählte darauf, wo sie ihn angetroffen und wie außerordentlich artig und zahm er gewesen, wie er sich von freien Stücken auf ihren Strauß gesetzt und sie nach Hause begleitet habe, und wie sie sich vorgenommen habe, Sorge zu dem artigen Tierchen zu tragen und es ihm, solang es bei ihr bleiben wolle, nie an frischen Blumen fehlen zu lassen. Die Alte schien dies als eine schuldlose Kinderei des Mädchens anzusehen und wenig darauf zu achten; aber Prinz Schmetterling hörte mit großem Vergnügen, dass er der schönen Melissa so wichtig sei, und suchte ihr seine Dankbarkeit durch tausend kleine Liebkosungen, Neckereien und Scherze, die ihm sein Schmetterlingsinstinkt eingab, zu erkennen zu geben. Unvermerkt entspann sich ein so gutes Verständnis zwischen ihnen, dass die junge Melissa kein Bedenken mehr trug, ihn wie eine vertraute Gespielin ihres eigenen Geschlechtes zu behandeln. Er hatte sogar die Erlaubnis, sie alle Morgen im Bette zu besuchen; und es sei nun, dass eine geheime, ihr selbst unbekannte Ahnung sich ins Spiel mischte oder dass auch dem unschuldigsten jungen Mädchen, in Ermanglung eines schicklichern Gegenstandes, selbst die Zärtlichkeit eines Schmetterlings nicht gleichgültig sein kann: genug, sie fand so viel Vergnügen an der Gesellschaft ihres kleinen geflügelten Liebhabers, dass sie ganze Stunden mit ihm spielen konnte, ohne es überdrüssig zu werden. Wir getrauen uns eben nicht zu behaupten, dass Timander bei diesen Gelegenheiten große Fortschritte in der platonischen Liebe gemacht habe: im Gegenteil ist nicht zu leugnen, dass die schmetterlingische Natur von Tag zu Tag mehr über die menschliche gewann und dass in manchen Augenblicken die Gefühle des Schmetterlings mit den Imaginationen des Prinzen Timander dergestalt zusammenflossen und durch die letztern auf eine so seltsame Art erhöht wurden, dass der gute Prinz auf einmal wieder er selbst zu sein wähnte, und wenn er (wie es nicht fehlen konnte) bald genug erinnert wurde, dass er doch nur ein Schmetterling sei, in eine lächerliche Art von Verzweiflung darüber geriet, die desto quälender für ihn war, je mehr die Ausbrüche derselben die junge und unwissende Melissa zu belustigen schienen.

Unter diesen Freuden und Leiden waren bereits mehrere Tage hingegangen, als einsmals, da die schöne Melissa (nach der Sitte des griechischen Mädchen) an ihrem Webstuhle saß und von der guten Alten beim Spinnrocken mit allerlei anmutigen und lehrreichen Geschichten unterhalten wurde, der unruhig herumflatternde Schmetterling ein kleines Fläschchen vom Gesimse herunterwarf, das zufälligerweise zu weit hervorgestanden hatte. Das Fläschchen zerbrach, und ein himmelblaues Wasser, das darin gewesen war, floss auf den Boden. Die Alte geriet darüber in große Betrübnis. „Der leidige Schmetterling!“ rief sie; „war mir doch immer, als ob er uns noch Unglück bringen würde, wenn ich dich so viel mit ihm schäkern und kurzweilen sah!“ – „Verzeiht ihm!“ sagte Melissa mit bittender Stimme; „er hat es gewiss nicht mit Fleiß getan; aber ist es denn etwas so Kostbares um dieses Fläschchen, dass Ihr Euch so darum betrübet?“ – „Nicht um das Fläschchen,“ antwortete Sofronia, „aber um das, was darin war. Mein gutes Kind, ein einziger Tropfen von diesem blauen Wasser, das nun hier leider! auf den Boden fließt, ist hinlänglich, die stärkste Bezauberung aufzulösen. Ich bekam es von einer Dame, die ich für eine große Fee halte und von der ich dir noch viel erzählen könnte, wenn sie mir nicht…“

Hier wurde das gute Mütterchen von einer Begebenheit unterbrochen, die uns freilich nicht so unerwartet kommt als ihr. Der Schmetterling nehmlich hatte in einem Winkel, wohin er sich nach vollbrachter Tat geflüchtet, alle Worte der Alten mit angehört und, sobald er die Tugend des verschütteten Wassers vernommen, sich keinen Augenblick besonnen, die Probe davon zu machen. Er war also hinzugezogen, und kaum hatte er den Ort, der noch nass davon war, berührt, so stieg eine dichte und lieblich duftende Rauchsäule vom Boden auf, und als sie vergangen war, siehe! da stund Prinz Timander, in seiner eigenen Gestalt und in dem nehmlichen Jagdkleide, worin ihn die Tauben der schönen Pasithea nach der Roseninsel abholten, leibhaftig vor den beiden Frauenspersonen da, die vor Erstaunen über ein so unverhofftes Wunder die Sprache und beinahe die Sinnen verloren hatten. Ungeachtet er viel zu schön aussah, um ein junges Mädchen sehr zu erschrecken, so würde doch Melissa, sobald sie die Füße wieder heben konnte, davongelaufen sein, wenn er sie nicht mit ebensoviel Ehrerbietung als Zärtlichkeit zurückgehalten hätte. Er bat sie und ihre gute Mutter, sich nicht vor ihm zu fürchten, sagte ihnen, wer er sei und welche seltsame Zufälle ihm das Glück verschafft hätten, auf eine so ungewöhnliche Art in ihre Bekanntschaft zu kommen. Er schlüpfte, wie billig, sehr leicht über die Ursache hin, die ihm den Zorn der Fee Pasithea und seine Verwandlung in einen Schmetterling zugezogen; hingegen breitete er sich mit desto vollerem Herzen über die tugendhafte Liebe aus, welche ihm die holdselige Melissa schon in seinem Schmetterlingsstande eingeflößt habe, und erklärte ihnen, dass ohne sie kein Glück für ihn sei und dass er nicht zweifle, die Einwilligung seines Vaters zu erhalten, wenn er hoffen dürfe, ihr eigens Herz und den Beifall ihrer Mutter auf seiner Seite zu haben.

Man kann sich vorstellen, wie erstaunt die beiden Frauenzimmer waren, den Schmetterling in einen so liebenswürdigen Prinzen verwandelt zu sehen. Melissa, wiewohl sie dadurch ein Spielding verlor, das ihr kurz zuvor um keinen Preis feil gewesen wäre, war doch im Herzen über den Verlust desselben nicht unzufrieden; aber die Erinnerung an die kleinen Freiheiten, welche sie, zwar unschuldigerweise, dem Prinzen als Schmetterling verstattet hatte, benahmen ihr alle Fassung. Sie errötete, schlug die Augen nieder und schwieg. Die alte und weise Sofronia merkte ihre Verlegenheit und sagte dem Prinzen, sie könnte seine Gesinnungen für ihre Tochter weder missbilligen noch aufmuntern; aber sie müsste ihn bitten, sich ohne Verzug wieder an den Hof seines Vaters zu begeben, der nur wenige Stunden von ihrem Orte entlegen sei. Könnte er die Einwilligung desselben erhalten, so zweifle sie nicht, dass Melissa, die ihm als Schmetterling so gut gewesen sei, seine Umgestaltung für keine Ursache ansehen werde, ihre Gesinnungen gegen ihn zu ändern; widrigenfalls aber traue sie einem Prinzen, dessen Äußerliches so viel Gutes verspreche, Klugheit und Tugend genug zu, dass er, auch ohne ihre Erinnerung, die Notwendigkeit einsehen werde, diese Gegenden zu vermeiden und, was dem Schmetterling allenfalls zu verzeihen sein möchte, als Prinz Timander nicht zu einer strafbaren Sache zu machen. „Seid ohne Sorge, gute Mutter,“ sagte der Prinz; „mein Herz weissagt mir den glücklichsten Ausgang; entweder ich komme als der Gemahl der schönen Melissa zurück – oder Thessalien hat mich zum letzten Mal gesehen.“ Mit diesen Worten ergriff er die sanft sich sträubende Hand des erröteten Mädchens, drückte sie an sein Herz und eilte davon.

Inzwischen geschah es an eben dem Morgen, da sich diese Dinge in der Hütte der guten Sofronia zutrugen, dass der gewesene König Siopas, indem er, der Morgenluft zu genießen, an den schattenreichen Ufern des Peneus lustwandelte, auf einmal wieder das kleine alte Weibchen vor sich stehen sah, deren Vermittlung er die Erhaltung seines Lebens und seine gegenwärtige Ruhe zu danken hatte. „Kennst du mich noch, König Siopas?“ sagte sie lächelnd zu ihm, indem sie ihm den Ring wieder an den Finger steckte, den er vor einigen Jahren von ihr empfangen und, nach ihrer Anweisung, wieder in die Luft geworfen hatte. Der König war im Begriff, ihr zu antworten, aber er blieb vor Erstaunen sprachlos; denn das alte Weibchen war verschwunden, und an ihrer Statt sah er eine große Frau von majestätischer Schönheit, in einem langen himmelblauen Talar, mit langen fliegenden Haaren, mit einer kleinen goldnen Krone auf dem Haupte und einem Stäbchen von Elfenbein in der Hand, vor sich stehen. „Ich bin die Königin der Feen,“ sprach sie, „und komme zu vollenden, was ich bisher zu deines Volkes Glück, und zum deinigen, getan habe. Du hattest eine Tochter, Siopas, und hast sie noch. Du glaubtest, eine Bärin habe sie geraubt und gefressen. Diese Bärin war ich. Ich sah vorher, dass die junge Melissa an deinem Hofe schlecht erzogen werden würde. Ich nahm sie weg und übergab sie einer verständigen guten Frau, welche sie, ohne ihren Stand zu wissen, wie ihr eigenes Kind auf dem Lande erzog. Deine Tochter ist, durch diese Veranstaltung, gegenwärtig ein gutes, gefühlvolles und unschuldiges Mädchen, bescheiden, sanft, mitleidig, wohltätig, jeder edeln Gesinnung fähig und jeder Menschenfreude offen; ihr Blut ist so rein wie ihr Herz, sie ist gesund und munter wie ein junges Reh und wird euch alle glücklich machen, weil sie es selbst sein wird. Sie war schon als zweijähriges Kind, da du sie verlorest, das leibhafte Ebenbild ihrer Mutter, sie ist es noch, und die Figur einer Biene, die sie unter dem linken Arme mit auf die Welt brachte, wird sie dir, wenn du sie wieder siehest, vollends kenntlich machen. Vermähle sie mit dem Sohne deines Freundes Euthyfron, und ihr werdet alle glücklich sein.“

Kaum hatte die Feenkönigin das letzte Wort gesprochen, so stiegen Sofronia und Melissa aus einem Wagen, von Schwänen gezogen, worin sie von einer der Sylphiden, die der Königin dienten, abgeholt worden waren. Sofronia erkannte die Dame, die ihr Melissen übergeben hatte, und warf sich ihr zu Füßen, indem sie auf das holde Mädchen wies und ihr für die Freude dankte, die ihr die Erziehung eines so gutartigen Kindes gemacht hatte. Die Fee hob sie auf und umarmte sie; darauf nahm sie Melissen bei der Hand und stellte sie dem Siopas als seine Tochter dar. „So wäre sie freilich bei Hofe nicht geworden,“ sagte Siopas, indem er sie umarmte und küsste. Melissa, die zu dieser Szene nicht vorbereitet war, betrachtete ihn mit einer aus Furcht, Liebe und Erstaunen vermischten Miene, die ihrem schönen Gesichte einen wundervollen Reiz gab; aber sie fasste sich sogleich, kniete vor ihm hin und küsste seine Hand. Er hob sie auf, drückte sie an sein Herz und sah die Feenkönigin mit Augen an, die in dankbaren Tränen schwammen. „Aber sie bleibt doch meine Mutter?“ sagte Melissa, indem sie auf Sofronia wies. „Das soll sie,“ antwortete Siopas, „und wenn sie will, soll sie hier so glücklich sein, als ich es selbst bin.“ „Kommt,“ sprach die Feenkönigin, „unsre Freude vollkommen zu machen.“ Sie stiegen alle in ihren Wagen ein und langten in wenigen Minuten bei dem Könige Euthyfron an. „Mein Bruder», sprach Siopas zu ihm, «ich bringe dir eine Braut für deinen Sohn: hier ist meine wiedergefundene Tochter!“ Melissa wurde bei diesen Worten so blass wie eine sterbende Lilie; sie dachte an ihren geliebten Schmetterling und fühlte, dass sie kein Herz mehr zu verschenken hätte. „Ach!» antwortete der König mit einem tiefen Seufzer, „es sind nun vierzehn Tage, seit sich mein Sohn auf der Jagd verloren hat und in ganz Thessalien nicht zu finden ist.“ Melissa lebte wieder auf. In diesem Augenblicke stürzte ein Diener mit der Nachricht herein, der Prinz Timander sei im Vorhofe angekommen. Der König eilte ihm entgegen. Der Prinz umarmte seine Knie, erzählte ihm seine Abenteuer und endigte damit, ihn in den stärksten Ausdrücken zu bitten, dassß er seine Liebe zu Melissen billigen möchte. „Zu einem gemeinen Landmädchen?“ sagte der König. „Nein, mein Sohn, ich habe dir eine Königstochter ausersehen, die dich gewiss ebenso glücklich machen wird: alles ist schon ins reine gebracht.“ „Wie, mein Vater,“ versetzte der Prinz, „ohne mich?“ – „Ich rechnete auf deinen Gehorsam.“ „In allem, mein Vater, nur in diesem einzigen nicht. Ich liebe Melissen, sie hat mein Herz, sie soll meine Hand haben; und bei Jupiter und Apollo, ich verschmähe gegen dieses Landmädchen alle Königstöchter, und wenn sie mir so viele Kronen zubrächten, als sie Haare auf dem Kopfe haben!“ „Du wirst unartig, mein Sohn,“ sprach der König; „aber ich verzeihe dir, wenn du kommen und wenigstens nur sehen willst, was du verschmähest.“ Mit diesen Worten zog ihn der König in den Saal, wo Melissa, Siopas, Sofronia und die Feenkönigin seiner warteten. Denket selbst, wie unbeschreiblich sein Entzücken war, als ihm die gefürchtete Prinzessin – in Melissen dargestellt wurde.

Die Feenkönigin legte ihre besten Gaben auf sie, indem sie ihre Hände vereinigte. „Mein Werk ist vollendet,“ sagte sie. „Selbst das einzige, was euer Glück stören konnte, habe ich schon verhütet. Meine Tochter Pasithea darf euch nicht mehr furchtbar sein. Sie hat dir vergeben, Timander. Ich habe einen andern Liebhaber für sie erzogen, der sie für deinen Verlust tröstet; und damit sie keines Schleiers bei ihm bedürfe, hab’ ich ihn von seiner Kindheit an unter so hässlichen Affen erziehen lassen, dass Pasithea mit ihrem kleinen Meerkatzengesicht eine Venus in seinen Augen ist. Ihr bedürft nun ferner meines Beistandes nicht. Ihr seid glücklich und werdet es so lange bleiben, als ihr einander liebet und Freude daran findet, Gutes zu tun.“ Mit diesen Worten zog die Feenkönigin mit ihrem Stab einen Kreis um sie und verschwand.

*******

Noch deutlicher wird in diesem zweiten Teil – wobei das Märchen natürlich eigentlich ein Stück ist, das aber jeden Blog sprengen würde – das Spiel mit der Gräfin d’Aulnoy als Inspiration. Immer wieder wird explizit auf sie verwiesen und wird das eigene Märchen in einen Wettstreit mit der Vorlage gestellt, den es aber natürlich gewinnen müsse – wie jeder halbwegs verständige Leser verstehen müsse. Oder so die clevere Suggestion, denn wer will sich schon auf Seiten der Gräfin stellen und damit als leichten Depp bekennen. Nee.

Und weist die ironische Distanz vor allem im Umgang mit der jugendlichen Eitelkeit der Heldinnen und Helden und Timanders tatsächlich absoluten Versagens in Sache platonischer Liebe einmal mehr auf Teile der Romantik voraus, so zeigt sich meines Erachtens zudem wohl ein gewisser Einfluss Shakespeares. Denn Wieland ja übersetzte und daher bestens kannte und dem wohl auch die tollkühnen Verwicklungen am Ende geschuldet sind. Wobei die Andeutungen einer freien und allseits durchaus emanzipierten Liebe auch im Deutschland der Zeit um 1800 zwar ziemlich weit vorne nach bürgerlicher Moral waren, andere Dichter es aber schon nicht mehr bei Andeutungen belassen hatten. Vergleiche etwa die Lucinde von einem Urpapa der deutschen Romantik Friedrich Schlegel, erschienen 1799.

 

Textquelle: Christoph Martin Wieland: Dschinnistan oder auserlesene Feen- und Geister-Mährchen, theils neu erfunden, theils neu übersetzt und umgearbeitet. Erster Band. Winterthur 1786, S. 280-322.
Bildquelle: Eigener Scan des Abschlussbildes am Ende des Bandes und Märchens.

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