12.2 Christoph Martin Wielands Timander und Melissa, Teil 1

Neben den französischen Feenmärchen stellten die Märchen aus 1001 Nacht die zweite wichtige Inspiration für die deutschen Kunstmärchen im frühen 19. Jahrhundert dar. Eine zentrale Rolle für diesen Weg spielte Christoph Martin Wieland (1733-1813), der als Übersetzer und Dichter sich selbst entsprechender Motive bediente und so den Blick der Kollegen erweiterte.

Als Beispiel gibt es heute den ersten Teil eines Märchens aus Wielands dreibändigen Sammlung Dschinnistan oder auserlesene Feen- und Geistermärchen, wo schon der Titel auf die Doppelinspiration hindeutet. Lest selbst…

Timander und Melissa
Von Christoph Martin Wieland

In den Zeiten, da die Königreiche noch ziemlich klein waren, regierte in einer Gegend des schönen Thessalien ein König namens Siopas; ein Name, den er bekommen hatte, weil er ein Mann von sehr wenig Worten war und auf das, was man ihm sagte – es mochten Vorschläge, Einwendungen oder Bitten sein –, gemeiniglich mit Stillschweigen zu antworten pflegte. Er war übrigens eine gute Art von König; er hatte eine Menge negativer Tugenden, war nicht grausam, nicht ungerecht, nicht treulos, nicht ehrsüchtig, nicht unruhig, nicht unbeständig, nicht launisch, quälte seine Untertanen nicht mit unnötigen Verordnungen, wollte nicht alles besser wissen, war kein Verschwender, betrank sich nicht, hielt keine Mätressen, und so weiter; er hatte sogar seine Augenblicke, wo er mitleidig und freigebig war; und doch, weil er bei allen diesen guten Eigenschaften (oder wie man’s nennen will) immer finster und mürrisch aussah, wenig sprach, an nichts besondere Lust hatte, also auch andern Leuten keine Freude machte, und weder die Pracht noch den Krieg liebte, noch sonst etwas tat, womit er Aufsehen in der Welt gemacht hätte: so war er von seinem Volke mehr gehasst und verachtet, als wenn er der ärgste Tyrann gewesen wäre; und es kam endlich so weit, dass einer seiner entfernten Verwandten, ein ehrgeiziger unternehmender Mann, eine Verschwörung gegen ihn anstiftete, die ihm Thron und Leben zugleich kosten sollte.

An dem Morgen vor der Nacht, in welcher der mörderische Anschlag ausgeführt werden sollte, sah er auf einmal ein kleines altes Weibchen vor ihm stehen, die ihn folgendermaßen anredete. „König Siopas,“ sprach sie, „ich bin immer eine gute Freundin deines Hauses gewesen; du kannst es mir um so eher glauben, weil ich nichts von dir verlange, wiewohl du ein König bist. Hier, nimm diesen Ring von mir: du wirst, wenn du ihn an dem kleinen Finger der rechten Hand trägst und die Hand auf die linke Brust legst, die Gabe erhalten, in den Herzen der Menschen zu lesen, die dich umgeben. Wenn die Zeit kommt, wo du seiner nicht mehr vonnöten hast, so stelle dich mit dem Gesichte gegen Mitternacht, sprich mit lauter Stimme die heiligen Worte: ‚Aski, Kataski, Tetrax‘, und wirf ihn in die Luft!“

In Thessalien, wo Feerei und Zauberkünste von uralten Zeiten her zu Hause waren, befremdete so etwas weniger als in einem Lande, wo man sich von jeher auf die Naturwissenschaft gelegt hätte. Der König empfing den Ring (der aus einem unbekannten Metall gemacht und mit magischen Charakteren bezeichnet war) aus der runzlichten Hand des alten Weibchens, und in dem Augenblicke, da er ihn besah und an den kleinen Finger steckte, war die Alte wieder verschwunden.

Der Ring hätte nicht zu gelegnerer Zeit kommen können. Denn bald darauf, wie sich die Hofleute einstellten, um dem Könige nach Gewohnheit ihre Aufwartung zu machen, entdeckte er in dem Busen einiger Anwesenden den Anschlag, der in dieser Nacht gegen sein Leben hätte ausgeführt werden sollen. Er ließ sie sogleich in Verhaft nehmen; sie gestunden ihr Verbrechen und empfingen ihre Strafe.

Siopas erkannte nun den unendlichen Wert des Kleinodes, das ihm die unbekannte Fee anvertraut hatte, und machte so fleißig Gebrauch davon, dass ihm sein Hof in kurzer Zeit ein unerträglicher Aufenthalt wurde. Entweder log der Ring oder sein ganzes Hofgesinde war ein Pack falscher, ränkevoller, undankbarer, kriechender, raubgieriger Schmeichler und Verräter, deren einziges Dichten war, einander zu überlisten, ihn zu betrügen und zu missbrauchen und sich selbst auf seine Unkosten zu bereichern, wiewohl sie bei allem dem ihren Schalk unter einem glatten Balg und einer schönen Larve zu verbergen wussten. Seine übrigen Untertanen waren nicht um ein Haar besser. Die armen und geringern schmälten auf die vornehmern und reichern und gaben sich das Ansehen, als ob sie an ihrem Platze viel bessere Leute sein wollten; aber wer, wie König Siopas, in ihren Herzen lesen konnte, sah wohl, daß sie entweder andere belügen wollten oder sich selbst belogen.

Der gute Siopas konnte es nicht länger ertragen, über ein so garstiges Menschengeschmeiß König zu sein. Er entschloss sich, die Krone dem besten Manne zu übergeben, den er im Lande finden könnte, und sich in ein Landgut zurückzuziehen, welches er, nicht weit vom Parnass, an den Ufern des Flusses besaß, den die Verwandlung der Daphne in einen Lorbeerbaum so berühmt gemacht hat.* Weil er sich ohne Erben sah (denn seine einzige Tochter war in ihrer Kindheit, da die Amme mit ihr spazierenging, von einer ungeheuren Bärin geraubt und vermutlich gefressen worden), so hatte sein Vorhaben keine andere Schwierigkeit, als wo er den besten Mann im Lande finden sollte. Er besann sich lange hin und her, bis ihm endlich eine seiner ältesten Bekanntschaften, ein gewisser Euthyfron, einfiel, der im Ruf eines sehr verständigen Mannes stund und den er seit mehr als zwanzig Jahren nicht an seinem Hofe gesehen hatte. „Ein gutes Zeichen!“ dachte Siopas und ließ den Mann von seinem Gute, wo er der Landwirtschaft oblag und seinem eigenen Hause vorstund, zu sich berufen. Der König hatte kaum seine rechte Hand in den Busen geschoben, so zeigte sich’s, dass seine Vermutung richtig gewesen war. Er fand in diesem Euthyfron einen Mann voll gesunder Vernunft, Tätigkeit und Klugheit, der Fleiß und Ordnung liebte und Freude daran hatte, wenn alles um ihn her wohl stand. Siopas entdeckte ihm seine Entschließung, und Euthyfron, wie er sah, dass es Ernst war, dachte: Wer sein eignes Haus zu regieren verstünde, könnte auch wohl ein kleines Königreich regieren. Er willigte also, da das Volk seine Wahl bekräftigte, wiewohl mit etwas schwerem Herzen ein, sein glückliches Privatleben mit der Sorge für das Glück eines undankbaren und lasterhaften Völkchens zu vertauschen.

Der neue König wurde gekrönt, und der gute Siopas, dem in diesem Augenblick eine schwere Last von den Schultern fiel, eilte, was er konnte, nach seinem Gute an den Ufern des Peneus, wo es ihm, beim ersten Blick in das blühende, von waldichten Bergen umfangene und von der weißen Felsenstirne des Pindus beherrschte Tal und beim ersten vollen Zuge reiner Luft, den er mit freier Brust ein- und wieder ausatmete, nicht anders zumute war, als ob er neu erschaffen aus dem Kräuterkessel der Medea herausgestiegen wäre. Die Hirten und Landleute in diesem Tale schienen ein guter unschuldiger Schlag von Menschen zu sein; und Siopas, der keine Lust hatte, zu sehen, ob der Schein auch hier betrüge, und es lieber nicht so genau nehmen, als des Trostes, unter guten Menschen zu leben, entbehren wollte, stellte sich gegen Mitternacht, rief, so laut er konnte: ‚Aski, Kataski, Tetrax‘, und warf seinen Ring in die Luft.

König Euthyfron ließ sich’s inzwischen eifrig angelegen sein, das kleine Reich, das ihm Siopas in ziemlich schlechtem Stande übergeben hatte, in einen bessern zu setzen. „Wenn nur erst die Menschen besser wären,“ dachte er, „das übrige sollte sich wohl von selbst finden.“ Und so war seine erste Sorge, wie er seine Untertanen zu bessern Menschen machen könnte. „Als ich noch ein Landwirt war,“ sagte er zu sich selbst, „hatte ich immer gutes Hausgesinde; sie mussten tüchtig arbeiten, aber dafür nährte ich sie gut, sorgte für sie, wenn sie krank waren, und machte ihnen zuweilen einen frohen Tag. Ich wette, hätt’ ich sie müßiggehen und hungern lassen, sie wären bald so schlecht worden als die Untertanen des Königs Siopas.“ Dieser Theorie zufolge wandte Euthyfron alle möglichen Mittel an, Fleiß und Wohlstand in seinem Lande zu befördern. Er munterte alle Nahrungszweige auf, schützte den Landmann vor Unterdrückung, beschäftigte die Handwerker und Künste und ließ der Handelschaft ihren freien Lauf. Er bestrafte den Müßiggang als das ärgste aller Laster, weil er der Vater aller übrigen ist. Er machte wenig Polizeiverordnungen, aber die er machte, waren zweckmäßig, und er hielt scharf darüber. Er hatte selbst die Augen überall, und wo er einen geschickten und emsigen Mann, einen guten Hausvater, einen Mann, der durch Fleiß und Sparsamkeit emporzukommen anfing, sah, der konnte sich auf seine Unterstützung verlassen. Kurz, König Euthyfron regierte sein Volk als ein verständiger Landesvater, geradeso, wie er ehmals sein Haus als ein kluger Hausvater regiert hatte; und wiewohl sein Volk eine harthäutige ungeschlachte Art von Menschen war, so zeigte sich doch in wenigen Jahren, dass sie unter seiner Regierung besser, sittlicher und wohlhabender zu werden anfingen.

Euthyfron hatte einen Sohn namens Timander, dem bei einem Wettstreit um den Vorzug der Schönheit niemand in ganz Thessalien den Preis hätte streitig machen können. Er war seines Vaters nicht unwürdig; indessen liebte er, wie alle jungen Leute, die Vergnügungen. Bisher waren starke Leibesübungen, vornehmlich die Jagd, beinahe das einzige gewesen, wozu er einen entschiedenen Hang gezeigt hatte; aber endlich fing er doch an zu fühlen, dass ein Leeres in seinem Herzen war, welches diese Dinge nicht ausfallen konnten. Die Schönen am Hofe seiner Mutter, die er bisher mit Gleichgültigkeit angesehen hatte, setzten ihn jetzt in eine halb angenehme, halb unbehagliche Art von Unruhe; er wünschte einen Gegenstand zu finden, der seine ganze Einbildungskraft ausfüllen und ihn in den Genuss aller der Entzückungen setzen möchte, die er ahnete, ohne die Person zu sehen, welche sie ihm verschaffen könnte.

Eines Tages, da er, um seine Gedanken zu zerstreuen, sich dem Vergnügen der Jagd ziemlich unmäßig überlassen hatte und darüber von allen seinen Leuten abgekommen und in ein ungepfadetes Gebirge verirret war, wurde er durch ein Schauspiel, das gleich beim ersten Anblick dem Anfang irgendeines schönen Abenteuers ähnlich sah, nicht wenig in Erstaunen gesetzt. Eine unzählbare Menge schneeweißer Tauben trugen eine Art von Thron, der aus lauter Rosen von allen Farben zusammengesetzt war, durch die Luft daher und setzten ihn vor seine Füße auf die Erde. Er hatte kaum Zeit genug, diese seltsame Erscheinung, die er für eine Wirkung seiner Phantasie zu halten versucht war, etwas genauer zu betrachten, als eine dieser Tauben, deren Hals und Schwingfedern in der schönsten Purpurfarbe glühten, ihm in ihrem Schnabel ein Rosenblatt überreichte, worauf mit goldnen Buchstaben eine Einladung, sich in diesen wunderbaren Rosenthron zu setzen, geschrieben war. Timander besann sich einige Augenblicke; aber Neugier und eine Art von Ahnung und gutem Zutrauen zu einem Abenteuer, das so artig begann, überwogen bald alle Bedenklichkeiten. Man nimmt es der unerfahrnen Jugend übel, dass sie sich, durch einen natürlichen Instinkt zum Erfahren hingerissen, so gern in unbekannte und missliche Dinge einlässt, gleich als ob man durch etwas anders als Erfahrungen zur Erfahrenheit kommen könnte. Wie dem auch sei, der junge Prinz entschloss sich, zu sehen, was das Ende dieser seltsamen Begebenheit sein würde, und setzte sich in den Rosenthron. In diesem Augenblick stimmten eine Menge bunt durcheinander flimmernder Kanarienvögel, die mit den Tauben gekommen waren, einen so lauten und durchdringenden Jubelgesang an, dass der Prinz bei minder starken Nerven sein Gehör darüber hätte verlieren können; und ehe man die Hand umkehren konnte, war der Thron wieder aufgehoben und schwebte so schnell wie ein Luftballon unter leichten Rosenwölkchen daher. Es würde dem Prinzen schwer gewesen sein, zu sagen, wie viele Zeit er mit dieser Reise zugebracht habe; genug, sie schien ihm die kurzweiligste, die er in seinem Leben gemacht; und nur die unendliche Menge von Städten, Dörfern, Landhäusern, Flüssen, Seen, Bergen, Tälern und Ebnen, die in der angenehmsten Mannigfaltigkeit unter ihm wegflogen, hieß ihn schließen, dass er einige tausend Meilen zurückgelegt haben müsse: als die Tauben ihn mitten auf einer höchst anmutigen Insel, in einem Duftkreise der süßesten Wohlgerüche, wieder niedersetzten. Dieser Ort machte die lieblichsten Träume seiner Kindheit und Jugend alle auf einmal in ihm rege. Es war ein Garten oder ein Lustwald, wie sich die Phantasie eines Verliebten denjenigen einbilden kann, worin die Göttin der Liebe ihren Adonis vor den neidischen Blicken der Götter und der Sterblichen verbarg. Ein ewiger Sommer teilte sich mit Zephyrn und Floren in die Herrschaft über diese Zaubergefilde; nie verloren die Bäume ihr Laub, nie die Fluren ihre Blumen; jede sterbende wurde von einer neuen ersetzt, die an ihrer Stelle hervorsproßte. Stürme, Regen und Ungewitter waren auf ewig aus dieser glücklichen Insel verbannt; die Auen und Haine wurden nur von tausend schlängelnden Silberbächen und die Blumen allein von den süßen Tränen der Aurora angefeuchtet. Tausend Vögel, die durch die Anmut ihres Gesanges oder die Schönheit ihres Gefieders dieses Ortes würdig waren, Nachtigallen und schimmernde Kolibris, kleine Papageien von den buntesten und lebhaftesten Farben, Goldfasanen und cayennische Feuerhähne, belebten die Pomeranzenwäldchen und die immerblühenden Gebüsche, und unzählige Schmetterlinge, deren Farben die schönsten aus Surinam auslöschten, gaukelten, gleich ebensoviel lebendigen Blumen, zwischen den Gesträuchen im Sonnenstrahl. Alles atmete Eintracht und Liebe in diesem irdischen Elysium. Da war keine Pflanze, die mit ihrem gifthauchenden Schatten die Blumen um sie her entfärbte, kein Raubvogel, der die friedsamen Kinder der Lüfte in ihren Liebesgeschäften und häuslichen Freuden störte; kein reißendes Tier, keine Schlangen, keine beschwerlichen Insekten entweihten den Wohnsitz der Freuden und der wollüstigen Ruhe. Nur schneeweiße Hündinnen und muntere Rehe mit diamantnen Halsbändern durchstrichen unverfolgt und ohne Furcht die luftigen Gehölze und sprangen, von einer schönen Nymphe gerufen, folgsam herbei, um Blumen aus ihrer weißen Hand zu fressen.

Timander konnte es nicht satt werden, seine Augen an allem dem Reichtum der schönen Natur zu weiden, der hier auf einem Raume von wenigen Stunden, in einer so reizenden Unordnung, dass sie das Werk der sinnreichsten Kunst schien, zusammengehäuft war. Ungeachtet der üppigsten Fülle und der reichsten Mannigfaltigkeit drängte keines das andere: alles schien sich von selbst zusammengefunden und einander gleichsam das Wort gegeben zu haben, um dieses bezauberte Eiland zur Wohnung irgendeiner Göttin zu machen. So dachte Timander und sah sich halb betroffen, halb ungeduldig nach den Bewohnern desselben um, als er durch einen der breiten Lustgänge des Gartens einen leichten muschelförmigen Wagen, mit zwei Hirschen bespannt, vorübereilen sah. Der Wagen war von Elfenbein, das Geweihe der Hirsche von Golde, und in der Muschel saß eine junge Person, so schön, als man sich die junge Hebe denken kann, da sie dem vergötterten Herkules die erste Nektarschale reichte.** Der Prinz, von ihrem Anblick bezaubert, hätte sich gern in ihren Weg gestellt; aber die Hirsche eilten zu schnell vorüber, um sie einholen zu können. In wenig Augenblicken folgten mehr als zwanzig andere Wagen, die mit weißen Einhörnern bespannt und mit einer Menge junger Nymphen angefüllt waren, wovon immer eine schöner als die andere schien. Sie flogen ebenso schnell vorüber als die erste und ließen den Prinzen vor Erstaunen unbeweglich. Da er indessen aus der wunderbaren Art, wie er hiehergekommen, nichts anders schließen konnte, als dass er keine unerwartete Person sei, so folgte er diesen Wagen durch verschiedene krumme Gänge eines Lustwäldchens von Myrten- und Rosenbüschen, die hier zu einer ungewöhnlichen Höhe aufgeschossen waren und in voller Blüte standen, bis er endlich, auf einem sanften, kaum merklichen Abhang, zu einem mit Akazien und Silberpappeln umschlossenen Platz gelangte, der, anstatt des Sandes, mit lauter kleinen Perlen dicht bestreut war und ein großes porphyrnes Wasserbecken umgab, worin verschiedene Schwäne stolz und langsam daherschwammen, und mit wollüstig gebogenen Hälsen sich selbst in der dunkelhellen Flut bespiegelten, ohne auf das entzückende Schauspiel achtzugeben, dessen plötzlicher Anblick Timandern in Stein verwandelte. Man stelle sich hundert junge Nymphen von der blühendsten Schönheit in allen ihren mannichfaltigen Formen und Reizen vor, die eine junge Göttin von achtzehn Jahren bloß darum zu umringen schienen, um von ihrer vollkommenem Schönheit wie die Sterne von dem vollen Monde verdunkelt zu werden. Diese hundert Nymphen schienen in vier Ordnungen abgeteilt, deren jede sich durch eine andere Farbe der Kleidung von den übrigen unterschied. Sie trugen alle die Arme bloß und den Busen nur leicht verdeckt; und weil sie überdies zum Tanzen aufgeschürzt waren, so würde es einem Künstler hier nicht an Gelegenheit, die Natur zu studieren, gefehlt haben. Ihre Gebieterin allein war in ein langes rosenfarbes Gewand gekleidet, welches sie auf eine sehr wohlanständige Art bedeckte, ohne gleichwohl, je nachdem sie ihre Lage und Stellung veränderte, eine ihrer schönen Formen unangedeutet zu lassen. Sobald Timander nahe genug war, um von der Beherrscherin dieses Ortes bemerkt zu werden, kam ihm die eine Hälfte der Nymphen tanzend entgegen, während die andere, die einen halben Mond um ihre Königin zog, die anmutigste Musik aus den elfenbeinernen Zithern und Pandoren, die an silbernen Bändern um ihre milchweißen Schultern hingen, hervorzauberte. Die Tänzerinnen umwanden ihn mit Kränzen von Rosen und Jasminen und führten ihn gleichsam im Triumphe zu den Füßen ihrer schönen Gebieterin, die unter einem Thronhimmel von Rosen die Huldigung seines Herzens zu erwarten schien. Er ließ sich auf ein Knie vor ihr nieder; aber sie bückte sich mit unbeschreiblicher Anmut zu ihm herab, hieß ihn willkommen und befahl ihm, neben ihr auf ihrem Rosenthrone Platz zu nehmen.

Die Nymphen fingen itzt neue Tänze an, die von Zeit zu Zeit durch entzückende Wechsel- und Chorgesänge unterbrochen wurden, worin sie die Freuden der Liebe besangen, die aus ihren Augen zu strahlen und aus allen ihren Bewegungen zu atmen schienen. Timander, berauscht von allem, was er sah und hörte, glaubte einer der seligen Götter zu sein. Er vergaß auf einmal aller seiner Verhältnisse, seiner Eltern, seines Vaterlandes, seiner Freunde und der Würde, für die er geboren war: vergaß sie so gänzlich, wie man die Gegenstände vergisst, die unsrer ersten Kindheit Freude oder Schmerz gemacht haben. Ein unbekannter, aber unaussprechlich angenehmer Zauber hatte sich aller seiner Sinne bemächtigt; und er schien sich selbst sein neues Wesen bloß dazu empfangen zu haben, um es in Seufzer der Liebe wieder auszuatmen. Die Göttin oder Fee, unter deren süßer Gewalt sein Herz erlag, las in seinen Augen alles, was er in Worte auszuströmen zu bescheiden war, und kam seiner Schüchternheit zu Hülfe, indem sie ihm sagte, wer sie sei und was für Absichten sie auf ihn habe. „Mein Name ist Pasithea,“ sprach sie mit einer Stimme, deren Klang sein Herz in Liebe schmerzte; „ich bin eine Tochter der Feenkönigin, und diese Insel erkennt keine andere Macht als die meinige. Man nennt sie die Roseninsel, denn sie ist unter den Inseln, was die Rose unter den Blumen. Vergnügen und Ruhe, Scherze und Freuden haben sie, unter meiner Herrschaft, auf ewig in Besitz genommen. Aber was ist Ruhe und Vergnügen, was sind Scherze und Freuden ohne Liebe?“ Ein kaum hörbarer Seufzer, so leise wie das Fächeln eines Sommervogels um eine neu aufgequollene Rose, unterbrach ihre Rede einen Augenblick. „Ich sah dich diesen Morgen,“ fuhr sie fort, „indem ich, von dir unbemerkt, über der Gegend, wo dich die Jagd beschäftigte, vorüberschwebte. Ich glaubte in deinen Zügen das süße Bedürfnis der Liebe zu lesen, und du scheinst mir würdig, durch sie glücklich zu sein. Frage nun dein Herz – ich will ihm Zeit lassen – und sage mir…“

Hier konnte sie der liebestrunkne Timander nicht länger fortreden lassen. Er unterbrach sie, um ihr bei allen Göttern der Liebe zu bezeugen, dass er keine Zeit brauche, mit einer Gewissheit, die dem Gefühle seines Daseins gleich sei, sie für die unumschränkte Beherrscherin seines Herzens zu erklären. Er schwur ihr – was allen jungen Liebhabern im ersten Feuer der unbefriedigten Leidenschaft so leicht zu beschwören und so leicht zu halten scheint, und doch, wenn der Taumel vorüber ist, so leicht vergessen wird! – ewige Liebe, ewige Treue. Er konnte nicht aufhören, ihr die feurigsten Versicherungen von der Wahrheit dieser Erklärung zu geben, und die zärtliche Fee schien nicht müde zu werden, ihm zuzuhören, wiewohl er im Grunde immer das nehmliche sagte.

Indessen hörten die Nymphen zu tanzen auf, und die Schönheit des Abends diente Pasitheen zum Vorwand, seine Sinnen mit einem andern Schauspiele zu ergötzen. Die Gärten, wo sie sich befanden, waren in verschiedene große Terrassen abgeteilt, deren unterste von den Wellen des Meeres, wenn es hoch ging, angespült wurde. Eine Menge zierlich geschnitzter und vergoldeter Barken lagen hier in einer kleinen Bucht bereit, die Fee mit ihrem Hofe einzunehmen. Sie bestieg an Timanders Hand die größte derselben, die, in Gestalt einer Muschel gebaut und mit Perlenmutter überzogen, dem Wagen nicht ungleich sah, in welchem Dichter und Maler die Göttin des Ozeans auf den vor ihr her gebannten Wellen daherschwimmen lassen. Ein leichtes Segel von Purpur, an einem vergoldeten Maste befestiget, blähte sich vom sanften Hauch eines gelinden Abendlüftchens, und auf jeder Seite schienen drei Knaben, schön wie Liebesgötter und wie Liebesgötter gekleidet, mit ihren versilberten Rudern mehr zu spielen als zu arbeiten. Pasithea und Timander saßen auf einer erhöheten Estrade, die mit reichen Tapeten belegt und mit goldnem Gitterwerk umgeben war, unter einem Bogen von Rosen und Orangenblüten. Zu beiden Seiten wimmelten eine Menge kleinerer Fahrzeuge voll Nymphen und Amoretten um sie her, die durch allerlei mutwillige Scherze ihre Augen auf sich zu ziehen suchten. Aber der Prinz hatte keine Augen als für seine reizende Fee, deren kleinste Bewegung seine Aufmerksamkeit um so mehr beschäftigte, weil ein dichter Schleier, den sie alles seines Bittens ungeachtet nicht ablegen wollte, ihm noch immer die Reize ihres Gesichtes entzog, welche ohne allen Zweifel der ausnehmenden Schönheit ihrer übrigen Person würdig waren. Die Fee bestand darauf, dassß sie ihm diese Gunst nicht eher erweisen könne, bis sie von der Stärke und Beständigkeit seiner Liebe überzeugt sei.

„Aufrichtig zu reden,“ sagte sie zu ihm, „«ich würde nicht wahrhaft geliebt zu sein glauben, wenn ich dein Herz nicht ohne Hülfe meines Gesichtes gewinnen könnte. Ich wünsche dir mehr durch meinen Charakter als durch meine Schönheit zu gefallen. Ein schönes Gesicht ist wie eine schöne Blume; beide entzücken das Auge in ihrer frischen Blüte; aber es braucht nur einen einzigen zu brennenden Sonnenstrahl, um beide welk zu machen. Gesetzt auch, ein reizendes Gesicht wüsste sich vor allen Zufällen zu verwahren, die ihm schaden könnten: so kann es doch den Wirkungen der Jahre nicht entgehen. Und wenn bei einer Person meiner Art auch diese nicht zu befürchten wären: so ist die bloße Gewohnheit hinlänglich, das Auge des wärmsten Liebhabers kalt und stumpf zu machen. Lass dich indessen diese kleine Grille, wenn es eine ist, nicht betrüben! Ich werde diesen Schleier, der dir so verhasst ist, nicht immer tragen. Er soll nur deine Treue auf die Probe stellen; und sobald ich mich derselben gänzlich versichert halten werde, will ich dich zum Besitzer und Herrn meiner Person machen, wie du es schon von meinem Herzen bist.“

Timander hatte gegen diese schöne Rede vieles einzuwenden; aber am Ende war doch nichts zu tun, als Geduld zu haben. In der Tat konnte er dies umso leichter, da das, was sie seinen Blicken freigab, sie zur vollkommensten Person der Welt in seinen Augen machte. Sie war groß, schlank und in allen Teilen nach dem feinsten Ebenmaße gebaut; ihr Busen, ihre Arme und Hände waren von der höchsten Schönheit, und über ihr ganzes Wesen, wie über ihre kleinsten Bewegungen, war eine Anmut ausgegossen, die von dem unsichtbaren Teile ihrer Person die angenehmsten Ahnungen erweckte und der man um so weniger widerstehen konnte, weil sie durch Witz, Gefühl und Lebhaftigkeit, unterstützt von den Grazien ihres Geistes, alle Augenblicke neuen Reiz entlehnte. Der Schleier selbst – wieviel man auch durch ihn verlieren mochte – kleidete sie so gut, dass er ausdrücklich für sie erfunden schien und alle ihre übrigen Reizungen um desto rührender machte.

Die Lustpartie auf dem Wasser wurde bis in die Nacht verlängert, um der magischen Wirkungen zu genießen, die der Vollmond hervorbrachte, indem sie auf den breiten Kanälen daherfuhren, die den Garten von verschiedenen Seiten durchschnitten und in ebensoviel kleine Inseln abteilten, zwischen welchen das Auge wie in einer Zauberwelt zweifelhafter Schattenwesen und lieblich verworrener Umrisse umherschwamm. Sie ländeten endlich an den marmornen Stufen eines prächtig erleuchteten Pavillons an, der nicht schöner, als er war, hätte sein können, wenn er auch, wie die Gräfin d’Aulnoy versichert, aus Quaderstücken von Diamant erbaut gewesen wäre. Alle Säle dieses Palastes wimmelten von schönen Personen, die zum Hofe der Fee gehörten; alles schimmerte und funkelte und war dazu gemacht, um die Größe und Liebenswürdigkeit der Gebieterin zu erheben, die mitten in dieser Welt voll Pracht und Schönheit und Reichtum doch immer in Timanders Augen das einzige blieb, was seine Aufmerksamkeit fesselte. Man setzte sich zur Tafel, während welcher sich eine bezaubernde Musik hören ließ; und so oft diese eine Pause machte, unterhielt die Fee ihren Gast mit so muntern und witzigen Einfällen und gab ihm so viele Gelegenheit, seinen eigenen Witz zu zeigen, dass er sie, wenn sie dessen auch selbst weit weniger gehabt hätte, gleichwohl für die unterhaltendste Gesellschafterin in der Welt erklärt haben würde. Als die Tafel aufgehoben war, brachte man ihr eine Laute; und nachdem sie eine Weile mit ebensoviel Geschmack als Fertigkeit präludiert hatte, ließ sie den halb vergeisterten Prinzen eine Stimme hören, die allein mehr als hinlänglich gewesen wäre, ihn zum verliebtesten aller Menschen zu machen. Endlich vollendete ein großer Ball die Lustbarkeiten dieses Tages und den Triumph der schönen Pasithea. Eine unzählbare Menge schöner Nymphen und Hirten versammelten sich in einem Saale, den die Kunst und eine verschwenderische Beleuchtung in einen bezauberten Garten verwandelt hatte. Alle tanzten unverbesserlich; aber die Fee allein tanzte so schön, dass die Grazien selbst darüber neidisch worden wären, wenn die Grazien neidisch werden könnten. Timander, dessen Trunkenheit mit jeder Stunde zugenommen hatte, verlor in dieser alles, was ihm noch von seiner Vernunft übriggeblieben war. Er warf sich im Taumel seines Entzückens der Fee zu Füßen und schwur ihr von neuem, in Ausdrücken, die einem Dithyrambendichter Ehre gemacht hätten, dass alle Reize aller Göttinnen des Himmels und der Erde, die eine einzige zusammengedrängt, nicht vermögend sein sollten, die Treue, die er ihr von neuem auf ewig angelobte, nur einen Augenblick wanken zu machen.

* Die griechisch-mythische Daphne bat ihren Papa um Hilfe gegen den liebeskranken Apollon und wurde daraufhin in einen Lorbeerbaum verwandelt. Entkommen ist sie ihm aber trotzdem nicht direkt, denn seither war der Lorbeer dem Apollo heilig und er trug einen Kranz. So kann’s laufen.
** Die rosenwangige Hebe ist in der griechischen Mythologie nicht nur die soundsovielte Ehefrau von Herakles, sondern auch die Göttin der Jugend und Mundschenk der Göttin – daher der Nektar – bis Ganymed abklatschte.

*******

Neben den arabisch-persischen und den französischen Einflüssen, auf die ich morgen ausführlicher kommen, fällt gerade zu Beginn die wohl für deutsche Dichtung der Zeit um 1800 unvermeidliche Nähe zur Antike auf. Zumal Wieland selbst weniger zur Romantik, wobei sein feiner Sinn für Humor und Spiel da eben durchaus hinpasst, zu zählen ist und eher zu Aufklärung und Klassik.

 

Textquelle: Christoph Martin Wieland: Dschinnistan oder auserlesene Feen- und Geister-Mährchen, theils neu erfunden, theils neu übersetzt und umgearbeitet. Erster Band. Winterthur 1786, S. 280-322.
Bildquelle: Scan der Titelseite des Märchens im genannten Werk.

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4 Gedanken zu „12.2 Christoph Martin Wielands Timander und Melissa, Teil 1

    1. berlinickerin Autor

      Oh, ganz vielen Dank! Das freut mich sehr und vor allem aus Berlin, meiner sehr vermissten Geburtsstadt. 😀

      Das Lob kann ich nur zurückgeben. Was für eine großartige Webseite (durch die Lieder muss ich mich noch durchklicken) und eine wundervolle Idee. Auf Lieder wäre ich nie gekommen, aber das gerade im Langzeitgedächtnis abgelegte Spracherinnerungen offenbar echt tief verwurzelt sind, ist mir auch bei meiner Oma aufgefallen.

      Informieren tue ich natürlich gerne. Da wäre nun die Möglichkeit, einfach vorbeizuschauen (es gibt ja jeden Tag etwas neues zu lesen), oder ich nehme das mal zum Anlass, doch einen Emailverteiler einzurichten. Wäre Ihnen/dir denn lieber? ;D

      Beste Grüße aus Mannheim, was auch nicht so übel ist

      Antwort
      1. Wiebke Hoogklimmer

        Ich habe mich gerade in Ihren Blog eingeschrieben. Da bekomme ich wohl jetzt automatisch Benachrichtigungen über neue Beiträge.
        Ich habe übrigens im Zuge meiner Beschäftigung mit den Volksliedern entdeckt, daß es auch Menschen gibt, die in die Altersheime gehen und den Demenzkranken Märchen vorlesen. Da scheinen auch Erinnerungen hochzukommen. Bei der Musik kommt nur zusätzlich hinzu, daß andere Hirnregionen angesprochen werden, die – aus welchem Grund auch immer – das Sprachzentrum aktivieren. Ich habe schon verschiedene Patienten erlebt, die nicht mehr sprechen können, aber ein Volkslied mit Text singen können.
        Da ich Märchen sehr liebe, habe ich hier zuhause auch ziemlich viele Märchensammlungen.
        Herzliche Grüße nach Mannheim 😉

        Antwort
        1. berlinickerin Autor

          Oh, prima.

          Und die besondere Wirkung der Musik glaube ich gerne. Ich habe gerade vor ein paar Tagen zu meiner Verwunderung wieder mal festgestellt, dass ich sehr wenige Lieder auswendig singen kann, aber mitsingen kann ich bei wahnsinnig vielen. Und zwar selbst, wenn ich eigentlich über andere Dinge nachdenke. Das Hirn ist doch ein beeindruckendes Organ. 😀

          Viele Grüße nach Berlin

          Antwort

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