11.7 Drei Eier

Und zum Abschluss unserer Woche mit mongolischen Schelmen kommen wir zu einem ganz normalen ‚Helden‘. Nämlich kleine, gerne etwas verdreckte Jungs, die sich allein durchs Leben schlagen müssen und dabei mit ihrem Witz noch jeden Erwachsenen abhängen.

Aber lest selbst…

Drei Eier

Vor langer, langer Zeit schickte der Khaan* eines mächtigen Reiches einen Boten zum Khaan des Nachbarreiches und ließ ihm drei Eier mit der Bitte überreichen, ihm doch zu sagen, was aus diesen werden würde. Der Khaan des Nachbarreiches nahm die drei Eier entgegen und bemerkte bei sich: „Ich werde wohl die Klugheit meiner Beamten und Minister auf die Probe stellen.“ Er versammelte seine Beamten und Minister und fragte: „Gibt es hier einen Menschen, der weiß, was auch diesen Eiern werden wird?“ Niemand stand auf, der es wusste.

Aber nachdem der Junge, der die Lämmer des Khaans hütete, die Kunde von den drei Eiern gehört hatte, trat er vor den Khaan und sagte: „Verehrter Khaan, Würdet Ihr mir die Eier, die der fremde Khaan geschickt hat, zeigen? Ich will mich bemühen, herauszufinden, was aus den Eiern werden wird.“

Doch der Khaan sagte: „Wie soll ein rotznasiger, dreckiger Junge etwas herausfinden, was weise Männer nicht wissen?“

„Versucht ebenso wenig einen Mann einzuschätzen wie Ihr den Ozean abmessen würdet!“ erwiderte der Junge.

Der Khaan dachte angestrengt nach und sagte schließlich: „Nun gut, werfe einen raschen Blick auf die Eier!“

Nachdem der Junge sie sich angesehen hatte, sagte er: „Dies ist das Ei eines Spatzen, dies ist das Ei einer Schlange, dies ist das Ei einer Eidechse.“

„Wie hast du das herausgefunden?“ fragte der Khaan daraufhin.

Der Junge sagte: „In ihnen sind kleine Lebewesen, die sich entwickeln. Ich habe gekreischt wie ein Habicht. Dieses Ei hat sich bewegt. Weil das Lebewesen in ihm fliehen wollte, als es den Schrei des Habichts hörte, bewegte es sich und daher kullerte das Ei herum. Der Habicht fängt den Spatzen. Insofern ist das Lebewesen in diesem Ei ganz sicher das Küken es Spatzen. Ich habe gebellt wie ein Fuchs. Dieses Ei hat sich bewegt. Weil das Lebewesen in ihm fliehen wollte, als es das Bellen des Fuchses hörte, bewegte es sich und daher kullerte das Ei herum. Der Fuchs fängt die Eidechse. Das Lebewesen in diesem Ei ist ganz bestimmt das Junge einer Eidechse. Ich habe geraschelt wie ein Igel. Dieses Ei hat sich bewegt. Weil das Lebewesen in ihm fliehen wollte, als es die Geräusche des Igels hörte, bewegte es sich und daher kullerte das Ei herum. Der Igel fängt die Schlange. Also ist in diesem Ei ein Schlangenjunges.“

Der Khaan rief den Boten des fremden Khaans zu sich und sagte ihm, was der Junge vorher ihm erzählt hatte: „Von den Kriechtieren legt die Schlange Eier, von den zweibeinigen Tieren der Vogel und von den vierbeinigen die Eidechse. Dies ist ein Schlangenei,“ sagte er, und als der Bote es aufbrach, kroch ein Schlangenjunges heraus. „Dies ist ein Spatzenei,“ sagte der Khaan dann, und als der Bote es zerbrach, kam ein Spatzenküken hervor. „Dies ist ein Eidechsenei,“ sagte der Khaan daraufhin, und als der Bote es zerbrach, kam eine kleine Eidechse zum Vorschein.

So hat der kleine Lämmerhirte das Geheimnis der drei Eier, das der Khaan und die Beamten und Minister nicht lösen konnten, gelüftet und wurde im ganzen Reich berühmt für seine Klugheit und sein Wissen.

*******

Echt clever, oder? Wobei der eigentliche logische Zweischritt – welche Tiere legen Eier und was haben die für Feinde – ja erst allmählich aufgerollt wird.
 

Textquelle: Mongol ardyn ülger (Mongolische Volksmärchen). Bd. 3. Ulaanbaatar 1998. – Übersetzung: Berlinickerin.

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