11.6 Dalan qudalči lässt festkleben

Heute will ich euch eine weitere berühmte Figur der mongolischen Schelmenmärchen vorstellen. Es ist Dalan qudalči oder auch Balansenge, der noch viel mehr als der Badartschin als mongolischer Eulenspiegel zu sehen ist. Dabei handelt es sich, so die Herren Forscher, durchaus um eine mongolische Schöpfung, aber Einflüsse chinesischer und orientalischer Schelmenfiguren sind natürlich nicht zu leugnen.

Auch die Märchen um Dalan qudalči sind grundsätzlich in ihrem derben Humor sozialkritisch, indem sie Autoritäten und Regeln hinterfragen. In eben sehr derb.

Insofern ist das heutige Märchen nicht wirklich jugendfrei. Aber lest selbst…

Dalan qudalči lässt festkleben

Um Kleider zum Anziehen zu suchen, ging Dalan qudalči fort und kam in einen Ort, in dem gerade eine Hochzeit gefeiert wurde. Die Festteilnehmer sahen Dalan qudalči und Schimpf und Spott nahmen kein Ende. Sie schwangen Prügel und Peitschen und waren daran, ihn zu verprügeln. In seiner Angst schrie er:

„Wer sitzt, kleb an!
Wer aufsteht, kleb an!
Wer liegt, kleb an!“

und die ganze Festgesellschaft klebte an dem, dem sie gerade nahe gewesen war zwischen Leben und Tod fest. Lediglich Dalan qudalči war gesund und lebendig.

Alle Leute waren ganz erschreckt. Am Pferdepfosten war eine gelblichweiße Stute angebunden. Nahe davon schlief ein gelber Hund. „Herr, reitet doch die Stute, lasst den gelben Hund euch folgen, aber geht dann, den großen Lama zu holen!“ baten sie Dalan qudalči und Dalan qudalči ging, den großen Meister zu holen.

Unterwegs, als er schon den großen Lama geleitete, überkam den Meister das dringende Verlangen, seine Eingeweide zu entleeren und so setzte er sich im Windschatten des Grases hin. Nachdem der sehr stolze, hochfahrende Lama aufgehört hatte, seine Eingeweide zu entleeren, rief er, indem er sein kurzes Lama¬hemd hochhob, nach Dalan qudalči, dass dieser ihm rasch den Hintern abputze.

„Ja!“ antwortete darauf Dalan qudalči, da er aber keinen Gegenstand zum Ab¬wischen finden konnte, nahm er den blanken Hüftknochen einer Ziege, der in der Umgebung lag. Wie er den nun zum Abwischen hinreichte, flüsterte er „Kleb an!“ und der Hüftknochen klebte am Hintern des Meisters fest. Erschreckt sagte der große Lama: ,,Was kann man denn jetzt tun?“ und Dalan qudalči antwortete:

„Gar nichts, Meister!“ Wie es diesen aber schmerzte, sagte er: „Wenn es gar nichts gibt, das man dagegen tun kann, dann lass den gelben Hund anpacken!“ Nun lockte der große Meister den Hund mit „Komm, hierher, komm!“ und der gelbe Hund kam heran. Und als er nun den Knochen am Hintern des Lama beroch, hat Dalan qudalči auch „Kleb an!“ gesagt – und da ist dir doch auch der gelbe Hund festgeklebt.

Voller Verwirrung sagte der Meister: „Jetzt ist es wirklich schlimm geworden! Was kann man denn jetzt tun?“ und Dalan qudalči sagte: „Jetzt ist es wirklich schlimm. Ich weiß auch keinen Rat. Aber, wie es auch ist, lass uns so tun als ob nichts sei!“

Darauf war der Lama noch verwirrter und als er bettelte: „Kannst du denn gar keinen Ausweg sehen?“, antwortete Dalan qudalči: ,,Ich habe eine Idee anzu¬bieten, um den Knochen vom Hintern des Meisters zu nehmen. Zwar ist dies der Möglichkeiten geringste, ist es doch die einzige, die ich kenne! Wenn ich es über¬lege, wie der Meister wirklich zu befreien ist, dann müsst ihr so tun, als ob ihr die Vulva der Stute leckt!“

Der Lama, der nur mehr daran dachte, von dem Knochen befreit zu werden sagte: „So sei es denn!“ Und während er die Vulva der Stute leckte, sagte Dalan qudalči ebenfalls „Kleb an!“ und er klebte auch schon fest.

Nun war es ganz schlimm geworden und der Meister konnte seine Zunge nicht bewegen, um zu reden und zu flehen.

Nun zog Dalan qudalči seine weiße Stute hinter sich her und indem er so auch das Dahinterhergezogene bewegte, kamen sie in den Ort zurück, in dem die Hochzeit ge¬feiert worden war. Wie die fest liegenden, aufrecht fest stehenden und festsitzen¬den Festteilnehmer Dalan qudalči sahen, war er doch ohne Meister, aber er schleifte irgendetwas hinter sich. „Heh, Dalan qudalči, eh! Wenn du schon den großen Lama nicht gebracht hast, was bringst du denn da angeschleppt?“

„Was wird da schon geschleift, was angeschleppt? Zum ersten kommt Dalan qudalči, zum zweiten die gelbe Stute, an der Vulva der gelben Stute kommt der Lama, aus dem Hintern des großen Lama der Hüftknochen und am Hüftknochen der gelbe Hund!“

Alle waren entsetzt. Jetzt hat unsere Krankheit auch noch den großen Lama ange¬steckt. Was ist denn da zu tun? Sie flehten Dalan qudalči an. „Was nimmst du, was sollen wir dir geben, wenn du uns wieder richtest?“

Da sagte Dalan qudalči: „Löst euch, löst euch!“ und nachdem sie alle ausein¬ander waren und frei, bekam er seine Kleider und ging seines Weges.

*******

Wenn das gestrige Märchen um den möglicherweise kopflosen Khan an Andersens Des Kaisers neue Kleider erinnert hat, so muss ich beim heutigen Schwank an die goldene Gans denken. Nur wiederum in härterer Gangart.

Textquelle: Walther Heissig: Geschichte der Mongolischen Literatur. Bd. 1. Wiesbaden: Otto Harrassowitz Verlag, S. 734f.

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