11.5 Hatte der Khan einen Kopf?

Und um – nach Badartschin und chinesischem Händler – die Runde komplett, gibt es heute ein Märchen um einen Khan, dessen schlechte Behandlung von allen um ihn herum sich dann auch prompt bitterlich rächt. Lest selbst…

Hatte der Khan einen Kopf?

Man erzählt sich, dass vor langer Zeit einmal ein Khan* lebte, der furchtbar jähzornig war. Er war so jähzornig, dass alle Menschen Angst hatten, ihn auch nur anzusehen. Eines Tages brach der Khan zu einer weiten Reise auf und mit ihm ritten seine Minister, sein Gefolge von Bediensteten und Soldaten. So ritten sie denn und ritten, als der Khan unter einem einzelnen, dicht belaubten Baum Rast machen wollte. Sein Gefolge breitete dem Khan eine Sitzmatte auf dem Boden aus und richtete ihm einen Sitzplatz her. Der Khan aber war mit dem Platz überhaupt nicht zufrieden: „Ich als Khan kann unmöglich wie ein Hund mit euch auf dem Boden sitzen. Richtet mir einen erhöhten Sitzplatz her!“

Die Bediensteten wurden ganz aufgeregt und fragten einander: Wie sollen wir bloß auf dem flachen Boden einen erhöhten Sitzplatz für unseren Khan errichten?“ Als sie nicht mehr weiter wussten, sagten sie: „Lasst uns den einzelnen Baum herunter beugen und unseren Khan erhöht hinsetzen.“

Aber kaum hatten sie den Wipfel des Baums hinuntergezogen und den Khan hineingehievt, da schnellte die Spitze des Baumes auch schon wieder zurück nach oben. Der Khan wurde mit empor gezogen, bevor er höchst unsanft wieder zu Boden plumpste. Die Bediensteten liefen aufgeregt durcheinander und während sie dem Khan wieder aufhalfen, bemerkten sie plötzlich, dass er keinen Kopf hatte.

„Was ist passiert? Hat etwa ein Ast unserem Khan den Kopf abgeschlagen?“ riefen sie aufgeregt durcheinander. So liefen sie los und suchten den Kopf. Und sie fanden tatsächlich einen Kopf, der nicht weit vom Baum entfernt dalag. Aber es gab keinen Menschen, der den Khan je direkt angesehen hatte. Daher konnten sie auch keinen Menschen finden, der sagen konnte, ob dieser Kopf nun auch der Kopf des Khans war. Oder ob der Khan je einen Kopf gehabt hatte.

„Nun, was machen wir denn jetzt?“ fragten sie einander und besprachen sodann, dass sie zu dem Herrn Berater des Khan gehen würden. Dieser würde ihnen bestimmt sagen können, ob der Khan überhaupt je einen Kopf gehabt hatte.

Sie gingen zu dem alten Herrn Berater und fragten ihn. Der Herr Berater aber schüttelte nur seinen grauhaarigen Kopf und meinte: „Das weiß der Himmel, meine Kinder. Ich weiß jedenfalls nicht, ob unser Khan einen Kopf hatte, oder ob unser Khan keinen Kopf hatte. Wann immer ich bei dem Khan war, kniete ich nieder und ich sah ihm nie ins Gesicht. Ich weiß aber sehr gut, dass er einen Hut trug, an dem er den Zierknoten und die Pfauenfeder** als besondere Auszeichnung des Khaans*** trug. Aber wirklich, ob er einen Kopf hatte oder nicht, das weiß ich nicht, meine Kinder. Geht zur Khatan**** und fragt sie.“

Die Bediensteten gingen also zur Khatan und fragten sie. Die Khatan antwortete: „Ja, das weiß der Himmel, meine Diener. Ich habe nie den Mut gefunden, dem Khan in sein zorniges Gesicht und seine scharfen Augen zu sehen. Allerdings hat mich sein dünner, borstiger Bart gepiekt, wenn er mich geküsst hat. Aber ob er nun einen Kopf hatte oder nicht, das weiß ich wirklich nicht, meine Diener.“

Und so konnten die Bediensteten nicht in Erfahrung bringen, ob ihr Khan nun einen Kopf gehabt hatte oder ob er keinen Kopf gehabt hatte.

* Der Khan – mit einem „a“ – entspricht in etwa einem Fürsten bzw. in der Zeit des mongolischen Großreiches einem König im Gegensatz zum Khaan, dem Kaiser.
** Der Zierknoten und die Pfauenfeder am Hut waren Rangabzeichen der Fürsten.
*** Das heißt hier also, dass der Khaan den Khan so ausgezeichnet hat.
**** Die Khatan ist die Frau des Khaans und entspricht somit der deutschen Königinmutter.

*******

Ein bißchen ist es auch das mongolische Pendant zu Hans Christian Andersens Des Kaisers neue Kleider. Insofern es um Wahrnehmung und einen eitlen Herrscher geht. Aber im Vergleich zu Hans Christians Kunstmärchen geht es hier natürlich erheblich mehr zur Sache. Ab mit dem Kopf, wie die Herzkönigin in Alice sagen würde. ;D

 

Textquelle: Mongol ardyn ülger/Mongolian folktales. Ulaanbaatar 1979, S. 222ff. – Übersetzung: Berlinickerin.

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