11.4 Wie Baadai sein Pferd verkaufte

Ich hatte ja gestern schon knapp den Kontext der Zeit skizziert. Wir ihr euch vorstellen könnt, war man daher in der Mongolei auf die chinesischen Händler nicht so gut zu sprechen. Auch das spiegelt sich in Märchen. Und ganz ohne Badartschin! Aber lest selbst…

Wie Baadai sein Pferd verkaufte

In längst vergangenen Zeiten lebte ein Mann namens Baadai, der ein einziges Pferd besaß. Die Leute überlegten, wie sie es ihm an besten und billigsten abkaufen konnten. Und so kam eines Tages ein chinesischer Händler zu Baadai und sagte: „He, Baadai, willst du mir nicht dein Pferd verkaufen?“

„Ja, das ginge schon,“ antwortete Baadai, „denn das Pferd hält mich auf meinen Reisen doch nur auf. Ich verkaufe es dir gerne zu einem guten Preis.“ Der chinesische Händler witterte ein gutes Geschäft und fragte sogleich: „He, Baadai, wie viel willst du denn haben für dein Pferd?“

„Ich verkaufe dir mein Pferd gegen ein grünes Lammfell, einen Hundehuf, ein Fuchshorn und einen Rinderstoßzahn,“ sagte Baadai. Da erwiderte der Händler: „Oh, du fragst aber nach merkwürdigen Dingen. Ich werde meinen Sekretär beauftragen, alles zu finden. Warte du hier im Pferdestall auf mich.“ Und damit lief er davon.

Baadai versteckte derweil sein Pferd in einer Schlucht. Auf dem Weg hatte er den frischen Kadaver von einem anderen Pferd gesehen. Diesem zog er nun die Haut ab, stopfte diese mit Gras aus und spannte es so zwischen Pflöcke, dass es aussah, als würde das Pferd grasen. Dann wartete er auf den chinesischen Händler.

Dieser verbrachte derweil den Tag damit, fieberhaft nach all den Dingen zu suchen, die Baadai als Preis genannt hatte. Aber er konnte keine einzige Sache finden. Als die Abenddämmerung kam, ging er betrübt zu Baadai und sagte: „He, Baadai, die Dinge, die du eingefordert hast, habe ich nicht in meinem Lager. Ich gebe dir Geld stattdessen. Ich gebe dir 100 Lang* Silber, wie wäre das? Bist du einverstanden?“

„Hmm. Na gut, ich werde dir mein Pferd verkaufen, weil du ein guter Händler bist,“ erwiderte Baadai. Und so nahm er das Geld und erklärte dann: „Es wird schon dunkel und ich muss mich beeilen. Aber du siehst ja mein Pferd im Stall, wie es frisst? Mitten in der Nacht musst du aufstehen und ihm etwas Wasser bringen.“ Und damit machte er sich davon.

Der chinesische Händler war überglücklich, so ein gutes Pferd gekauft zu haben und er freute sich darauf, es in seiner Getreidemühle arbeiten zu lassen, um so noch viel mehr Geld zu verdienen.

Als er dem Pferd später das Wasser brachte, bewegte es sich nicht einmal. Da gab ihm der Händler einen Klapps und sagte: „Ach, du bist mir ja eines!“ Da fiel das Pferd plötzlich mit einem Bumms um. „Ach, bist du auch mit meinem Graß nicht zufrieden, wie?“ fragte der Händler. Als das Pferd sich aber weiterhin kein Stück bewegte, wurde er nun doch wütend. „Oh, du meinst wohl, du bist so clever?“ fragte er höhnisch und trat und schlug das Pferd, bis es auseinanderfiel. Als der Händler das bemerkte, seufzte er und sagte: „Ach, man sagt ja, dass ein fettes Pferd auseinanderbricht. Und so ist es wohl.“

* Laut dem mongolischen Buch entsprach ein ‚lang‘ knapp 38g; laut Wiki ein ‚liang‘ etwa 50g.

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Passend ist also hier der chinesische Händler der Depp bis zum bitteren Ende. Die bittere Lehre vom fetten Pferd dürfte wohl als Metapher für den Zustand in der Mongolei gelesen werden, war doch der Luxus der Fürsten auch nur eine Attrappe. Oder was meint ihr?

 

Textquelle: Eigene Übersetzung nach How Did the Great Bear Originate? Folktales from Mongolia. Ulaanbaatar 1987, S. 292f

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