11.3 Der scharfsinnige Badartschin

Im Anschluss an gestern wieder ein cleverer Badartschin, der diesmal allerdings eher um sein eigenes Wohl besorgt ist. Lest selbst…

Der scharfsinnige Badartschin

In längst vergangenen Zeiten kam einmal ein Badartschin zu einem Ail. Er war sehr hungrig und konnte nicht einen Tag länger ohne etwas zu Essen aushalten, so erzählt man sich. Wunderbarerweise kochte die Familie gerade. In der Jurte gab es keine andere Lichtquelle als das Herdfeuer und, als er sie beobachtete, schienen sie Graupen zu machen.

Es wehte ein leichter, kühler Herbstwind, und die Hausherrin und die Tochter kamen vom Stutenmelken. Die Mutter kam allein hinein, warf eine Handvoll Salz ins Essen und ging hinaus. Bald darauf kam das Mädchen herein, streute zwei, drei weitere Handvoll ins Essen und als sie hinausging, verlor der Badartschin allen Mut. Dieses Essen war für Mensch und Tier ungenießbar geworden. ‚Sicher werde ich diese Nacht mit leerem Magen verbringen müssen,‘ dachte er in Gedanken versunken.

Nachdem Mutter und Tochter die Stuten gemolken hatten, kamen sie herein und machten sogleich das Essen fertig. „Nun, wie ist es, Herr Lama, Ihre Schale! Lassen Sie mich Ihnen etwas zu Essen geben!“ sagte die Hausherrin.


Widerwillig gab ihr der Badartschin seine Schale und sagte: „Nun, gebt mir bitte eine halbe Schale voll.“ ‚Wie soll ich den Brei mit diesem vielen Salz bloß runterbringen?’ dachte der Badartschin. Aber als er es kostete, war es sehr wohlschmeckender Milchreis, der mit viel Zucker gemacht war, so erzählt man.

Er wollte gerne noch mehr davon essen und so leckte er seine Schale ratzeputzekahl aus. Und promot sagte die Hausherrin sogleich: „Herr Lama, gebt mir Eure Schale!“ „Aber nur eine halbe, nur eine halbe Schale voll!“ sagte der Badartschin und aß auf diesem Wege sieben halbvolle Schalen, so sagt man.

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Der Hintergrund ist natürlich, dass die Badartschin tatsächlich auf Almosen angewiesen waren. Hinzu kam, dass die Bedingungen in der Mongolei des 18. und 19. Jahrhunderts – der Entstehungszeit dieser Märchen – rabenschlecht waren. Die Mongolei stand unter der Herrschaft Chinas, seinerseits unter Manschu-Herrschaft. Und die Fürsten schwelgten bei chinesischen Händler auf Kosten der einfachen Bevölkerung.

 

Textquelle: Eigene Übersetzung nach dem Original in Mongol ardyn ülger (Mongolische Volksmärchen) 1982, S. 276f.
Bildquelle: Eine wunderschöne, silberne Trinkschale aus der Mongolei – das Bild stammt von Bilegt Kinshasa Ganbaatar

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