11.1 Die mongolischen Schelmenmärchen starten mit: Der Khaan und der Badartschin

Nach den mongolischen Tiermärchen, die inzwischen – wow, die Zeit verfliegt – auch schon wieder zwei Monate her sind, geht es diese Woche wieder in die Mongolei. Diesmal aber mit Schelmenmärchen.

Los geht es mit einem Märchen um den berühmten Badartschin. Diejenigen, die es genau wissen wollen, schicke ich mal zum Badartschin auf Wiki, wo ich mal in einem Anfall von Eifer mal selbst das entsprechende Artikelchen gebaut habe. Erstaunlich wieviel Zeit doch neben der Diss anscheinend blieb…bleibt. Äh.

Für all diejenigen aber, die vor allem mal fix zum Märchen wollen, hier eine Kurzfassung: Eigentlich ist ‚badartschin‘ schlicht der mongolische Begriff für einen buddhistischen Wandermönch. Er ist aber auch eine eigene Figur in den mongolischen Märchen. Zumeist als eine Art Robin Hood mit dem Witz vom Eulenspiegel, manchmal aber auch als Art dummer Hans. Welcher uns heute begegnet? Lest selbst…

Die Geschichte von dem Khaan und dem Badartschin

In viel früheren Zeiten lebte einmal ein Khaan*, der eines Tages verkündete: „Ich werde demjenigen meinen Thron überlassen, der eine Lüge erzählt, die einen sitzenden Menschen zum Aufstehen bringt und einen schlafenden Menschen aufweckt.“

Ein Schneider hörte dies und kam zum Khaan gelaufen. „Verehrter Khaan, verehrter Khaan! Als in dem heftigen Regen vorgestern die Ränder des Himmels aufgeplatzt sind, habe ich sie mit den Sehnen einer Laus wieder zugenäht,“ log er. Selbstzufrieden dachte er sich: „Da habe ich sicherlich eine Lüge erzählt, die einen Sitzenden aufstehen lassen wird und einen Schlafenden aufwecken.“ Aber der Khaan sagte: „Pah, du hast schlecht genäht. Gestern Morgen hat es ja schon wieder geregnet.“ Der Schneider ging schweigend hinaus.

Da trat ein Viehzüchter vor den Khaan und behauptete: „Verehrter Khaan, verehrter Khaan! Mein verstorbener Vater hatte eine Peitsche, mit der er die Sterne von Himmel herunterschlug.“ „Das ist ja noch gar nichts! Mein verstorbener Vater, der vorherige Khaan, hatte eine Tabakspfeife. Wenn er sie anzündete, dann schnürte ihr Rauch alle Sterne am Himmel zusammen,“ erwiderte der Khaan. Daraufhin ging der Viehzüchter ratlos hinaus.

Jetzt kam ein Badartschin hinein, der einen Eimer trug. Neugierig fragte der Khaan: „Badartschin, was willst du denn?“ „Erkennt Ihr mich denn nicht? Ihr habt Euch ja wohl einen Eimer voll Gold von mir geliehen. Ich komme, um mein Gold wiederabzuholen,“ entgegnete der Badartschin.

Der Khaan sprang auf und rief: „Wann willst du dir denn von mir Gold geliehen haben? Du lügst doch!“ Das Gebrüll weckte die Khatan***, die bis dahin geschlafen hatte. „Du lügst doch, wenn du sagst, dass du Schulden bei deinem Khaan eintreiben willst. Schlagt ihn, prügelt ihn!“ brüllte der Khaan.

„Wenn ich also gelogen habe, verehrter Khaan, dann überlasst mir Euren Thron!“ sagte der Badartschin. Der Khaan dachte kurz nach und sagte dann eilig: „Einen Moment, warte mal! Du sagst ja die Wahrheit. Ich habe mir von dir Gold geliehen. Gerade jetzt eben ist es ist mir wieder eingefallen.“ Der Badartschin forderte: „Nun, dann gebt mir mein Gold!“

So erzählte der Badartschin also eine Lüge, die einen sitzenden Menschen dazu brachte, aufzustehen, und einen schlafenden Menschen dazu brachte, aufzuwachen. Er kam zu einem Eimer voll Gold und erteilte dem leichtfertigen verehrten Khaan eine Lehre.

* Der Titel des Khaans entspricht so grob unserem Kaiser, kann aber auch – wie hier – eher Königsniveau sein.
** Die Khatan ist die Frau des Khaans, die Königin bzw. Kaiserin also.

*******

Robin Eulenspiegel also. Und zugleich ein typisches mongolisches Märchen mit ordentlich lyrischem Witz.

 

Bildquelle: genau genommen ist es ein Tibeter und zwar aufgenommen in Lhasa, aber von der Kleidung kommt es hin – Bild ist übrigens aus dem Bundesarchiv

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