10.7 Der gescheite Hans – der aber eigentlich doch strunzdumm ist

Zum Abschied von Tirol eine Variante eines berühmten Klassikers der Märchenwelt, nämlich von Hans im Glück. Allerdings eine deutlich herbere Variante. Aber lest selbst…

Der gescheite Hans

In alten Zeiten lebten einmal zwei Brüder, von denen der Eine gescheit, der Andere dumm war wie ein Esel. Eines Tages erkrankte die arme Mutter. Da sprach der Kluge zum Lappen: „Ich will bei der Mutter bleiben und ihrer warten; deshalb musst du heute betteln gehen, damit wir der Mutter ein Stück Fleisch kaufen und eine nahrhafte Suppe bereiten können. Mach aber deine Sache recht und heb’ deinen Hut den Leuten vor, auf dass sie dir ihr Almosen hineinwerfen können.“ Hansel versprach zu folgen und ging wohlgemut betteln. Da kam er bald zu einer Näherin, hob ihr den Hut vor und bat um Gotteswillen um ein Almosen. Diese war aber selbst arm und hatte nichts als Zwirn und Nadeln. Sie warf deshalb dem Hansel eine Nähnadel in den Hut.

Der Lapp ging nun mit der Nähnadel im Hute und kam zu einem Anstieg, den soeben ein Heuwagen hinanfahren sollte. Allein das Fuhrwerk ging nicht vorwärts, so sehr auch die Pferde zogen und keuchten. Als Hansel dies sah, trat er zum Wagen und half schieben und schieben, bis das Fuhrwerk vorwärts kam. Doch da hatte er seine Nadel verloren und kam nun gar traurig nach Haus, wo er sein Unglück dem gescheiten Bruder mitteilte. Sprach dieser: „Aber wem fiele ein, eine Nadel im Hut zu tragen und dabei noch schieben zu helfen! Hättest sie auf den Hut stecken, und diesen aufsetzen sollen.“

Mit dieser Lehre ging der Lapp wieder weiter und bettelte und bettelte, doch umsonst. Endlich begegnete er einer Schafherde und bat den Hirten. Dieser war ein mildherziger Mann und gab dem Hansel ein Lämmchen. Dieser dankte und dachte sich: ,,Wie soll ich’s jetzt machen? Das Schäflein kann ich nicht an den Hut stecken. Es bleibt nichts übrig, als dass ich ihm den Hut aufsetze.“ Gedacht, getan. Er setzte dem Tiere den Hut auf – und dieses wurde scheu und lief mit dem Hute auf und davon. Da blieb dem Hansel nichts über, als Hut und Lämmlein nachzuschauen. Traurig kehrte er heim und klagte dem Bruder seine Not. Als dieser es hörte, sagte er: „Aber mit dir ist nichts anzufangen. Du hättest das Schäflein anbinden und führen sollen.“

Hansel ging von Neuem zu betteln und dachte, diesmal will ich’s gescheiter machen. Nach kurzer Zeit bekam er einen Bullerweck geschenkt. Da nahm er eine Schnur und band ihn daran und zog ihn durch Dick und Dünn. Als er aber nach Hause kam war der Butterweck verloren. Darob war Hansel gar traurig und klagte weinend seinem Bruder das Unglück. Sprach dieser: „Wie dumm bist du doch! Hättest das Brot in ein Tüchlein binden und heimtragen sollen.“

Mit dem besten Vorsatze klüger zu handeln, ging Hansel weiter und bekam von einer Bäuerin Milch geschenkt. Dachte sich der Lappe: „Der Bruder hat gesagt: ich soll’s in’s Tüchl binden.“ Deshalb leerte er die Milch in sein Sacktuch, band es zu und trug es nach Hause. Doch wie riss er die Augen auf, als er das Tüchlein leer fand, denn die Milch war ausgeronnen. Als der Kluge das hörte, sprach er: „Wenn’s so fortginge, müsste die Mutter Hungers sterben. Darum will ich betteln gehen und du bleibst bei ihr. Richt ihr ein Bad an, doch nicht zu kalt, und koche ihr indes Nudel.“

Kaum war der Bruder fort, stellte Hansel einen Kessel voll Wasser an’s Feuer und machte ihn siedend heiß. Dann füllte er damit eine alte Truhe und setzte die kranke Mutter in das brühheiße Bad, darin sie bald, jämmerlich verbrannt, den Geist aufgab. Hansel kochte, während die Tote im Bade lag, Nudel und brachte sie der Mutter. Doch diese wollte sich weder rühren, noch essen. Das konnte der Dumme nicht verstehen. Er nahm nun einen Löffel und stopfte der Mutter Nudel um Nudel in den Mund. Wie er dies geendet hatte, kam der Gescheite zurück.

Da sagte Hansel: „Pst, pst, stille, die Mutter schläft. Weck sie nicht auf!“ Der Kluge schlich näher und sah bald, dass sie tot war. Da war er anfangs wie von Sinnen. Endlich fasste er sich und sprach: „Was hast du jetzt angestellt! Wenn wir nicht beide auf’s Rad kommen wollen, müssen wir die Leiche verräumen. Du nimmst auf einem Brette die Mutter und ich nehme Pickel und Schaufel. So wollen wir in den Wald gehen und die Mutter dort heimlich vergraben.“ Gesagt, getan. Hansel trug die Mutter fort und beide gingen in den Wald, wo der Gescheite ein Grab aufwarf. Doch wie er die Mutter hineinlegen wollte, war die Leiche nicht vorhanden, denn sie war auf dem Wege vom Brette gefallen, ohne dass Hansel es bemerkt hatte. Darob ward der Kluge zornig und sprach: „Jetzt geh’ gleich zurück und such’ die Mutter.“ Sagte Hansel: „Ich weiß den Weg nicht mehr!“ Da gingen beide die Leiche suchen. Der Eine hielt sich mehr zur Linken, während der Andere mehr rechtshin ging.

Als Hansel eine Strecke gegangen war, kam er zu einem Brunnen, an dem ein altes Weib Garn wusch. Kaum war er dessen ansichtig, rief er freudig: „Wart du Hex! Bist mir davon gelaufen. Sollst mir nicht abermals entkommen.“ Er nahm eine in der Nähe liegende Mistgabel, gabelte das alte Weiblein auf und trug es in den Wald. Als sie bei dem Grabe zusammenkamen, brachte jedweder eine Leiche mit sich. Da schrak der Kluge zusammen und machte dem Hansel bittere Vorwürfe. „Was hast du angestellt?“ rief er. „Hast neuerdings einen Mord begangen. Jetzt sind wir vogelfrei, und wenn wir in’s Dorf kämen, würde man uns vierteilen.“ Nachdem sie beide Leichen begraben hatten, gingen sie weiter in den Wald hinein.

Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie Räuber daherkommen hörten. Da kletterte der Gescheite flugs an einem Baum hinauf. Der Dumme blieb aber zurück und wurde von den Räubern gefangen. „Den können wir gut brauchen,“ sagte der Räuberhauptmann. „Stellt ihn dort zum Weggatter und sagt ihm, er solle bei Lebensstrafe das Gitter aufhalten. Nur wenn Schergen nahen, soll er’s zufallen lassen.“ Der Lapp ward nun an’s Gitter gestellt und musste es aufhalten, während die Räuber sich unter einen Baum setzten und die großen Schätze zählten, die sie einem Kaufmanne abgenommen hatten. Wie aber der Spaß des Gatterhaltens dem Lappen zu langweilig wurde, ließ er das Gitter pimpspumps zufallen. Dadurch erschreckt fuhren die Räuber auf, ließen Geld Geld sein und liefen auf und davon, als ob sie den Henker schon am Halse hätten. Als der Kluge dies sah, stieg er vom Baum. Beide Brüder sackten nun die Schätze ein und trugen sie davon. Sie waren nun steinreiche Leute und kauften sich in einer fernen Gegend an. Ob Hansel gescheiter geworden, weiß ich nicht. Möchte’ es aber schon nicht gerne glauben, weil er Hansel geheißen.

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Allen, die hier im Märchensammler gelegentlich vorbeischauen, mag die Herbheit dieses Hans-Märchens arg bekannt vorkommen. Es erinnert tatsächlich stark an den törichten Hans aus Siebenbürgen Sachsen. Nur, dass der da eine Ehefrau ‚beglückte‘ und das gemeinsam Kind in seiner Dummheit tötete. Und einen Schatz findet er da nicht. Die Tiroler scheinen es doch mehr mit harmonischen Happy Ends zu haben. Was doch irgendwie passend ist für das Ende der Tiroler Woche.

 

Textquelle: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol. Gesammelt und herausgegeben von Ignaz Vincenz Zingerle. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Buchhandlung 1859, S. 451-54.
Bildquelle: Hans im Glück als Relief in einer Wiener Straße

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