10.6 Das gesellige Nörgl

Erstmal kurz zur Klärung, falls jemand dieselbe Assoziation hat, die mich zugegeben aufhorchen hat lassen. Nörgl sind keine Nörgler, sondern Zwerge, Waldmännlein und –weiblein, die offenbar die gesamten Alpen bewohnen. Und nach der Masse an Märchen und Sagen muss es auf jedem Berglein einen haben. Aber lest selbst…

Das gesellige Nörglein

Auf einer Alpe an der Schweizer Grenze zeigt man an einem hohen Felsen die Norglhöhle. Von dieser stieg eines Morgens ein kleiner Mann zur Alpenhütte nieder und half die Rinder aus dem Gehege treiben, die er dann mit dem Hirten weidete. Aber diesem war die Erscheinung eben nicht erwünscht, denn das rote Gewand und der graue Bart am mageren Gesichte schauten etwas unheimlich aus, und wenn man ihn fragte, woher und wer er sei, fing er an zu lachen, dass es gellte und, wenn er durch die Herde schritt, so schnoben die Kühe und mutwillig sprangen die Schweinchen um ihn herum. Derlei Dinge bewiesen genug, dass er ein Verwunschener sein müsse und man ging bereits mit dem Gedanken um, ihn zu verbannen. Jedoch unterblieb es. Das Nörgl aber schadete niemandem und wusste durch sein geselliges Benehmen nach und nach dem Hirten alle Scheu vor ihm zu nehmen und war ein tüchtiger Hüter.

Als endlich die Abfahrt von der Alpe bevorstand und die Bewohner heraufkamen , ihre Sachen heimzubringen, schaute das Nörgl von seinem Felsen herab den beschäftigten Leuten zu, und wie man nach alter Sitte auf die Knie fiel, um das Geschäft mit einem Gebet zu beschließen, sah man, wie es weinte und den Wegfahrenden wehmütig nachblickte, als wären sie ihm die Erlösung schuldig geblieben. Den Winter hindurch diente es zu vielfachen Gesprächen in den Stuben der Bauern, wo die Hirten und Senner manchen lustigen Schwank von ihm zu erzählen wussten.

Mittlerweile war die Sommerszeit wieder gekommen und sobald die Rinder zum erstenmale auf der Alpe weideten, erschien auch das Nörgl wieder, als hätte es das Geklingel der Kühe gerufen, und war das alte gute Männlein, wie im vorigen Jahre. Es mochte wohl einen strengen Winter gehabt haben, denn sein Gesicht war nun ganz eingefallen und die Kleider zerschlissen und zerrissen. Daher beschlossen die Hirten und Senner ihm neue zu schaffen und heimlich in die Höhle zu tragen, wo es schlief; denn die Alpenhütte betrat es nie und nahm auch von denjenigen, die ihm etwas geben wollten, nichts an. Was beschlossen wurde, geschah. Da ist es eines Morgens mit dem neuen Anzuge gekommen und mit den Worten

„I schüns Mannl, i schüner Bue
Und i enk die Kuh nimmer hüten thue.“

den Berg hinaufgezogen, ohne jemals wieder zu kommen. Nur einige Male, erschien es bei herannahendem Regenwetter jauchzend auf einer Anhöhe, und diente als Wetterprophet, bis es endlich auf immer verschwand.

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Kurios, oder? Und das scheint so ein Grundzug der Nörgl-Märchen zu sein. Sobald ihnen Kleidung geschenkt wird, müssen sie offenbar verschwinden. Falls jemand da den Grund weiß, bitte immer her damit!

In der Zwischenzeit kann ich mit Hrn. Zingerle nur den Herren Grimm zustimmen, die Elfen, Nixen und Kobolden allgemein eine gewisse Trostlosigkeit zuschreiben.

Textquelle: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol. Gesammelt und herausgegeben von Ignaz Vincenz Zingerle. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Buchhandlung 1859, S. 44f.

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