10.5 Der tote Schuldner

Heute wieder zurück zu den Märchen, wobei ich keine Ahnung, warum es ausgerechnet nach dem toten Schuldner heißt. Vielleicht weil dessen Zombie-Auftritt das Highlight ist? Na, lest selbst…

Der tote Schuldner

Eine Mutter und ihr Sohn hausen zusammen und haben nichts mehr als zwei Kühe. Um die Wirtschaft besser in Gang zu bringen, wollen sie eine Kuh verkaufen. Der Sohn geht damit zu Markte und löst mehr Geld daraus, als er gehofft hatte. Auf dem Heimweg kommt er durch einen lutherischen Ort, da sieht er einen Toten auf einer Mauer liegen und neben dem Toten einen Stecken damit schlug jeder Vorübergehende den Leichnam. Der Bursche erkundigt sich und vernimmt, dass der Tote ein Katholischer sei, der mit Schulden aus dem Leben geschieden und nun so lange geprügelt werde bis die Schulden abgetragen seien. Mitleidig fragt der Jüngling nach der Größe der Schuld, worauf er dann die Gläubiger befriedigt und den Toten in geweihter Erde begraben und ihm Alles halten lässt, wie es ein Katholischer nach seinem Tode zu haben wünscht. Damit war aber auch der Erlös von der Kuh erschöpft und er bringt seiner Mutter nichts heim. Diese ist anfangs unwillig, lässt sich aber doch bald wegen der Verdienstlichkeit des Werks besänftigen.

Nun geht es an die zweite Kuh. Der Sohn fährt damit zu Markt, verkauft sie um hohes Geld und geht heim. Da begegnen ihm Meerräuber, die ein fadennacktes, nur mit einem Kopftüchlein bekleidetes Mädchen vor sich hertreiben Dieses kauft ihnen der Jüngling ab, leiht ihr seinen Mantel und führt sie mit sich heim; sein Geld war aber nun wieder aufgegangen. Die Mutter war diesmal gar nicht zufrieden, da der Sohn nicht nur keinen Kreuzer, sondern noch einen Esser mehr mitgebracht hatte. Allmählich lässt sie sich jedoch besänftigen, besonders als die Jungfrau verspricht, sie wolle durch Sticken einiges Geld verdienen und dem Haushalt aufhelfen. Sie verstand aber auch wirklich die Stickerei aus dem Grunde; die Leute kamen von allen Seiten herbei, ihr Arbeit zu bringen. So kam das Geld wieder ein, das der Sohn ausgegeben hatte. Nach einiger Zeit nahm der Sohn die Jungfrau zur Ehe und es war nun Freude und Wohlstand im Hause.

Die junge Frau begann nun heimlich an einem Tüchel zu sticken und als sie damit fertig war, sagte sie zu ihrem Manne: „Wir haben lange Arbeit und strenge Tage gehabt, lass uns nun einmal zur Erholung kirchfahrten gehen.“ Der Mann willigt ein; unterwegs aber sagt die Frau, sie wisse einen Platz, wo der König täglich vorbeifahre, dort wollten sie sich aufstellen und sehen, ob ihnen nicht ein Goldstück zu Teil werde.

Als das geschieht und der König wirklich gefahren kommt, hält sie ihm das Tüchel hin, an dem sie so lange gearbeitet hat. Der Name des Königs und der ganzen königlichen Verwandtschaft war darauf gestickt. Zugleich rief sie ihm zu: „Vater, Vater!“ Der König wurde aufmerksam, ließ halten und las die Namen auf dem hingehaltenen Tüchlein. Da erkannte er seine Tochter und fiel ihr um den Hals vor Freude. Sie erzählte nun, wie die Meerräuber sie entführt hätten, und stellte ihren Begleiter dem König als ihren Erlöser und Gemahl vor. Der König nahm sie nun beide zu sich in den Wagen, fuhr mit ihnen in sein Schloss und veranstaltete eine große Hochzeit.

Da sagte die Königstochter: „Wir sind nun Alle wieder beisammen; aber Eine fehlt uns noch: die Mutter meines Gemahls.“ Sie herbeizuholen, fährt sie selbst mit ihrem Gemahl in Begleitung zweier Hofbedienten. Unterwegs kommen sie am Meere vorbei: da werfen die neidischen Bedienten den Wagen um, stoßen den jungen König ins Wasser, nehmen der Königstochter einen Eid des Stillschweigens ab und kehren mit der Mutter an den Hof zurück, wo sie vorgeben, des Königs Schwiegersohn sei unterwegs durch einen Zufall verunglückt. In der Tat aber hatte er sich durch Schwimmen auf eine kleine Insel gerettet, wo er sich von dem Fleische ernährte, das ein Adler täglich seinen Jungen ins Nest trug.

Als er einmal am Ufer saß und ins Meer hinausschaute, sah er ein Wesen in menschlicher Gestalt heranschwimmen, dies winkte ihm, zu ihm zu kommen. Er wollte erst nicht, weil er sich vor dem Wasser fürchtete; aber Jener machte ihm Mut und versprach, ihn wieder herauszubringen. Zugleich gab er sich als den Toten zu erkennen, den er losgekauft habe: „Bis dahin musste ich im Fegefeuer bleiben; jetzt aber will ich dich zum Dank für deine Wohltat wieder zu den Deinigen bringen.“ Da sprang er zu ihm in das Meer und ward nun von dem Toten wieder an das Festland gebracht. Jetzt riet ihm dieser, heim zu eilen, denn noch heute soll seine Gemahlin mit einem Andern vermählt werden.

Am Schlosse wollen ihn aber die Schildwachen nicht einlassen, weil er so elend aussieht; doch setzt er es endlich durch, dass die junge Königin selber herab kommt, die ihn auch sogleich erkennt und zum König führt. Der neue Bräutigam, der keiner jener Bedienten war, sondern ein braver Mann, den die junge Königin selber ausgewählt hatte, bekommt nun zur Entschädigung einen Teil des Königreichs und später wohl auch eine andere Frau.

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Die Moral von der Geschichte ist also: Immer nett zu Katholiken sein. 😀 Nee, aber wirklich spannend ist mal wieder, wie direkt Herr Zingerle diese Märchen aus dem Mund seiner Erzähler übernommen hat. Inklusive hier dessen bzw. deren Spekulation zum nun doch-nicht-Bräutigam, der hoffentlich ja wohl später eine andere Frau fand. Reizend.

 

Textquelle: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol. Gesammelt und herausgegeben von Ignaz Vincenz Zingerle. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Buchhandlung 1859, S. 444f.

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