10.4 Frau Hütt – sagt die Sage

Auch aus Tirol soll es diese Woche nicht nur Märchen geben, zumal die Sammlung von Hrn. Zingerle genau genommen nur sechs Märchen enthält gegenüber – haltet euch und eure Hüte fest! – 764 Sagen. Jawohl. Diese hat er zum Teil selbst gesammelt oder verschiedenen Quellen entnommen. So auch in diesem Falle. Aber lest selbst…

Frau Hütt

In uralten Zeiten lebte im Tirolerlande eine mächtige Riesenkönigin, Frau Hütt genannt, und wohnte auf den Gebirgen über Innsbruck, die jetzt grau und kahl sind, aber damals voll Wälder, reicher Äcker, und grüner Wiesen waren. Auf eine Zeit kam ihr kleiner Sohn heim, weinte und jammerte, Schlamm bedeckte ihm Gesicht und Hände, dazu sah sein Kleid schwarz aus, wie ein Köhlerkittel. Er hatte sich eine Tanne zum Steckenpferd abknicken wollen, weil der Baum aber am Rande eines. Morastes stand, so War das Erdreich unter ihm gewichen und er bis zum Haupt in den Moder gesunken, doch hatte er sich noch glücklich herausgeholfen. Frau Hütt tröstete ihn, versprach ihm ein neues schönes Röcklein und rief einen Diener, der sollte weiche Brosamen nehmen und ihn damit reinigen.

Kaum aber hatte dieser angefangen mit der heiligen Gottesgabe also sündlich umzugehen, so zog ein schweres, schwarzes Gewitter daher, das den Himmel ganz zudeckte und ein entsetzlicher Donner schlug ein. Als es wieder sich aufgehellt, da waren die reichen Kornäcker, grünen Wiesen und Wälder und die Wohnung der Frau Hütt verschwunden und überall war nur eine Wüste mit zerstreuten Steinen, wo kein Grashalm mehr wachsen konnte, in der Mitte aber stand Frau Hütt, die Riesenkönigin, versteinert und wird so stehen bis zum jüngsten Tage.

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Hr. Zingerle erklärt, dass noch heute – was natürlich heißt: 1859 – in Tirol und vor allem rund um Innsbruck Kindern diese Sage erzählt wird/wurde, wenn sie mit Brot um sich schmeißen. Frei nach dem Motto und in den Worten Hrn. Zingerles: „Spart eure Brosamen, heisst es, für die Armen, damit es euch nicht ergehe, wie der Frau Hütt!“

Und offenbar gibt es noch eine Reihe anderer Erklärungsvarianten für das Aussehen eines Gipfels in der Innsbrucker Nordkette, der offenbar echt bis heute Frau Hitt heißt. Also könnt ihr euch aussuchen, ob Frau Hütt nur in mütterlicher Sorge ein bißchen blasphemisch geraten ist. Oder sie ist zu Stein geworden, weil sie gegenüber Mann und Kindern prügelwütig war. Oder weil sie einer Bettlerin nur Stein zum Essen angeboten hat.

Und jetzt mal Tiroler und Tirolerinnen vor! Gibt es Erfahrungswerte? Ist Frau Hütt noch heute das Innsbrucker Äquivalent zum Schwarzen Mann für den speziellen Fall des Brotverschwendens?

 

Textquelle: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol. Gesammelt und herausgegeben von Ignaz Vincenz Zingerle. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Buchhandlung 1859, S. 88.
Bildquelle: die reale ‚Frau Hitt‘, d.h. der Berggipfel über Innsbruck

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