10.3 Die faule Katl

Und heute ist es gar keine Tugend im klassischen Sinne, mit denen die weibliche Helding brilliert.Aber lest selbst…

Die faule Katl

Es ist schon viel Wasser seitdem in dem lnn hinuntergeronnen, da hatte einmal ein Wirt drei Töchter. Die zwei älteren waren brav und fleißig und arbeiteten zu Hause und auf dem Felde, die jüngste aber, die Katl hieß, war stinkfaul, schlief, bis ihr die Sonne in die Augen schien, und kümmerte sich weder um Keller noch um Küche.

Eines Tags musste sie auf das Feld gehen, um dort zu arbeiten. Katl war aber wieder faul, wie immer, legte sich, als sie auf den Acker gekommen war, unter einen Kirschbaum und tat sich im Schatten gütlich. Bald war sie eingeschlafen, doch dauerte ihre Ruhe nicht lange, denn eine große Kröte kroch ihr über das Gesicht. Das Mädchen fuhr erschreckt auf und zitterte an allen Gliedern, als es das garstige Tier sah. Die Kröte sah ruhig die faule Dirne an und sprach endlich: „Guigg, guagg. Katl geh mit mir! Guigg, guagg!“ Da dachte sich die Katl, bei diesem schmutzigen Tiere wird es nicht viel Arbeit geben, und sagte: „Ja.“

Nun patschte die Kröte durchs Feld hin und die schläfrige Katl folgte ihr nach und gähnte. So ging es eine Zeit lang und dann kamen sie in den Wald, der an des Wirtes Güter grenzte. Die Kröte patschte eine Weile durch dick und dünn und Katl folgte ihr. Sie waren erst eine kleine Strecke gegangen, da stand ein großes, herrliches Schloss vor ihnen, das Katl noch nie gesehen hatte, obwohl sie den Wald gut kannte. Die Kröte watschelte in die schöne Burg hinein und Katl ging nach und dachte bei sich: „Da ists feiner als in meines Vaters Wirtshause, wo einem die Gäste viel Arbeit machen.“

Als beide im Saale waren, fing die Kröte, die auf dem Wege kein Sterbenswörtchen verloren hatte, wieder zu reden an und sprach: „Guigg, guagg! Katl, jetzt musst du sieben Jahre bei mir bleiben. Guigg, guagg, ja sieben Jahr darfst du dich nicht mehr waschen, nicht mehr kämmen und nichts Warmes mehr essen.“ Je, dachte sich Katl, das ist ein Schrecken! Das will ich gerne tun, denn die faule Dirne hatte die größte Freude an diesem Befehle der Kröte. Katl wusch sich nie, kämmte sich nie und aß nie warme Speise. Sie lag Tag und Nacht und Nacht und Tag in ihrem Bette und stand höchstens auf, wenn sie der Hunger nötigte, aber auch dann trank sie nur kühles Wasser und aß hartes Brot. So verging ihr die Zeit schnell und ehe sie es wünschte, waren die sieben Jahre zum Staube aus.

Der Jahrtag ihrer Ankunft im Waldschlosse war vor der Türe. Es wollte Abend werden und die Sonne sank schon hinter den Bergen, da begann es fürchterlich zu donnern, die Kröte patschte in den Saal, wo Katl faulenzte, und sprach: „Guigg, guagg, Katl heute musst wachen, heut darfst kein Auge zufallen lassen.“ Ja, dachte sich Katl: jetzt hast sieben Jahre geschlafen, jetzt kannst wohl auch eine Nacht wachen, stieg aus ihrem Bette und setzte sich in einen seidenen Lehnsessel. Indessen dunkelte es mehr und mehr und ein fürchterliches Gewitter zog am Himmel herauf. Kein Stern ließ sich sehen, nur Blitze zuckten durch die pechschwarzen Wolken und der Sturmwind heulte, wie ein hungriger Wolf durch den zitternden Wald. Wie es schon spät war und der Sturm am ärgsten lärmte, läutete es am Schlossthore. Als die Kröte das hörte, sagte sie zur Katl: „Guigg, guagg, lass es ein!“ Katl ließ sich das gefallen, nahm die Lampe, stieg in den Schlosshof nieder und öffnete das Tor.

Davor stand ein wunderschöner Rittersmann, der für die gastliche Aufnahme dankte und der Katl in den Saal folgte. Wie die Kröte den schönen Ritter, der vom Ungewitter hart mitgenommen war, sah, hüpfte sie auf und quakte: „Guigg. guagg! Katl etwas Warmes kochen und dann auch essen davon. Vor dem Auftragen musst du dich aber waschen, kämmen und das Gewand anziehen.“ Bei den letzten Worten langte die Kröte aus einem Kasten ein so prachtvolles Kleid hervor, dass es Katls Augen beinahe blendete. Die Dirne war zufrieden und dachte sich: „In sieben Jahren kannst du wohl einmal kochen und eine kleine Arbeit tun, besonders wenn du ein so schönes Kleid dafür bekommst.“ Katl ging in die Küche, feuerte an und gab einen Hasen, der auf der Anrichte lag, ans Feuer. Dann kämmte und wusch sie sich und tat sich das wunderschöne Kleid an. Sobald der Hase gebraten war, legte sie ihn auf den Teller und trug ihn in den Saal. Wie staunte aber Katl, als sie hineintrat! Da war anstatt der garstigen Kröte eine stattliche Frau im weißen Kleide an der Seite des Ritters und sprach zu Katl freundlich: „Du hast mich, liebes Kind, aus meinem Zauber gelöst. Ich bin durch dich befreit worden, deshalb nimm zum Lohne diesen Schlüssel, der dir alle Schätze meines Schlosses öffnet, und meinen Sohn zum Gemahle.“ Bei diesen Worten gab ihr die Gräfin einen goldenen Schlüssel und legte die Rechte des Ritters in die Hand der Katl. Dann war die Gräfin verschwunden und nie mehr gesehen. Katl lebte aber mit ihrem schönen Ritter viele Jahre glücklich auf dem stolzen Schlosse. Ob sie noch dort haust, ist mir nicht gesagt worden.

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Habe ich zu viel versprochen? Ist doch großartig, oder? Kein Lerneffekt für Katl, sondern offenbar die Erkenntnis, dass es für jeden schon die richtige Rolle gibt. Denn so eine fleißige, putzwütige Märchenprinzessin – das wäre ja eine Katastrophe gewesen. ;D

 

Textquelle: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol. Gesammelt und herausgegeben von Ignaz Vincenz Zingerle. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Buchhandlung 1859, S. 442f.
Bildquelle: Darstellung der Faulheit als einer der sieben Sünden von Jacques Callot (1592-1635)

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