10.2 Das Totenköpflein

Auch heute muss sich ein Mädchen im Märchen bewähren, wobei es offenbar auch ein bißchen anders geht. Aber lest selbst…

Das Totenköpflein

Es war einmal ein braves Mädchen, das eine gar böse Stiefmutter hatte. Diese jagte das arme Kind aus dem Hause mit den Worten: „Wenn du mir noch einmal unter die Augen kommst, schlag ich dich krumm.“ Da lief das Mädchen weit, weit weg und kam in einen großen, dunkeln Wald. Als die Nacht kam und es finster wurde, war das gute Kind ganz ermattet und glaubte schon unter den wilden Tieren im Freien übernachten zu müssen. Allein plötzlich sah es ein Licht in der Ferne schimmern und ging demselben zu. Da kam es bald zu einem schönen Schlosse und läutete an.

Alsogleich sah ein Totenköpflein zum Fenster herab und fragte nach dem Begehren des Kindes; dieses sprach: „Ich bitte um Einlass und Nachtherberge, damit mich nicht die Wölfe hieraußen fressen.“ Da rief das Totenköpflein: „Wenn du mich heraufträgst, will ich schon hinabkommen und dir die Türe öffnen. Denn heraufgehen kann ich nicht, weil ich nur kugeln muss.“ Das Kind versprach es heraufzutragen und das Totenköpflein kugelte über die Stiege hinunter und machte auf. Das Mädchen nahm das Köpflein nun in die Schürze und trug’s in’s Schloss hinauf.

Da sprach das Köpflein: „Stell mich nun auf den Tisch und geh in die Küche, mir einen Schmarren zu kochen. Eier und Mehl gibt’s genug.“ Das Kind folgte, ging in die Küche und begann zu kochen. Während dieser Arbeit fielen Totenbeine und andere Dinge aus dem Kamine herunter. Das Mädchen ließ sich aber nicht irre machen, kochte die Speise fertig und trug sie in’s Zimmer des Totenköpfleins. Als der Schmarren auf den Tisch gestellt war, wurde er auf der Seite des Totenköpfleins kohlschwarz, auf der Seite des Mädchens blieb er schön gelb. Nach dem Essen sagte das Köpflein: „Jetzt kannst du schlafen gehen. Um Mitternacht wird aber ein Totengerippe kommen und dich aus dem Bette reißen wollen. Wenn du dich aber nicht fürchtest, kann es dich nicht herausbringen.“

Das Mädchen ging auf die Kammer und legte sich in’s Bett. Schlag Zwölfuhr kam ein Gerippe und wollte das Kind mit allen Kräften aus dem Bette werfen, konnte es aber nicht zu Stande bringen. Da ging das Gerippe wieder fort und das Mädchen konnte nun ungestört schlafen. Als es am andern Tage erwachte, stand das Totenköpflein als schneeweiße Jungfrau vor dem Bette und sprach: „Gott vergelt es dir, dass du mich erlöst hast! Zum Danke gehört dir mein Schloss mit Allem, was darin ist.“ Mit diesen Worten flog der Geist als weiße Taube davon. Das Mädchen war nun reich für sein Lebetag und lebte im Waldschlosse, wie eine Gräfin.

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Zur Abwechslung ist es mal nicht Demut als weibliche Tugend, die erlernt werden muss. Sondern Mut und Gelassenheit, die den Tag beziehungsweise die Gräfin retten.

Abgesehen davon habe ich jetzt Schmarrenheißhunger. So, so, so lecker. Verflixt. Fast so schlimm wie der Buchtelheißhunger, den ich als Kind immer bei der Lektüre von Christine Nöstlingers wunderbar schrägem Mr. Bats Meisterstück bekommen habe. Gott, und prompt will ich Buchteln… Klassisches kulinarisches Eigentor.

 

Textquelle: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol. Gesammelt und herausgegeben von Ignaz Vincenz Zingerle. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Buchhandlung 1859, S. 450f.

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