9.6 Das dem Meere entstiegene Mädchen

Pünktlich zum Wochenende gibt es heute ein wunderschönes Zaubermärchen um einen wunderschönen Jungen, seine noch wunderschönere Schwester in Silberketten, einen irgendwie leicht depperten Königssohn und einen reizenden Hund namens Pilkka. Oh, und eine Hexe gibt es auch. Aber lest selbst..

Oh, nur so als Warnung. Der letzte Satz des Märchens lautet absolut zurecht: „So lang ist die Geschichte.“ 😀

Das dem Meere entstiegene Mädchen
(Aus Russisch-Karelen)

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten einen Sohn und eine Tochter, welche beide wunderbar schön waren. Der Knabe ging ins Königsschloss und verdingte sich dort als Hirt; aber da die Schwester im Elternhaus geblieben war, verging der Bruder vor Sehnsucht nach ihr. Immer musste er an seine alte Heimat denken. Einmal, als er seine Herde weidete, zeichnete er sogar das Bild seiner Schwester auf einen Baumschwamm und nahm es mit aufs Schloss. Da traf es sich, dass der Königssohn das Bildnis erblickte, und da das Mädchen so liebreizend und schön war, dass man es nicht mit Worten aussagen, nicht in Versen besingen konnte, wollte er sie zum Weibe nehmen und sagte zu ihrem Bruder: „Hole deine Schwester her. Ist sie so schön wie ihr Bild, dann soll sie meine Gemahlin werden, und du sollst auch bei mir leben.“

Der Jüngling eilte nach Hause, trug die Werbung vor und drängte: „Nun musst du, Schwesterlein, als Braut zum Königssohn kommen; du wirst in dem Schlosse leben!“ Aber das Mädchen machte Einwendungen und sagte: „Erst wenn der Mahlstein, den mir Vater und Mutter gegeben, durch den Gebrauch zerkrümelt, erst dann, mein Bruder, will ich des Vaters Haus verlassen.“ — Da ging der Bruder hinaus und zerschlug den Stein; dann fügte er die Stücke wieder locker zusammen. Als das Mädchen zu mahlen begann, barst der Stein auseinander. „Kommst du jetzt, Schwesterlein?“ fragte der Bruder. — „Noch nicht, mein Bruder“, antwortete das Mädchen. „Ich gehe nicht, ehe die Bank am Spinnrad, das mir Vater und Mutter gegeben, entzwei ist.“ Was war zu tun? Sobald die Schwester hinausgegangen war, zertrümmerte der Jüngling die Bank, und als das Mädchen zurückkam und zu spinnen anfing, brach das Spinnrad entzwei. „Kommst du jetzt, Schwesterlein?“ — „Ich komme nicht, ehe der Mörser, den mir der Vater gegeben, durchstoßen ist.“ Nun, der Bruder zerschlug auch den Mörser und fragte wieder: „Kommst du jetzt?“ „Nicht eher komme ich, lieber Bruder, als bis ich die Schwelle meines Vaterhauses mit meinem Gewande abgenutzt habe.“ — Da zerbrach der Bruder auch die Schwelle, ohne dass es die Schwester wusste, und fragte aufs neue: „Kommst du nicht jetzt, Schwesterchen?“ — Nun musste sie doch endlich mit ihm gehen, kleidete sich in ihren besten Staat und machte sich mit dem Bruder auf den Weg.

Um ins Königsschloss zu gelangen, musste man über das Meer fahren, und die Geschwister wollten sich eben am Bootshafen einschiffen, als Pilkka, des Mädchens kleiner Hund, herangelaufen kam und mit in den Nachen verlangte. Das Mädchen hatte nicht das Herz ihn zurückzulassen und nahm ihn mit; darauf ruderten sie ab. Nachdem sie eine Strecke gefahren waren, sahen sie eine Hexe am Ufer stehen, die rief ihnen von der Spitze einer Halbinsel zu: „Nehmt mich mit auf die Reise, du Mannes Sohn, du Weibes Tochter!“ „Sollen wir sie aufnehmen, Schwester?“ fragte der Bruder. „Beileibe nicht!“ antwortete das Mädchen. „Nur Böses kommt vom Bösen, von des schlimmen Mannes Samen.“ — Man nahm die Hexe nicht auf, sondern ruderte weiter, bis in die Nähe einer zweiten Halbinsel. Dort stand schon dieselbe Hexe und rief wieder: „Nehmt mich mit auf euren Weg!“ „Soll ich sie nicht aufnehmen, Schwesterlein?“ „Lass sie stehen!“ sagte das Mädchen. „Nur Böses kommt vom Bösen, von des schlimmen Mannes Samen.“ — Nun, man nahm die Hexe nicht mit und ruderte weiter, bis sich eine dritte Halbinsel zeigte. Siehe, da stand schon wieder die Hexe und rief: „Nehmt mich mit!“ Die Schwester wollte nichts von ihr wissen und riet: „Nimm sie nicht auf!“ Aber der Bruder meinte: „Lass uns das Weib mitnehmen! Gott selber, scheint es, führt sie uns zu!“ Da kam die Hexe in den Nachen und setzte sich in die Mitte; kaum war sie drin, als sie den Geschwistern die Ohren verzauberte, dass sie ganz taub wurden.

Nachdem die Drei eine Strecke gefahren waren, sahen sie das Königsschloss aus der Ferne schimmern, und der Bruder, der am Steuer saß, sagte zur Schwester: „Erhebe dich, Schwester, von deinem Sitze, schmücke dich aufs beste, das Königsschloss ist sichtbar!“ Das Mädchen, welches die Worte des Bruders nicht verstand, fragte von der Spitze des Bootes aus: „Was sagst du, mein trauter Bruder?“ Die Hexe antwortete aus der Mitte des Nachens: „Das sagt dein trauter Bruder: Höre auf zu rudern und wirf dich ins Meer!“ Das Mädchen warf sich freilich nicht ins Meer, aber sie legte die Ruder bei, und die Hexe ergriff dieselben statt ihrer. — Nach einer Weile sagte der Bruder zum zweiten Male: „Erhebe dich, Schwester, von deinem Sitze, schmücke dich fein, denn das Königsschloss ist nahe!“ „Was sagst du, trauter Bruder?“ fragte die Schwester. Die Hexe erklärte es ihr: „Das sagt dein trauter Bruder: Nimm deine Schuhe ab, ziehe deine schönen Kleider aus und wirf dich ins Meer!“ Das Mädchen zog ihre Kleider aus und gab sie der Hexe, aber sie warf sich diesmal doch noch nicht ins Meer. — Man fuhr eine Strecke weiter, da sagte der Bruder zum dritten Male: „Erhebe dich, Schwester, von deinem Sitze, schmücke dich schön, wir sind gleich beim Königsschloss!“ Die Schwester verstand ihn wieder nicht und fragte: „Was sagst du, mein trauter Bruder?“ „Das sagt dein trauter Bruder,“ log ihr die Hexe vor; „stoße dir das Auge aus, zerbrich dir die Hand und wirf dich ins Meer!“ — „Ach, ich muss wohl dem Gebot meines einzigen Bruders folgen,“ meinte das Mädchen und warf sich, nach dem vermeintlichen Befehl ihres Bruders, ins Wasser. Der Bruder entsetzte sich und wollte sie retten, aber die Hexe trat ihm in den Weg und sagte: „Sei du ruhig, ich sehe sie ja noch!“ Dabei griff sie nach den Rudern, aber sie trieb das Boot nur immer weiter. Das Mädchen blieb weit zurück und versank ins Meer, dass man von ihr nichts mehr sah noch hörte.

Was war dabei zu tun? Ohne Braut wagte der Jüngling nicht ins Schloss zu kommen, und er gedachte heimzukehren; aber die Hexe war schlau, sie beredete ihn und sagte: „Bringe mich ins Schloss und gib mich für deine Schwester aus; dann bist du aller Angst los und wirst noch gar belohnt werden.“ Der Jüngling wusste kein besseres Rettungsmittel und ging, wenn auch ungern, auf den Vorschlag ein. Die Hexe zog die schönen Kleider des Mädchens an, um stattlicher zu erscheinen, und Beide, sie und der Jüngling, ruderten schnell vorwärts. Bald waren sie am Ziele.

Der Königssohn eilte ihnen dort entgegen, um seine Braut zu begrüßen; aber als er die Hexe erblickte, die sehr hässlich war, fragte er rasch den Jüngling: „Ist diese deine Schwester?“ „Ja, sie ist es!“ Nun, der Königssohn nahm die Hexe zur Braut, weil er sein Wort gegeben, aber da sie durchaus nicht schön war, wie sie ihm doch geschildert worden, ward er auf den Jüngling zornig und sagte: „Da deine Schwester nicht schöner ist, so mögen meine Sklaven den Brautführer zu den Drachen und Schlangen werfen!“ — Die Sklaven ergriffen ihn und warfen ihn dem Otterngezücht zum Fraß vor, wie sie es mit den Verbrechern zu tun pflegten. Als sie jedoch am folgenden Morgen nach ihm sahen, war er ganz gesund und munter. Da traten die Sklaven vor den Königssohn und sagten: „O Königssohn, das ist wunderbar! Sonst haben die Ottern und Drachen in einer Nacht einen Mann mit Haut und Haar aufgezehrt; und siehe, dieser ist gesund, und nur der älteste Drache betastet ihn mit seinen Tatzen!“ „Lasst gut sein; die Schlangen verschlingen ihn wohl bis morgen,“ antwortete der Königssohn und befahl am folgenden Morgen wieder nachzusehen.

Des Jünglings rechte Schwester, das schöne Mädchen, lebte mittlerweile auf dem Meeresgrunde, und der Sohn des Meerkönigs hatte sie zu seiner Braut erkoren. Sonst wäre sie dort sehr glücklich gewesen, denn sie war von Reichtum umgeben; aber sie trug Leid um ihren Bruder, der nun wohl vom Königssohne, der Hexe wegen, bestraft wurde. Das Mädchen nähte aus Gold und Silber eine schöne Mütze und erbat sich die Erlaubnis dieselbe dem Königssohn mit der Bitte überbringen zu dürfen, dass er den Jüngling aus dem Schlangenloch befreien wolle. Nun, man ließ das Mädchen zum Königssohn ziehen, aber sie ward an silberne Ketten getan, damit sie nicht entfliehen konnte.

Des Mädchens kleiner Hund, Pilkka, lebte noch. Den ganzen Tag war er in der Nähe des Schlosses herumgeirrt und hatte nicht gewusst, unter wessen Schutz er sich stellen sollte, da er seine Herrin nicht mehr fand und auch kein Essen bekam. Es ward Abend, und der Leib des armen Pilkka war recht dünn geworden; da lief das Hündchen an den Meeresstrand, an die Stelle, wo das Boot des Jünglings lag, trank etwas Wasser, um seine Hungerpein zu lindern, und legte sich dann ins Boot zum Schlafen. In der Nähe stand das Haus einer Witwe, von dem aus eine steinerne Brücke ans Meer führte. Um Mitternacht entstieg dem Meere das schöne entschwundene Mädchen, angetan mit Silberketten, deren Klirren man fünf Meilen weit hören konnte, und setzte sich an das Ende der Brücke. Sie war ebenso schön wie ehedem und hatte prachtvolle Kleider an, die wie Gold und Silber schillerten und glänzten. Da erblickte sie ihr Hündchen, das am Meeresstrande schlief, rief es herbei und steckte ihm die Mütze zwischen die Zähne, indem sie sagte:

„Pfeilchen, Pfeilchen, kleiner Pilkka!
Öffne leise Pfort’ und Türen,
Dass die Schläfer es nicht spüren!
Dass die Pforten ja nicht schnarren,
Nicht die Türen pfeifen, knarren,
Und die schwarze Kuh nicht brüllt;

und tue dem Königssohn diese Mütze unter das Kopfkissen. Vielleicht lässt er sich erweichen und errettet meinen Bruder aus dem Rachen der Drachen und Ottern!“ Das Hündchen richtete den Auftrag aus: es schlüpfte leise in das Schloss und steckte die Goldmütze unter das Kopfkissen des Königssohnes, so leise, dass Niemand sein Kommen und Gehen merkte. Dann lief es an den Strand zu seiner Herrin zurück. Als das Mädchen den Hund kommen sah, fragte sie ihn aus:

„Pfeilchen, Pfeilchen, kleiner Pilkka!
Eile, gib mir Kunde,
Sprich, wo weilt mein Bruder?“

Pilkka antwortete:

„Ach, Verderben droht dem Bruder,
Dort im bösen Drachengrunde!“

Wieder fragte das Mädchen:

„Bringst du Botschaft mir und Kunde
Aus des Liebsten Hause?“

Pilkka antwortete:

„Ach, dass ich dir Leid bereite!
Böse Hexe herrscht im Hause,
Schläft an deines Liebsten Seite!“

Das Mädchen fragte aufs neue:

„Sprich, was aßen denn die Gäste
Auf der Hexe Hochzeitsfeste?
Auf dem Mahl der Menschenfresserin,
Beim Trinkgelag der Blutsaugerin,
Auf dem Fest der Langgeschwänzten?“

Pilkka antwortete:

„Ach, die Knochen nur vom Braten,
Und vom Fisch nur Kopf und Gräten.
Von den Rüben nur das Kraut,
Trockne Rinden, — dass mir’s graut!“

„Kleiner Pilkka, komm noch in den zwei nächsten Nächten hierher an den Strand, ich brauche dich,“ sagte das Mädchen, sprang von der Brücke ins Wasser und kehrte in des Meerkönigs Schloss zurück, wie sie es versprochen hatte.

Als der Königssohn am Morgen erwachte, erblickte er die Mütze unter seinem Kopfkissen; er erstaunte darüber und fragte: „Wie mag diese schön gearbeitete Mütze hierher gekommen sein?“ Die Hexe sprang schnell mit einer Lüge ein und sagte: „Ist denn das so wunderbar? Du schläfst nur und faulenzest, während ich in der Nacht goldene Mützen für dich nähe.“ Aber der Königssohn glaubte ihr nicht und dachte in seinem Sinn: „Dies ist nicht deine Arbeit; so etwas macht man nicht in einer Nacht!“ Man fragte die Diener, ob Jemand in der Nacht ins Schloss gekommen sei; doch niemand konnte die Sache erklären, und da sich kein Eigentümer zu der Mütze fand, ließ man die Angelegenheit ruhen.

Nun gedachte der Königssohn des Jünglings, den er in die Drachengrube hatte werfen lassen, und er befahl seinen Dienern dessen Knochen zusammenzusuchen; jetzt musste er doch wohl aufgefressen worden sein. Die Sklaven gingen hin nach dem Manne zu sehen, kamen aber wieder und berichteten: „Er ist doch nicht verzehrt worden; nur der älteste Drache betastet ihn mit seinen Tatzen.“ Das kam dem Königssohne denn doch zu sonderbar vor. — Er begab sich zu der weisen Witwe und sagte: „Ach du gute Wittfrau! Wie kommt es, dass der Mann, den ich unter die Schlangen und Drachen habe werfen lassen, von diesen in den zwei Nächten nicht angerührt worden ist, da doch sonst das Gewürm die Andern gleich in der ersten Nacht verschlungen hat?“ „Warum hast du ihn zu den Ottern werfen lassen?“ fragte die Wittfrau. Der Königssohn antwortete: „Er ist ein schöner Knabe, und ich nahm ihn zum Hirten an. Da sagte er mir, dass er eine noch schönere Schwester habe, und ich begehrte sie zur Braut. Der Bruder brachte wohl die Schwester, diese ist aber so grundhässlich, dass ich den Betrüger zu den Drachen und Schlangen werfen ließ; das Mädchen habe ich doch zum Weibe genommen, denn ich mochte mein Wort nicht brechen.“ „Diese ist ja gar nicht seine Schwester,“ sagte die Wittwe; „die rechte Schwester ist im Meere. Von dort hat sie dir die Mütze gebracht, damit du ihres Bruders schonen möchtest. Deine Braut ist eine Hexe.“ Nachdem er solches gehört, ging der Königssohn nach Hause und sann und grübelte den ganzen Tag, bis die zweite Nacht herankam.

Das Mädchen auf dem Meeresgrunde bat wieder um Erlaubnis, dem Königssohn eine Gabe bringen zu dürfen; sie nähte ein mit Gold und Silber verziertes Hemd, das wollte sie ihm schenken. Wieder wurde sie an eine silberne Kette geschlossen, dann ließ man sie hinaufsteigen. Um Mitternacht kam sie aus dem Wasser – fünf Meilen weit hörte man das Klirren – und setzte sich auf die Brücke beim Witwenhäuschen; ihre Kleider waren wunderschön und schimmerten golden und silbern. Das Mädchen sagte zu ihrem Hunde:

„Pfeilchen, Pfeilchen, kleiner Pilkka!
Öffne leise Pfort‘ mnd Thüren,
Dass die Schläfer es nicht spüren,
Dass die Pforten ja nicht schnarren,
Nicht die Türen pfeifen, knarren,
Und die schwarze Kuh nicht brüllt;

und tue dieses Hemd unter das Kopfkissen des Königssohnes.“ Pilkka fasste das Hemd mit den Zähnen und steckte es unter das Kissen des Königssohnes, wie ihm geheißen war.

Als der Königssohn am Morgen aufstand, bemerkte er das schöne Hemd und sagte: „Wer hat mir dieses goldene Hemd unter das Kopfkissen getan?“ „O du lieber Königssohn!“ sagte die Hexe. „Wenn ich auch selber schlafe, so wachen doch meine Hände. Dieses Alles habe ich für dich genäht und gestickt, während du schliefst und faulenztest.“ — In diesem Augenblick eilten die Sklaven herein und riefen: „O gnädiger Königssohn! Der Mann in der Schlangengrube ist nicht tot, nur der älteste Drache betastet ihn mit seinen Tatzen!“ „Gut, führt ihn heraus, da das Gewürm ihn nicht frisst,“ befahl der König. — Er schickte die Sklaven fort, zog das goldgestickte Hemd an und ging zur Witwe, indem er sich sagte: „Diese Arbeiten hat mein Weib nicht gemacht; so etwas versteht sie nicht!“ Als er zur Witwe kam, sagte er: „O du weise Wittfrau, wie erklärst du dieses Wunder, dass in der ersten Nacht eine goldene Mütze, in der zweiten ein goldenes Hemd unter mein Kopfkissen geriet?“ „Ist das nicht auch ein Wunder, mein Söhnchen,“ erwiderte die Witwe, „dass um Mitternacht eine Jungfrau vor meinem Hause dem Meere entsteigt? Sie ist in ein golden und silbern schimmerndes Gewand gekleidet und ist so schön, so schön, dass man es nicht mit Worten aussagen, nicht in Versen ausdrücken kann. Dieses Mädchen bringt dir jedesmal eine Gabe mit. Sie ist wohl auch deine rechte Braut, und die du für dein Weib hältst, ist die Hexe!“

Da entstand im Herzen des Königssohnes ein heftiges Verlangen diejenige zu sehen, die ihm solche Gaben gebracht hatte, und er sagte zur Witwe: „Wie könnte ich mir wohl das schöne Mädchen zurückgewinnen, wenn sie wieder aus dem Meere steigt?“ „Sie bringt dir noch eine letzte Gabe,“ sagte die Witwe; „doch dann muss sie beim Sohne des Meerkönigs, als dessen Gemahlin, bleiben. Geh du indessen in eine Schmiede und lass dir eine Sense und eine lange eiserne Kette schmieden. Wenn du das Mädchen aus dem Meere steigen siehst, so schlinge schnell die Kette um sie und zerschneide mit der Sense die Fesseln, die sie binden; lass die Jungfrau nicht los, welche Gestalt sie auch annehmen mag, sondern zerstöre alle, dann wird sie sich zuletzt wieder in einen Menschen verwandeln.“

Schnell eilte der Königssohn in die Schmiede, ließ sich dort eine Sense und eine Kette verfertigen und setzte sich damit an das Ende der Brücke, um das Mädchen zu erwarten. Er harrte dort eine Weile, doch sie kam nicht. Endlich um Mitternacht ertönte weithin das Klirren und dem Meere entstieg eine Jungfrau, so wunderbar schön, wie kein Lied sie zu besingen vermag. Sie setzte sich an das Brückenende und sagte zu ihrem Hündchen: „Pfeilchen, Pfeilchen, kleiner Pilkka; bringe diese Hosen dem Königssohne!“ Da sprang der Königssohn aus seinem Versteck hervor, um die Jungfrau zu fangen, wie ihm die Witwe gesagt hatte. Das Mädchen versuchte ins Meer zu springen, aber der Mann war auf der Hut; er warf ihr die Kette um, dass sie nicht fliehen konnte. Dann ergriff er die Sense und durchschnitt ihre silbernen Fesseln, welche klirrend ins Meer sanken. Das Mädchen wollte ihm auch jetzt noch entkommen und verwandelte sich in einen Wurm in der Erde, eine Mücke in der Luft, in eine Eidechse, einen Raben, eine Spindel, ein Kuchenholz und Andres mehr. Doch der Königssohn zerstörte alle diese Gestalten und ruhte nicht, bis sie wieder als Mensch vor ihm stand, so schön wie nur je. — „Was wollt Ihr, o Königssohn, von mir? Die Hexe wird mich doch fressen!“ sagte die Jungfrau. „Sei ruhig,“ tröstete der Königssohn, „die bleibt keine Woche mehr im Schlosse. Du aber kommst zu deinem Bruder, den habe ich schon begnadigt.“ Darauf führte er das Mädchen in das Haus der Witwe, wo sie die Nacht zubrachten. Am Morgen ließ er seine Braut im Schutze der Witwe und ging in sein Schloss.

Dort fragte ihn seine erste Braut: „Wo treibst du dich herum, mein Gemahl, dass du dein Heim verschmähst?“ „Ängstige dich nicht, ich lasse dich keine Woche mehr allein,“ sagte der Königssohn. Aber seinen Sklaven gebot er: „Heizt das eiserne Bad. An der Schwelle grabt eine drei Ellen tiefe Grube, gießt Teer darein und zündet es an; breitet dann eine braune Decke über die Grube, aber von der Schwelle bis an die Tür des Gemaches legt blauen Filz aus, und geleitet meine Braut darauf bis in das Bad.“ Die Sklaven richteten den Befehl ihres Herrn auf das genaueste aus, und geleiteten die Hexe ins Bad, wie man der Braut des Königssohnes zu tun pflegt. Der Eine trug ihr die Schleppe, der Andere führte sie an der Hand. Als sie an die Tür der Badestube kamen, sagte die Hexe: „So, nun brauche ich keine Begleitung mehr; von hier aus springe ich auf die Schwelle, und dann auf die Stufen.“ Aber die Sklaven sprachen ihr zu und sagten: „Schreitet nur weiter auf der braunen Decke, o einzige Braut des Königssohnes!“ Da tat die Hexe einige Schritte weiter, aber alsbald zog man ihr die Decke unter den Füssen fort und sie fiel in die drei Ellen tiefe Grube, worin sie blieb. Im Fallen raufte sie sich das Haar aus und schrie: „Mein Haar werde zu Mückenschwärmen in der Luft, zu Würmern in der Erde, zu bösen Raupen, den Menschen zur ewigen Qual und zum Schaden!“

Da nun der Königssohn von der Hexe befreit war, ging er zur Witwe und begrüßte das schöne, dem Meere entstiegene Mädchen als seine rechte Braut, und im Schlosse wurde die Hochzeit gefeiert. Der Bruder des Mädchens wurde zum ersten Rath des Königs ernannt, und dieser gab ihm die Hälfte seiner Schätze, da er ihm eine so schöne Gemahlin zugeführt hatte. — So lang ist die Geschichte.

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Aber das war es wert, oder? Lang, aber schön, schön, schön. Und nicht nur der Bruder und die Schwester. Und sehr spannend ist natürlich, dass beim Wechsel von ihm zu ihr im Meer noch mal rekapituliert wird. Ein klarer Hinweis einmal mehr auf eine mündliche Tradition, in der hier offenbar pausiert worden war. Und damit für heute – nerd out! Hihi.

Textquelle: Finnische Märchen übersetzt von Emmy Schreck. Mit einer Einleitung von Gustav Meyer. Weimar: Hermann Böhlau 1887, S. 74-85.
Bildquelle: Eigener Scan einer Illustration zu eben diesem Märchen in Jenseits der Scheeren, oder: der Geist Finnlands. Eine Sammlung finnischer Volksmärchen und Sprichwörter von Dr. Bertram, Verfasser der Baltischen Skizzen, des „Strabismus“. Mit drei Holzschnitten. Leipzig: Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1854, S. 21.

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