9.2 Die Brautfahrt des Schmiedes Ilmarinen

Heute gibt es hier ein Märchen, das sich in stückweise auch in verschiedenen Teilen den berühmten finnischen Nationalepos Kalevala wiederfindet. Sagt auch Herr Meyer.

Das Kalevala hat übrigens der finnische Philologe und Arzt Elias Lönnrot (1802-1884) Mitte des 19. Jahrhunderts aus Bestandteilen finnischer Mythologie und Folklore… tja, zusammengeschrieben, was ich ja mal grundsätzlich ein wahnsinnig spannende Sache finde. Vom Wissenschaftler, der Märchen sammelt, zum Schriftsteller, der daraus ein literarisches Werk schafft, das dann zum Nationalkunstwerk wird. Großes, großes Kino.

Aber bevor ich wieder auf einen meiner Nerd-Trips gerate, lest lieber selbst das Märchen…

Die Brautfahrt des Schmiedes Ilmarinen
(Aus Aunus*)

Der Schmied Ilmarinen, der unsterbliche Meister, arbeitete in seiner Schmiede, tat das Eisen in die Esse und bewegte den Blasebalg. Da trat ein Weiblein an die Schwelle der Schmiede — klein war das Weiblein, so klein sie war, groß war das Weiblein, so groß sie war, — das sagte: „Ei, Schmied Ilmarinen, wüsstest du die Kunde, die ich dir bringe, du tätest nicht das Eisen in die Esse!“ Darauf antwortete der Schmied Ilmarinen: „Kleines Weiblein, du winziges, großes Weiblein, du riesiges! bringst du mir gute Kunde, dann gebe ich dir auch gute Gaben; lautet deine Nachricht schlecht, dann stoße ich dir dies glühende Eisen in die Kehle!“ „Dies ist, was ich dir zu sagen habe:“ erwiderte das Weib, „es sind zwei Freier hinausgefahren, die um des Teufelkönigs Tochter, die blendend weiße, schöne Katrina werben wollen. Im Nachen sind sie hinausgerudert.“

Als er das hörte, nahm der Schmied Ilmarinen schnell das Eisen aus der Esse und schritt in tiefen Gedanken nach Hause. Er beriet sich mit seiner Mutter und sprach: „O Mutter, die du mich geboren, heize die kupferne Badstube; heize sie, dass sie heißer werde als glühendes Eisen, heißer als ein glühender Stein!“

Die Mutter heizte die Badstube und schickte sich an, den Sohn zu baden. Doch Ilmarinen sagte: „Gib mir, o Mutter, die du mich geboren, mein leinenes Hemd und meine enganliegende Hose, dass ich mich schmücke.“ Da brachte ihm die Mutter das Hemd und die Hose, und der Schmied begab sich in die Badstube.

Nachdem er sich gebadet, läuft er eilig, barfüßig und ungegürtet, nach Hause und ruft seinem Sklaven zu: „Mein alter, treuer Sklave, spanne schnell mein drei Sommer altes, treffliches Fohlen vor den bunten Schlitten; nimm das kupferne Geschirr dazu, mit dem eisernen Zaum, den stählernen Zügeln und dem zinnernen Brustriemen.“ Der greise, treue Sklave führte das drei Sommer alte, treffliche Fohlen herbei und fing an es einzuspannen; aber der Brustriemen ging nicht zu. Da kommt der Schmied llmarinen selber, barfüßig und ungegürtet, seinem Sklaven zu Hülfe, knüpft den Brustriemen fest und spannt das Fohlen ein. Dann tritt er wieder in die Stube, kleidet sich eilends an, nimmt Abschied von seiner Mutter und sagt: „O Mutter, die du mich geboren, gib mir deinen Segen auf die Reise, denn es gilt jetzt eine Brautfahrt!“

Nachdem er seiner Mutter Segen empfangen, setzte sich Ihnarinen, der Schmied, in den bunten Schlitten, gezogen vom trefflichen, drei Sommer alten Fohlen mit dem eisernen Zaum, dem kupfernen Geschirr und den stählernen Zügeln, und fuhr sausend über das offene Meer; dabei ward des Pferdes Huf nicht nass, noch zog der Schlitten eine Spur. Er mochte wohl eine Weile gefahren sein, da holte er die beiden Ruderer ein, von denen ihm das Weib gesagt hatte, und zog mit ihnen des Weges dahin.

Jenseits des Meeres schaute des Teufelkönigs Töchterlein, die blendend weiße, schöne Katrina, aus dem dritten Stock des Schlosses auf das Meer hinaus. Sie erblickte die Reisenden und sagte zu ihrem Väter: „O mein Väterchen, es kommen drei Freier herangezogen; zwei rudern im Nachen, der dritte fährt im Schlitten.“

Bald kamen die drei Reisenden in des Teufels Schlosse an, wo sie vom König mit Ehren empfangen und aufs beste bewirtet wurden. Nachdem sie gegessen und getrunken, taten die Männer ihr Begehren kund und sagten, sich tief vor dem Könige verbeugend: „Wir kommen, lieber König, als Bewerber um die schöne Katrina.“ Der König gab ihnen gleich Preisarbeiten auf und fragte zuerst: „Wer von euch, ihr Männer, übernimmt es, mein Schlangenfeld mit ungestiefelten Beinen, nackten Füßen und mit unbedeckter Haut zu pflügen.“ „Siehe, ich will dein Feld pflügen“, antwortete Ilmarinen, der Schmied, mutig; aber die beiden Andern wagten sich nicht an solch eine Arbeit, verbeugten sich vor dem Könige und zogen ihres Weges.

Als sie fort waren, ging der Schmied Ilmarinen rasch ans Werk; er spannte schnell sein treffliches Fohlen an den Pflug und fing an das Feld zu pflügen. Es kochte und zischte, und das Gewürm türmte sich bis zu zwei Ellen in die Höhe; bald schnellten die Schlangen unter dem Pfluge hinweg, bald an dem Schmiede empor, doch nicht eine einzige berührte ihn. Ilmarinen vollbrachte sein Werk aufs beste, trat kühn vor den König und sagte: „Nun, mein Herr König, dein Schlangenfeld ist gepflügt!“ „Gut!“ sagte der König, „doch wenn du solch eine Arbeit vollbringen konntest, so wirst du wohl auch auf meine Tenne einen Teich hinzaubern können, in dem große Fische schwimmen, kleine Fische plätschern.“ „Auch dieses bringe ich zu stande,“ antwortete der Schmied Ilmarinen, und ging ohne Zögern auf die Tenne. Kaum hatte er dort sein Zauberlied gesungen, als auch sofort auf der Tenne ein Teich entstand, in dem große Fische schwammen, kleine Fische plätscherten.

Nachdem er auch diesen Auftrag erfüllt, trat der Schmied wieder vor den König, und sagte sich verbeugend: „Das Werk ist getan, das du mir aufgetragen hast!“ Darauf antwortete der König dem Schmiede: „Bis jetzt hast du deine Sachen gut gemacht. Nun gehe hin und bringe deiner Braut, der schönen Katrina, den schweren Kasten vom Meeresstrande, der schon seit undenklichen Zeiten darin verborgen liegt.“

Was war zu tun? Der Schmied musste den Kasten aufsuchen, und schritt dem Meeresstrande zu. Da sah er drei Jungfrauen am Ufer sitzen, redete sie an und fragte: „O ihr Mägdelein! Wo ist der Kasten mit der Morgengabe der schönen Katrina? Wisst ihr es?“ „Der ist im Besitz des Ukko Untamo, von ihm musst du ihn fordern“, sagten die drei Jungfrauen; „dort sieht man sein Schloss. Frage ihn, vielleicht gibt er ihn dir. Aber sei nur ja auf deiner Hut; Viele sind schon hingegangen, aber nur Wenige sind zurückgekehrt.“

Der Schmied begab sich in das Schloss des Untamo, wie ihm geheißen worden, und schaute durchs Fenster hinein. Siehe, da schlief der greise Untamo, zu einem Knäuel zusammengeballt, Kopf und Füße an der Türschwelle. Der Schmied schlich sich leise hinan, sprang mit einem Satz mitten in die Stube und rief laut: „Gib mir, Ukko Untamo, den Kasten mit der Morgengabe der schönen Katrina heraus.“ Darauf antwortete der alte Untamo: „Kannst du dich auf meiner Zunge halten und darauf hüpfen und springen, so bekommst du die Morgengabe sofort.“ Der Schmied besann sich nicht weiter, sondern sprang behende auf Untamo’s Zunge und fing an darauf zu hüpfen. Aber in demselben Augenblicke öffnete Ukko Untamo die Kinnladen so weit, dass sein Mund anderthalb Ellen im Umfange maß und die Zähne ellenlang hervorstaken; ohne ihn zu zerbeißen, schlang er Ilmarinen, den Schmied, in seinen Magen hinunter. Der Schmied verlor auch jetzt nicht den Mut, sondern zog seine Kleider aus: das Hemd benutzte er als Schmiede, aus den Hosen machte er einen Blasebalg; das linke Knie gebrauchte er als Amboss, die linke Hand als Zange, die rechte Faust als Hammer, und nun fing er an in Untamo’s Magen zu schmieden und zu hämmern. Von seinem Hemde nahm er die kupferne Brustschnalle ab und schmiedete daraus einen Vogel, dem er eiserne Krallen und einen stählernen Schnabel machte. Als er damit fertig war, sang er sein Zauberlied; da brachte er sogleich Leben in das Herz des Vogels, dem er dann einen Schwung gab, dass er in Untamo’s Magen herumflog. Wie der Vogel so hin und her flatterte, zerriss er mit seinen scharfen Krallen die Gedärme in Untamo’s Leibe und stieß ihm mit seinem stählernen Schnabel ein großes Loch in die Seite. Ukko Untamo geriet darüber in so fürchterliche Todesangst, dass er in seiner Qual dem Schmiede zurief: „Wenn du aufhörst meinen Leib zu zerreißen, Schmied Umarmen, sollst du sofort die Morgengabe der schönen Katrina erhalten. Geh hin zum Meeresstrande; wo du die drei Jungfrauen sitzen siehst, da liegt der Kasten im Sande vergraben.“

Als der Schmied Ilmarinen dieses vernahm, schlüpfte er durch das Loch, welches der Vogel durchgestoßen, aus Untamo’s Magen hinaus und sprang aus der Stube auf den Hof und dem Meeresstrande zu. Da sah er, wie früher, die drei Jungfrauen sitzen und rief ihnen zu: „Ihr lieben Mägdelein, gebt mir der schönen Katrina Morgengabe heraus, der alte Untamo hat sie mir bereits zugesagt.“ „Nimm sie hin; hier im Sande steckt der Kasten! Hebe ihn heraus und trage ihn heim,“ sagten die Jungfrauen und zeigten dem Schmiede die Stelle, wo der Kasten verborgen lag. Er grub ihn aus und brachte ihn dem Könige mit den Worten: „Hier bringe ich der schönen Katrina den Kasten mit der Morgengabe, den du mich suchen ließest.“ Der König war mit den Taten des Schmiedes zufrieden, da er seinen Schatz aus der Gewalt des Ukko Untamo wiedererlangt hatte. Er gab dem Schmied Ilmarinen seine Tochter, die blendend weiße, schöne Katrina zum Weibe und segnete die Beiden zur Heimfahrt.

Da saß nun der Schmied Ilmarinen mit seinem jungen Weibe in dem bunten Schlitten, gezogen von dem trefflichen Fohlen im kupfernen Geschirr mit dem eisernen Zaum, den stählernen Zügeln und dem zinnernen Brustriemen, und sauste über das offene Meer dahin; des Pferdes Huf ward nicht nass, und der Schlitten hinterließ keine Spur. Sie fuhren weiter und immer weiter, bis die Nacht sie auf dem Meere überraschte. Da sang Ilmarinen, der Schmied, sein Zauberlied, und alsbald erhob sich mitten im Meere eine Insel, auf welcher sich der Schmied mit seinem Weibe zur Ruhe begab. Sie schliefen die Nacht durch bis zum Morgen. Da erwachte Ilmarinen aus dem Schlafe, schaute zur Seite, – aber er sah sein Weib nicht mehr. Er stand vom Lager auf, schritt dem Meeresstrande zu und zählte alle Enten auf der Insel. Siehe da, eine Ente war überzählig. Als er das sah, sang der Schmied schnell sein Zauberlied und sagte: „Verstecke dich nicht, Katrina, da bist du ja!“ Alsbald verwandelte sich die Ente wieder in sein Weib.

Sie sausten wieder über das offene Meer dahin, wer weiß, wie lange sie gefahren sein mochten, da überraschte sie wieder die Nacht auf ihrer Fahrt. Aber der Schmied Ilmarinen sang sein Zauberlied und es entstand eine Insel auf dem Meere, auf welcher sich die Beiden zur Ruhe legten. Die Nacht verging, der Morgen brach an; da erwachte Ilmarinen, der Schmied, aus seinem Schlafe und blickte zur Seite: aber sein Weib war nicht mehr da. Eilig sprang er von seinem Lager auf und zählte alle Bäume auf der Insel, – da fand sich ein überzähliger Baum. Schnell sang Ilmarinen sein Zauberlied und rief: „Verstecke dich nicht, schöne Katrina, da bist du ja!“ Und augenblicklich stand sein Weib wieder vor ihm. Der Schmied Ilmarinen setzte sich neben sie in den bunten Schlitten, gezogen vom trefflichen, drei Sommer alten Fohlen, und fort sausten sie über das offene Meer.

Sie fuhren den Tag über, bis die Nacht hereinbrach, da sang der Schmied Ilmarinen sein Zauberlied wie früher, und zauberte auf dem Meere eine Insel hervor, auf welcher er sich neben seinem Weibe zur Ruhe legte. Die Nacht verging, der Tag dämmerte bereits, als der Schmied aus dem Schlaf erwachte und zur Seite schaute: aber sein Weib war nicht mehr da. Diesmal ward Ilmarinen, der Schmied, zornig auf sein Weib; er sprang schnell von seinem Lager auf und wanderte am Meeresstrande umher. Beim Herumgehen zählte er die Steine auf der Insel und fand einen überzähligen Stein. „Verstecke dich nicht, Katrina, da bist du ja!“ sagte er schnell, sang sein Zauberlied, und alsbald stand sein Weib wieder vor ihm. Aber der Schmied redete sie zürnend an: „Um dich zu erlangen, du schöne Katrina, habe ich Riesenarbeit getan und habe Riesenmühe gehabt, und du betrügst mich immer. So gehe denn hin und treibe dich für ewige Zeiten auf dem Meere umher!“ Als er das gesagt, sang der Schmied sein Lied und verwandelte sein Weib, die blendend weiße, schöne Katrina, in eine Möwe, ewig verdammt über dem Meere gegen den Wind zu fliegen.

Doch das Leben ohne Weib ward dem Schmiede zu einsam, und er begann sich aus Kupfer ein Weib zu schmieden. Er sang ein Zauberlied, und es entstand ein Menschenbildnis. Er sang ein zweites Lied, und es kam Leben in das Herz des Weibes. Ilmarinen legte sich neben sein selbsterschaffenes Weib zur Ruhe; die eine Hand tat er auf den Busen der Frau, die andere auf die eigene Brust. Als er am folgenden Morgen erwachte und seine Hände befühlte, da war die Hand warm, welche er auf der eignen Brust gehabt hatte, und die andere eisigkalt, die er zu seinem Weibe getan. Da sprach der Schmied Ilmarinen, der ewige Meister, die Worte: „Niemand schmiede sich selbst ein Weib; man nehme nur das erschaffene!“

Dann sang er noch ein Zauberlied; da verwandelte sich die Möwe wieder in sein Weib, die blendend weiße, schöne Katrina, wie sie leibt und lebt. Er setzte sich mit ihr in den Schlitten, gezogen vom trefflichen Fohlen, und fuhr mit eilender Fahrt in die Heimat, wo seine Mutter die Schwiegertochter aufs beste empfing.

* Aunus ist eine Region in der heutigen Republik Karelien in Nordwestrussland

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Ganz deutliche Zeichen, das es sich hierbei aber nun wirklich um ein Märchen aus mündlicher Tradition handelt (oder um eine astreine Imitation), sind die vielen Wierderholungen vor allem an Anfang. Solches formelhaftes Erzählen half dem Gedächtnis auf die Sprünge. Und schön ist es natürlich auch.

Und was sagt ihr zur Moral von der Geschicht‘?

 

Textquelle: Finnische Märchen übersetzt von Emmy Schreck. Mit einer Einleitung von Gustav Meyer. Weimar: Hermann Böhlau 1887, S. 3-10.
Bildquelle: Fresko Ilmarinen pflügt das Schlangenfeld für den finnischen Pavillon auf der Weltausstellung 1900

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