9.1 Des Fuchses böse Streiche – oder Finnische Märchen, das Erste

Diese Woche gibt es wieder Märchen aus einem bestimmten Land und zwar aus Finnland. Ich muss gestehen, dass ich bis jetzt – oder genau genommen bis vor einigen Wochen – nicht bewusst ein finnisches Märchen gelesen oder gehört hatte. Und so ist wohl immer noch was Wahres dran an dem Befund von Herrn Gustav Meyer, dem Herausgeber meiner Hauptquelle Finnische Märchen (1887), dass noch in Fachkreisen eher Wissensmangel herrscht, zumal eben kaum jemand finnisch könne. – Übrigens auch nicht Herr Meyer, für den eine Muttersprachlerin das Übersetzen übernommen hat.

Und noch in einem anderen Punkt muss ich Herrn Meyer rechtgeben. Denn der meint, dass dieser Wissensmangel nicht nur schade wäre, weil finnische Märchen in vieler Hinsicht eine Schnittstelle verschiedener ‚nationaler‘ Traditionen bildeten. Sondern auch, weil die Finnen im europäischen Vergleich verflixt früh mit dem wissenschaftlichen Sammeln ihrer mündlichen Überlieferung begonnen hätten. Nämlich schon im 17. Jahrhundert. Zum Vergleich: die europäische Boomzeit war dann das 19. Jahrhundert.

Tatsächlich – aber das konnte Herr Meyer noch nicht wissen – blieben bzw. bleiben die bis heute Vorreiter. Denn ein Standardwerk der Märchenforschung und die bis heute mehr oder weniger gültige Klassifikation der unterschiedlichen Typen stammt von…? Genau. Einem Finnen. Nämlich Antti Aarne (1867-1925), der 1910 erstmals sein Verzeichnis der Märchentypen mit Hülfe von Fachgenossen veröffentlichte. Das wurde dann in den 1930ern und 1960ern noch einmal von dem Amerikaner Stith Thompson (1885-1976) überarbeitet. Die resultierende Gemeinschafgtsproduktion läuft unter Aarne-Thompson-Index (AaTh).

Aber damit soll es nun erstmal genug meines Rumge-Nerd-es sein. Auf zu den Märchen an sich. Und da wollen wir gleich mit einem Tiermärchen anfangen, denn die haben auch Herrn Meyer ursprünglich auf die Spur gebracht. Aber lest selbst..

Des Fuchses böse Streiche

Einst diente der Kater beim Fuchs als Knecht. Da kam einmal der Wolf, den Fuchs zu besuchen, und dieser fragte ihn: „Nun, Wolf, wie ist es dir ergangen?“

Der Wolf fing an zu klagen und antwortete: „Bald hätte ich meine Zähne an den Nagel hängen müssen, wenn ich nicht mit Pekka (Peter) ein feistes Schwein zum Schlachten gefunden hätte.“ Pekka war nämlich der Bär.

Der Fuchs erzählte dagegen, dass er einen gar flinken Knecht habe. „Ja, und dieser besitzt so eigentümliche Fliegen, dass sie dich in die Flucht zu jagen im stande sind.“ „Ei,“ meinte der Wolf, „das möchte ich sehen! Keine Fliege kann mir ja was antun, ebensowenig wie ein Kater!“

Darauf ging der Wolf zu Pekka und sagte ihm: „Komm, lass uns doch die merkwürdigen Fliegen ansehen, von denen Mikko (Michel) behauptet, dass sie dich und mich in die Flucht jagen können.“

Gut, Mikko führte nun den Wolf und Pekka zu einem Wespennest und sagte: „Hier, in diesem Beutelchen stecken sie.“ Der Wolf verlangte, dass Mikko die Fliegen selber zeigen sollte. „Ei,“ sagte Mikko, „befiehl doch dem Pekka, dass er das Nest öffne.“

Pekka machte sich nun dran das Nest zu öffnen; da, plötzlich, schossen die Wespen hervor und hängten sich an den Wolf und Pekka. Die Beiden sprangen wie toll herum und suchten sich von ihren Peinigern zu befreien, denn diese stachen ganz entsetzlich. Zuletzt rief Pekka in seiner Angst nach seinem Weibe: „Gretel-Weibchen, Fettschenkel, komm mir zu Hülfe! Mikko’s Fliegen töten mich!“

Doch Pekka’s Weib hatte keine Lust zu kommen; sie rief ihm zu: „Ich mag nicht! Es wäre mehr schade um Zweie als um Einen!“

Darauf schrie er nach Mikko: „Komm und hilf uns!“ Mikko ging hin, brach einen Zweig vom Baume und trieb damit die Wespen von des Wolfes und Pekka’s Leibe fort. Nun sagten die Zwei: „Zeige uns jetzt deinen gewaltigen Knecht, aber sieh zu, dass wir nicht in seine Klauen geraten.“

Mikko meinte: „Wenn ihr uns zu einem Gastmahl einladen wollt, werden wir beide zusammen kommen und das Schwein fressen.“

Gut, sie wurden eingeladen, und Mikko nahm den Mittymys (Mietz) mit. Sie kamen hin, fingen miteinander an zu fressen, Mikko sowohl wie Mittymys, und bald war das Schwein aufgezehrt. Währenddessen lugten der Wolf und Pekka im Heidekraut aus einer Grube heraus und betrachteten die Beiden; dabei bewegten sie etwas die Pfoten. Mittymys bemerkte das und sprang mit einem Satze den Beiden ins Genick. Der Wolf und Pekka liefen nun wie besessen herum und meinten, wer weiß, was jetzt über sie gekommen sei. In ihrer Angst schrien sie laut: „Mikko, hilf uns! Mikko, hilf uns!“

Denn wir sprechen hier nicht von einer putzigen Hauskatze…

Mikko kam und fing an zu schelten: „Mittymys, gehe doch höflicher mit den Menschen um! Du bist doch ganz unverschämt; die Beiden haben uns zum Gastmahl eingeladen, und du willst deine Wirte töten!“ Da ließ Mittymys von ihnen ab.

Eine Tagereise von da hatte der Wolf seinen Bau und sechs Junge darin. Einst hatte sich Mittymys dort eingeschlichen.

Der Wolf lief zu Mikko und versprach diesem den ganzen Bau, wenn er ihm den Mittymys aus dem Hause schaffen wollte.

„Warte, wart ein Weilchen!“ sagte Mikko. „Ich will doch mal mein Weib um Rat fragen, wie ich den Mittymys aus deinem Bau heraustreiben kann.“

Wie nun Mikko nach Hause kam, fand er in dem eignen Bau einen Mann, der ihm die Jungen stehlen wollte. Da sagte Mikko zu ihm: „Wenn du mir meine Jungen lässest, will ich dir nach einigen Tagen einen Wolfsbau zeigen.“

„Gut“, meinte der Mann; „ich komme am Mittwoch wieder; führe mich dann hin.“

Darauf holte Mikko den Mittymys aus der Behausung des Wolfes heim und sann nun nach, was er jetzt anstellen sollte. In solchen Gedanken lief er in den Wald und fand dort von ohngefähr ein festes langes Stück Tau. Dieses schleppte er zu einer großen, gefallenen Kiefer. Wie er davor stand, kam der Wolf herangelaufen und fragte: „Wo sind Mittymys und Pekka?“

Mikko sagte darauf: „Was sollen wir jetzt tun? Ich habe den Mittymys in diese Kiefer gesteckt und das Loch zugestopft, daß er nicht mehr heraus kann.“

Die Beiden berieten sich nun, was weiter geschehen sollte. Zuletzt meinte Mikko, der schlaue: „Lass uns dieses Tau um die Kiefer binden und sie bis an den Wasserfall ziehen; dann stürzen wir sie hinein und Mittymys muss darin sterben.“

Gesagt, getan. Mikko spannte den Pekka und den Wolf vor die Kiefer, indem er zwei Schlingen aus dem Tau machte und sie fest um den Nacken der Beiden knüpfte. Dann fingen sie an zu ziehen. Vorerst hatten Pekka und der Wolf den Mikko gemahnt: „Gib gut Obacht, Mikko, dass Mittymys nicht durch das Loch entkommt.“ Da setzte sich Mikko auf die Kiefer, und Pekka und der Wolf zogen sie bis an den Wasserfall. Am Rande des Falles sprang Mikko schnell von der Kiefer ab und rief den Gefährten zu: „Ich will von hier aus stoßen, geht ihr Beide nur ruhig ins Wasser, es ist hier nicht tief. Zieht die Kiefer mitten in den Fall, der wird sie von selber hinunterschnellen.“ Gut, Pekka und der Wolf zogen die Kiefer in den Strom, zogen sie längs den Steinen in den mächtigen Wirbel, bis sie der Strudel erfasste und dem Fall zuführte, Pekka und den Wolf mitsamt der Kiefer.

Nun schrie der Wolf: „Goldner Mikko, komm und hilf uns! Goldner Mikko, komm und hilf uns! Hier ist der Tod!“ Und Pekka schrie: „Gretel-Weibchen, Fettschenkel, hilf aus der Not, hilf aus der Not!“

Doch das Gretel-Weibchen rief zurück: „Wer sich in den Wasserfall begibt, mag darin bleiben! Ich komme nicht!“

So starben die Beiden; mit der Kiefer gerieten sie in den Fall, und die Gewalt desselben tötete den Wolf und Pekka. Mikko’s böse Anschläge gelangen ihm alle.

Bald darauf kam der Mann zu Mikko’s Bau und sagte: „Zeigst du mir jetzt den Wolfsbau? Sonst nehme ich deine Jungen.“ Da führte ihn Mikko an die Behausung des Wolfes, und der Mann nahm die Wolfsjungen heraus und tötete sie.

„Und nun gehe hin“, sagte Mikko zum Manne; „dort unterhalb des Wasserfalles findest du den Wolf und den Bär. Nimm die auch mit und lass meinen Bau fortan in Ruh’.“

So glückte dem Fuchs Alles, und seine Jungen wuchsen heran und liefen in den Wald. Der Mann konnte ihnen nichts mehr antun.

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Das Casting kommt einem recht bekannt vor, was? Cleverer Fuchs, depperter Wolf (spannend als einziger ohne Eigennamen!) und Bär. Nur die Wildkatze ist nicht so üblich. Spannend auch, dass Mikko offenbar mal grundsätzlich gerne Späße treibt und noch viel lieber selbst dabei absahnt, aber das Töten wird dann doch noch einmal legitimiert: Mikko muss ja seine eigenen Jungen verteidigen.

Textquelle: Finnische Märchen übersetzt von Emmy Schreck. Mit einer Einleitung von Gustav Meyer. Weimar: Hermann Böhlau 1887, S. 239-243.
Bildquelle: Illustration einer europäischen Wildkatze von Richard Lydekker (1849-1915)

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