8.7 Aschenbrödel oder der kleine Glaspantoffel

Zum Ende unserer Märchenweltreise, die zugegeben eher eine Märcheneuropareise war, gibt es heute den zweiten absoluten Klassiker dieses Stoffes. Nach geschlachteten Mutterkühen und Aschenputtelkönigen also zurück zum entspannenden Vertrauten mit Charles Perraults…

Aschenbrödel oder der kleine Glaspantoffel….

Es war einmal ein Edelmann, der sich zum zweiten Male verheiratete, und eine so stolze und hochmütige Frau nahm, als nur auf Erden sein konnte. Sie hatte zwei Töchter von derselben Gemütsart, die ihr in allen Dingen glichen. Der Mann hatte auch eine junge Tochter, aber von beispielloser Sanftmut und Güte; sie hatte das von ihrer Mutter, die die beste Frau von der Welt gewesen war.

Die Hochzeit war kaum vorüber, als die Stiefmutter ihrer Bosheit freien Lauf ließ; sie ärgerte sich über die guten Eigenschaften des lieben Kindes, welche ihre eigenen Töchter noch verhasster darstellten. Sie übertrug ihr die niedrigsten Arbeiten im Haufe; sie musste die Gefäße und die Treppen scheuern, das Zimmer ihrer Mutter und ihrer Stiefschwestern ausfegen; sie schlief auf dem Hausboden in einer Kammer auf einem alten Strohsack, während ihre Schwestern Zimmer mit getäfeltem Fußboden bewohnten, worin ganz moderne Betten und Spiegel waren, in denen man sich vom Kopf bis zu den Füßen betrachten konnte.

Das arme Mädchen litt Alles mit Geduld und wagte nicht, sich bei ihrem Vater zu beklagen, der sie doch nur gescholten haben würde, denn feine Frau beherrschte ihn gänzlich. Wenn sie ihre Arbeit fertig hatte, seßte sie sich in den Winkel des Kamins in die Asche; deshalb nannte man sie gewöhnlich Aschenbrödel. Indessen war Aschenbrödel mit ihren schlechten Kleidern hundert Mal schöner als ihre Schwestern, obgleich diese prächtig gekleidet waren.

Es geschah einmal, daß der Sohn des Königs einen Ball gab und alle vornehmen Personen dazu einlud. Unsere beiden Fräulein wurden auch dazu gebeten, denn sie waren sehr angesehen in dem Lande. Nun waren sie sehr froh darüber und sehr beschäftigt, den Putz und Schmuck zu wählen, der sie am besten kleidete. Das war eine neue Mühe für Aschenbrödel, denn sie mußte die Wäsche ihrer Schwestern plätten und ihre Manschetten falten. Man sprach nur von Kleidern und davon, wie man sich putzen wollte. „Ich“ sagte die Älteste; „werde mein rotsammtnes Kleid mit dem englischen Besatz anziehen.“ „Ich“ sagte die Jüngste; „werde nur meinen gewöhnlichen Rock tragen, aber dafür werde ich meinen goldgestickten Mantel umbinden und meinen Diamantschmuck anstecken.“

Man ließ die berühmteste Putzmacherin holen, um Blondenhauben aufzustecken und kaufte die besten Schönpflästerchen. Sie riefen Aschenbrödel, um sie um Rat zu fragen, denn sie hatte einen guten Geschmack. Aschenbrödel riet ihnen auf’s beste, und bot sich selbst an, sie zu frisiere, was sie auch annahmen. Als sie ihnen das Haar machte, sagten sie zu ihr: „Aschenbrödel, möchtest du auch gern auf den Ball gehen?“ „Ach, liebe Schwestern, ihr macht euch über mich lustig, das kommt mir nicht zu.“ „Du hast recht, man würde sehr lachen,; wenn ein Aschenbrödel auf den Ball käme.“ Eine Andere als Aschenbrödel würde sie schief frisiert haben, aber sie war gut und frisierte sie vollkommen schön. Sie aßen beinahe in zwei Tagen nichts, so waren sie voller Freude. Man zerriß mehr als zwölf Schnürbänder, um sie recht einzuschnüren, damit ihre Taille schlanker würde, und fortwährend standen sie vor dem Spiegel. Endlich kam der glückliche Tag; man fuhr ab und Aschenbrödel folgte ihnen, so lange sie konnte, mit den Augen.

Als sie sie nicht mehr sah, fing sie an zu weinen. Ihre Patin. die sie in Tränen fand, fragte sie, was ihr fehle: „Ich möchte gern…. ich möchte gern….“ Sie weinte so sehr, daß sie ihren Wunsch nicht aussprechen konnte. Ihre Patin, die eine Fee war, sagte zu ihr: „Du möchtest gern auf den Ball gehen; nicht wahr?“ – „Ach, ja!“ sagte Aschenbrödel seufzend. „Nun wohl! wenn du artig bist, sollst du hingehen,“ sagte ihre Patin.

Sie führte sie in ihr Zimmer und sagte: „Geh’ in den Garten und hole mir einen Kürbis.“ Aschenbrödel ging sogleich, um den schönsten Kürbis zu pflücken und brachte ihn ihrer Patin, obgleich sie nicht erraten konnte, was dieser Kürbis mit ihrem Wunsch zu tun habe. Ihre Patin höhlte ihn aus und ließ nur die Schale davon übrig, dann berührte sie diese mit ihrem Zauberstab und der Kürbis war sogleich in eine schöne, ganz vergoldete Kutsche verwandelt. Dann sah sie in die Mausefalle, worin sie sechs lebendige Mäuse fand und sagte zu Aschenbrödel, sie möchte ein wenig die Klappe der Mäusefalle aufheben. Jeder Maus, die heraus kam, gab sie einen Schlag mit ihrem Zauberstab, worauf sie sich sogleich in ein schönes Pferd verwandelte, was ein prächtiges Gespann von sechs mäusegrauen Apfelschimmeln gab. Da sie nicht wußte, woraus sie den Kutscher machen sollte, sagte Aschenbrödel: „Ich will sehen, ob nicht eine Ratte in der Rattenfalle ist, woraus der Kutscher gemacht werden kann.“ „Du hast recht,“ sagte ihre Pate, „sieh zu.“ Aschenbrödel brachte ihr die Rattenfalle, worin drei große Ratten waren. Die Fee nahm diejenige; welche den größten Bart besaß, und nachdem sie sie berührt hatte, wurde sie in einen stattlichen Kutscher verwandelt, der einen der schönsten Schnurrbärte trug. Dann sagte sie zu ihr: „Geh in den Garten, dort wirst du sechs Eidechsen hinter der Gießkanne finden, bringe sie mir.“ Sobald sie dieselben gebracht hatte, verwandelte sie die Patin in sechs Lakaien, die sogleich hinten auf die Kutsche stiegen und sich in ihren gestickten Röcken so gut ausnahme,; als ob sie nie etwas andres gewesen wären. Darauf sagte die Fee zu Aschenbrödel: „Höre, jetzt kannst du auf den Ball gehen, bist du nicht sehr froh darüber?“ – „Ei ja! aber werde ich in meinen schlechten Kleidern hingehen können?“ Ihre Pate berührte sie nur mit ihrem Zauberstab, und sogleich waren ihre Kleider in Gewänder von Gold- und Silberstoff verwandelt und ganz mit Edelsteinen besetzt; dann gab sie ihr noch ein Paar Glaspantoffel, die reizendsten, die man sehen konnte. Als sie so geschmückt war, stieg sie in den Wagen, aber ihre Patin empfahl ihr vor allen Dingen, sich nicht bis nach Mitternacht aufzuhalten, und sagte ihr, daß wenn sie einen Augenblick länger bliebe, ihre Kutsche wieder zum Kürbis, ihre Pferde zu Mäusen, ihre Lakaien zu Eidechsen werden, und daß auch ihre Kleider wieder ihre erste Gestalt annehmen würden.

Sie versprach ihrer Patin, vor Mitternacht den Ball zu verlassen und fuhr voller Freude ab. Der Königssohn, den seine Leute benachrichtigten, daß eine schöne unbekannte Prinzessin käme, ging ihr entgegen, um sie zu empfangen; er gab ihr beim Aussteigen die Hand und führte sie in den Saal, wo sich die Gesellschaft befand. Dies machte großes Aufsehen; man hörte auf zu tanzen und die Musikanten spielten nicht mehr, so beschäftigt war man, die große Schönheit der Unbekannten zu betrachten. Man hörte nur den Ausruf: „Ach, wie schön ist sie!“

Der König selbst, so alt er auch schon war, wurde nicht müde sie anzusehen und ganz leise zu der Königin zu sagen, daß er seit langer Zeit kein so schönes und liebenswürdiges Mädchen gesehen. Alle Damen betrachteten aufmerksam ihren Kopfputz und ihre Kleidung, um sich gleich am andern Morgen ähnliche anzuschaffen, wenn sie nämlich so schöne Stoffe und so geschickte Arbeiter finden könnten. Der Sohn des Königs wies ihr den ehrenvollsten Platz an und forderte sie dann zum Tanze auf. Sie tanzte mit so viel Anmut, daß man sie noch mehr bewunderte. Man trug eine prächtige Mahlzeit auf, woran der junge Prinz nicht Teil nahm, so sehr war er beschäftigt, die schöne Dame zu bewundern. Sie seßte sich neben ihre Schwestern und war sehr höflich gegen sie; sie teilte ihnen von den Apfelsinen und Orangen mit, die der Prinz ihr gegeben hatte, was sie sehr in Erstaunen setzte, denn sie kannten sie nicht. Als sie so plauderten, hörte Aschenbrödel es dreiviertel auf zwölf Uhr schlagen; sogleich machte sie der Gesellschaft eine tiefe Verbeugung und ging, so schnell sie konnte, fort. Als sie zu Hause angekommen war, ging sie zu ihrer Patin und nachdem sie ihr gedankt hatte, sagte sie ihr, daß sie wohl wünsche, den andern Tag wieder auf den Ball gehen zu können, weil der Königssohn sie darum gebeten habe. Als sie noch beschäftigt war, ihrer Patin Alles zu erzählen, was ihr auf dem Balle begegnet war, klopften ihre beiden Schwestern an die Tür; Aschenbrödel ging ihnen zu öffnen.

„Wie lange ihr bleibt!“ sagte sie gähnend und sich dehnend, und rieb sich die Augen, als ob sie eben erst aufgewacht wäre; und doch hatte sie durchaus nicht Lust gehabt zu schlafen, seitdem sie sich getrennt hatten. – „Wenn du auf dem Ball gewesen wärst,“ sagte eine ihrer Schwestern zu ihr, „würdest du keine lange Weile gehabt haben; die schönste Prinzessin ist gekommen, die schönste, die man sehen kann; sie ist sehr artig gegen uns gewesen und hat uns Apfelsinen und Orangen gegeben.“ Aschenbrödel schien außer sich vor Freude und fragte nach dem Namen der Prinzessin, aber sie antwortete ihr, daß sie ihn nicht wüßten, weil man sie nicht kannte, daß der Königssohn darüber sehr traurig wäre und Alles in der Welt geben würde, um zu wissen, wer sie sei. Aschenbrödel lächelte und sagte zu ihnen: „Sie war also sehr schön? Ach, Gott! wie glücklihc ihr seid! Kann ich sie denn nicht auch sehen? Ach; liebes Lottchen; borge mir dein gelbes Kleid; das du täglich trägst.“

„Wahrlich,“ sagte Lottchen, „das wäre mir recht, mein Kleid einem solchen häßlichen Aschenbrödel zu borgen; da müßte ich närrisch fein.“

Aschenbrödel erwartete diese Weigerung und war sehr froh darüber, denn sie wäre sehr in Verlegenheit gekommen, wenn ihre Schwester ihr das Kleid hätte borgen wollen.
Am andern Tage waren die beiden Schwestern wieder auf dem Ball und Aschenbrödel auch, aber noch weit mehr geschmückt als das erstemal. Der Königssohn war immer in ihrer Nähe und hörte nicht auf, ihr schöne Worte zu sagen. Das junge Fräulein langweilte sich nicht und vergaß, was ihre Patin ihr anempfohlen hatte, so daß sie schon den ersten Schlag der zwölften Stunde schlagen hörte, als sie noch nicht glaubte, daß es elf Uhr wäre. Sie stand auf und entfloh so leicht wie ein Reh. Der Prinz folgte ihr, konnte sie aber nicht erreichen. Doch ließ sie einen ihrer gläsernen Pantoffel fallen, welchen der Prinz sorgfältig aufhob. Aschenbrödel kam ganz atemlos nach Hause, ohne Wagen, ohne Lakaien und in ihren schlechten Kleidern; nichts war ihr von aller ihrer Pracht geblieben, als der eine ihrer kleinen Pantoffel, den andern hatte sie zurückgelassen. Man fragte die Wachen an der Tür des Palastes, ob sie nicht eine Prinzessin hätten herausgehen sehen; sie antworteten, sie hätten nur ein schlecht gekleidetes, junges Mädchen gesehen, das wie eine Bäuerin, aber nicht wie ein Fräulein gekleidet gewesen wäre.

Als die beiden Schwestern vom Balle kamen, fragte sie Aschenbrödel, ob sie sich wieder gut unterhalten hätten, und ob die schöne Dame auch dort gewesen sei; sie bejahten es, aber die Dame sei entflohen als es zwölf Uhr geschlagen, und zwar so schnell, daß sie den einen ihrer kleinen Glaspantoffel hätte fallen lassen, der so niedlich sei, daß der Königssohn ihn aufgehoben und die ganze übrige Zeit des Balles betrachtet habe; er sei ganz gewiß sehr verliebt in die schöne Dame, der der Pantoffel gehöre.

Sie sagten die Wahrheit, denn einige Tage nachher ließ der Königssohn unter Trompetenschall bekannt machen, daß er diejenige heiraten wolle, an deren Fuß der Pantoffel passe. Man versuchte ihn zuerst den Prinzessinnen an, dann den Herzoginnen und dem ganzen Hofe, aber vergebens. Man brachte ihn auch den beiden Schwestern, die alles Mögliche taten, um ihren Fuß in den Pantoffel zu zwingen, aber sie konnten nicht damit zu Stande kommen. Aschenbrödel, die ihnen zusah und ihren Pantoffel erkannte, sagte lachend: „Laßt mich versuchen, ob er mir paßt.“

Ihre Schwestern fingen an zu lachen und verspotteten sie. Der Edelmann aber, der den Pantoffel herumtrug, sah Aschenbrödel aufmerksam an, fand sie sehr schön und sagte, dies wäre ganz gerecht und er hätte den Befehl, ihn allen jungen Mädchen anzuversuchen. Er hieß Aschenbrödel niedersitzen, und indem er den Pantoffel ihrem kleinen Fuße näherte, sah er, daß sie ohne Mühe hineinkam und daß er ihr wie angegossen war. Das Erstaunen ihrer beiden Schwestern war groß, aber noch größer, als Aschenbrödel den andern kleinen Pantoffel aus ihrer Tasche nahm und ihn anzog. Darüber kam die Patin herbei und berührte mit ihrem Zauberstab Aschenbrödels Kleider, welche noch prächtiger wurden als alle früheren. Jetzt erkannten ihre beiden Schwestern in ihr die schöne Dame wieder, die sie auf dem Balle gesehen hatten. Sie warfen sich ihr zu Füßen; um sie wegen der schlechten Behandlung um Verzeihung zu bitten, die sie erlitten hatte. Aschenbrödel hob sie auf, umarmte sie und sagte, daß sie ihnen gern vergäbe und sie immer lieben würde. Man führte sie zu dem jungen Prinzen, so geschmückt wie sie war. Er fand sie noch schöner als sonst und heiratete sie einige Tage nachher. Aschenbrödel, die eben so gut als schön war, ließ ihre Schwestern in den Palast kommen und verheiratete sie denselben Tag an zwei vornehme Herren vom Hofe.

Moral.
Die Schönheit macht zwar sehr beliebt,
Doch kenn‘ ich etwas auf der Welt,
Dem man noch größern Vorzug giebt,
und das man hoch in Ehren hält;
Dies ist die wahre Herzensgüte
Und ein geduldiges Gemüte,
Wie es dem Aschenbrödel eigen.
Dies gute Mädchen kann euch zeigen,
Wie nur ein guter, frommer Sinn
Euch bringt den herrlichsten Gewinn.

*******

Ich stelle immer wieder fest, dass dies eine Variante ist, die ich nicht so wirklich mag. Das mit den Mäusen und so ist natürlich echt niedlich, aber Aschenbrödel ist beim Ausquetschen ihrer Schwestern ja wohl gerade nicht sehr fromm, sondern vor allem eitel. Und die Moral? Die ist ja nun wohl völliger Quatsch. Denn der Prinz fährt ja allein wegen ihrer Schönheit auf sie ab, er sieht sie nicht mal ohne ihren ‚Putz‘. Und wie sie ist, kann er ja eh nach ein paar Tänzen nicht wissen.

Naja, wir halten fest – ich bin eben kein MädchenMädchen. Mochte nie rosa und wollte nie Prinzessin sein. Ich bin also vielleicht nicht ganz die Richtige, um so ordentlich in Aschenputtel zu schwelgen. ;D

*******

Textquelle: Neues Mährchenbuch für Knaben und Mädchen von Carl Perrault und Madame d’Aulnoy. Herausgegeben von Julius Grimm. Mit 16 schössen Bildern. Berlin: Verlag von Th. Grieben 1852, S. 33-39. (Eine modernere Übersetzung gibt es übrigens bei Gutenberg zu lesen und zwar hier.
Bildquelle: Illustrationen zum französischen Original des Märchens von Gustave Doré (1832-83))

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s