8.6 Der Aschenputtel wird König – in Siebenbürgen

Und oh ja, die Ungarn sind nicht die Einzigen, bei denen es ein männliches Aschenbrödel gibt. Die Siebenbürger Sachsen machen es genauso, naja, nicht genauso. Aber lest selbst…

Der Aschenputtel wird König

In der guten alten Zeit, als unser Herrgott noch selbst sich den zum König erwählte, der ihm am besten gefiel, lebte ein Bauer, der hatte drei Söhne; von diesen waren die beiden älteren hoch und stark, aber stolz von Gemüth, der jüngste klein und schwächlich, aber gut von Herzen. Seine älteren Brüder verachteten und verspotteten ihn, nahmen ihn nirgends mit, und weil er denn immer zu Hause in der Asche saß, nannten sie ihn nur den Aschenputtel.

Es begab sich aber, daß der König starb und im ganzen Lande bekannt gemacht wurde, daß alles Volk wie gewöhnlich sich bei der größten Gemeinde auf der Königswiese versammeln solle, damit unser Herrgott wieder dem, der ihm am liebsten sei, die Krone aufsetze. Die beiden älteren Brüder legten schöne Kleider an und schickten sich zur Reise; der Jüngste bat sie, sie möchten ihn doch auch mitnehmen; aber sie sprachen stolz und verächtlich: „was? sollen wir mit dir Spott und Schande aufheben? Halte die Nase zu Hause und bleibe ruhig in deinem Aschenwinkel, wohin du gehörst!“ Als nun am frühen Morgen die Brüder fortgingen, schlich der Aschenputtel ihnen nach und kam auch zu der großen Wiese, wo die vielen Leute versammelt waren; es brach aber eben der Tag an; da fürchtete er, seine Brüder würden ihn sehen, schlagen und nach Hause schicken. Darum kroch er in einen Schweinsstall, der am Ende der Gemeinde war und an die große Wiese anstieß.

Von hier glaubte er, ruhig anzusehen, was da geschehen würde. Wie nun die Stunde da war, so legte man die Krone auf einen Hügel und als jetzt nur einmal mit allen Glocken im Dorf geläutet wurde, siehe da hob sie sich von selbst langsam in die Höhe und schwebte hoch über allen Häuptern umher, ohne sich niederzulassen. Endlich senkte sie sich herab und grade auf den Schweinsstall. Die Leute wußten nicht, was das zu bedeuten habe und liefen neugierig nach dem Orte hin. Da fanden sie den armen kleinen Aschenputtel. Sie hoben ihn voll Ehrfurcht heraus und beugten ihre Kniee vor ihm, als dem neuen König, den unser Herrgott auf den Thron berufen habe. Die stolzen Brüder schlichen beschämt nach Hause; der verachtete Aschenputtel aber wurde im Jubel in die Königsburg geführt.

So sieht unser Herrgott nicht darauf, wie stark und stolz, sondern wie gut und fromm der Mensch ist.

*******

Also genau genommen erinnert an die ungarische Variante nur das Geschlecht des Helden und an das ‚klassische‘ Aschenputtel – eigentlich nur der Name, denn Aschenputtel ist ja nicht mal der Stiefsohn. Mal ganz abgesehen, dass der moralisierte Königsfund in der Kirche bei den Serben natürlich noch getoppt ist in der christlichen Projektion in diesem Märchen, wenn Aschenputtel von Gott selbst zum – na, König von Gottes Gnaden wird. Und so frage ich mich, ist das überhaupt noch eine Variante? Wo ist da die Grenze? Was meint ihr?

Textquelle: Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen gesammelt von Jospeh Haltrich, […]. Berlin: Verlag von Julius Springer 1856, S. 248f.

Advertisements

2 Gedanken zu „8.6 Der Aschenputtel wird König – in Siebenbürgen

  1. freudefinder

    eine wundervolle Geschichte ist es auf jeden Fall – ob sie noch verwandt ist mit unserem Aschenputtel vermag ich nicht zu sagen. beschwingte Pfingsttage

    Antwort
    1. berlinickerin Autor

      Direkt verwandt wohl kaum, aber einzelne Motive sind offenbar übernommen worden. Wer dann aber Huhn und wer Ei war…

      Danke für den Kommentar auf jeden Fall und ja, frohe Pfingsten.

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s