8.5 Aschenbrödel auf ungarisch und zwar der Aschenbrödel

Ja, ihr habt den Titel richtig gelesen. Bei den Ungarn, wo wir heute einkehren, gibt es auch ein Aschenbrödel – es ist aber der jüngste von drei Brüdern. Aber lest selbst…

Aschenbrödel

Ein Bauer hatte drei Söhne, davon schickte er eines Morgens den Aeltesten hinaus seine Trauben zu bewachen. Der Jüngling ging und aß wohlgemuth von seinem mitgenommenen Kuchen, da kroch eine Padde* an ihn heran und bat ihn: „gib mir auch ein bischen von deinem Kuchen.“ „Ja das fiele mir ein,“ sagte der Junge und warf mit einem Steine nach der Padde. Die hüpfte davon ohne ein Wort zu sagen, aber nur eben nachher schlief der Junge ein, und als er wieder aufwachte waren von den Trauben eine Menge ganz zu Grunde gerichtet. Den andern Tag schickte der Vater seinen zweiten Sohn in die Trauben, dem gings gerade so wie dem ersten. Da wurde der Vater zornig und wußte nicht was er machen sollte. Da sprach der Jüngste, der fortwährend im Winkel in der Asche saß und den sie darum Aschenbrödel nannten und dachten er wäre zu Nichts nutze: „Vater, schicke mich hin, jetzt will ich die Trauben hüten.“ Vater und Brüder lachten ihn aus, aber sie erlaubten ihm, daß er einmal den Versuch machte.

Aschenbrödel ging also hin, nahm seinen Aschenkuchen mit und fing an zu frühstücken. Auch diesmal kam die Padde und bat ihn um Kuchen, und Jener gab ihr von Herzen gerne davon ab. Nach dem Frühstück schenkte die Padde dem Knaben eine kupferne, eine silberne und eine goldene Gerte, und sagte ihm dabei, nicht lange so würden drei Pferde kommen, ein kupfernes, ein silbernes und ein goldenes, die würden die Trauben gleich zerstampfen wollen, aber er sollte sie nur mit den Gerten schlagen die sie ihm gegeben hätte, dann würden sie zahm und ihm gehorsam werden und zu jeder Zeit auf seinen Befehl erscheinen. Es geschah wie die Padde gesagt hatte und die Trauben gaben eine reiche Ernte, aber Aschenbrödel sagte seinem Vater und seinen Brüdern nicht, wie er die Trauben bewacht hatte, sondern schwieg mucksmäuschenstill und streckte sich wieder in seinen lieben Aschenwinkel.

Am Sonntage stellte der König einen hohen Tannenstamm vor der Kirche auf und oben auf seinen Gipfel einen goldnen Rosmarin, und versprach dem seine Tochter welcher den Rosmarin von dem Rücken seines Pferdes aus mit einem Sprunge erreichen könnte. Alle Ritter des Landes machten den Versuch, aber keiner war im Stande so hoch zu springen. Auf einmal erschien auf einem kupfernen Pferde ein junger Held in einem Kupferpanzer, mit herabgelassenem Helme, faßte mit einem leichten Sprung den Rosmarin und verschwand auf der Stelle. Als nun die zwei Brüder dem Aschenbrödel zu Hause das Geschehene erzählten, meinte er, er hätte das Ganze viel besser gesehen; und wie sie ihn fragten, „von wo denn?“ antwortete er: „vom Zaune.“ Da gingen seine Brüder hin und rissen den Zaun nieder, damit ihr kleiner Bruder ein ander Mal nichts davon sehen könnte.

Den Sonntag drauf wurde an einem noch höhern Tannenstamm ein goldener Apfel aufgesteckt, den mußte der gewinnen welcher die Königstochter haben wollte. Wieder versuchten es hundert und aber hundert, und alle ohne Erfolg; und dies Mal gewann ihn ein Ritter im Silberpanzer und auf einen Silberrosse und verschwand damit. Der Aschenbrödel behauptete wieder gegen seine Brüder, er hätte das Fest besser gesehen, als sie, aber diesmal vom Stall aus; da wurde auch der eingerissen.

Am dritten Sonntage wurde ein goldenes Seidentuch an einen noch viel höheren Tannenstamm befestigt, und nachdem Keiner im Stande gewesen war es zu langen, erschien ein Ritter im Goldpanzer auf einem goldenen Pferde, faßte es und sprengte davon. Der Aschenbrödel sagte wiederum zu seinen Brüdern er hätte es vom Giebel des Hauses aus besser gesehen als sie, was geschehen wäre. Da brachen die Neidharte sogar den Dachstuhl ab, nur daß ihr kleiner Bruder nichts mehr sollte sehn können.

Jetzt ließ nun der König bekannt machen, der Ritter sollte sich melden der sich seine Tochter verdient hätte und sollte den goldenen Rosmarin, den Apfel und das Seidentuch mitbringen. Aber es kam Niemand. Da entbot der König alle Männer des Reiches zu sich, und auch da fand sich der gesuchte Ritter nicht ein, doch ganz zuletzt erschien der so lange erwartete Held in goldner Rüstung auf einem goldenen Renner. Da wurden ihm zu Ehren alle Glocken gezogen und hundert und aberhundert Kanonen gelöst. Der junge Held übergab der Königstochter den goldnen Rosmarin sammt Apfel und Tuch und bat ehrerbietig um ihre Hand, und als sie sie ihm zugesagt hatte, nahm er feinen Helm ab und das Volk erkannte zu seiner Verwunderung den Aschenbrödel, den sie dem Könige niemals auch nur genannt hatten. Der brave Jüngling ließ seinen Brüdern ihr Haus wieder bauen und überhäufte sie noch außerdem mit Geschenken, aber seinen Vater nahm er zu sich, und als der alte König nicht lange nachher starb, da wurde er jetzt auch Herrscher und von allen Unterthanen geehrt und gepriesen.

* Padde ist ein inzwischen unüblicher Begriff für die Erdkröte.

 

*******

Aschenbrödel als Junge, der denn auch nicht den König bzw. den Prinzen kriegt, sondern die Prinzessin. Auf jeden ersten Blick kommt einem vielleicht nur der Name bekannt vor, aber bei näherem Hinsehen.
Für alle, die den wunder, wunderschönen tschechischen Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel kennen, entstanden nach der Märchenversion der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová (1820-1862) – die Prüfungen kommen einem aber doch bekannt vor, oder? Wäre ja spannend zu wissen, ob – und an welcher Stelle in der Weitergabe des Märchens – vielleicht die Variante um das männliche Aschenbrödel Eingang gefunden hat… Es würde auf jeden Fall erklären, warum das Aschenbrödel des Films so viel patenter ist als das ‚klassische‘ Aschenputtel.

 

Textquelle: Ungarische Sagen und Märchen. Aus der Erdelyischen Sammlung übersetzt von G. Stier. Berlin: Ferd. Dümmler’s Buchhandlung 1850, S. 91-95.

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